Thomas P. Weber: Darwin und Die Anstifter (Rezension)

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Thomas P. Weber, Darwin und Die Anstifter - Eine kleine Geschichte der Evolution, Köln (DuMont Buchverlag), 2000, 270 Seiten, gebunden, ISBN 3-7701-5225-5



Eine Buchbesprechung von Dr. Horst Friedrich

Abb. 1 Hier das Front-Cover von Thomas P. Webers Buch aus dem Jahr 2000

Für alle, die gerne etwas über die näheren Umstände der Entstehung von Darwins Evolutionsvorstellungen gewußt hätten, stellt dieses Buch eine empfehlenswerte Lektüre dar. Weber sieht sein Buch als eine "Archäologie" oder Vorgeschichts-Erforschung des Darwinismus. Darwins Thesen entstanden selbstredend nicht aus dem Nichts. Das Buch handelt aber auch vom Fortwirken von ON THE ORIGINS OF SPECIES (1859) bis in unserer Zeit des Neo-Darwinismus mit seiner Molekularbiologie und seinen reduktionistischen Vorstellungen über die Rolle von Genen in der Evolution von Lebewesen. So weit so in der Tat gut und willkommen.

Gut auch, daß der Autor sich um eine ausgewogene Darstellung Dar-
wins
bemüht. Darwin war schließlich ein bemerkenswerter Gelehrter, auch wenn wir heute der für die 2. Hälfte des 19. und die erste Hälfte Jahrhunderts so typischen, übertriebenen "Heldenverehrung" für wissenschaftliche Größen (Newton, Lyell, Freud etc., später Marx) aus gutem wissenschaftsphilosophischem Grunde sehr viel kritischer gegenüberstehen sollten. Aus solchen Quellen stammenden "Lehren" (typisch auch die "Welteislehre" Hörbigers) muß der Kenner der "Wissenschaft von der Wissenschaft" naturgemäß stets ein gerütteltes Maß an Skepsis entgegenbringen.

Wenn Weber also sagt (S. 37): "Der Leser braucht keinen Neuzugang zu der schon endlosen Liste von beinahe ermüdenden Verteidigungen des Darwinismus zu erwarten", so klingt das nicht übel. Eine ausgesprochene Verteidigung der darwinistischen und neo-darwinistischen Evolutionsvorstellungen ist das Buch in der Tat nicht. Aber: Nach Meinung des Rezensenten kommt, alles zusammengehalten, der Darwinismus in diesem Buch noch viel zu gut weg.

Abb. 2 Eine „natural selection“ betitelte Darwin-Karikatur von Carlo Pellegrini in der Zeitschrift Vanity Fair, 30. September 1871

Es erscheint heute von großer Wichtigkeit, die aus wissenschaftsphiloso-phischer Sicht große "Windigkeit" des Darwinismus, nebst anderer beliebter Establishment-"Paradigmata" herauszuarbeiten und einer größeren Öffentlichkeit zu vermitteln , damit endlich einmal die naive Wissenschaftsgläubigkeit nachläßt, die eine so große Gefahr für unsere Kultur darstellt. Hier ist Weber dem Rezensenten viel zu sänftiglich-behutsam (fast, als strebte er eine Professorenstelle im Establishment an). Man vermißt ein Eingehen auf kritische Stimmen, wie die Werke der super-kompetenten Establishment-"Abweichler" Prof. Oskar Kuhn (Geologe und Paläontologe, DIE ABSTAMMUNGSLEHRE, TATSACHEN UND DEUTUNGEN, 1965) und Prof. Joachim Illies (Philosoph und Biologe, DER JAHRHUNDERT-IRRTUM, 1983, denen zufolge der ganze Darwinismus und Neo-Darwinismus eher in die Kategorie "pseudowissenschaftlicher Mumpitz" einzuordnen werde. Webers Bemühen um eine ausgewogene Betrachtungsweise mündet nicht selten in einer ambivalenten Ausdrucksweise, die mitunter kaum erkennen lässt, was er denn nun eigentlich selber denkt.

Überhaupt ist eine gewisse Unklarheit oder Verschwommenheit ein deut-
liches Manko dieses ja populärwissenschaftlich gemeinten Buches. Allzu oft benutzt Weber (1965, bei Abfassung des Buches also Anfang seiner Dreißiger) einen Wissenschaftsjargon, mit dem zwar vielleicht Jungakademiker etwas anfangen können, dessen Sinn sich dem durchschnittlichen Käufer des Buches jedoch kaum so ohne weiteres erschließen dürfte. Um ein Beispiel zu geben: "Meine eigene wissenschaftliche Arbeit ist tief in einem äußerst 'adaptionistischen' Denken verwurzelt, das der Funktion von Verhalten und Strukturen im 'Kampf ums Überleben' unbedingten Vorrang einräumt" (S. 27). Ließe sich das nicht auch verständlicher ausdrücken?

Dennoch alles in allem: ein lesenswertes Buch! Und für diejenigen, die sich mit dem Darwinismus und Neo-Darwinismus kritisch auseinandersetzen wollen, sogar ein fast unentbehrliches Werk. Ein Hinweis dazu noch: Weber berichtet [auf] S. 175, Sir John Herschel habe Darwins Vorstellungen von "natural selection" (Abb. 2) als "higgeledy-piggeledy" bezeichnet, was "leider unübersetzbar" sei. In meinem COLLINS ist dieser Ausdruck jedoch klar und eindeutig übersetzt mit "Durcheinander, Konfusion". Dies also war der Kommentar eines großen Wissenschaftler-Zeitgenossen zu den von Darwin postulierten Mechanismen, nach denen eine Evolution funktionieren sollte!


Anmerkungen und Quellen

Diese Buchbesprechung von Dr. Horst Friedrich (1931-2015) wurde von ihm zu irgendeinem Zeitpunkt zwischen 2000 und 2010 verfasst. Eine genauere Angabe ist derzeit nicht möglich, da sie von ihm zwar signiert, aber nicht datiert wurde. Auch ist uns nicht bekannt, ob, wann und wo sie publiziert wurde. Bei Atlantisforschung.de erscheint sie am 1. Januar 2018 in einer Online-Version nach dem Original-Manuskript aus dem Nachlass des Verfassers im Dr. Horst Friedrich Archiv.

Bild-Quellen:

1) DuMont Buchverlag / Bild-Archiv Atlantisforschung.de
2) Paul venter (Uploader) bei Wikimedia Commons, unter: File:Charles Darwin 1871.jpg