Thor Heyerdahl als Pionier der Umweltschutzbewegung

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Abb. 1 Thor Heyerdahl vor den Guanchen-Pyramiden von Guimar, bei einem Interview im Jahr 1996. (Bild: © Ulrike Arnold)

(red) Üblicherweise kümmern die Menschen sich, je älter sie werden, immer weniger um das, was in der Zukunft geschehen wird, sondern befassen sich stattdessen zunehmend mit der Vergangenheit, vor allem natürlich mit der eigenen. Thor Heyerdahl (Abb. 1) (1914-2004), der große norwegische Forscher war auch in dieser Beziehung eine Ausnahme. Er, der sich zeitlebens den Rätseln der fernen Vergangenheit und längst verschwundener Kulturen gewidmet hatte, blickte im Alter, speziell was die ökologischen Probleme der Menschheit betrifft, immer besorgter nach vorne und betätigte sich als nimmermüder Mahner in Sachen Umweltschutz.

Gerade in seinem letzten Lebensabschnitt engagierte sich der betagte Heyerdahl bei öffentlichen Auftritten für dieses, auch aus seiner Sicht existenziell wichtige Thema, hielt als Naturwissenschaftler Vorlesungen dazu und veröffentlichte Artikel zur zunehmenden Bedrohung der globalen Ökologie durch den Menschen, insbesondere hinsichtlich der Verschmutzung der Meeresräume. Im Juni 1999 riefen er und der norwegische Reederverband gemeinsam den "Internationalen Preis zum maritimen Umweltschutz Thor Heyerdahl" [1] ins Leben. "Ziel der Auszeichnung ist, zur Verbesserung des globalen Umweltschutzes beizutragen und in Verbindung dazu auf die Vorteile der Schiffsfahrt als Transportmittel aufmerksam zu machen. Zudem soll es den Anstoss zur Einführung von neuen Umweltschutzmethoden geben." [2]

Begonnen hatte Heyerdahls Engagement für den Schutz der Umwelt allerdings schon viel früher, und zwar im Zusammenhang mit seinen berühmten Ra-Expeditionen der Jahre 1969 und 1970. Auf seiner legendären Atlantiküberquerung mit der Ra II - er stach am 17. Mai 1970 von Safi in Marokko aus in See und erreichte nach 57 Tagen, am 12. Juli 1970, die Insel Barbados in der östlichen Karibik - dokumentierten er und seine Crew gezielt die massive Ölverschmutzung im Atlantik [3], die sie bereits auf der ersten, gescheiterten Fahrt mit dem Vorgängerboot Ra I festgestellt hatten.

Abb. 2 Die Luftaufnahme eines Ölteppichs: Thor Heyerdahl konnte zwar keine der folgenden, katstrophalen Tanker-Katastrophen verhindern, jedenfalls aber sehr dazu beitragen, zumindest die wilde Verklappung von Altöl in die See seit Beginn der 1970er Jahre merklich einzudämmen.

Die Veröffentlichung des brisanten Materials und Heyerdahls persönliches Engagement in dieser Sache zeigten Wirkung. Nachem er seine Befunde zur Ölverseuchung der Ozeane umgehend an die Vereinten Nationen weitergeleitet hatte, begann dort - nicht zuletzt auch unter dem Druck einer gerade in den Industrieländern immer problembewusster werdenden Öffentlichkeit - ein Diskussionsprozess, der bald zu ersten internationalen Umweltschutzabkommen führte, wie z.B. dem Internationalen Oslo-London-Abkommen vom 15. Februar 1972. Wenn wir bedenken, dass der Begriff "Umweltschutz" erst zu eben jener Zeit geprägt wurde, ist es also keineswegs übetrieben, Thor Heyerdahl als einen maßgeblichen Pionier der Ökologie- bzw. Umweltschutzbewegung zu bezeichnen.

Jedenfalls ist Heyerdahls enorme Bedeutung im Zusammenhang mit den weltweiten Bemühungen zum Schutz der Umwelt, insbesondere der Tier und Pflanzenwelt keineswegs zu unterschätzen. So war er langjähriges Mitglied im Kuratorium des World Wildlife Fund (WWF), als Beirat für das Green Cross International (GCI) [4] tätig, und hat im Lauf der Jahrzehnte Gutachten zur Verschmutzung der Meere für wissenschaftliche Institutionen und Regierungsbehörden in 23 Ländern erstellt, u.a. für den US-Senat und die vormalige Sowjetische Akademie der Wissenschaften. [5]

Gerade weil er von ganzem Herzen Wissenschaftler war und in historischen Dimensionen zu denken verstand, wandte der Norweger sich energisch gegen die weit verbereitete Fortschritts- und Technologie-Gläubigkeit in der modernen Welt, in der angebliche 'ökonomische Sachzwänge' das Denken und Handeln diktieren. In einem Interview, das die Künstlerin Ulrike Arnold im Jahr 1996 mit ihm führte, erklärte er beispielsweise: "Wir leben in einer Zeit, in der wir denken, dass Technologie alles ist, aber tatsächlich [regiert] die Ökonomie. [...] Ich glaube nicht, dass wir heute viel mehr wissen als von 5000 Jahren..." [6]

Abb. 3 Das Cover der 'Print on demand'-Ausgabe von Heyerdahls Buch "Green was the Earth on the Seventh Day", die seit 2006 angeboten wird

Insbesondere den Rüstungswahn betrachtete Thor Heyerdahl als katastrophal - sowohl für die Menschheit als auch für unseren Planeten. Würde mehr Geld in die Umwelt investiert, so war er sich sicher, dann gäbe es weniger Kriege: "Sowohl Geschichtswissenschaft als auch Archäologie zeigen uns, dass kein Fortschritt bezüglich Qualität oder Quantität von Waffen den Frieden sichern kann. Er kann nur in noch schrecklichere und inhumanere Kriege führen. Daher sollten wir, um uns voreinander zu schützen, statt in Waffen mehr Geld in die Forschung zum Schutz der Umwelt auf unserem global in immer schlechterem Zustand befindlichen Planeten stecken. Dies ist unsere einzige Alternative; anderenfalls werden wir alle zusammen untergehen, indem wir das empfindliche und hoch komplexe Ökosystem unserer Umwelt unterminieren, womit wir Selbstmord begehen, weil wir die biologische Regenerierung stören und den Klimawandel beschleunigen." [7]

Ganz in diesem Sinne gehalten ist auch der Tenor seines 1996 erschienenen, leider nie in deutscher Sprache aufgelegten Spätwerks "Green was the Earth on the Seventh Day" [8] (Abb. 3), in welchem Heyerdahl im abschließenden Kapitel auch in Sachen globale Umweltverschmutzung Bilanz zieht und nachdrücklich zum Umdenken auffordert, was in ökonomischer Hinsicht nicht zuletzt bedeutet, sich endlich von der Fiktion angeblich unbeschränkten Wachstums zu verabschieden. "Die Leute können", wie Henning Koch in seiner Rezensension des Buches dazu bemerkt, "über Wirtschaftswachstum sagen, was auch immer sie wollen, aber Abfall, Müll und Verschmutzung bedeuten kein Wachstum, sie sind Rückschritte." [9] Und ein anderer Rezensent betont: "Dieses Buch ist ein Weckruf an die gesamte Menschheit, über den Schaden nachzudenken, der unseren Landgebieten, unseren Meeren und unserem Himmel, stets im Namen des 'Fortschritts', zugefügt wird." [10]

Für Thor Heyerdahl waren, um auch dies zu guter Letzt noch in aller Deutlichkeit hervorzuheben, seine diffusionistischen Studien und experimental-archäologischen Unternehmungen in Sachen Vergangenheitsforschung, sein internationalistischer Einsatz für friedlichen Interessenausgleich und Völkerverständigung sowie sein ökologisches Engagement keineswegs zusammenhanglose Einzelaspekte seines Wirkens, sondern integrale Bestandteile eines quasi ganzheitlichen Gesamtprojekts. Die Journalistin Betty Blair brachte dies 1995, also noch zu seinen Lebzeiten, folgendermaßen auf den Punkt: "Durch das Studium der Vergangenheit, indem er nach übersehenen Lücken in der Prähistorie der Menschheit sucht, hofft Heyerdahl Verknüpfungen zu finden, welche alle Menschen miteinander verbinden. Es ist seine Art und Weise zu versuchen, den heutigen Menschen davon zu überzeugen, dass wir [alle] wahrhaftig blutsverwandt sind und daher umso mehr Grund haben, zusammen zu arbeiten, um unsere Zukunft zu bewahren." [11]


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Anmerkungen und Quellen

Fußnoten:

  1. Siehe dazu online in englischer Sprache: The Thor Heyerdahl International Maritime Environmental Award, bei gard.no; sowie: Heyerdahl award 2014, bei: Norges Rederiforbund
  2. Quelle: o.A., Pirámides de Güimar, Parque Etnográfico, unter: Thor Heyerdahl - Biografie
  3. Siehe dazu online als kurze Einführung: Erik Bjørseth und Halfdahn Tangen jr., "Ra II 1970 - 2010. Thor Heyerdahl the environmentalist" (Video, 1,49 Min.), The Kon-Tiki Museum, 2010
  4. Anmerkung: Die Umweltschutzorganisation Internationales Grünes Kreuz wurde 1993 in Kyōto von Michael Gorbatschow gegründet. Sie setzt sich für eine sichere Zukunft der Menschheit auf Basis eines Wertewandels ein, der ein besseres Verständnis gemeinsamer, globaler Verantwortung und gegenseitiger Abhängigkeit fördern soll.
  5. Quelle: Betty Blair, "Thor Heyerdahl in Azerbaijan - KON-TIKI MAN", in: Azerbaijan International, (3.1) Spring 1995
  6. Quelle: Ulrike Arnold, Extract from an interview with Thor Heyerdahl, Tagoror, Tenerife in 1996 (Video, 01:26 Min.; Übersetzung ins Deutsche durch Atlantisforschung.de)
  7. Quelle: Thor Heyerdahl, zit. nach Betty Blair, op. cit. (1995); Übersetzung ins Deutsche durch Atlantisforschung.de
  8. Siehe: Thor Heyerdahl, "Green was the Earth on the Seventh Day", Abacus, 1996
  9. Quelle: Hennig Koch, "Review: Green Was the Earth on the Seventh Day: Memories and Journeys of a Lifetime", bei: goodreads.com (abgerufen: 29.03.2014; Übersetzung ins Deutsche durch Atlantisforschung.de)
  10. Quelle: Conrad (Conrad´s reviews), Green Was the Earth on the Seventh Day: Memories and Journeys of a Lifetime, bei: goodreads.com (abgerufen: 29.03.2014; Übersetzung ins Deutsche durch Atlantisforschung.de)
  11. Quelle: Betty Blair, op. cit. (1995); Übersetzung ins Deutsche durch Atlanisforschung.de


Bild-Quellen:

1) Ulrike Arnold, Extract from an interview with Thor Heyerdahl, Tagoror, Tenerife in 1996 (Screenshot, Bearbeitung durch Atlantisforschung.de)
2) Svdmolen bei Wikimedia Commons, unter: File:OilSheenFromValdezSpill.jpg (Bildbearbeitung durch Atlantisforschung.de)
3) Bildarchiv Atlantisforschung.de