Weitere Anhaltspunkte für kulturelle Diffusion: Mumifizierungs-Techniken bei den Guanchen

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Das Rätsel der Guanchen, Teil IV

(bb) Einen Schlüssel zur Identifikation der Guanchen-Ursprünge und ihrer vermuteten Interaktionen mit den Vorläufern späterer Hochkulturen beiderseits des Atlantik könnten uns auch die Mumifizierungs-Praktiken der alten Kanarier liefern. Dazu erfahren bei Bolleter: "Die Toten wurden in Höhlen beigesetzt, fest stets solchen, welche verborgen und möglichst unzugänglich waren. Die Öffnung wurde mit Steinen und Erde ausgefüllt. Verstorbene Häuptlinge sowie angesehene Adelige wurden einbalsamiert. [1]

Abb. 1 Die wenigen erhalten gebliebenen Guanchen-Mumien erlauben nur begrenzte Rückschlüsse auf ihre ethnische Zugehörigkeit. Dagegen kann die Betrachtung der alt-kanarischen Mumifizierungs-Techniken bereits heute valide Folgerungen zu kulturellen Verbindungen mit anderen Völkern zu, die ähnliche Praktiken anwendeten.

Zur Konservierung verwendete man aromatische Kräuter, Pinienrinde, Harz, Bimsstein. Die so präparierten Leichen wurden zum Trocknen tagsüber an die Sonne gelegt, nachts in Holzrauch gestellt und nach 14 Tagen in weiche Felle eingebunden. Die meisten Toten wurden direkt beigesetzt; unter dem Einfluß der trockenen Luft schrumpften sie mumienhaft zusammen. Nicht selten finden wir den Toten Gefäße mit Milch beigegeben, was auf eine Vorstellung von einem jenseitigen Leben deutet. Für die Behandlung der Toten waren besondere Leute angestellt, Weiber für die Frauen, Männer für die männlichen Leichen. Ihr Handwerk galt aber als ein unreines; man durfte sie nicht berühren." [2]

Weitere Details erfahren wir wir bei Gernot L. Geise und Reinhard Prahl, die uns einen Hinweis auf den vermutlich ältesten überlieferten Bericht zu den diesbezüglichen Praktiken der Guanchen liefern. Er stammt von Abreu de Galindo, "der sich 1632 auf Augenzeugen berief: >Sie brachten die Leichen in eine Höhle, streckten sie auf Steinen aus und leerten die Bäuche. Jeden Tag wuschen sie zweimal die empfindlichen Teile mit frischem Wasser, die Achselhöhlen, hinter den Ohren, die Weichen, die Stellen zwischen den Fingern, die Nasenlöcher, Hals und Handgelenke.

Nachdem die Leichen gewaschen waren, rieben sie sie mit Ziegenbutter ein und füllten ihnen Pulver von Kiefer- und Heidekraut und zerriebenem Bimsstein ein, damit sie nicht verwesten<." [3] Prahl stellt seinerseits lakonisch fest: "Wenn wir nun die genannten Zutaten gegen Natron, Bitumen, Bienenwachs und Koniferenharz [4] austauschen, haben wir – abgesehen von einigen Einzelheiten - die Schilderung einer ägyptischen Mumifizierung vor uns." [5]

Zum besseren Verständnis, warum unahängige Parallel-Entwicklungen im Fall der kanarischen und ägyptischen Mumifizierungs-Methoden ziemlich ausgeschlossen erscheinen, lassen wir uns zunächst von ihm einen 'Crash-Kurs' zu deren Entwicklung im Pharaonen-Reich geben: "Die Mumifizierungstechniken der Altägypter waren, wie alle kulturellen Errungenschaften, einigem stetigen Wandel unterzogen. Während im Alten Reich (ca. -2800 bis -2200) die Mumifizierung noch in den Kinderschuhen steckte, was daran ersichtlich ist, dass Gesicht und Körperformen auf den Mumienhüllen mit Gips nachmodelliert wurden, erreichte die Technik der Mumifizierung im Neuen Reich (-1550 bis -1070) ihren Höhepunkt.

Im Mittleren Reich (ca. -2200 bis -1750), vereinzelt auch schon zum Ende des Alten Reichs, hatte man begonnen, abgesehen von den Eingeweiden auch das Hirn der Leiche zu entnehmen. Das wurde im Neuen Reich zur Regel. In der 21. Dynasie (ab -1070) war dieser Brauch einem erneuten Wandel unterzogen. [...] Man hatte zwar bereits vor der 21. Dynastie damit begonnen, die ausgehölten Leiber der Toten mit Leinen oder Sägespänen auszustopfen, jedoch war das Muskelgewebe weiterhin stark geschrumpft. So kam man auf die Idee, chirurgische Einschnitte ins Gewebe vorzunehmen und dieses dann mit Leinen, Sägemehl und Sand auszustopfen.

Abb. 2: Die ägyptischen Mumifizierungs-Methoden (links die Mumie Ramses III.) entwickelten sich über einen langen Zeitraum hinweg zu großer Komplexität. Um so frappierender muss die Tatsache erscheinen, dass die Guanchen-Mumien (rechts) mit einer einfacheren Form exakt derselben Praktiken konserviert wurden.

Traditionelle Praktiken, wie die Entnahme des Gehirns durch die Nase mit einer dünnen Metallstange, meist vorne gebogen, wurden genauso angewendet, wie die Entnahme der Eingeweide durch einen Einschnitt oben links in die Bauchdecke. Die Leiber der Männer wurden mit rot-bräunlichem Ocker, die Frauen mit gelblichem eingerieben. Finger und Fußnägel wurden mit feinen Fäden fixiert, damit sie nicht afallen konnten. Auch wurden die Haare ordentlich frisiert und mit Wachs und/oder mit Ölen zur Konservierung eingerieben." [6]

Diese komplexen Elemente ergeben zusammen genonommen eine höchst spezifische Mumifizierungs-Methode, von der man erwarten sollte, dass sie außerhalb des angeblich klar abgegrenzten ägyptischen Kultur-Raums so nicht vorzufinden sei. Wie Prahl zeigt, ist dies jedoch keineswegs der Fall. "In der TV-Dokumentation >Höhlenmumien auf den Kanaren< wurde eine an einer 500 Jahre alten in Cambridge aufbewahrten Guanchenmumie durchgeführte Untersuchung, an der u.a. auch die Ägyptologin Joann Fletcher teilnahm, erbrachte ein spektakuläres Ergebnis: Es gab verblüffende Ähnlichkeiten zwischen den Mumifizierungsmethoden der Ägypter und der Cambridgemumie." [7]

Diese Ählichkeiten erstrecken sich von der Behandlung der Finger- und Fußnägel, über die der Haare [8] und der inneren Organe, bis hin zum Ausstopfen des Körpers: "Die Ägypter der 21. Dynastie und die Guanchen nahmen exakt die gleichen chirurgischen Einschnitte vor", kommentiert Prahl und beobachtet, "dass an sechs von acht Stellen am Rücken und den hinteren Extremitäten Übereinstimmungen vorliegen, was den Schluss zulässt, dass die Mumifizierungs-techniken auf den selben Ursprung zurückzuführen sind." [9]

Selbst dort, wo sich Unterschiede zwischen den ägyptischen Praktiken und jenen der Guanchen feststellen lassen, sprechen sie kaum gegen die Annahme eines gemeinsamen Erbes, sondern liefern im Einzelfall möglicherweise sogar weitere Steine des Puzzles um Herkunft und Historie der Guanchen. Zu den oberflächlichen - oder scheinbaren - Diffenzen zählt Prahl z.B. die Verwendung anderer Kräuter und Salbstoffe für die Einbalsamierung: "Das aber, so Joann Fletcher und der Archäologe Mike Eddy, ist wohl darauf zurückzuführen, dass es die in Ägypten verwendeten Materialien auf den Kanaren nicht gab."

Zudem "wurde der Cambridge-Mumie offensichtlich das Gehirn nicht entnommen. Allerdings ist das gesamte Gesicht der Leiche stark zerschmettert. Eine Entnahme des Gehirns durch die Nase - die übliche Methode - wäre praktisch unmöglich gewesen." Und schließlich "wurden keine Mumifizierungsbinden festgestellt, der Leichnam war in Ziegenfelle gewickelt, dafür aber in bis zu fünfzehn Lagen, wie Harald Brehm [S. 47] schreibt." Gerade der zuletzt genannte Umstand erscheint interessant, da es auch bei den Ägyptern zunächst üblich gewesen war, die Mumien in Felle einzuwickeln. "Dieser Brauch wurde", wie Prahl bemerkt, "in Ägypten allerdings bereits in der Zeit der 1. Dynastie (um -3000) aufgegeben. [10]

Abb. 3 Die bei den Guanchen übliche 'Verpackung' von Mumien in Felle wurde von den Ägyptern bereits um -3000 aufgegeben und man verwendete stattdessen Tücher und Binden. Links: Die Mumie des Tuthmose III. bei ihrer Untersuchung durch Emile Brugsch im Jahr 1882. Rechts: Drei Mumien aus der Grabkammer des Amenhotep.

Wir finden hier also ein interessantes Indiz dafür, dass die gemeinsamen Ursprünge alt-kanarischer und -ägyptischer Mumifizierungstechnik (ebenso wie die architektonischen Evidenzen) tatsächlich in die prädynastische Zeit des späteren Pharaonen-Reichs - vor etwa 5000 Jahren - zurückreichen. Wenn wir die vorliegenden Fakten richtig interpretieren, dann könnte diese Praxis tatsächlich durch eine kulturelle Transfusion [11] aus dem Westen an den Nil geracht worden sein.

Ein Indiz dafür ist auch die Verwendung von Ocker bei der Bestattung von Toten, eine Praxis, die offenbar ein zirkum-atlantischen Kultur-Relikt darstellt, das wir auch in Paläo-Amerika und dem nördlichen Europa vorfinden. Der Alternativ-Historiker Billy Roper verweist dazu auf die fernen Vorfahren der Algonkin-Völker, die im im heutigen Maine, im Nordosten der USA lebten: "Die Prä-Algonkin-Leute wurden auch die 'Ocker-Leute' [orig.: "Red Paint People"; d. Ü.] der maritimen, archaischen Kultur genannt. In ihren antiken Gräbern, die mehrere tausend Jahre alt sind, begruben diese altertümlichen Menschen ihre Toten mit rotem Ocker und mit Stein-Geräten, die völlig anders sind als diejenigen späterer 'Native Americans'.

Sowohl die Stein-Geräte als auch der rote Ocker finden sich jedenfalls auch in äußerst ähnlichen Grabstätten im nordwestlichen Europa. Dieses maritime archaische Volk war eines früher Seefahrer, die uns vor 5000 Jahren massive alte Muschel-Haufen und Stöße von Fisch-Bein hinterlassen haben, welche die Küsten von Maine und Labrador auf und ab verstreut sind. Viele der Fisch-Reste stammen vom Schwertfisch und anderen Hochsee-Fischen. Dies sollte darauf hindeuten, dass Seereisen auf einem gewissen Level wohl innerhalb der Möglichkeiten der Ocker-Leute lagen." [12]

Auch Roper vermutet eine gemeinsame, prädiluviale Wurzel der Ocker-Leute, die bis ins Solutréen zurückgeht: "Interessanter Weise sind die die Stein-Artefakte penibel gefertigte doppelseitige Werkzeuge, die eine natürliche Fortentwicklung aus der Solutréen-Technologie in Europa und der Clovis-Doppelseiten-Entwicklung in Nord-Amerika zu sein scheinen. Viele europäische Solutréen-Stätten stehen ebenfalls in Verbindung mit Grabstätten mit rotem Ocker, die insgesamt von jenen des maritimen Archaiker-Volkes nicht zu unterscheiden sind. Das pulverige Eisen-Oxid scheint überall im nord-atlantischen Halbmond ein übereinstimmen-des und wiederkehrendes Thema gewesen zu sein." [13]

Wir dürfen also voraussetzen, dass die Praxis der 'Ocker-Behandlung' der Toten ein uraltes, originär atlantisches Kultur-Phänomen darstellt, das zu einem sehr frühen, prädynastischen Zeitpunkt ägyptischer Zivilisation aus dem Westland dorthin gelangte. Die Annahme, dass diese Diffusion von den Kanarischen Inseln aus, dem idealen Sprungbrett für transatlantische Migrationen, erfolgt sein könnte, wie Geise und Prahl vermuten, erscheint durchaus naheliegend. Danach aber scheint der Kontakt zwischen 'Proto-Guanchen' und Alt-Ägyptern [14] zunächst einmal für lange Zeit unterbrochen gewesen sein, denn bestimmte technische Inventionen, wie etwa die Mumifizierungs-Binden wurden dort nicht entwickelt oder übernommen.

Wenn aber bei der Cambridge-Mumie auch andere, später entwickelte Elemente ägyptischer Mumifizierungstechnik (z.B. die Behandlung der Nägel) nachgewiesen werden konnten, wie sie in der 21. Dynastie üblich waren, also etwa ab etwa 3070 v.d.G., dann bedeutet dies: es muss in späteren Zeiten erneute Kontakte zwischen Alt-Ägyptern und Proto-Guanchen gegeben haben, wobei wir vermuten dürfen, dass die Diffusions-Richtung nun entgegengesetzt verlief und auf den Kanaren bestimmte Neuerungen aus Ägypten übernommen wurden.


Fortsetzung:


Anmerkungen und Quellen

Dieser Beitrag von Bernhard Beier © wurde 2006 für Atlanisforschung.de erstellt.

Fußnoten:

  1. Anmerkung: Hierzu sei ein Vergleich zurim pharaonischen Ägypten erlaubt, wo es bezüglich der Mumifizierung der Toten ebenfalls eine postmortale "Klassengesellschaft" gab. So schrieb Lee Krystek über die ägyptische Praxis: "Nicht alle Leichen erfuhren die vollständige Behandlung, hält Herodot fest. Die Armen erhielten für gewöhnlich lediglich eine kürzere und weniger effektive Konservierungs-Prozedur." (Lee Krystek, "Making Mummies", 2000, online unter http://www.unmuseum.org/makemum.htm)
  2. Quelle: Dr. E. Bolleter, "Bilder und Studien von einer Reise nach den Kanarischen Inseln (1910)", Kapitel 6: Die Guanchen, die Urbevölkerung der Kanaren, online unter http://www.zum.de/stueber/bolleter/kapitel_06.html
  3. Quelle: Harald Braem, "Das magische Dreieck", Augsburg, 2000, S. 47; nach: Gernot L. Geise und Reinhard Prahl, "Auf der Suche nach der Mutterkultur", Michaels Verlag (Peiting), 2005, S. 124
  4. Anmerkung: Als Informations-Quelle zu diesen, von den Ägyptern verwendeten, Substanzen gibt Prahl an: Renate Germer, "Das Geheimnis der Mumien", München / New York, 1997, S. 22
  5. Quelle: Gernot L. Geise und Reinhard Prahl, "Auf der Suche nach der Mutterkultur", Michaels Verlag (Peiting), 2005, S. 124
  6. Quelle: ebd., S. 120, 121
  7. Quelle: ebd, S. 120
  8. Anmerkung: Prahl zitiert (S. 122) hierzu die Ägyptologin Joann Fletcher, die an der Untersuchung der Guanchen-Mumie beteiligt war, folgendermaßen: "Ich will keine voreiligen Schlüsse ziehen, aber die Behandlung der Haare entspricht exakt der bei ägyptischen Mumien." Dazu hebt er hervor, "dass Joan Fletcher zu den wenigen Ägyptologinnen gehört, deren Spezialgebiet die Haartracht der alten Ägypter ist." [Vergl.: Joann Flecher, "Sonnenkönig vom Nil - Amenophis III."]
  9. Quelle: Gernot L. Geise und Reinhard Prahl, "Auf der Suche nach der Mutterkultur", Michaels Verlag (Peiting), 2005, S. 122
  10. Quelle: ebd., S. 123, 124
  11. Anmerkung: TRANSFUSION = "Gesellschaftlich durchdringende Übertragung kultureller Aspekte, Charakteristika oder Elemente aus einer kulturellen Quasi-Einheit auf eine andere mit dem Ergebnis eines Superstrats. Entsprechend: transfundieren = Teil einer Transfusion sein bzw. eine Transfusion vornehmen. Im Diffusionismus: kulturelle Aspekte, Charakteristika oder Elemente aus einem kulturellen System auf ein anderes übertragen." (Def. nach Friedrich u. Beier; Atlantisforschung.de - 2005)
  12. Quelle: Billy Roper, "PaleoAmerican Ethnic Diversity" (nicht mehr online); Hinweis: Bei späteren Recherchen musste der Verfasser feststellen, dass B. Roper ein Aktivist der rechtsextremen Bewegung in den USA ist - eine Tatsache, die sich dem Leser von "PaleoAmerican Ethnic Diversity" auch bei kritischer Lektüre durchaus NICHT erschließt.
  13. Quelle: ebd.
  14. Anmerkung: Vergl. dazu auch Die Entstehung von Ober- und Unter-Ägypten in diffusionistischer Sicht von Dr. Horst Friedrich

Bild-Quellen:

1) Mary Sutherland, The Red Haired Mummies of Canary Islands, bei burlingtonnews.net
2) http://de.geocities.com/anubiscly/ (nicht mehr online)
3) unmuseum.org, unter: Making Mummies