Atlantis insula

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Herausgeber: Dr. Wilh. Sigm. Teuffel


Atlantis insula (Ἀτλαντὶς). Eine eigenthümliche Sage, welche Solon von aegyptischen Priestern vernommen haben soll, findet sich bei Plat. Tim. p. 24 f. [/] Oitias p. 108 ff. Im Ocean westwärts vor den herkulischen Säulen lag einst eine Insel, Atlantis, größer als Asien und Libyen zusammen, und neben ihr mehrere andere. Die große Insel umgab wie ein Festland dieses Inselmeer, mit welchem verglichen unser Mlttelmeer nur wie ein Hafen mit enger Einfahrt erschien. Die Atlantis war reich bevölkert und mit allen den Herrlichkeiten begabt mit welchen die alten Fabelländer um so reicher ausgeschmückt sind in je weitere Ferne sie verlegt werden. Selbst nach Europa und Aegypten drangen ihre mächtigen Fürsten; nur von den Athenern (s. O. Müller de sacris Min. Pol. p. 6) und ihren Verbündeten wurde ihnen mit glänzendem Erfolg die Spitze geboten.

Später verfielen die Bewohner in Laster; ein Erdbeben, verbunden mit Ueberschwemmungen, begrub in Einem Tage und in Einer Nacht die ganze Insel in dem Meere, und daher ist der Ocean dort schlammig und nicht zu beschiffen. Hiermit ist die von Proklus zu Plat. Tim. 1. 1. p. 24 mitgetheilte und aus Markellos, einem uns unbekannten Verfasser einer aethiopischen Geschichte, geschöpfte Nachricht zu verbinden, daß sich als Spuren oder Ueberreste der vernichteten Atlantis vor der Westküste Libyens noch jetzt sieben der Persephone geheiligte kleinere und drei sehr große Inseln befanden, deren Einwohner noch das Andenken an die Atlantis und ihre einst so mächtigen Vorfahren bewahrten.

Auch Plin. VI, 31, 36 spricht von einer noch vorhandenen Insel Atlantis, dem Gebirge Atlas gegenüber gelegen. Mit jenen sieben (aus der Atlantis entstandenen?) Inseln aber scheint die bekannte Sage von den sieben Töchtern des Atlas, und diese Atlantiden oder Plejaden wieder mit den Hesperiden in naher Verblndung zu stehen (vgl. besonders Schmidt, über die Sage von der Atlantis, in Mützell's Zeitschr. für d. Gymnasialwesen 1857, S. 193 ff.) und eben dahin auch die in einem Fragment des Theopompus bei Aelian. V. H. III, 18 (vgl. Strab. VII. p. 299) erwähnte (offenbar nach Merope, der Tochter des Atlas, benannte) Insel Meropis, zu gehören.

Man sieht hieraus daß man jener Dichtung Platon's (die nach O. Müller In b. Gött. gel. Anz. 1838. S. 379 nur „eine Aussplnnung alter mythischer Volksvorstellungen zum Behufe einer sinnlichen Veranschaulichung der idealen Politik Platon's" war) im Alterthune nicht nur Glauben schenkte (vgl. Posidon. bei Strab. III. p. 102 und Aristot. Met. II, 1 u. de coelo II, 14), sondern daß man auch spätere geographische Entdeckungen (von Inselgruppen vor der Westküste Afrika's) damit in Verbindung brachte. Haben doch selbst Neuere in den durch vulkanische Kräfte emporgehobenen Azoren und Kanarien oder gar in St. Helena und Ascension oder den Antillen die Ueberreste der versunkenen Insel erkennen wollen. Vgl. z.B. A. v. Humboldt's Krit. Unters. I.S.155ff. u. S. 163. 424. Kant's Phys. Geogr. I, 1. S. 207 u. A.

Möge man nun hierüber urteilen wie man wolle, so läßt sich doch die Möglichkeit nicht in Abrede stellen daß der angeblich aegyptischen Sage eine vielleicht absichtlich entstellte phönikische Schiffernachricht zum Grunde liege, wie denn auch in andern Stellen der Alten entweder eine dunkle Kunde oder die Ahnung eines Continentes der westlichen Halbkugel enthalten ist. Nähere Untersuchung der Trümmer einer früheren Cultur in Amerika müssen hierüber Aufklärung verschaffen. Vgl, Diod. V, 19. Sen. Med. 375 ff. u. A. Bailly, lettres sur l'Atlantide etc. Par. et Amsterdam. 1779. Bory de St. Vincent, Essai sur les iles fort. et l'antique Atlantide. Par. XI. 4. und die Schriften von Humboldt, du Palr, Clavlgero, Prescott, Betch u. A. über die ältere Geschichte und die Denkmäler u. Alterthümer Mexiko's u. s. w. * [P. u. F.] [1]



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Anmerkungen und Quellen

Dieser Beitrag entspricht im Wortlaut dem Text des Stichwortes „Atlantis insula“, in: Dr. Wilh. Sigm. Teuffel (Herausgeber), “Pauly´s Real-Encyclopädie der classischen Alterthumswissenschaft in alphabetischer Ordnung“, Ersten Bandes zweite Hälfte, 2. völlig umgearbeite Auflage, Stuttgart, 1866. Transkription a.d. Sütterlin-Schrift und redaktionelle Bearbeitung durch Atlantisforschung.de (Jan. 2009) nach der von Google digitalisierten Online-Version (S. 2034-2035)

Fußnote:

  1. Anmerkung in Pauly´s Real-Encyclopädie: Vgl. auch Bd. III. S. 737-739. N. Bach, Solon. Fragm. p. 37—55. H. Schulz, die Erzählung Platon's von dem Untergänge der Atlantis, als ein echtes Fragment antediluvianischer Uigeschichte nachgewiesen, Hamm 1842. A. S. v. Noroff, die Atlantis nach griech. u. röm. Quellen, Petersburg 1854. Vgl. Götti. Gel. Anz. 1854, S. 2021—2024. I. Krüger. Amerika bereits durch die Phönikier entdeckt, in Prutz' deutschem Museum 1655, S. 601—620. G. Schwanitz, Quaest. Plat. II: de Atlantide insula, Eisenach 1859. 11 pp. 4. — Am Meere; platonische Skizzen von G. Schwanitz, Jena 1880. F. Unger, die verschwundene Insel Atlantis, Wien 1860, woraus e,n Auszug in den Grenzboten 1861. II. S. 62—72: Platon's Atlantis und die Braunkohle. [W. T.]

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