Atlantismus

Aus Atlantisforschung
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Definition

Abb. 1 Lyon Sprague de Camp popularisierte den Ausdruck 'Atlantismus' 1954 als ideologischen Kampf-Begriff gegen die Atlantisforschung.

(red) Vom englischen Wort "Atlantism" abgeleitet, stellt der Ausdruck Atlantismus terminologisch eigentlich einen Begriff zur Bezeichnung aller objektiv unwissenschaftlichen oder nicht-atlantologischen (vergl.: Atlantologie) Formen des Umgangs mit dem Atlantis-Problem dar. Faktisch existieren jedoch zwei sehr unterschiedliche Anwendungen des Begriffs:

I. Atlantismus als gezielt abwertend gemeinter Dysphemismus für Atlantisforschung und alle Formen der Annahme, bei der von Platon beschriebenen Insel Atlantis könne es sich um eine historisch-geographische Entität handeln (siehe: Historizitäts-These). Mit dieser Bedeutung wurde der Ausdruck 1954 von dem US-amerkanischen Atlantis-Skeptiker und Atlantologie-Kritiker Lyon Sprague de Camp (Abb. 1) popularisiert, der ihn als 'Kampfbegriff' gegen alle Formen und Variationen non-fiktionaler Atlantis-Interpretation verwendete: "Der Atlantismus reicht von den Lehren der Okkultisten auf der einen über pseudo- und halbwissenschaftliche Spekulationen bis zu den Anstrengungen von Historikern und Wissenschaftlern auf der anderen Seite, welche bemüht sind, eine Basis für Platons Anstrengungen zu finden." [1]

Nach dieser Definition von Atlantismus ist eine typologische Unterscheidung (Klassifikation) zwischen (grenz-)wissenschaftlicher und explizit unwissenschaftlicher Atlantida-Rezeption weder notwendig noch möglich. Sie subsumiert [2] Konzepte, Szenarien und Methoden, die unterschiedlichen 'Wissen produzierenden Systemen' zuzurechnen sind.

II. Als atlantologie-theoretischer Terminus ist Atlantismus ein, im Rahmen der Definition von Atlantisforschung/Atlantologie bei einer Abgrenzung von vulgären, fundamentalistischen oder ideologischen Ausdeutungen des Atlantisberichts notwendig werdender Begriff. Typologisch erfasst dieser Begriff im wesentlichen zwei unterschiedlich charakterisierbare Erscheinungsformen:
a) Vulgärer Atlantismus. Der vulgäre Atlantismus äußert sich z.B. in einer naiven Atlantis-Gläubigkeit, in einer kritiklos-unreflektierten Akzeptanz von allem, was in die jeweiligen Vorstellungen zu Atlantis passt, in methodischer Unzulänglichkeit und einem leichtfertigen Umgang mit absoluten Aussagen zu atlantologischen Fragen, ohne dass diesen Aussagen eine tragfähige Datenbasis zugrunde liegt.
b) Ideologisch-weltanschaulicher Atlantismus. Diese Form des Atlantismus ist vor allem dadurch charakterisiert, dass der Atlantis-Komplex im Sinne einer übergeordneten Ideologie religiös- oder politisch-weltanschaulicher Natur ausgedeutet und instrumentalisiert wird (z.B. in der quasi-religiösen theosophischen oder anthroposophischen Atlantida-Rezeption, oder im Rahmen des politisch-weltanschaulichen Ario-Atlantismus).

In der Praxis sind diese beiden Formen des Atlantismus nicht rigoros zu trennen, sondern treten häufig kombiniert auf und/oder bedingen einander. So sind gerade Vulgär-Atlantisten (also: "Möchtegern-Atlantologen") häufig für Ausflüsse ideologischer Atlantis-Betrachtung empfänglich, und ideologische Atlantisten weisen in der Regel auch atlantologische (fach- und forschungs-spezifische) Defizite auf, die typisch für den vulgären Atlantismus sind.


Anmerkungen und Quellen

Fußnoten:

  1. Quelle: Lyon Sprague de Camp, Versunkene Kontinente - Von Atlantis, Lemuria und anderen untergegangenen Zivilisationen, München (Heyne Verl.), 1975
  2. Anmerkung: sub|su|mie|ren [V.3, hat subsumiert; mit Akk.] 1 unterordnen; einen Begriff einem anderen s. 2 zusammenfassen; Begriffe unter einem Oberbegriff s. [<lat. sub "unter" und sumere "nehmen, festsetzen"]; Definition nach: SPIEGEL WISSEN - DAS LEXIKON DER NÄCHSTEN GENERATION, unter: subsumieren (nicht mehr online)

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