Lyon Sprague de Camp

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Forscher- und Autorenportrait

Abb. 1 Lyon Sprague de Camp (1907-2000)

(bb) Lyon Sprague de Camp (Abb. 1) (* 27. November 1907 in New York City; † 6. November 2000 in Plano, Texas) war ein US-amerikanischer Ingenieur, freier Schriftsteller und Verleger, der vor allem als Autor phantastischer Literatur (Science-Fiction und Fantasy) internationale Bekanntheit erlangte. Zudem verfasste er aber auch als 'Amateur-Historiker' mindestens drei historische Sachbücher [1], und er gilt in Fachkreisen als einer der Pioniere der Atlantologie-Historik.

Diesen Nachruhm erwarb sich der äußerst produktive Autor - Sprague de Camp publizierte insgesamt etwa 120 Bücher - mit seinem 1952 erstveröffentlichten Werk "Lost Continents", das 1975 auch in deutscher Sprache erschien. [2], dem ersten Versuch einer umfassenden Darstellung der Rezeption von Platons Atlantisbericht von der Antike bis ins 20. Jahrhundert. Dabei erwies Sprague de Camp sich, wie der Atlantologie-Enzyklopädist Tony O’Connell es durchaus behutsam formuliert, "extrem skeptisch hinsichtlich der Realität der von Plato beschriebenen Atlantis" [3]

Tatsächlich präsentierte sich Lyon Sprague de Camp als geradezu rabiater Verfechter der Fiktionalitäts-These, der für Andersdenkende jedweder Couleur die abschätzige Bezeichnung 'Atlantisten' prägte. Über seine persönlichen Ansichten zum Atlantis-Problem heißt es bei O’Connell weiter: "Er offeriert die unverblümte Darlegung, dass Plato sich die ganze Geschichte ausgedacht habe, wobei er die Erzählung auf einer Mixtur aus dem Reichtum von Tartessos in Spanien und der Zerstörung der griechischen Insel Atalanta basierte, alles vermischt mit der Mythologie in Bezug auf Atlas." [4]

Abb. 2 Das Frontcover einer Neuauflage von Lost Continents aus dem Jahr 1970

Nicht folgen kann der Verfasser O’Connells Ansicht, trotz seiner "harschen Kritik" (an jeder Form der Atlantisforschung) weise Sprague de Camp dabei einen "angemessenen Grad an Oblektivität" (orig.: "reasonable degree of objectivity") auf, und es liege vermutlich "an seiner vermeintlichen Integrität [orig.: "perceived integrity"], dass andere Atlantis-Skeptiker fortgesetzt seine Ansichten zur Stützung ihrer eigenen Position auftischen." [5] Fakt ist zum einen, dass es mit Spague de Camps 'Objektivität' nicht weit her war. Tatsächlich handelte es sich bei ihm um eine äußerst schulwissenschafts-gläubige Person, d.h. er orientierte sich geradezu sklavisch am jeweiligen wissenschaftlichen Erkenntnisstand seiner Zeit bzw. an den Vorgaben des akademischen Mainstreams. Dabei war er 'geschmeidig' genug, sich den langsam verändernden universitären Lehrmeinungen anzupassen. So betrachtete er z.B. zunächst, wie Tony O’Connell anführt, "Alfred Wegeners Theorie der Kontinentaldrift als »äußerst zweifelhaft«, korrigierte dieses Statement jedoch in der Ausgabe seines Buches ['Lost Continents'] (Abb. 2) von 1970."

Zum anderen tendierte Sprague de Camp, wenn es um die Präsentation und Diskussion von - nicht selten zwangsläufig kontraparadigmatischen - Thesen und Theorien der angeblichen 'Atlantisten' ging, häufig zu Vorurteilen, Unsachlichkeit und Polemik, also zu einer Praxis, wie sie gerade in Publikationen aus der so genannten 'Skeptikerbewegung' Gang und Gäbe ist - und dies ist keineswegs ein Zufall. So erfahren wir bei John Blanton über ihn: "Er war eines der Gründungs-Mitglieder und langjähriger Fellow von CSICOP, dem Committee for the Scientific Investigation of Claims of the Paranormal." [6] Als Anhänger und Verfechter der in diesen Kreisen vertretenen szientistischen - und letztlich pseudoskeptischen! - Ideologie [7] zeigte Lyon Sprague de Camp kein großes Interesse an einer wirklich objektiven Aufarbeitung der historischen Beschäftigung mit dem Atlantis-Problem, sondern er wollte seine persönliche Meinung dazu propagieren. Vor diesem Hintergrund sollte es auch nicht erstaunen, dass seine Auslassungen in Bezug auf Platons Atlantis und die Atlantisforschung gerade bei Pseudoskeptikern begeisterte Zustimmung fanden und finden.

Bezeichnender Weise legte auch er die bei vielen Verfechtern der Fiktionalitäts-These zu findende Haltung an den Tag, Platons Atlantisbericht sei mehr oder weniger wortwörtlich auszulegen. Dazu bemerkt Tony O’Connell: "Einer von de Camps meistzitierten Textauszügen ist, dass »man nicht die Details von Platos Erzählung verändern und [trotzdem] noch behaupten kann, man habe es mit Platos Bericht zu tun.« Obwohl ich diesem Kommentar voll und ganz beipflichte, muss ich doch betonen, dass ein Unterschied zwischen verändern und interpretieren besteht. [...] Es gibt eine Anzahl von [...] Details in Platos Erzählung, die der Erläuterung und Interpretation bedürfen, und solange eine solche Erklärung auf Evidenzen und Argumenten beruht, kann sie nicht leichthin als substantielle 'Veränderung' abgewiesen werden." [8]

Dass 'Lost Continents' trotz dieser und anderer Mängel - z.B. haben sich diverse Detail-Angaben aus dem Buch bis heute nicht bestätigen lassen - auch unter Anhängern der Historizitäts-These zu Atlantis als Standardwerk zur Geschichte der Atlantisforschung gilt, hat durchaus seine Gründe: Zum einen liegt ihm eine ganz enorme Recherchearbeit zugrunde und es bietet auch denjenigen, die es kritisch rezipieren, eine ungeheure Fülle an Daten und Informationen, die geradezu zu weiteren Nachforschungen und Studien auffordern. Lange Jahre war es in seiner Komplexität einzigartig. Zum anderen war Lyon Sprague de Camp - und das unterscheidet ihn deutlich von den meisten anderen pseudoskeptischen Atlantis-Autoren - ein begnadeter Erzähler, weshalb auch Andersdenkende 'Lost Continents', trotz gelegentlichem Kopfschütteln, mit einigem Genuss lesen können.


Anmerkungen und Quellen

Fußnoten:

  1. Siehe: Lyon Sprague de Camp, "Lost Continents - The Atlantis theme in history, science, and literature", Gnome Press, 1954 (diverse Neuauflagen); Derselbe, "The Ancient Engineers", Doubleday, 1963; Derselbe, "Citadels of Mystery" (gemeinsam verfasst mit Catherine Crook De Camp - Titel der Erstausgabe: "Ancient Ruins and Archaeology"), London (Fontana), 1972
  2. Siehe: Lyon Sprague de Camp, "Versunkene Kontinente : von Atlantis, Lemuria und anderen untergegangenen Zivilisationen", München (Heyne), 1975
  3. Quelle: Tony O’Connell, "de Camp, Lyon Sprague (L)", 25. Mai 2010, bei Atlantipedia.ie (abgerufen: 23. Juli 2017; Übersetzung ins Deutsche durch Atlantisforschung.de)
  4. Quelle: ebd.
  5. Quelle: ebd.
  6. Quelle: John Blanton, "Remembering L. Sprague de Camp", in: The North Texas Skeptic (The Newsletter of The North Texas Skeptics), Volume 14 Number 12, Dezember 2000 (abgerufen: 23. Juli 2017)
  7. Siehe dazu z.B.: Edgar Wunder, "Die „Skeptiker“–Bewegung in der kritischen Diskussion" (online als PDF-Datei; 246 kB - abgerufen: 24. Juli 2017)
  8. Quelle: Tony O’Connell, op. cit. (2010)

Bild-Quellen:

1) Tony O’Connell, op. cit.
2) Bild-Archiv Atlantisforschung.de