Die Felszeichnungen von Addaura

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Eine Bestätigung für Platons Atlantis?

von Ferdinand Speidel

Die Grotten von Addaura sind ein Komplex von drei Höhlen, die sich 70 m über dem Meeresspiegel am Monte Pellegrino befinden, der etwa vier Kilometer von Palermo entfernt liegt. Die Höhlen sind seit längerer Zeit bekannt und wurden bereits archäologisch untersucht, da man dort das Skelett eines Zwergelefanten fand. Die Funde deuten auf eine Nutzung bereits im Paläolithikum hin und wurden auf 16.060 bis 15007 cal. BP datiert, sie wurden in das Archäologische Museum von Palermo verbracht.

Abb. 1 Hier das Foto einer Replik der paläolithischen Ritzzeichnungen, die heute im Archäologischen Museum von Palermo ausgestellt ist

Ein ganz besonderer Fund in einer der drei Höhlen wurde jedoch durch einen eher unglücklichen Umstand gemacht: Nach der Invasion Siziliens 1943 durch die Alliierten suchte man einen geeigneten Ort zur Lagerung von Explosivstoffen. Durch eine unbeabsichtigte Explosion des Waffenarsenals am Ende des Krieges stürzten Wände der Hauptgrotte ein, durch den Einsturz einer Felswand wurden Ritzzeichnungen sichtbar, die von der Archäologin Jole Bovio Marconi untersucht wurden. Ihre Ergebnisse veröffentlichte sie 1953.

Eine Replik der Felszeichnungen (Abb. 1) befindet sich heute im Archäologischen Museum von Palermo. Seit 1997 ist der Zugang für Besucher der Höhlen wegen der Gefahr herabstürzender Felsblöcke an der instabilen Felswand gesperrt. Bis 2012 wurden noch keine der notwendigen Absicherungsvorkehrungen getroffen, sodass sich die Stätte im Zustand des Zerfalls befindet. Die in der einen Höhle gefundenen Felszeichnungen zeigen Menschen und Tiere. In einer großen Gruppe von Boviden, Wildpferden und Hirschen wird eine Szene durch die Anwesenheit von menschlichen Figuren dominiert. Eine Gruppe von Personen umringt kreisförmig zwei zentrale Figuren, deren Köpfe bedeckt und deren Körper stark zurückgebeugt sind. Über die Bedeutung der Szene und die Identität der beiden umringten Personen gibt es mehrere, sich widersprechende Hypothesen.

Einige Gelehrte sehen darin die Darstellung einer Gruppe von Akrobaten, andere betrachten die Szene als ein Opferritual in Anwesenheit von Schamanen. Zur Bestärkung dieser These wurde auf Stricke um Hals und Seiten der zentralen Personen hingewiesen, die deren Körper in eine unnatürliche, schmerzvolle Rückwärtsbeugung zwingen. Es könnte sich dabei um ein Ritual der Selbststrangulation handeln, die aus anderen Kulturen bekannt ist. Dabei könnten die beiden maskierten Figuren neben den Opfern Schamanen bei einer Initiationszeremonie darstellen. Wieder andere, darunter auch die Entdeckerin Marconi sehen in der Szene die beiden männlichen Figuren als homoerotisches Bild. An dieser Stelle sei eine weitere Hypothese gewagt, die sich auf Platons Dialoge zu Atlantis stützt. In seinem Timaios gibt Platon in kurzer, aber präziser Form Informationen zeitlicher, geologischer und geografischer Art zum Schicksal von Atlantis.

In seinem Kritias geht er dann auf kulturelle Sitten und Bräuche der beiden gegnerischen Seiten, den Athenern und den Atlantern ein. Zunächst beschreibt er die der Athener und wendet sich dann jenen der Atlanter zu. In einem Abschnitt führt er aus, dass sich die zehn Herrscher aus der Nachkommenschaft Poseidons alle fünf bzw. sechs Jahre versammelten, um über gemeinsame Angelegenheiten zu beraten oder über mögliche Übertretungen Gericht zu sitzen. Der Wortlaut aus Platons Kritias sagt folgendes:

Abb. 2 Platons beschrieb im Kritias einen Ritus, den die Atlanter vom Beginn bis zum Untergang beibehielten. Noch im ausgehenden Paläolithikum, wurde diese Gepflogenheit fortgeführt und ist womöglich in den Zeichnungen der Addaura-Höhle dokumentiert.

"11. Für die Verteilung der Ämter und Ehrenstellen ferner waren von Anfang ab folgende Anordnungen getroffen. Von den zehn Königen war ein jeder in seinem Gebiet mit dem Wohnsitz in seiner Stadt Herr über die Bewohner und die meisten Gesetze, so daß er strafte und hinrichten ließ, wen er wollte. Die Herrschaft und Gemeinschaft unter ihnen selbst aber ward aufrechterhalten nach den Anordnungen des Poseidon, wie sie ihnen das Gesetz und die Inschrift überlieferte, die von den Urvätern auf einer Säule aus Oreichalkos eingegraben war. Sie stand mitten auf der Insel im Heiligtum des Poseidon.

Dort versammelten sie sich abwechselnd bald jedes fünfte, bald jedes sechste Jahr, um die ungerade Zahl nicht vor der geraden zu bevorzugen, und berieten hier in persönlicher Berührung über die gemeinsamen Angelegenheiten, untersuchten ferner, ob sich einer der ihren einer Übertretung schuldig gemacht hätte, und saßen darüber zu Gericht. Waren sie aber schlüssig, ein Gericht abzuhalten, so gaben sie einander zuvor folgendes Unterpfand. In dem heiligen Bezirke des Poseidon trieben sich frei weidende Stiere herum. Nun veranstalteten die zehn Herrscher ganz allein, nachdem sie zu dem Gott gefleht, er möge sie das ihm erwünschte Opferstück fangen lassen, eine Jagd ohne Eisen bloß mit Stöcken und Stricken.

Denjenigen Stier aber, den sie fingen, schafften sie auf die Säule hinauf und schlachteten ihn auf der Höhe derselben über der Inschrift. Auf der Säule befand sich außer dem Gesetze auch noch eine Schwurformel mit wuchtigen Verwünschungen gegen die Ungehorsamen. Wenn sie nun nach gesetzmäßigem Vollzuge des Opfers alle Glieder des Stieres dem Gotte als Weihgabe darbrachten, warfen sie in einen dazu vorbereiteten Mischkessel für jeden einen Tropfen geronnenen Blutes, das Übrige übergaben sie dem Feuer, nachdem sie die Säule ringsherum gereinigt hatten. Hierauf schöpften sie mit goldenen Trinkschalen aus dem Mischkessel und schworen, von ihren Schalen ins Feuer spendend, sie würden nach den Gesetzen auf der Säule richten und Strafe verhängen, wenn einer von ihnen sich vorher einer Übertretung schuldig gemacht hätte, was aber die Zukunft anlange, so würde keiner absichtlich sich einer Gesetzesübertretung schuldig machen und weder selbst anders als gesetzmäßig herrschen noch einem Herrscher gehorchen, der sich in seinen Anordnungen nicht nach den Gesetzen des Vaters richte.

Nachdem ein jeder von ihnen dies für sich selbst und für seine Nachkommen gelobt hatte, trank er und weihte die Schale in das Heiligtum des Gottes. Dann gönnten sie sich Zeit für das Mahl und für die notwendige Körperpflege. Sobald aber die Dunkelheit hereinbrach und das Opferfeuer erloschen war, legten alle ein dunkelblaues Gewand von wunderbarer Schönheit an und so, bei der Glut der Eidesopfer am Boden sitzend und alles Feuer um das Heiligtum herum auslöschend, ließen sie nächtlicher Weile dem Rechte als Richter und Gerichtete seinen Lauf, wenn einer von ihnen den anderen irgendeiner Übertretung beschuldigte. Das Urteil aber, welches sie gefällt, trugen sie, sobald es Tag ward, auf eine goldene Tafel ein, die sie als Gedenktafel aufstellten mitsamt den Gewändern. Es gab noch mancherlei andere Gesetze über die besonderen Gerechtsame der einzelnen Könige, die wichtigsten Bestimmungen aber waren die, dass sie niemals einander bekriegen, sondern sich alle gegenseitig beistehen sollten, wenn etwa irgendeiner von ihnen in einem der Staaten das königliche Geschlecht zu vernichten unternähme. Dabei sollten sie aber gemeinsam, wie die Vorfahren, über Krieg und sonstige Unternehmungen beraten und die Oberleitung dem Geschlechte des Atlas überlassen. Doch sollte der König nicht das Recht haben, einen seiner Verwandten zum Tode zu verurteilen, wenn nicht mindestens sechs von den zehn Herrschern ihre Zustimmung gäben." [1]

Diese Ausführungen Platons beschreiben einen Ritus, den die Atlanter vom Beginn bis zum Untergang regelmäßig beibehielten. Auch zeitlich, also noch im ausgehenden Paläolithikum, wurde diese Gepflogenheit fortgeführt und könnte damit durch die Zeichnungen der Addaura-Höhle nachempfunden und bestätigt sein. Auch die Opferung von Tieren und Bestrafung von Missetätern sind sowohl bei Platon als auch in den Zeichnungen wiederzufinden.


Anmerkungen und Quellen

Vorwiegend verwendetes Material:

(alle abgerufen am 11. September 2018)

Fußnote:

  1. Quelle: Platon, "Kritias", in der Übersetzung von Otto Apelt (Leipzig, 1919), Abschnitt 11 (119 St. und 120 St.; Hervorhebungen durch den Verfasser des Artikels)

Bild-Quellen:

1) Bernhard J. Scheuvens aka Bjs (Urheber) bei Wikimedia Commons, unter: File:Palermo-Museo-Archeologico-bjs-11.jpg (Lizenz: Creative-Commons, „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.5 generisch“ - US-amerikanisch)
2) HUNGARIAN ELECTRONIC LIBRARY, unter: PLATÓN