Die Wurzeln der Zivilisation

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Zur Erinnerung an das bahnbrechende Werk von Alexander Marshack

von Ferdinand Speidel

Abb. 1 Mit seinem Werk "The Roots of Civilization" (hier das Cover einer Ausgabe aus dem Jahr 1972) löste Alexander Marshack - zumindest unter fortschrittlichen Paläo-Anthropologen - einen Umdenk-Prozess bezüglich der kognitiven Fähigkeiten des Menschen im späten Paläolithikum aus.

Im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts traten einige Wissenschaftler, die sich mit der Altertumsforschung beschäftigten, in den Vordergrund, welche mit ihren Arbeiten die gängigen Lehrmeinungen in Frage stellten. Für Furore sorgte besonders ein Buch, vielleicht weniger in der Wissenschaft, aber umso mehr in der öffentlichen Meinung. Es war das Buch „Verbotene Archäologie“, das 1993 in erster Auflage erschien.

In diesem Buch trugen der Historiker und Philosoph Michael Cremo und der Mathematiker Richard Thompson eine Unmenge an Informationen über Funde von Fossilien und Artefakten aus den beiden letzten Jahrhunderten zusammen, die bei konsequenter Auswertung eine völlige Neuorientierung in der Geschichtsschreibung notwendig machen könnten. Eine solche Neuorientierung konnte die Wissenschaft jedoch durch konsequentes Aussitzen verhindern. Aber schon viel früher als Cremo und Thompson hatte sich Alexander Marshack vorgenommen, das Bild der geistigen Entwicklung des Menschen neu zu bestimmen.

Alexander Marshack (1918 bis 2004) war ein unabhängiger, amerikanischer Forscher, der sich auf die Archäologie des Paläolithikums spezialisiert hatte. Er erwarb den akademischen Grad eines Bachelors in Journalismus am City College von New York und arbeitete viele Jahre für das Magazin „Life“.

1957 hatte die Sowjetunion mit dem „Sputnik“ einen ersten, künstlichen Erdbegleiter ins Weltall geschickt und damit einen Wettlauf eröffnet, bei dem sich die Sowjetunion und die USA mit neuen Plänen zur Weltraumeroberung gegenseitig zu übertreffen suchten. Nachdem die Sowjetunion die erste Runde für sich entschieden hatte, wollten die USA nun die zweite gewinnen und setzten sich das Ziel, als erste Nation den Mond zu erreichen.

Marshack erhielt 1962 vom Lunar Exploration Committee der NASA den Auftrag, ein Buch zu schreiben. Es sollte den Weg aufzeigen, auf dem der Mensch in seiner Entwicklung den Punkt erreicht hatte, an welchem es ihn dazu drängte, zum Mond zu fliegen. Zu Beginn seiner Suche machte er die eigenartige Feststellung, dass ihm niemand – gleichgültig, ob aus dem Bereich der Wissenschaft, dem Ingenieurwesen, der Politik, dem Militär oder der Geschäftswelt – die Frage beantworten konnte, warum der Mensch eigentlich den Wunsch hatte, den Mond zu besuchen.

Abb. 2 Begann die Geschichte des Schrifttums 'plötzlich' mit der Erfindung der Keilschrift in Mesopotamien? Diese und andere 'Plötzlichkeiten' der Zivilisations-Geschichte begannen Alexander Marshack mehr und mehr zu irritieren.

Seine weiteren Nachforschungen führten ihn weit in die Vergangenheit. Auf der Suche nach dem Ursprung entwickelter Kulturen war Marshack über die vielen „Plötzlichkeiten“ überrascht. Angeblich begann die Wissenschaft „plötzlich“ mit den Griechen; in weniger philosophischer Betrachtung tauchten Stücke von Wissenschaft, Mathematik und Astronomie „plötzlich“ bei den Mesopotamiern, den Ägyptern, den frühen Chinesen und – deutlich später – in Amerika auf. Die Zivilisation begann offenbar „plötzlich“ im Fruchtbaren Halbmond; die Schrift, mit der Geschichte zur Historie wird, fing offensichtlich „plötzlich“ mit der Keilschrift in Mesopotamien (Abb. 2) und den Hieroglyphen in Ägypten an.

Die Agrikultur erschien scheinbar „plötzlich“ vor etwa 10.000 Jahren ohne großen Vorlauf; der erste Kalender tauchte „plötzlich“ mit der Agrikultur auf; Kunst und Ornamentik nahmen ebenso „plötzlich“ vor 30.000 oder 40.000 Jahren während der Eiszeit ihren Anfang, genau zu der Zeit als – zumindest nach einer These – der moderne Homo sapiens in Europa eindrang und den Neandertaler ersetzte. Nach Marshacks Meinung mussten alle diese „Plötzlichkeiten“ eine lange Vorgeschichte haben. Die Frage war nur: wie lange.

Hinter solchen Entwicklungen steckten Leistungen des menschliches Gehirns, doch es gibt keine archäologischen Hinweise darauf, wie die Gehirne der Erfinder ind Innovatoren arbeiteten, und welche Umstände zu den „plötzlichen“ kulturellen Manifestationen führten.

Zu der Zeit von Marshacks Recherchen in den 1960ern war die Arbeit der Prähistoriker vor allem auf das Auffinden, Kategorisieren und Datieren von Produkten der menschlichen Hand oder seines Gehirns ausgerichtet. Nach der Klassifizierung folgte der Versuch der Interpretation der menschlichen Evolution durch Chronologie und der Wechselbeziehung dieser Produkte.

Abb. 3 Der 'Knochen von Ishango', dessen Gravuren A. Marshack als Mondkalender identifizierte.

Was bis dahin noch kaum angesprochen wurde, war die Tatsache, dass die Herstellung von Werkzeugen und anderen Gegenständen und deren Nutzung, wie auch die Fähigkeit zur Sprache, von der Fähigkeit des Gehirns zu kognitiven Prozessen abhängig sind. Die Produkte dieser Prozesse, welche der Mensch hinterließ, sind Stein- und Knochengerätschaften. Wir können daraus aber nicht erkennen, was die Dinge jenen Menschen bedeuteten.

Und genau diesem Geheimnis wollte Marshack auf die Spur kommen und es nach Möglichkeit lüften. Er bereiste Europa und Afrika, um in Museen Knochen- und Hornstücke mit Einkerbungen, Ritzungen usw. mikroskopisch zu untersuchen. Er wollte damit den Nachweis bringen, dass der Mensch schon zu einem sehr frühen Stadium zu kognitiven Erkenntnissen fähig war und diese in Form von Aufzeichnungen festhielt und für seine Zwecke nutzte.

Abb. 4 Zeichnung eines markierten Knochen-Fragments aus Bilzingsleben. Sind diese Kerben lediglich sinnlose 'Kratzereien' eines Homo erectus, oder hatten sie eine konkrete Bedeutung?

Am Beispiel eines Knochenstückes von Ishango, einer steinzeitlichen Siedlung am Eduardsee, auch Rutanzigesee genannt, zwischen Uganda und der heutigen Demokratischen Republik Kongo gelegen, führte er den Nachweis, dass die Einkerbungen (Abb. 3), die vor 20.000 bis 25.000 Jahren gemacht wurden, Aufzeichnungen von Mondphasen darstellen.

In seinem erst 1991 erschienenen Buch „The Roots of Civilization(Abb. 1) liefert Marshack zahlreiche Beispiele dafür, dass man mit präziser, mikroskopischer Beobachtung viele dieser prähistorischen Relikte „lesen“ und die Gedanken des Urhebers verstehen kann. Ganz im Gegensatz zur Meinung der damaligen Archäologen und Prähistoriker, nach deren Vermutung es sich um Dekoration, Jagdmarkierungen oder sexuelle Zeichen handelte, konnte Marshack beweisen, dass schon der frühe Mensch seine Umwelt mit vollem Bewusstsein wahrnahm und seine Wahrnehmungen aufzeichnete.

Ende der 1960er Jahre verfasste Marshack eine erste wissenschaftliche Ausarbeitung über seine Arbeiten und die daraus resultierenden Erkenntnisse. Er musste jedoch zwanzig Jahre warten, bis er dafür Anerkennung erfuhr.

Nach dem Abschluss seines Auftragsbuches für die NASA setzte Marshack seine Forschungsarbeit über die geistige Entwicklung des frühen Menschen fort. Er war überzeugt davon, dass der Mensch der späten Altsteinzeit ein sehr viel ausgeprägteres Bewusstsein zum Erkennen seiner Umwelt hatte, als es bisher von der Wissenschaft angenommen wurde. Er war sogar der Meinung, dass bereits der Homo erectus von 700.000 bis vor etwa 400.000 Jahren kognitive Eigenschaften entwickelt hatte, die ihm halfen, sein Überleben zu sichern.


Anmerkungen und Quellen

Dieser Beitrag von Ferdinand Speidel © wurde von ihm im April 2015 für Atlantisforschung.de verfasst.

Bild-Quellen:

1) Littlehampton Book Services Ltd / Bild-Archiv Atlantisforschung.de
2) Kzhr bei Wikimedia Commons, unter: File:Cuneiform script.jpg
3) Robertrillo bei Wikimedia Commons, unter: File:Huesos de ishango.jpg
4) Locutus Borg bei Wikimedia Commons, unter: File:Bilzingsleben bone.jpg