Talayots, Taulas und Navetas

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Die rätselhaften megalithischen Relikte der Balearen

von William R. Corliss

Abb. 1 Die Ruine des Talaiot de sa Cova de sa Nineta (Son Serra de Marina) auf Mallorca

Die Balearen liegen vor der Ostküste Spaniens. Die beiden größten Inseln dieser Gruppe, Menorca (auch: Minorca) und Mallorca (auch: Majorca) können sich einer Klasse von Steintürmen rühmen, die 'Talayots' genannt werden. Talayot bedeutet "Wachturm", aber bei diesen ohne Mörtel errichteten Steinstrukturen handelte es sich wohl eher um defensive Wohnstätten, ähnlich wie bei den Nuraghen Sardiniens, denen sie in mancher Hinsicht ähneln.

Frühe Siedler fassten auf Menorca um 5000 v.Chr. Fuß. Der Bau von Talayots begann aber erst cirka 1500 v.Chr. und wurde ungefähr 1000 Jahre lang fortgesetzt. Archäologen und Anthropologen sind der Auffassung, dass die Talayots von einer Welle von Migranten errichtet wurden, höchst wahrscheinlich Nuraghen-Bauern von der größeren Insel Sardinien im Osten der Balearen. Sowohl auf Menorca als auch auf Mallorca gibt es jeweils mehr als 100 Talayots. Sie beherbergen auch eine Vielzahl anderer ungewöhnlicher Steinstrukturen. So gibt es dort beispielweise die 'Navetas', bei denen es sich um steinerne Grabmale mit der Form umgedrehter Boote handelt (siehe unten). Außerdem finden sich dort aufällige Bilithe, die 'Taulas' genannt werden. Die Taulas bestehen aus einem großen, aufrecht stehenden Stein, auf dessen Oberseite sich ein quer liegender Block oder Oberbalken befindet, woraus ein T-förmiges Monument resultiert. Taula wird mit "Tisch" übersetzt, doch einige von ihnen sind 13 Fuß [ca. 4 m; d.Ü.] groß, und offenkundig nicht als Tische geeignet. Stattdessen hatten sie wohl irgendeine religiöse Bedeutung.

Abb. 2 Die große Taula de Torralba de Salord auf Menorca

Tatsächlich gibt es auf Menorca einen imposanten Ritual-Komplex namens Talatí. Bei Talatí findet man nicht nur ein Talayot und eine Taula, sondern auch Steinkreise und Menhire - die alle an einige der nördlichen megalithischen Ritual-Zentren in Frankreich erinnern.

Eine subtile und bezaubernde Schilderung der überraschenden Fülle von Altertümern auf Menorca wurde 1886 von H. Sanz verfasst. Er bietet uns sowohl einen interessanten Hintergrund als auch eine angemessene Beschreibung der Talayots:

"Der zerstörerischen Hand der Zeit zum Trotze sind auf Minorca (Balearische Inseln) noch immer mancherlei megalithische Monumente vergangener Zeitalter über den gesamten westlichen Teil der Insel verstreut, welche sich aufgrund der Grobheit ihrer Konstruktion als das Werk ihrer frühen Bewohner erweisen. Selbst heute noch rufen die enormen, Talayots genannten, Packen von Steinen großes Erstaunen hervor: die außerordentlichen Steintafeln, die künstlichen Höhlen und Keller, Säulenreihen und Kreise von Mehniren, und jene seltsamen Konstruktionen in Form von Schiffen, die einzigen dieser Art auf der Welt. Es wäre eine höchst problematische, diffizile wenn nicht gar unlösbare Aufgabe, einen glaubwürdigen Bericht über ihren Ursprung vorzustellen, so umhüllt ist er von der Obskurität der Geschichte. [...]

Abb. 3 : Das Innere eines der talayotischen Gebäude von Talatí de Dalt auf Menorca

Talayots sind megalithische Monumente in Form abgestumpfter Kegel, deren Basis kreisrund, elliptisch oder oval ist, und ein paar sind wie eine quadratische, oben abgeschnittene Pyramide, die von einer größeren oder kleineren Anzahl Reihen großer, zumeist unbehauener Steine ohne irgendeine Verbindung [d.h. ohne Mörtel] gebildet wird. [...] Auf den Ländereien von Nornia liegt eine der perfektesten und charakteristischsten Arten von Talayots mit niedrigem Eingang, deren Durchmesser schätzungsweise 15 Meter beträgt, bei einer Höhe von nicht weniger als 11 Meter. Der niedrige Eingang oder die tiefständige Tür misst 0,80 Meter in der Höhe und 0,60 m in der Tiefe. In ihrem Inneren sind 10 oder 12 Stufen, ein Zugang, der einst zweifellos in den oberen Teil des Talayots führte, doch das Dach ist eingestürzt und füllt die Räumlichkeit völlig aus." [1]

Die Talayots sind, wie somit ersichtlich wird, nur etwa halb so gtoß wie die Nuraghen Sardiniens. Doch sind sie wirklich nur kleinere Versionen der Nuraghen? Eine Mitteilung in Nature [aus dem Jahr 1927; d.Ü.] verneint diese artmäßige Beziehung und stellt damit die vorherrschende Theorie zu Ursprung und Verwendungszweck der Talayots infrage:

Abb. 4 Der zentrale Talayot von Talatí de Dalt, Menorca

"Es wurde allgemein davon ausgegangen, dass die Talayots von Minorca, große Mounds von 26 bis 30 Fuß [ca. 8 bis 9,1 m; d.Ü.] Höhe aus gewaltigen, groben, unzementierten Steinen mit den besser bekannten Nuraghen auf Sardinien vergleichbar seien. Dieser Vergleich beruhte auf der Ansicht, dass die Talayots in einigen, wenn nicht in allen Fällen [innen] hohl, mit einem Eingang gebaut wurden, der in dierer Hinsicht einem Cairn mit Kammergrab gleicht. Mr. Chamberlin untersuchte 186 Talayots, von denen einige zuvor unbekannt waren. 107 davon waren in einem hinlänglich guten Erhaltungs-Zustand, um ihm die Feststellung zu erlauben, dass lediglich 32, also nur einer von dreien, jemals einen Eingang irgendeiner Art hatte, wobei nur drei einen Innenraum aufwiesen und ein einziger mehr als ein Gemach. Er erscheint daher klar, dass die Talayots nicht mit den Nuraghen vergleichbar, und tatsächlich Monumente ohne irgendwelche Entsprechungen sind." [2]

Abb. 5 Der 'Bug' der Naveta des Tudons bei Ciutadella auf Menorca.

Natürlich mag die archäologische Forschung seit 1927 die gerade präsentierte Statistik modifiziert haben. Offenbar waren zumindest einige der Talayots Schutz-Behausungen, doch andere dürften für andersartige Zwecke errichtet worden sein.

[...] Andere zyklopische Strukturen [der Balearen; d.Ü.] sehen aus wie umgedrehte Boote. Ihre Form hat ihnen den Namen "Navetas" eingebracht. Das Heck dieser seitenverkehrten bootsähnlichen Stein-Strukturen ist flach. Von diesem Ende aus betrachtet, sehen sie ganz ähnlich aus wie die griechische Pyramide von Hellenikon. Das andere Ende ist natürlich spitz zulaufend. (Abb. 5) Nichtsdestotrotz ist der Gesamteindruck der einer Pyramide.

Die Navetas sind etwa 20 Fuß [ca. 6,1 m; d.Ü.] hoch. Wie die zeitgenössischen Talayots sind sie in Hinsicht auf ihren Baustil zyklopisch, doch glatter bearbeitet. Alle Navetas enthalten einen Vorraum, eine Hauptkammer sowie eine obere Kammer. Im Unterschied zu [manchen] Talayots wurden sie offensichtlich nicht als Zufluchtsorte bei Kampfhandlungen für die ortsansässige Bevölkerung genutzt. Vielmehr scheinen sie für Bestattungen und Beerdigungs-Riten verwendet worden zu sein.


Anmerkungen und Quellen


Abb. 6 "Ancient Structures - Remarkable Pyramids, Forts, Towers, Stone Chambers, Cities, Complexes" - editiert und herausgegeben von Willliam R. Corliss, The Sourcebook Project, 2001

Dieser Beitrag von William R. Corliss wurde seinem 2001 erschienenen Buch "Ancient Structures - Remarkable Pyramids, Forts, Towers, Stone Chambers, Cities, Complexes" (Abb. 6) entnommen und stellt eine Kompilation der beiden darin enthaltenen Abschnitte "The talayots of the Menorca and Mallorca" (MST4/X3, S. 275-276) sowie "Menorca, Balearic Islands" (MSP1, S. 142) dar. Übersetzung ins Deutsche und redaktionelle Bearbeitung durch Atlantisforschung.de (Mai 2015)

Fußnoten:

  1. Quelle: Francesc Hernández i Sanz, "Antiquities on the Island of Minorca", in: American Antiquarian 8:124, 1886
  2. Quelle: Anonymus, in Nature 119:61, 1927

Bild-Quellen:

1) Olaf Tausch bei Wikimedia Commons, unter: File:Talaiot de sa Cova de sa Nineta 05.jpg (Lizenz)
2) Miquel Colomer Planagumà, Barcelona, España (CC BY-SA 2.0), bei Wikimedia Commons, unter: File:Taula de Torralba de Salord.jpg
3) Dreizung (GFDL) bei Wikimedia Commons, unter: File:Talati de Dalt 1.JPG
4) Dreizung (GFDL) bei Wikimedia Commons, unter: File:Talati de Dalt 2.JPG
5) Daniel Lobo (Naveta des Tudons) bei Wikimedia Commons, unter: File:Naveta des Tudons (4).jpg
6) Bild-Archiv Atlantisforschung.de