Atlantioi

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Diodorus Siculus, Platon und die Atlantioi

Genealogische Probleme

Abb. 1 War der mythische Atlanter-König Atlas der Sohn des Poseidon, wie es bei Platon heißt, oder - nach Diodorus Siculus - der Sproß des Uranos und ein Bruder des Kronos?
(Foto: © Steve Hudson)

(bb) Wir haben bereits an anderer Stelle [1] darauf hingewiesen, dass es bezüglich Diodors offensichtlicher Ablehnung der - lange vor seiner Zeit entstandenen - Atlantida Platons auch gewisse mythische bzw. religiöse Implikationen geben haben könnte. So dürfte Platons Auslegung der mythischen Olympier-Historie bei ihm einiges exegetische Kopfschütteln hervorgerufen haben. Erinnern wir uns dazu zunächst, was Platon im Kritias (109b, 109c) über die Verteilung des Erdkreises unter den Göttern zu berichten weiß: "Die Götter verteilten einst unter sich die ganze Erde und zwar durch das Los, nicht im Streit ... Dem Hephaistos und der Athene aber, die eine gemeinsame Natur hatten, da sie teils vom selben Vater stammend verschwistert waren, teils weil sie sich aus Liebe zur Weisheit und Kunst den gleichen Dingen zuwandten, erlosten beide zusammen als einen gemeinsamen Anteil unser Land hier... und gaben die verfassungsmäßige Ordnung nach ihrem Sinn..." [2]

Später (113b) heißt es dann: "Wie im vorigen von der Verlosung unter den Göttern erzählt wurde, dass sie die ganze Erde teils in großen und teils in kleinen Stücken unter sich verteilten und sich Heiligtümer und Opfer stiften ließen, so fiel nun auch Poseidon durch das Los die Insel Atlantis zu. Dort siedelte er seine Nachkommen, die er mit einem sterblichen Weibe gezeugt hatte, an einer bestimmten Stelle der Insel an..." [3]

Auch Diodor greift das Thema der Verteilung des Erdkreises unter den Göttern auf, liefert aber eine ganz andere Version dieser Überlieferung. Bei ihm heißt es, wie z.B. Daniel Fleck feststellt, dass "die Welt nach dem Tod des Titanen Hyperion unter den Söhnen des Uranos aufgeteilt wurde, wobei Kronos und Atlas die Gebiete entlang des Okeanos zugesprochen wurden. Ein Berg wurde nach Atlas benannt und die Bewohner des Gebietes hießen nun Atlantioi. Diodorus Siculus schreibt das die Atlantioi die Ureinwohner des Gebietes seien und ihre großen Städte die Geburtstätten der Götter waren. Zu bedenken ist, das der antike Geschichtsschreiber Herodot in seiner „Historia“ das Volk der Atlanter beschreibt die die Westsahara besiedelten." [4]

Die genealogischen Unterschiede in beiden Varianten sind augenfällig und Fleck kommentiert zu Recht: "Erstaunlich ist hier das Atlas, der laut griechischen Mythen Sohn des Japetos ist, der Sohn des Uranos war. Plato schreibt in seinen Atlantis-Bericht, dass Atlas Sohn des Poseidon war. Die richtige Genealogie wäre laut griechischen Mythen: Gaia und Uranos zeugen Kronos und Japedos, Kronos zeugte mit seiner Schwester Rheia den Meeresgott Poseidon und Japedos zeugte mit seiner Nichte Klymene den Riesen Atlas." [5]


Atlas, Uranos und die Atlantioi bei Diodor

Abb. 2 Nach Diodorus Siculus war der Gott Uranos erster König von Atlantis. (Bild: Deutsche Fotothek)

Während Platon also die "Verteilung des Erdkreises" unter den Göttern und die Taten des Atlas (und damit auch die Gründung von Atlantis) in das Regnum des Zeus einordnet, hielt Diodorus Siculus den Atlas offenbar für einen Titanensproß aus dem 'Goldenen Zeitalter'. So hieß es bei ihm, wie Jürgen Spanuth festhält: "Die Atlanter, welche an den Gestaden des Okeanos fruchtbare Landschaften bewohnten, zeichneten sich gar sehr durch Frömmigkeit gegen die Götter aus, ebenso auch durch Freundlichkeit gegen Fremde; sie behaupteten auch, daß bei ihnen die Götter geboren seien. Und mit dem, was hierüber bei ihnen erzählt wird, stimmt auch der trefflichste Dichter der Hellenen, Homer, überein, der die Hera sagen läßt: >Denn ich geh´zu den äußersten Enden der fruchtbaren Erde, / Daß ich den Vater Okeanos schau', und Tethys, die Mutter, / Die mich in ihrem Palast erzogen und hüteten beide< (Ilias 14, 200 ff.)

Sie (die Atlanter) erzählen, daß Uranos (Abb. 2) als der erste König bei ihnen geherrscht und die zerstreut wohnenden Menschen in den Schutz einer umwallten Stadt zusammengezogen habe. Und die ihm untertänig waren, habe er der Gesetzlosigkeit und dem tierähnlichen Leben entwöhnt, indem er die Benutzung und Zubereitung der Feldfrüchte erfand und auch noch andere nützliche Erfindungen machte. Auch habe er die Herrschaft über die größten Teile der bewohnten Erde gewonnen, zumal über die Länder gegen West und Nord.

Die Gestirne hat er sorgfältig beobachtet und vieles vorausgesagt, was am Himmel geschehen werde, und so habe er die Völker das Jahr beobachten gelehrt nach den Bewegungen der Sonne, und die Monate, sowie auch die verschiedenen Jahreszeiten. Die Menge aber, unbekannt mit der ewigen Ordnung der Gestirne, und voll Staunen über die richtig eingetroffenen Weissagungen, habe geglaubt, daß, wer solche Dinge lehre, göttlicher Natur sein müsse, und habe ihm, nachdem er von den Menschen geschieden war, seiner Wohltaten und seiner Gestirnkunde wegen unsterbliche Verehrung zuteil werden lassen und seinen Namen auf den Himmelsbau übertragen, teils weil er solche Kenntnisse gezeigt mit dem Auf- und Untergang der Gestirne und der sonstigen Erscheinungen im Weltall, teils um seine Wohltaten durch die Größe der ihm erwiesenen Ehre noch zu überbieten, indem sie ihn für alle Ewigkeit für den König des Weltalls erklärten< (Geschichts-Bibliothek, Kap. 56-61)." [6]


Das Ende der Atlantioi bei Diodor

Abb. 3 Wie es zudem bei Diodorus Siculus heißt, wurden die Atlantioi von dem kriegerischen Volk der Amazonen besiegt.

Auch was das Ende der Atlanter (Atlantioi) und ihrer alten Kultur betrifft, unterscheidet sich die Darstellung Diodors signifikant von den Angaben in Platons Atlantisbericht. Während Platon der Naturkatastrophe, die ihr Schicksal besiegelt, einen Krieg gegen die Ägypter, Athener und andere Völker des östlichen Mittelmeer-Raumes vorausgehen ließ - wobei er die Bewohner von Atlantis als Aggressoren beschreibt -, werden sie bei Diodorus Siculus im dritten Buch seiner 'Bibliotheca historica' quasi als Opfer einer völlig anderen expansiven Militärmacht in Nordwest-Afrika dargestellt - der Amazonen (Abb. 3).

D. Fleck gibt dies folgendermaßen wieder: "Als die Amazonen, die ein sehr kriegerisches Volk waren, alle Völker im Umkreis unterwarfen zogen sie gegen das zivilisierteste Volk des Landstriches, den Atlantioi, in den Krieg. Die Amazonen unterwarfen mit 30000 Fußtruppen und 3000 Reitern die Atlantioi in der Stadt Cerne. Die Atlantioi unterwarfen sich und wollten alles tun was Myrina, die Königin der Amazonen, verlangte. Myrina war gnädig und erbaute auf den Resten von Cerne eine neue Stadt namens Myrina. Die Atlantioi baten die Amazonen gegen die grausamen Gorgonen (die vom mythischen Perseus vernichtet wurden [7]) vorzugehen, da diese die Gegend unsicher machten. Die Amazonen wagten gegen die Gorgonen vorzugehen und nahmen 3000 Gefangene, aber der Plan die restlichen Gorgonen auszuräuchern scheiterte." [8]


Anmerkungen und Quellen

  1. Siehe dazu bei Atlantisforschung.de: "Diodorus Siculus und die platonische Atlantida" (bb)
  2. Quelle: Platon, "Kritias" (109b, 109c) in der Übersetzung von Jürgen Spanuth, "Die Atlanter - Volk aus dem Bernsteinland", Tübingen, 1976, S. 455
  3. Quelle: Platon, "Kritias" (113b); nach der Übersetzung von R. Rufener
  4. Quelle: Daniel Fleck, atlantia.de, unter Die Atlantioi oder Hesperiden
  5. Quelle: ebd.
  6. Quelle: Jürgen Spanuth, op. cit., S. 210-211
  7. Siehe dazu bei Atlantisforschung.de: "Perseus und die Gorgonen" (bb)
  8. Quelle: Daniel Fleck, op. cit.


Bild-Quellen

(1) Steve Hudson Photograpy, unter: http://www.hudsonphoto.com/images/Landmarks/atlas.jpg

(2) Wikipedia - Die freie Enzyklopädie, unter: Datei:Fotothek df tg 0000641 Astronomie ^ Forschung.jpg

(3) Wikimedia Commons, unter: File:Amazons MAR Palermo NI1821.jpg