Atlantis und die Ornamentik der Herzsprung-Schilde

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von unserem Gastautor Günter Bischoff


Einführung

Nach wie vor sind die Deutungen der Atlantis-Legende, die der griechische Philosoph Platon um 350 v. Chr. in seinen Dialogen "Kritias" und "Timaios“ niederschrieb, sehr umstritten. Vor sechs Jahrzehnten gelang jedoch dem norddeutschen Pastor und Archäologen Jürgen Spanuth (1907 - 1998) mit einer wissenschaftlich gut fundierten Hypothese ein Durchbruch in der Atlantisforschung. Im Jahre 1953 veröffentlichte er in dem Buch „Das enträtselte Atlantis(Abb. 1) erstmals seine Theorie, deren Hauptaussagen nach Auffassung mehrerer Wissenschaftler bis heute nicht stichhaltig widerlegt werden konnten. [1]

Zum besseren Verständnis dieses Beitrags seien Spanuths Hauptthesen vorangestellt:

Abb. 1 Das Cover von Jürgen Spanuths erstem Werk aus dem Jahr 1953
  • 1) Alle Geschehnisse, die mit dem Untergang von Atlantis im Zusammenhang stehen, ereigneten sich zwischen 1250 v. Chr. und 1150 v. Chr.
  • 2) Platons Beteuerung, er habe die Informationen (über Zwischenstationen) von Solon erhalten und dieser wiederum von ägyptischen Priestern in Sais, ist äußerst glaubwürdig. Noch heute sind Dokumente zugänglich (Papyrus Harris, Wandreliefs im Totentempel Ramses‘ III. in Medinet Habu), die ganz ähnliche Ereignisse, wie im Atlantisbericht beschreiben.
  • 3) Die Atlanter befanden sich unter den Nord- und Seevölkern, die um 1200 v. Chr. im Zuge der „Großen Wanderung der frühen Urnenfelderleute“ Ägypten und andere Länder des östlichen Mittelmeerraumes angriffen. Ein Teil der dieser Völker kam aus Mitteleuropa und Südskandinavien.
  • 4) Um 1220 v. Chr. versanken in einer besonders verheerenden Sturmflut in der Deutschen Bucht zahlreiche Marschen, Inseln und Teile der jütischen Halbinsel. Diese Region an der Nordsee gehörte zum Kerngebiet von Atlantis, das sich über Südnorwegen, Südschweden, Dänemark und Norddeutschland erstreckte (Nordische Bronzekultur). [2]
  • 5) Das größte Kult-, Handels- und Wirtschaftszentrum dieser bronzezeitlichen Kultur lag auf Althelgoland. Basileia, die „Heilige Insel“ der Atlanter, war eine größere zusammenhängende Insel, die sich in der Bronzezeit vom heutigen Helgoland bis zur ehemaligen Insel „Südstrand“ erstreckte.
  • 6) Neben dem Kerngebiet, dem Reich des Atlas im Norden, zählten weitere neun Königreiche zur Kulturgemeinschaft der Atlanter. Dazu gehörten außer einem Gebiet in Nordafrika vor allem die bronzezeitlichen Kulturen Westeuropas, die sich aus den Megalithkulturen entwickelten.


Die Ornamentik der Herzsprung-Schilde

Abb. 2 Ein Paar der so genannten Herzsprung-Schilde aus Herzsprung, Nordwest-Brandenburg

Der Streit um Atlantis wäre vielleicht schon längst entschieden, wenn es einen einmaligen, authentischen archäologischen Fund gäbe, dessen Herkunft und Identität zweifelsfrei mit der Überlieferung Platons in Zusammenhang gebracht werden könnte. Der Autor glaubt nun, dass vor wenigen Jahren ein norddeutscher Privatforscher auf eine vielversprechende heiße Spur stieß. Folgende Überlegungen spielten dabei im Vorfeld eine Rolle.

Der griechische Philosoph beschrieb bekanntlich „Basileia“, die Stadt und Insel des Poseidon, sehr detailliert, aber einige seiner Aussagen erscheinen so unglaubwürdig, dass sie selbst von Atlantis-Befürwortern angezweifelt wurden. Es betrifft vor allem die Schilderung einer gigantischen Anlage von konzentrischen Land- und Wasserringen um den innersten Kultbereich, dem heiligsten Teil von Basileia. Der äußere und größte Wasserring soll drei Stadien (555 m) breit gewesen sein und einen Außendurchmesser von 27 Stadien (5 km) gehabt haben. Von dort aus soll ein drei Plethren (93 m) breiter, 100 Fuß tiefer und 50 Stadien (9,3 km) langer Kanal die Verbindung zum offenen Meer hergestellt haben (siehe Abb. 3). Die Ansicht des Greifswalder Prähistorikers Günther Kehnscherper (1978, S. 123) schien daher gerechtfertigt zu sein, dass diese Anlagen nicht wirklich existierten. Wie er glaubte, lagen ihrer Beschreibung lediglich ungenaue Vorstellungen der Mittelmeeranwohner über kreisförmige Anlagen im Norden, insbesondere über das Stonehenge-Heiligtum zugrunde.

Bischoff-Atlantisskizze.jpg

Abb. 3 Schematisierter Aufbau des Inselzentrums von „Basileia“ nach Platon, wobei in der vorliegende Skizze die bei Platon erwähnten zwei Brücken über die beiden schmalen Innenkanäle fehlen


Abb. 4 Herzsprung-Schild aus Schweden (Foto : H. Zschweigert)

Dem Hollingstedter Privatforscher Hermann Zschweigert ist nun im Jahre 2004 eine Entdeckung gelungen, der zufolge es diese konzentrischen Ringgewässer, Kanäle, Schleusen und Brücken höchstwahrscheinlich doch auf dieser Insel gab, auch wenn die Größenangaben vorerst nicht überprüfbar sind. Ausgangspunkt der Überlegungen waren die seit langem bekannten bronzezeitlichen Prunkschilde vom Typ „Herzsprung“. Ihren Namen erhielten die im Jahre 1844 von einem Bauern entdeckten, etwa 70 cm großen Exemplare nach ihrem Fundort in der Ostprignitz (NW-Brandenburg). Die meisten Prunkschilde dieser Art wurden seither im Verbreitungsgebiet der Nordischen Bronzekultur gefunden, die anderen verstreut im übrigen Europa. Ihre eigenartige Ornamentik konnten die Archäologen bisher nicht befriedigend deuten, und so bezeichneten sie beispielsweise die zwei halbkreisförmigen kleinen Leisten als „Möndchen“, „mondsichelartige Hörnchen“ oder als „U-förmige Bögen“ (siehe Abb.2, 4, 5 und 6 sowie Tab. 1). Gerade diese Einzelheit ist typisch für die Herzsprung-Schilde.


Bisherige Deutungen der Herzsprung-Schilde duch Archäologen


Herzsprungachilde-konventionelle Interpretationen.jpg

Tab. 1 Eine Zusammenfassung konventioneller archäologischer Interpretationen zu den Herzsprung-Schilden (nach Marion Uckelmann, 2005)


Neue Deutung im Rahmen der Atlantisforschung

Abb. 5 Herzsprung-Schild aus Schweden mit einer stilisierten Hafenbucht (?)

Der Wahrheit bereits sehr viel näher kam vor einem dreiviertel Jahrhundert der deutsche Archäologe Jörg Lechler. Seiner Meinung nach konnte es sich hierbei nur um eine vereinfachte Darstellung einer Trojaburg im Sinne einer Kreisgrabenanlage handeln (Lechler 1936, S. 117). Ohne diese Veröffentlichung zu kennen, kam Zschweigert 2004 eine entscheidende Idee. Als er nämlich die Fotos von Herzsprung-Schilden auswertete, die er bei einem Besuch des Vitlycke-Museums in Tanum (Südschweden) gemacht hatte, erkannte er mit einem Mal die Bedeutung der ungewöhnlichen Muster: es handelt sich hierbei um stilisierte Darstellungen wichtiger Bauwerke der Insel Basileia. [3]

Die Übereinstimmungen mit Platons Überlieferung sind in der Tat frappierend. Die zwei äußeren, leicht ovalen konzentrischen Leisten entsprachen in der Realität offenbar den hohen äußeren Erdwällen auf den zwei Landringen, und die halbkreisförmigen „Möndchen“ geben die bogenförmigen Brücken über die inneren Verbindungskanäle wieder.

Abb. 6 Ein Herzsprung-Schild aus Dänemark mit kunstvoller Darstellung von Wasservögeln

Mit dieser ersten Erkenntnis erschlossen sich dann auch die weiteren Besonderheiten der bronzezeitlichen Anlage: der zum Meer führende breite und lange Kanal wurde als dreifache Buckelreihe dargestellt, die mit Oreichalkos [4] verkleidete Mauer rund um die knapp 1 km große Mittelinsel als weitere kreisförmige Leiste. Auch für den bei anderen Schildarten untypischen großen ovalen Buckel in der Mitte gab es eine sinnvolle Entsprechung in der Wirklichkeit: er sollte den niedrigen Burghügel in der Mitte von Basileia darstellen (siehe Abb. 2, 4, 6).

Mit Hilfe weiterer Details auf den Schilden lässt sich das Aussehen Althelgolands mosaikartig vervollständigen. Die innerste Kreisleiste ist nicht vollständig geschlossen. Wahrscheinlich war die Umfassungsmauer an dieser Stelle für eine Schiffsanlegestelle oder einen Hafeneingang direkt am heiligen Bezirk unterbrochen. Die Gezeitenwirkung konnte im inneren Wasserring vernachlässigt werden, denn die zwei schmalen Kanäle waren mit "Toren und Türmen“, also Schleusen ausgestattet. Die Deutung als Maueröffnung wurde nach weiteren Recherchen des Autors dadurch gestützt, dass bei einigen im Nationalmuseum Kopenhagen ausgestellten Herzsprung-Schilden die erhabene zentrale Kreisfläche mit einer runden Aussparung versehen wurde, was offenbar eine dahinter gelegene geschützte Hafenbucht darstellt (Abb. 5).

Schließlich wurde bei manchen Herzsprung-Schilden außen noch ein fortlaufender Kreis aus Wasservögeln dargestellt (Abb. 6). Die Hyperboreer-Sagen erwähnen diesbezüglich eine Insel „Elektris“ oder „Helixoia“ im „Nördlichen Ozean“ an der Mündung des Bernsteinflusses Eridanos, auf der es einen Teich mit heiligen Schwänen gegeben haben soll. [5]

Abb. 7 Gürtelscheibe mit Dorn und Ringmotiv mit stilisierten Wasserwellen

Manchmal wurden die Herzsprung-Schilde auch paarweise gefunden, und auf dem einfacher gestalteten Schild waren lediglich die hohen Erdwälle der zwei Landringe mit den beiden Brücken stilisiert wiedergegeben (Abb. 2) Diese gewaltigen Bauwerke haben die Seeleute offensichtlich besonders beeindruckt, wenn sie die Kanäle entlang fuhren und geradewegs vor sich den auf einem Hügel errichteten prachtvollen Königspalast sahen. Das Passieren der breiten gewölbten Brücken war überdies ein außergewöhnliches Erlebnis, weil die Schiffe „unterirdisch“ hindurch fahren mussten. [6]

Viele markante Einzelheiten des Inselaufbaus lassen sich also in der ungewöhnlichen Ornamentik der Herzsprung-Schilde wieder erkennen. Darüber hinaus stimmt auch noch die Anordnungsreihenfolge der Bauwerke mit der Überlieferung überein. Mit anderen Worten, die Verzierungen auf diesen Prunkschilden können als mehr oder weniger detaillierter „Stadtplan“ von Althelgoland interpretiert werden. Einmal mehr weisen diese Entdeckung sowie die Fundhäufigkeit der Schilde auf die Lage des Kerngebietes von Atlantis hin.

Abb. 8 Ein dänisches Mädchen in Kostüm mit Gürtelscheibe

In der Kunst der Nordischen Bronzekultur stößt man aber noch auf weitere Gegenstände, die höchstwahrscheinlich das weithin bekannte Zentrum schematisiert wiedergeben. Die konzentrischen Kreisringe, die mit abwechselndem Muster die Land- und Wasserringe darstellen sollen, sind sehr häufig anzutreffen. Die von den „Bronzejuwelieren“ mit hoher Präzision hergestellten Bänder aus Doppelspiralen und kleinen Kreisen symbolisieren dabei die Wasserringe. Man findet sie beispielsweise auf beiden Scheibenseiten des Sonnenwagens von Trundholm und vielen anderen Kunstgegenständen.

Bei den modebewussten Frauen waren vergoldete, mit dem Ringmotiv verzierte Gürtelscheiben sehr beliebt, die im Mittelpunkt einen Dorn aufweisen (siehe Abb. 7 und 8). Er stellte vermutlich stark vereinfacht die mit Oreichalkos überzogene Weltsäule auf dem Burghügel dar. Ähnlich wie für die Christenheit das Kreuz zum Symbol ihrer Religion wurde, erlangte das konzentrische Ringmuster eine besondere Wertschätzung bei den Bronzeleuten. Es brachte den Stolz auf das Zentrum ihrer Kultur zum Ausdruck.

Fasst man nun alle Informationen zusammen, die sich aus dem Atlantisbericht und der Ornamentik der Herzsprung-Schilde ableiten lassen, dann kann vom Zentrum der Hauptinsel Basileia bzw. Althelgoland folgendes Bild entwerfen werden:

Basileia Althelgoland Farbgrafik.jpg

Abb. 9 Rekonstruktion des Inselzentrums von Althelgoland / Basileia (nach Platon; ergänzt durch die Informationen von den Herzsprung-Schilden) [7]


Die Deutung einzelner Details der Herzsprung-Ornamentik bezüglich der vermutlichen Realität auf Althelgoland geht zusammenfassend aus der folgenden Tabelle hervor:

Herzsprungschilde Tabelle.jpg

Tab. 2 Die Ornamentik der Herzsprung-Schilde und ihre Zuordnung zu Bauwerken und Landschaftsformationen auf der Insel Althelgoland. Anm.: * = nicht auf H.-Schilden vorhanden, aber auf anderen kreisförmigen Kunstgegenständen


Wenn die vorliegenden Deutungen stimmen, dann vermitteln die Herzsprung-Schilde einen wichtigen Einblick in die Vorstellungswelt der Menschen im nördlichen Mitteleuropa. Die spätbronzezeitlichen Fundstücke zeigen ein weiteres Mal und sehr deutlich, dass Atlantis keine Erfindung ist, denn sein Zentrum wurde hier offenbar künstlerisch idealisiert dargestellt. Die Archäologen und Prähistoriker sollten sich diesem umstrittenen Thema nicht weiter verschließen und stattdessen Platons wertvolle Überlieferung in ihre Forschungen einbeziehen.

Herzsprung-Conclusio.jpg


Günter Bischoff, 22. November 2012


Literatur

  • Lechler, J., „5000 Jahre Deutschland“, Curt Kabitzsch-Verlag Leipzig, 1936
  • Platon, Dialoge „Timaios“ und „Kritias“, zitiert bei Spanuth 1977, S. 445 ff; Rathjen, S. 477 ff; u. a.
  • Uckelmann, M., Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte, Band 89, 2005, S. 159 – 188; „Die Schilde von Herzsprung; Bemerkungen zu Herstellung, Funktion und Deutung“


Anmerkungen und Einzelverweise

  1. Anmerkung d. Verf.: Siehe Spanuth 1977, S. 11-93, Zustimmung u. a. bei Kehnscherper, Rathjen, Misch; ungeachtet dessen hält der Streit um Spanuths Theorie in der Fachwelt immer noch an; kompakte Zusammenfassung s. Bischoff;
  2. Red. Anmerkung: Vergl. dazu bei Atlantisforschung.de auch: "Gerhard Herms nordeuropäisches Atlantis" (bb)
  3. Anmerkung d. Verf.: Die 16 im Vitlycke-Museum ausgestellten Schilde wurden 1985 in Fröslunda (Halbinsel Kålland) ausgegraben; eine absolute Datierung von Herzsprung-Schilden ist bisher nicht gelungen,da Beifunde fehlten (Uckelmann, S. 179); die Archäologen gehen von einer Herstellungszeit im 8./7. Jh. v. Chr. aus (vermutlich aber fünf Jahrhunderte früher, G.B.)
  4. Anmerkung d. Verf.: Mit dem Stoff „Oreichalkos“ ist sehr wahrscheinlich Bernstein gemeint; s. a. Spanuth 1977; S. 60 - 75
  5. Anmerkung d. Verf.: Mit dem antiken Bernsteinfluss Eridanos kann nur die Elbe oder Eider gemeint sein und nicht der Po, der Rhein oder die Rhone; s. a. Spanuth 1977, S. 131 f, Rathjen 2004, S. 371 ff
  6. Anmerkung d. Verf.: Platon gibt für die Brückenbreite 1 Plethron (umgerechnet 31m) an. Es gab laut Atlantisbericht aber auch Brücken über die Wasserringe, um trockenen Fußes bis zur Mittelinsel zu gelangen. Diese schmalen, aber viel längeren Brücken waren aber offenbar für die Seefahrer nicht so von Interesse und wurden daher auf den bisher gefundenen Herzsprung-Schilden nicht dargestellt.
  7. Anmerkung d. Verf. zum „Sphären-Tempel“ in der Grafik: der bei Diodor von Sizilien erwähnte Tempel „im Schema der Sphären“ auf einer „Insel im nördlichen Ozean“, der möglicherweise auf bronzezeitlichen „Sphären-Schilden“ stilisiert dargestellt ist, könnte als Modell eines geozentrischen Planetensystems angesehen werden. Siehe dazu auch: Günter Bischoff, „Atlantis – die Enträtselung im 20. Jahrhundert“, Kapitel „Eine Hochburg alteuropäischer Astronomie“; http://www.eichner-dresden.de/atlantis/


Abbildungen und Tabellen:

Archiv Günter Bischoff