Biographische Atlantida-Exegese (II)

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War Platon wirklich der Autor der Atlantida?

Abb. 1 War Platon tatsächlich der Autor des Atlantisberichts? Diese zunächst skurril erscheinende Frage wurde jedoch bereits in der Antike von Timon dem Pyrrhonisten, Hermippus von Smyrna und anderen aufgeworfen.

(bb) Diese Frage mag fast jedem, der sich im Zusammenhang mit dem Atlantis-Komplex mit Platons Leben und Werk zu befassen beginnt, 'an den Haaren herbeigezogen' erscheinen. Schließlich gehört der Athener Staats-Philosoph zu denjenigen Autoren des 'klassischen Altertums', deren Schriften mehr oder weniger vollständig überliefert sind. So bemerkt etwa James W. Mavor: "Platons Schriften gehören auch zu den wenigen Werken der Antike, die als zeitgenössische schriftliche Dokumente noch im Mittelalter existierten. Daher können wir einigermaßen darauf vertrauen, daß das, was wir heute lesen, auch tatsächlich von Platon so geschrieben wurde." [1]

Trotzdem ist die Frage, ob die Atlantida, wie wir sie kennen, tatsächlich von Platon verfasst wurde, im Grundsatz für Atlantisforscher schul- wie grenzwissenschaftlicher Provenienz durchaus legitim. Sie ergibt sich vor allem aus entsprechenden Hinweisen in der antiken Literatur. Dort finden sich nämlich diverse Stimmen, die seine Autorenschaft ernstlich in Frage gestellt haben. Dazu heißt es etwa (1970) bei Dr. Nikolai Zhirov: "Bezüglich des Timaios ging schon in der Antike das Gerücht um, dass er garnicht von Platon selbst verfasst worden sei.

Der erste, der Platons Autorenschaft in Zweifel zog, war Timon, der Pyrrhonist, der behauptete, dass Platons Timaios ein Buch zugrunde lag, das er von jemand erhalten hatte. Timon lebte im ersten Jahrhundert nach Platon, und daher ist es ziemlich wahrscheinlich, dass er einige, später vergessene, Einzelheiten aus dem Leben des Philosophen kannte. Viele antike Autoren offerieren diverse Ansichten über den Ursprung des Timaios: einige schreiben ihn dem Ocellus Lucanus zu, andere dem Timaios von Lokri, und wieder andere schrieben, dass Platon ein Mitglied der Pythagoreischen Bruderschaft gewesen sei, aus der er später ausgestoßen worden sei, weil er das dort erworbene Wissen als sein eigenes ausgegeben habe. [2]

Wieder eine andere Gruppe war der Meinung, dass Platon jemand dafür bezahlt habe, dass er seine Dialoge geschrieben hat. Hermippus von Smyrna nahm an, dass der Timaios das Werk des Philolaus (ein Zeitgenosse des Sokrates) gewesen sei, der die Bruderschaft der Pythagoreer nach Pythagoras Tod anführte, und dass Platon es von dessen Verwandten erhalten habe. [3] Einige spätere Autoren fügen dem hinzu, dass er das Buch für 10 000 Dinare [4] erworben habe." [5]

Eine wissenschaftliche Argumentation zur Klärung der Frage nach Platons Autorenschaft haben AtlantologInnen, die NICHT selbst über linguistische Spezial-Kompetenz verfügen, zunächst den Gelehrten auf dem Gebiet der Altphilologie zu überlassen. Nur sie können z.B. vergleichende Betrachtungen der zahlreichen Platon-Dialoge in ihrer Original-Sprache vornehmen, um daraus entsprechende Schlüsse zu ziehen. Solange die moderne Altphilologie jedoch keine wesentlichen Beiträge in dieser Sache leistet, muss sich atlantologische Forschung auf einige legitime Überlegungen allgemeiner Natur sowie auf die Frage konzentrieren: ob und inwiefern hat es Auswirkungen auf eine atlantologische Auswertung der Atlantida, wenn sich die genannten Zweifel an Platons Autorenschaft des Atlantisberichts als berechtigt erweisen sollten?

Abb. 2 Hat Platon seinen Atlantisbericht bei Schülern des Pythagoras (Bild) 'abgekupfert'? N. Zhirov wies 1970 darauf hin, dass viele Details im Dialog Timaios den "Stempel pythagoreischer Lehre" trugen.

Was die allgemeinen Überlegungen angeht, die nicht auf altphilologischer [6], sondern auf atlantologie-historischer Ebene angesiedelt sind, ist hier nicht zuletzt die Beobachtung von Bedeutung, dass der hier diskutierten These selbst in Kreisen fundamentalistischer Atlantologie-Kritiker - sofern sie überhaupt Erwähnung findet - bisher kein besonderes argumentatives Gewicht beigemessen wurde, wenn es um die Zurückweisung jeglicher Historizität des Atlantisberichts geht. Immerhin erscheint es bedeutsam, dass selbst diejenigen, die ansonsten jedes halbwegs tauglich erscheinende Argument zur Zurückweisung eines quasi-historischen Charakters der Aussagen Platons nutzen, kein Aufheben um die Sache machen. Darüber hinaus haben offenbar weder 'gemäßigte' Atlantologie-Kritiker sowie schulwissenschaftliche Platon-Rezepienten, noch konventionelle und grenzwissenschaftliche Atlantisforscher jemals einen Diskussionsbedarf dazu gesehen.

Da also nirgendwo in der modernen Forschung eine anderslautende Lehrmeinung entwickelt und vertreten wurde, liegt es nahe und ist wissenschaftlich legitim, Platon vorläufig weiterhin als Autor derjenigen Fassung des Atlantisberichts zu betrachten, die uns überliefert wurde. Für AtlantologInnen, die den platonischen Atlantisbericht und seine einzelnen Aussagen nicht zuletzt auf ihre Historizität hin untersuchen, scheint es jedenfalls kaum einen Grund zu geben, den hier diskutierten Verdacht vehement zu thematisieren und in einen Diskurs dazu einzutreten.

Schließlich erscheint Platon - in heutiger Terminologie - ohnehin eher als Redakteur, der unterschiedliche Materialien zu einem höchst komplexen Endergebnis amalgamiert hat [7], denn als Literat und 'Geschichtenerzähler'. Atlantologen, die sich ja auch mit der Überlieferungs-Geschichte des Atlantisberichts befassen müssen, sind ohnehin daran gewöhnt, Platons Dialoge und die Atlantida nicht als ausschließliches Ergebnis seiner eigenen Gedanken zu betrachten, sondern eher als 'Komposition' aus fremdem Wissen und eigenen Vorstellungen, Überlegungen und Interpretationen.

Selbst wenn Platon TATSÄCHLICH von Timaios von Lokri oder Ocellus Lucanus 'abgekupfert', oder sie als 'Ghostwriter' benutzt haben sollte, so mag dies von einigem literatur-geschichtlichen Interesse sein, für die Betrachtung und Auswertung der Atlantida (etwa im Vergleich mit anderen antiken Überlieferungen zur vorzeitlichen Inselwelt des Atlantik, und den sogenannten 'Atlantiden') wäre dies jedoch von eher zweitrangiger Bedeutung; Platon würde in diesem Fall lediglich aus der Rolle des 'Redakteurs' in diejenige des 'Herausgebers' des Atlantisberichts befördert werden.

Abschließend können wir also die Prognose wagen, dass die Frage nach Platons Autorenschaft der Atlantida weiterhin ein legitimer, durchaus interessanter, Randaspekt der Atlantida-Exegese bleiben wird, der jedoch - ganz gleich, welche Erkenntnisse uns dazu noch ins Haus stehen - auch in Zukunft kaum umwälzende Auswirkungen auf den atlantologischen Diskurs haben wird. Weiterführende und qualifizierte Beiträge in dieser Richtung sind jedenfalls nur noch auf höchstem fachlichen Niveau möglich, und dieses Problem gehört als Gegenstand atlantologischer Studien keineswegs in den Bereich handwerklicher Grundlagen und Ansätze der Atlantida-Exegese, mit denen wir uns hier ansonsten befassen.

Kommen wir daher zurück zu Fragen, die sich bei JEDER forschenden Beschäftigung mit der Atlantida ergeben und für die Atlantida-Exegese von grundsätzlicher Relevanz sind. Eine dieser Fragen, die sich bereits zu Beginn jedes ernsthaften Studiums der Atlantisforschung stellen sollte, ist diejenige nach Möglichkeiten und Grenzen eines biographisch-exegetischen Untersuchungs-Ansatzes. Als Beispiel für diese Grenzen wollen wir nun einen Versuch betrachten, sie zur geographischen und chronologischen Lokalisierung eines historischen Vorbilds für Platons 'Atlantis' zu nutzen.


Fortsetzung:

Lässt sich die Biographische AE zur Atlantis-Lokalisierung einsetzen?


Anmerkungen und Quellen

  1. Quelle: James W. Mavor, "Reise nach Atlantis, Wissenschaftler lösen das Rätsel einer Weltkatastrophe", München 1973 [Orig.: New York, 1969], S. 47
  2. Anmerkung: Zu 'pythagoräischen' Einflüssen auf Platons Spätwerk heißt es bei N. Zhirov: "In der Tat trägt, wenn wir von der Geschichte über Atlantis absehen, vieles im Timaios tatsächlich den 'Stempel' pythagoräischer Lehre, besonders an jenen Stellen, wo Platon sich von der Zahlen-Mystik davontragen lässt." (Zhirov, 1970, S. 55) Möglicherweise sind aber auch die 'hyper-exakten' Zahlenangaben im Atlantisbericht (z.B. bei seiner Beschreibung der geometrisch strukturierten Atlanter-Metropole) in dieser Hinsicht zu betrachten.
  3. Siehe: L. Sprague de Camp, "Lost Continents - The Atlantis Theme in History, Science and Literature", New York, 1954 , S. 210
  4. Siehe: "Plato, Essays - Translation with commentaries by F. G. Karpov", Moskau, Vol. 6, "Timaios", S. 377-385, "Critias", S. 500-519, Moskau, 1879; Quelle: N. Zhrov, op. cit., S. 55
  5. Quelle: N. Zhirov, "Atlantis - Atlantology: Basic Problems", Honolulu / Hawaii, 2001 Orig.: Moskau, 1959-1963, englischsprachige, neu überarbeitete Erstausgabe: Moskau, Jan. 1968, Zweitaufl. 1970, S. 55
  6. Anmerkung: Zu einer altphilologischen Argumentation, dass (zumindest) der fragmentarische Dialog Kritias nicht von Platon verfasst wurde, siehe etwa: Joseph Socher (1755-1835), "Ueber Platons Schriften", I. J. Lentner, 1820
  7. Anmerkung: Bei Zhirov heißt es dazu: "Es darf als gesichert betrachtet werden, dass Platon in großem Umfang die Literatur seiner Zeit verwendete [orig.: "made wide use"; d.Ü.], darunter auch Literatur, die heute nicht meht existiert. Karpov schreibt: >Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass Platon Zugriff auf die extensiven Forschungen anderer Philosophen hatte.< [Siehe: 'Plato, Essays, Translation with commentaries' von F.G. Karpov, Vol. 6, 'Timaeus', 377-385. 'Critias', 500-519; Moskau, 1879, S. 352] Geteilt wird diese Ansicht von Y.V. Knorozov, der erklärt, dass >Platon bei der Niederschrift seiner Dialoge höchst diverses Material verwendete, darunter wahrscheinlich auch einige vage Aufzeichnungen über das minoische Königreich<. [Siehe: Knorozov, Y. V.: "N. F. Zhirov, Atlantıda" ("N. F. Zhirov, Atlantis"), in: Sovjetskaya etnografia, No. 4, UdSSR (1961), pp. 213-218, (hier: S. 215)]" Quelle: N. Zhirov, op. cit., S. 56


Bild-Quellen

(1) Bild-Archiv Atlantisforschung.de

(2) Stefan Stenudd, STENUDD.COM, unter: http://www.stenudd.com/myth/greek/images/pythagoras.jpg