Das 'Fürstentum Atlantis' und der mysteriöse Mr. Mott

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Nur ein besonders liebenswürdiger Hoax der Atlantologie-Geschichte - oder vielleicht doch mehr?

Abb. 1 Eine Karte der Karibik-Inseln mit der Position von Nassau, der Hauptstadt der Insel New Providence. In deren Nähe sollen sich auch die vierzehn Eilande befunden haben, die angeblich zum 'Fürstentum Atlantis' gehörten, das 1933 von dänischen Forschern und Atlantis-Enthusiasten gegründet wurde - ein noch fast unerforschtes Rätsel der Atlantologie-Geschichte.

(bb) Als Beispiel dafür, wozu "Menschen getrieben werden können, um Atlantis auf die Landkarte zu bekommen", nannte James Guy Bramwell 1937 "die Aktivitäten einer Gruppe dänischer Wissenschaftler", welche "ehrenhafte Erwähnung" verdiene: "1933 organisierte sich diese Gruppe und gründete das Fürstentum Atlantis [orig: "principality of Atlantis"; bb]. Ihr Vorsitzender, Prinz Christian von Dänemark [1], ein direkter Nachfahre von Leif Erikson, welcher Amerika Jahrhunderte vor Kolumbus >entdeckte<, erhielt den Titel eines >Prinzen von Atlantis<. Diese Gesellschaft (die angeblich bereits mehr als 25.000 Mitglieder hat), existiert zum Zweck der Aufklärung des [= Atlantis-] Rätsels durch Studien und Forschung. Ihre Mitglieder sind zuversichtlich, nicht nur den Nachweis zu erbringen, dass Atlantis [einst] als Kontinent existierte, sondern auch, dass es noch heute unter dem Meer vorhanden ist. Das Ausmaß ihrer Gewissheit kann anhand der Tatsache beurteilt werden, dass sie bereits Briefmarken und Münzen herausgegeben haben." [2]

Dies alles klingt zunächst einmal faszinierend, aber womöglich hat Bramwell damals nicht tiefgehend genug recherchiert. Tony O’Connell verweist nämlich in seiner Atlantipedia [3] Auf eine andere Quelle zum 'Fürstentum Atlantis', den Philatelisten Bruce W. Ball aus Miami, Florida. Ball berichtete 1972 im Journal Tequesta (Abb. 2) der Historical Association of Southern Florida, er sei 1937 als Jugendlicher einem distinguierten Herrn namens "Mr. Mott" begegnet, der sich als "Bürger von Atlantis" bezeichnete, eines Fürstentums, das, wie er erklärte, "von einer Gruppe von Wissenschaftlern auf vierzehn kleinen, unbeanspruchten und bisher unbewohnten Inseln in der Karibik gegründet wurde, nahe dem Ort, von dem wir glauben, dass er der des versunkenen Atlantis ist." [4]

Abb. 2 Das Frontcover der Ausgabe Nr. 32 (1972) des Journals Tequesta, in der Bruce W. Ball über dine Begegnungen mit 'M. Mott' berichtete

Dieses mystriöese Insel-Fürstentum mit seiner Hauptstadt "Odin" soll sich in der Nahe von Nassau (Abb. 1) bzw. der Bahama-Insel New Providence befunden haben. Auf einer Karte, die Mr. Mott vorlegte, befand sich folgender Eintrag: "Die 1000-jährige Suche nach dem versunkenen Reich begann um 930 n.Chr. mit den Wikingern und endete 1933 mit der Errichtung des Fürstentums von Atlantis mit dem damals 79 Jahre alten Nachfahren von Leif Eriksen (einem altnordischen Jarl, dem Leiter der ersten weißen Expedition zum amerikanischen Kontinent) als Christian I, Prinzregent von Atlantis." [5]

Ball erwähnt auch einen Artikel aus dem Jahr 1935 im Christian Science Monitor [6], den "Mr. Mott" seinem Vater (Douglas P. Ball) und ihm mitbrachte, und der möglicherweise auch die Quelle war, aus welcher Bramwell (1937) seine Informationen schöpfte. Darin heißt es einleitend: "Eine Gruppe dänischer Forschungsreisender und Naturforscher in Miami, die Jagd auf den schwer fassbaren Kontinent der Überlieherung machen, konzentriert sich auf die Arbeit in der Karibik, stellt Briefmarken und Geld her und entwarf eine Flagge für das Fürstentum von Atlantis." [7]

Was die hier und auch von Bramwell erwähnten Briefmarken des 'Fürstentums' (Abb. 3, unten) betrifft, ist ebenso amüsant wie interessant, was Ball über seinen seltsamen Gast zu berichten weiß: "Der Mann nahm aus seiner Brieftasche fünf Briefmarken - blau, braungelb, gelb, rot und lila, mit dem Porträt einer alten Dame, unter dem sich der Name >Marie< befand. Sie hatten einen Nennwert von 5, 10, 25 und 50 >skaloj<. Die [Marke] in lila trug das gleiche Bild und war mit >1 dalo< (100 skaloj oder 32 U.S.-Cent) gekennzeichnet." [8]

Abb. 3 Oben: Mr. Mott und sein Auto mit dem - hier leider nicht erkennbaren - Atlantis-Kennzeichen; unten: zwei der Briefmarken des 'Fürstentums Atlantis'

Tatsächlich erhielten die Balls wenige Tage nach dem ersten Besuch von Mr. Mott mehrere Briefe, welche die Poststempel "Odin, Atlantis" sowie "Miami Fla." trugen: "Die Briefe wurden von der Post der USA befördert von einem Briefträger an unser Büro in der Innenstadt von Miami zugestellt." [9] [10] Doch nicht nur bezüglich der 'atlantischen' Postwertzeichen zeigten sich amerikanische Behörden kooperativ. Dazu schrieb Ball über den zweiten Besuch von Mr. Mott in ihrem Büro: "Bei diesem Besuch zeigte er uns seinen angeblichen Atlantis-Pass, der von mehreren Regierungen in der Nähe sowie vom Immigrationsinspektor in Miami mit Visa versehen worden war. Später gab er uns ein Foto von sich selbst (Abb. 3. oben), auf dem er vor seinem Automobil auf einer Straße von New Brunswick, New Jersey, steht. Das Auto trägt ein Atlantis-Nummernschild! Herr Mott versicherte uns, daß er mit diesem Schild keine Schwierigkeiten hatte, durch die Vereinigten Staaten zu reisen." [11]

Und bei einem weiteren Besuch erlärte Mr. Mott über die Aktivitäten seiner Gruppe: ""Wir habe ein Büro auf der N.E. Second Avenue (Miami) gemietet, wo wir Touren auf unserem Kreuzfahrtschiff ABEL für Passagiere nach Atlantis buchen. Wie Sie wissen, bin ich ein dänischer Kapitän zur See. Touristen werden unsere heißen Quellen besuchen, die Überreste einer uralten Zivilisation inspizieren und exzellenten Angelsport genießen. Warum machen Sie nicht auch diese Kreuzfahrt? Das wird höchst unterhaltsam werden." [12] [13]

Abb. 4 John Browns Artikel in The World's News vom 25. Juli 1953

Leider lässt sich kaum eine der obigen Angaben bestätigen - z.B. durch Reiseberichte von Touristen, die mt der ABEL auf Tour gingen - aber immerhin scheint Mr. Motts 'Selbstauskunft' halbwegs zutreffend gewesen zu sein, er sei "ein dänischer Kapitän zur See". Dazu ist festzustellen, dass der Journalist John Brown im Juli 1953 in der australischen Zeitung The World's News einen längeren Artikel veröffentlichte. Darin berichtete er über die Suche nach einem verschollenen Kapitän namens Mott, in die auch Egerton Sykes und dessen Atlantis Research Centre involviert waren.

Auch dieser Kapitän Mott, der - laut Bericht - 1934 unter dänischer Flagge segelte, soll die Wiederentdeckung von Atlantis für sich in Anspruch genommen haben: "...Mr. Motts Freunde in London erhielten Briefe [aus Nassau, bb], welche besagten, er habe das verschollene Reich von Atlantis bei einer Insel der Bahamas gefunden, und dass es auf dieser Insel >prähistorische Relikte, geheime Quellen und altertümliche Behausungen< gebe." [14] Nachdem Kapitän Motts Freude in London keine Antworten von ihm auf ihre Rückfragen erhielten, begannen sie damit, Nachforschungen über seinen Verbleib anzustellen, die aber keine Ergebnisse erbrachten. Einer von Mr. Motts engen Freunden sei, wie es bei Brown weiter heißt, ebenfalls verschwunden.

Der Journalist schrieb zudem: "Allgemein glaubt man auf den Bahamas, Mr. Mott habe ein Hauptquartier auf einer der einsamen Bahama-Cays eingerichtet, und er könne dann verschollen sein, während er zwischen den Inseln hin- und herreiste. Mott war jedoch ein erfahrener Segler, und sehr wohl dazu in der Lage, mit plötzlichen Notlagen umzugehen und Wetterumschwünge vorherzusagen." [15] Oder sollte sein 'Verschwinden' damit zu tun haben, dass er irgendwann alle sprichwörtichen Brücken hinter sich abbrach? Jedenfalls kann kaum ein Zweifel daran bestehen, dass es sich bei den Kapitänen namens Mott aus den Berichten von Bruce W. Ball und John Brown um ein und dieselbe Person handelt.

Un so sehen wir uns, ebenso wie Bruce W. Ball, abschließend vor die Fragen gestellt: "Wer war Mr. Mott? Ein ausgemachter Betrüger? Aber anscheinend hatte er, sofern er ein Betrüger war, nichts durch seinem Schwindel zu gewinnen. Er verkaufte nichts von Wert, fragte nicht nach Gefälligkeiten, suchte keine Kredite. War [das Fürstentum] Atlantis das geistige Kind eines Mannes, der es verwendete, um seine Freunde neugierig zu machen und zu verblüffen? Oder war es vielleicht von ernsterer Bedeutung?" [16] Zufriedenstellende Antworten darauf werden wir vielleicht nie erhalten, aber zumindest scheint es die Sache wert zu sein, weitere Recherchen dazu anzustellen.



Anmerkungen und Quellen

Fußnoten:

  1. Anmerkung d. Verf. (bb): Es war bisher leider nicht möglich herauszufinden, um welchen Prinzen "Christian von Dänemark" es sich im vorliegenden Fall handelt, oder ob Bramwells Information möglicherweise unzutreffend ist. Weitere Recherchen sind im Gange. Sachdienliche Hinweise sind höchst willommen!
  2. Quelle: James Guy Bramwell, "Lost Atlantis" (1937), Reprint von Kessinger Publications, 2005, S. 22 (Übersetzung ins Deutsche durch Atlantiforschung.de)
  3. Siehe: Tony O’Connell, "Principality of Atlantis", 10. Juni 2010, bei Atlantipedia.ie (abgerufen: 20. Feb. 2017)
  4. Quelle: Bruce W. Ball, "Mystery Of The New Atlantis", in: Tequesta: The Journal of the Historical Association of Southern Florida, Number 32 (1972), online als PDF-Datei bei: Digital Collections Center - Florida International Uiversity (FIU) (abgerufen: 20. Feb. 2017; Übersetzung ins Deutsche durch Atlantiforschung.de)
  5. Quelle: ebd.
  6. Siehe: "Search for the Lost Atlantis Widens.", in: The Christian Science Monitor, 18. November 1935
  7. Quelle: Bruce W. Ball, op. cit. (1972)
  8. Quelle: ebd.
  9. Quelle: ebd.
  10. Anmerkung: Abbildungen der Briefumschläge und anderer Materialien des 'Fürstentums Atlantis' stellen Bonnie und Roger Riga in ihrem Artikel "Atlantis" bei cinderellas.info vor. (abgerufen: 20. Feb. 2017)
  11. Quelle: ebd., S. 35-36
  12. Quelle: ebd., S. 36
  13. Anmerkung: Die digitale Reproduktion des Werbe-Flyers für diese Kreuzfahrt findet sich ebenfalls bei Bonnie und Roger Riga (siehe Fußnote 10).
  14. Quelle: John Brown, "Mystery of the missing Captain Mott", in The World's News (Sydney, NSW), 25 Juli 1953, S. 3 (online bei Trove; abgerufen: 18. April 2017; Übersetzung ins Deutsche durch Atlantisforschung.de)
  15. Quelle: ebd.
  16. Quelle: Bruce W. Ball, op. cit. (1972)

Bild-Quellen:

1) Wikipedia - Die freie Enzyklopädie, unter Nassau (Bahamas); auf Basis von: NordNordWest bei Wikimedia Commons, unter: File:Bahamas location map.svg (Bild-Bearbeitung durch Atlantisforschung.de)
2) Cat's Cradle Books, unter: Tequesta: The Journal of the Historical Association of Southern Florida, Number 32 (1972). A Bulletin of the University of Miami (Bild-Bearbeitung durch Atlantisforschung.de)
3) Oben und unten: Bonnie und Roger Riga, in "Atlantis" bei cinderellas.info (Bild-Bearbeitung durch Atlantisforschung.de)
4) Trove / Bild-Archiv Atlantisforschung.de