Der Ionische Aufstand

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Atlantis und die Perserkriege, Teil II

Abb. 1 Die Ionische Küste liegt im Südwesten Kleinasiens. Hier gab es zahlreiche hellenische Kolonien, die sich nach der persischen Invasion Lydiens nicht mit den neuen Machtverhältnissen abfinden wollten.

(bb) Um das Jahr 500 v. Chr. sahen sich die Hellenen an zwei Fronten von konkurrierenden Mächten bedroht. Im Westen bedrängten die Karthager ihre sizilianischen Kolonien, und im Osten war jenseits der Ägäis ein weiterer Konflikt-Herd entstanden. Dazu erklärten die Historiker Nack und Wägner 1955: "In einer ähnlich gefahrvollen Lage befanden sich die Griechen an der kleinasiatischen Küste, nachdem an ihrer Ostgrenze unter dem sagenhaften König Gyges das Reich der Lyder entstanden war. Die Lyder ertrugen es schwer, daß die Endpunkte der Handelsstraßen aus dem Landesinneren zur Küste in griechischem Besitz waren. So brachten sie die Städte Joniens nach und nach unter ihre Herrschaft.

Den Griechen fiel der Verlust ihrer Freiheit leichter, weil durch den Anschluss durch das weite Hinterland ihrem Handel ein großes Absatzgebiet erschlossen und ihre kulturelle Unabhängigkeit gewahrt wurde. Die Lage änderte sich aber, als der Perserkönig Kyros der Ältere 546 v. Chr. den letzten König von Lydien, Krösos, besiegte, dessen Reich eroberte und die griechischen Küstenstädte bis auf Milet unterwarf. Milet wurde ein Bündnis bewilligt." [1]

Kyros betrieb den Aufbau des neuen Imperiums im Osten mit Nachdruck und höchst erfolgreich: "Er führte das kriegerische Bauern- und Hirtenvolk der Perser, das in dem schwer zugänglichen Gebirgsland des südöstlichen Iran wohnte, zu einem Großreich, das ganz Vorderasien bis an die Grenzen Indiens umfaßte. [...] Nachfolger war sein Sohn Kambyses; er regierte von 529 bis 522 v. Chr. Erstreckten sich die Eroberungen seines Vaters nur auf den vorderasiatischen Raum, so zog Kambyses nach Afrika und unterwarf 525 v. Chr. Ägypten." [2]

Während die hellenischen Küstenstädte Kleinasiens die lydische Vorherrschaft klaglos ertragen hatten, litten sie nun um so mehr unter dem persischen Despotismus: "Sie schauten neidvoll auf die großen politischen Errungenschaften des Mutterlandes, wo die Volksherrschaft die Tyrannen vertrieben und die Adelsvorrechte beseitigt hatte. Diese Menschen empfanden den Gegensatz der eigenen bedrückten Lage um so schwerer, weil sie sich schon seit langer Zeit einer hohen kulturellen Blüte und eines materiellen Reichtums erfreut hatten." [3]

Schließlich brachten die Perser auch ihre hochrangigen Parteigänger bei den ionischen Griechen gegen sich auf - und damit das sprichwörtliche Fass zum überlaufen. "So berief der König seinen Günstling Histiäos unter ehrenvollem Vorwand an seinen Hof und hielt ihn dort fest. [...] Histiäos sah ein, daß er nur durch einen Aufstand eine Gelegenheit zur Rückkehr in die Heimat erlangen könnte. Man erzählte, er habe einem treuen Sklaven die Haare abscheren und auf dessen Kopfhaut die Aufforderung zum Aufstand tätowieren lassen. Als die Haare wieder nachgewachsen waren, schickte er ihn an Aristagoras mit der Anweisung, dieser möge ihm die Haare schneiden." [4]

Abb. 2 Am Hof von Sparta zeigte man Aristagoras die 'kalte Schulter', als er dort um militärische Unterstützung für den Aufstand der ionischen Griechen warb: die kriegserfahrenen Spartaner betrachteten das militärische Kräfteverhältnis nüchtern und realistisch.

Aristagoras, der Tyrann von Milet - von Hause aus kein Freund demokratischer Ideale, sondern mit vertriebenen hellenischen Aristokraten im Bunde, und ein enger Kooperations-Partner des persischen Satrapen von Lydien - wechselte unter dem Druck der Verhältnisse die Fronten und stellte sich überraschend an die Spitze der ausbrechenden Revolte gegen die Perser. Der Althistoriker Alfred Heuß stellt dazu 1962 in der Propyläen-Weltgeschichte kritisch fest: "Der >Ionische Aufstand<, aus dem sich alles weitere ergab, war weder ein Meisterstück politischen Könnens noch ein Muster hoher Gesinnung. [...] Es war eine reine Improvisation, unüberlegt und in nichts vorbereitet, womit sich diese Politik selbst verurteilte. Aristagoras zeigte durch sein Verhalten während der Folgezeit, daß er weder der Aufgabe gewachsen war noch im geringsten das Ethos eines Freiheitshelden besaß. Die Bilanz am Ende wies ihn als reinen Abenteurer aus." [5]

Die Begeisterung der hellenischen Stadtstaaten für diese unerwartete Erhebung hielt sich weitgehend in Grenzen, betrachtete man doch in Sparta und Athen das Karthager-Problem als vordringlich und war auf eine ernsthafte Konfrontation mit Persien in keiner Weise vorbereitet. Daher waren die Resultate von Aristagoras´ Werben um militärische Unterstützung dort "recht kläglich", wie Heuß bemerkt: "Sparta, auf das es als führende Macht Griechenlands am meisten ankam, zeigte schlankweg die kalte Schulter, als Aristagoras persönlich vorsprach" [6], und der Spartaner-König Kleomenes, der das militärische Kräfte-Verhältnis offenbar realistisch einschätzte, ließ ihn, Heuß zufolge, sogar ziemlich rüde 'abblitzen'.

Etwas mehr Glück hatte der 'frischgebackene' Rebellen-Chef bei den Athenern, die ihm zumindest eine Flottille von zwanzig Schiffen zur Verfügung stellten, "nicht eben viele, aber wohl ihrer damaligen Leistungsfähigkeit entsprechend. Eretria auf Euboia, in naher Beziehung zu Athen stehend, fügte fünf weitere hinzu. Das war denn also der Beitrag des Mutterlandes zur ionischen Erhebung, gewiß nicht großartig, aber in Hinblick auf die Zukunft doch sehr folgenschwer." [7] Vermutlich wäre es über kurz oder lang auch ohne diese Intervention zur direkten Konfrontation zwischen Griechen und Persern gekommen, doch zweifellos beschleunigte das 'ionische Abenteuer' die Eskalation der Ereignisse.

Heuß weiter: "Der Krieg verlief, wie er nach den Umständen verlaufen mußte. Er traf das persische Großreich völlig unvorbereitet und spielte damit den kleinasiatischen Griechen gewisse Anfangserfolge in die Hand. Dies vermochten zu Beginn (499 v. Chr.) den Schein zu erwecken, als ob sie den Persern das Gesetz des Handelns vorschrieben, und holten sogar zum Angriff aus: die alte lydische Hauptstadt Sardes, jetzt Verwaltungssitz der persischen Regionalregierung [...] wurde von ihnen angegriffen und eingenommen. [...] Ein anderer Erfolg war das Überspringen des Aufstands auf Kypros, wo nicht nur die Griechen, sondern auch die Phöniker von Kition sich erhoben.

Als aber das persische Weltreich seine schwerfällige Kriegsmaschine einmal in Bewegung gesetzt hatte, schmolzen die illusionären Gewinne wie Schnee an der Sonne dahin. Die Griechen mußten sich aus Sardes zurückziehen, Kypros wurde wieder unterworfen, und schon hatten die Griechen in ihrem eigenen Gebiet, in Ephesos, der Gegenschlag erreicht". [8] Nachdem die Perser die Küste des Marmarameers, den Hellespont, die Aiolis und die meisten Griechenstädte Ioniens wieder unter ihre Kontrolle gebracht hatten, rüsteten sie zur Entscheidungsschlacht um die letzte Bastion der Aufständischen: die Küstenstadt Milet, wo die vereinigte Kriegsflotte der Ionier und des inzwischen weiter angewachsenen Expeditions-Korps´ der Hellenen aus dem Mutterland auf ihren Einsatz warteten.

Diese Schlacht, die den endgültigen Zusammenbruch des Ionischen Aufstands markiert, fand 495 v. Chr. zur See nahe der Milet vorgelagerten Insel Lade statt: "Freilich war dort nicht nur zu sehen, wie sich eine beinahe doppelte Übermacht (die Perser hatten sechshundert Schiffe, ihre Gegner dreihundertdreiundfünfzig) auswirkte. Lade wurde auch der Schauplatz eines eklatanten militärischen, politischen und moralischen Versagens der Griechen: unter ihren verschiedenen Kontingenten war keine Disziplin herzustellen, dem phokäischen Admiral, dessen Heimatflotte nur drei Schiffe zählte, wurde nicht gehorcht, und während der Schlacht schon machten sich die wichtigen Flottenabteilungen von Samos und Lesbos von dannen.

Die Haltung der Griechen war von niederschmetternder Kläglichkeit, und als unmißverständliches Symbol war bereits vor der Schlacht der Urheber des ganzen Unternehmens, Aristagoras, mit seinen Genossen geflüchtet, nach Thrakien, wo er für kurze Zeit noch eine unwürdige Freibeuterexistenz führte und schließlich bei diesem improvisierten Abenteuer umkam. Milet war mit der Niederlage von Lade verloren und wurde als der Keim des ganzen Aufstands von den Persern von Grund auf zerstört; die am Leben gebliebenen Einwohner wurden nach Mesopotamien deportiert". [9]


Fortsetzung:


Anmerkungen und Quellen

Fußnoten:

  1. Quelle: Emil Nack & Wilhelm Wägner, "Hellas - Land und Volk der alten Griechen", Bibliothek der alten Kulturen, Wien, 1955 u. 1975, S. 135
  2. Quelle: ebd.
  3. Quelle: ebd., S. 137
  4. Quelle: ebd., S. 138
  5. Quelle: Alfred Heuß, "Die klassische Zeit - Persisch-karthagischer Angriff und griechische Behauptung", Der Ionische Aufstand; in: Propyläen Weltgeschichte - Eine Universalgeschichte, Herausgegeben von Golo Mann und Alfred Heuß, Dritter Band: Griechenland. Die hellenistische Welt, Berlin / Frankfurt a.M. / Wien, 1962, S. 214, 215
  6. Quelle: ebd., S. 215
  7. Quelle: ebd., S. 216
  8. Quelle: ebd.
  9. Quelle: ebd., S. 216, 217

Bild-Quellen:

1) http://members.fortunecity.com/fstav1/anatolia.jpg (Bild nicht mehr online)
2) Catholic Ming Yuen Secondary School, Ancient Hellas, unter: http://www.mingyuen.edu.hk/history/4greece/13sparta/Sparta-site1.jpg