Die Mythen der Cheyenne (II)

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von Dr. Renate Schukies

Abb. 1 Die bis heute lebendigen, mythischen und sagenhaften Überlieferungen der Cheyenne sollten als das betrachtet werden, was sie wirklich sind: indianische Natur- und Kulturgeschichte, die eine unserem eigenen Wissenssystem gleichberechtigte Stellung einnehmen sollte.

Die schriftlosen Kulturen haben die Mythologie. Die aber verweist man ja sehr gerne und schnell in das Reich der Fabel oder interpretiert sie als naive Erklärungsversuche einer unverstandenen und angsteinflößenden Natur. Es ist jetzt an der Zeit, diese Mythologien neu zu interpretieren bzw.sie ernst zu nehmen als das, was sie wirklich sind - indianische Natur- und Kulturgeschichte, die eine unserem eigenen Wissenssystem gleichberechtigte Stellung einnehmen sollte. Aus dieser Perspektive wird eine neue Analyse und Interpretation derselben mit Sicherheit dunkle Punkte in unserem eigenen Vorstellungssystem vom Ablauf der Vor- und Frühgeschichte erhellen und so zu einem besseren Verständnis menschlicher Entwicklung und ihrer Chronologie beitragen.

So ist zum Beispiel die Besiedlungsgeschichte des amerikanischen Kontinents in den umfangreichen Werken unserer Paläoanthropologie schnell abgehandelt, die akzeptierte Lehrmeinung schnell zusammengefaßt: Genügend archäologische und paläoanthropologische Beweise liegen vor,die für eine Besiedelung durch den modernen Menschen vor ca. 40.000 Jahren sprechen. Über die freigewordene Landbrücke zwischen Sibirien und Alaska zogen die Paläo-Indianer auf den amerikanischen Kontinent, den sie mit den Tieren der Eiszeit teilten, der Eiszeit-Megafauna.

Was die westlichen Wissenschaft in einigen Sätzen abhandelt, ergibt in der Cheyenne [1]-Version eine differenzierte Geschichte: Das eigentliche Stammland der Proto-Tsistsistas lag im Hohen Norden (Asien). Es gab dort keine Winter, weder Eis, Schnee oder Kälte. Es währte ewiger Frühling,die Menschen gingen nackt und ernährten sich von Früchten, Beeren und Honig. Das Land war durchzogen von Strömen klaren Wassers, die von großen Bäumen beschattet wurden. Erinnert dieses Bild nicht stark an biblische Paradies-Beschreibungen?

Der große Geist (Gott) hatte drei verschiedene menschliche Wesen erschaffen: 1. Jene mit Haaren am ganzen Körper (die Behaarten) 2. Die weißen Menschen, denen Haare am ganzen Kopf wuchsen, im Gesicht und an den Beinen (die Bärtigen). Und 3. Die roten Menschen, denen nur langes Haupthaar wuchs (die Roten). Alle lebten in kleinen Gruppen ımd ernährten sich von Fischen, die zahlreich waren. Sie wußten nichts über den Genuß von Fleisch. Nach einer gewissen Zeit verließen die Behaarten das Nordland (Asien) und zogen nach Süden (Amerika). Das Land dort war unfruchtbar, dürr und trocken. Bevor die Roten das Nordland gemeinsam verließen, um den Behaarten in den Süden (Amerika) zu folgten, gab Gott ihnen eine `Medizin, die ihren schlafenden Geist erweckte. Von dieser Zeit an schienen sie Intelligenz zu besitzen. Er lehrte sie, sich mit den Fellen von Panther, Bär und Wild zu bedecken. Sie lernten Steine, Kiesel und Flint zu bearbeiten, denen sie jede Form gaben, die sie wollten. Aus den Steinen machten sie Tassen, Töpfe, Äxte, Pfeil- und Speerspitzen.

Abb. 2 Die alten Überlieferungen der Cheyenne berichten von mindestens zwei kataklysmischen Fluten, die ihre frühen Vorfahren ins Elend stürzten und die gesamte Natur verheerten.

Nachdem sie all dies gelernt hatten, zogen sie in den Süden (Amerika). Dort lebten die Behaarten in Höhlen hoch in den Bergen und gingen weiterhin unbekleidet. Die roten Menschen trafen sie nur selten. Bei Besuchen zogen sich die Behaarten ängstlich in ihre Höhlen zurück. Dort hatten sie Betten aus Blättern und Fellen, ebenso Geschirr und Flint-Werkzeuge, die denen der roten Menschen gleich waren. Die Behaarten vermehrten sich nicht. Sie wurden immer weniger, bis sie letztendlich ganz verschwanden. Heute wissen die Cheyenne nicht mehr, was aus ihnen geworden ist. Nachdem die roten Menschen erstmalig auf das Südland (Amerika) gewandert waren, löste eine Flut-Katastrophe, die sich auf den amerikanischen Kontinent beschränkte, ihre erste Rückwanderung in das Nordland (Asien) aus.

Die Bärtigen waren aus dem gemeinsamen Stammesgebiet verschwunden. Heute nehmen die Cheyenne an, daß jene die Vorfahren der weißen Rasse waren. Dies alles geschah vor sehr langer Zeit, als der Mensch erschaffen wurde. Nach einer gewissen Zeit im Norden (Asien),zogen die roten Menschen wieder in den Süden (nach Amerika). Die Wasser waren verschwunden, Gras und Bäume gewachsen. Jetzt war das Land so schön wie das Nordland (Asien). Doch die roten Menschen wurden im Süden erneut von einer gewaltigen Katastrophe überrascht. Eine zweite, noch mächtigere Flut zerstört fast alles. Sie trennte die roten Menschen voneinander, die wieder in kleinen Gruppen lebten. Als Hungersnöte entstanden, entschlossen sie sich, ins Nordland (Asien) zuıückzukehren. Aber auch da war alles Leben vernichtet, es gab weder Bäume, Tiere noch Fische.

Viele hundert Jahre später zogen die Proto-Tsistsistas erneut in den Süden (nach Amerika). Da bebte der Planet Erde, und die Berge stießen Feuer und Rauch aus. Es kamen große Fluten, und der Winter (Eiszeit) begann. Die roten Menschen bekleideten sich mit Fellen und lebten in Höhlen. Der Winter war lang und kalt. Er zerstörte alle Bäume. (Cheyenne-Erzählungen, die sich mit der Überquerung des Eises befassen, in dessen Folge etliche der roten Menschen abgetrennt wurden und im Norden verblieben. könnte man an dieser Stelle eventuell zeitlich einfügen. Die Cheyenne vermuten in den damals zurückgebliebenen die heutigen Eskimo.) Die meisten Tiere waren ertrunken oder verhungert. Auch die Menschen mussten viel erleiden, es herrschte Hungersnot.


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Anmerkungen und Quellen

Dieser - auf einem von der Autorin an der Universität Hamburg gehaltenen Vortrag anlässlich des 500. Jahrestags der angeblichen 'Entdeckung' Amerikas durch Christoph Kolumbus basierende - Beitrag von Dr. Renate Schukies (©) wurde erstveröffentlicht in VORZEIT FRÜHZEIT GEGENWART - Interdisziplinäres Bulletin, Heft 1 / 6. Jahrgang - März 1994. Bei Atlantisforschung.de erscheint er im Februar 2019 in einer redaktionell bearbeiteten, mehrteiligen Online-Version.

Fußnote:

  1. Red. Anmerkung: Der obige Link führt zur Webseite des Northern Cheyenne Tribe. Wer Informationen zu den südlichen Cheyenne wünscht (die offenbar keine eigene Homepage haben), sei hier auf den Artikel "CHEYENNE, SOUTHERN" der Oklahoma Historical Society verwiesen (abgerufen: 21. Februar 2019).

Bild-Quellen:

1) Ellie Chrystal, "Cheyenne Indians", bei crystalinks.com
2) Wikimedia Commons, nach: Kastalia Medrano, "Book of Genesis Explain Mysterious Fossilized Forest?", 20. Dez. 2017, bei newsweek.com