Die nordafrikanischen Amazonen und die Atlantioi

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von Diodorus Siculus (Historische Bibliothek, Drittes Buch)

Abb. 1 Darstellung einer fliehenden Amazone. Innenseite von einer attischen rotfigurigen Kylix, 510-500 v. Chr.

52. Die bisher beschriebene Gegend gibt uns die schicklichste Veranlassung, zu berichten, was von den Amazonen, welche ehemals in Libyen gewohnt, erzählt wird. Nach der gewöhnlichen Meinung hat es keine Amazonen gegeben ausser denen, die am Fluß Thermodon in Pontus ihre Wohnsitze gehabt haben sollen. (Abb. 1) [1] Allein das ist nicht richtig. Die in Libyen gehören nur in viel frühere Zeiten, haben aber auch denkwürdige Thaten verrichtet. Wir wissen wohl, daß die Geschichte derselben vielen Lesern etwas unerhörtes seyn und ganz befremdend erscheinen wird. Denn da dieses Amazonengeschlecht viele Menschenalter vor dem Trojanischen Krieg völlig verschwunden ist, das am Fluß Thermodon hingegen erst kurz vor jener Begebenheit geblüht hat, so haben natürlich die spätern, welche mehr bekannt wurden, den Ruhm der älteren geerbt, die nun durch die Länge der Zeit fast überall gänzlich vergessen sind. Weil wir indessen bei vielen alten Dichtern und Geschichtschreibern, auch bei manchen der spätern, Nachrichten von ihnen finden, so wollen wir doch das Wichtigste von ihren Thaten erzählen, nach Dionysius [von Milet], der die Geschichte der Argonauten und des Dionysos und noch viele andere Begebenheiten aus der ältesten Zeit beschrieben hat. Es hat in Libyen mehrere Geschlechter von streitbaren Weibern gegeben, die durch ihren männlichen Muth hohe Bewunderung erregten. Die Gorgonen, gegen die Perseus in den Krieg gezogen seyn soll, werden als ein Volk von ausgezeichneter Tapferkeit geschildert. Wenn für den Sohn des Zeus, den Tapfersten unter den Griechen seiner Zeit, der Kampf mit denselben die größte Heldenthat war, so kann man schon daraus auf die ausserordentliche Stärke dieser Weiber schließen. Auch die Heldinnen, von welchen jetzt die Rede seyn wird, stehen auf einer ungemein hohen Stufe, wenn man den Charakter unserer Weiber dagegen hält.

53. „Im westlichen Theile von Libyen, am Ende der Welt, (so erzählt man) gab es ein Volk, das unter Weiberherrschaft stand und eine von der unsrigen verschiedene Lebensweise befolgte. Das Kriegführen war ein Geschäft für die Weiber. Sie mußten eine bestimmte Zeit Kriegsdienste thun und Jungfrauen bleiben. Wenn die Jahre der Dienstpflicht vorüber waren, so hatten sie zwar mit Männern Gemeinschaft, um ihr Geschlecht fortzupflanzen; aber die Regierung und die öffentlichen Aemter behielten sie sich allein vor. Die Männer hingegen lebten, wie bei uns die Frauen, in häuslicher Zurückgezogenheit, den Befehlen ihrer Gattinnen gehorchend. Sie hatten weder mit dem Krieg noch mit der Staatsverwaltung etwas zu schaffen, und durften überhaupt nirgends öffentlich auftreten, wo sie ihrer Würde eingedenk, den Weibern gegenüber sich hätten geltend machen können. Die Kinder wurden sogleich nach der Geburt den Männern übergeben, welche sie mit Milch, und nach und nach, so wie es das Alter der Kinder mit sich brachte, mit andern Speisen ernähren mnßten. Wenn ein Mädchen geboren wurde, so brannte man ihm die Brüste aus, damit sie nicht zur Zeit der Mannbarkeit sich erhoben. Denn man hielt die hervorragenden Brüste für ein bedeutendes Hinderniß beim Kriegsdienst. Daher erhielten jene Weiber bei den Griechen den Namen Amazonen, weil ihnen die Brüste fehlten.

Abb. 2 Versuch einer Rekonstruktion des / der Tritonis-See/s (Lake Tritonis) mit einem putativen, westlichen Arm des Flusses Nil (nach: aejor mn).

Sie haben, nach einer fabelhaften Sage, eine Insel im Tritonischen See (Abb. 2) bewohnt, die, weil sie weit gegen Westen lag, Hespera genannt wurde. Dieser See ist in der Nähe des die Welt umfließenden Oceanus, und hat seinen Namen von dem Fluß Triton, der in denselben fällt. Er ist nicht weit von Aethiopien von dem Gebirge am Ocean, das sich in die See hinaus erstreckt und bei den Griechen Atlas heißt, dem höchsten Berg in dieser Gegend. Jene Insel war von ziemlicher Größe und voll von allerhand fruchtbaren Bäumen, welche den Einwohnern ihren Unterhalt verschafften. Manche besaßen auch Heerden von Ziegen und Schafen, von deren Milch und Fleisch sie sich nähren konnten. Brod genoß das Volk gar nicht, weil man von dem Gebrauch der Brodfrüchte und von dem Ackerbau dort noch Nichts wußte. Getrieben von ihrem hohen kriegerischen Muth, eroberten die Amazonen zuerst die Städte auf der Insel (eine ausgenommen, Namens Rene, die für heilig galt und von Aethiopischen Ichthyophagen [Fischessern; d.Red.] bewohnt war; es brachen dort starke Feuerkammern aus, und es gab viel Edelsteine von den Arten, die bei den Griechen Anthrar [orientalischer Rubin], Sard und Smaragd heißen.) Sodann unterwarfen sie sich viele der benachbarten Libyer und Numidier, und erbauten in dem Tritonischen See eine große Stadt, die von ihrer Lage den Namen Chersonesus [Halbinsel] erhielt."

54. „Von hier gingen sie auf kühnere Unternehmungen aus; es kam sie die Lust an, einen großen Theil der Welt zu durchwandern. Zuerst zogen sie zu Felde gegen die Atlanteer, das gesittetste Volk jener Gegenden, das ein glückliches Land mit großen Städten bewohnt. Nach der Mythologie dieses Volks sind die Götter in der Nähe des Oceaus geboren; was mit den Fabeln der Griechen (wovon wir bald das Nähere berichten werden) übereinstimmt. Die Königin der Amazonen, Myrina, brachte ein Heer von dreißigtansend Mann zu Fuß und zweitausend Reitern [2] zusammen; es war ihnen nämlich im Kriege vorzüglich um eine geübte Reiterei zu thun. Als Schußwaffen gebrauchten sie die Häute von großen Schlangen (denn es gibt in Libyen Schlangen von ungeheurer Größe,) zum Angriff aber Schwerter und Lanzen, auch Bogen; und zwar schossen sie nicht blos gerade aus, sondern auch rückwärts auf der Flucht, und wußten die Verfolgenden geschickt zu treffen. Nachdem sie in das Land der Atlantiden eingefallen, besiegten sie die Bewohner von Cerne in einer Schlacht, und eroberten diese Stadt, indem sie mit den Fliehenden zugleich zu den Thoren eindrangen. Um unter den Nachbarn Schrecken zu verbreiten, verfuhren sie grausam gegen die Ueberwundenen. Die junge Mannschaft wurde niedergemacht, Weiber und Kinder in die Gefangenschaft geführt, und die Stadt zerstört.

Abb. 3 Abbildung einer Gorgone auf einer attischen Amphore, ca. 520–510 v. Chr.

Durch die Nachricht vom Schicksal der Cernäer in Furcht gesetzt, übergaben die andern Atlanteer ihre Städte und versprachen, alle Bedingungen, die ihnen vorgeschrieben würden, zu erfüllen. Die Königin Myrina behandelte sie aber mit Milde. Sie schloß ein Freundschaftsbündis mit ihnen, und baute statt der zerstörten Stadt eine neue, die ihren Namen Myrina führen sollte; dahin durften die Gefangenen ziehen, und Wer sonst von den Landeseingebornen wollte. Es wurden ihr dafür von den Atlanteern kostbare Geschenke und hohe Ehrenbezeugungen im Namen des ganzen Volkes dargebracht. Sie nahm die Huldigungen an und versprach fernere Gunsterweisungen. Nun waren die Einwohner häufig von den Gorgonen (Abb. 3) , einem benachbarten Weibervolk, bedrängt, mit welchem sie überhaupt in beständigem Streit lebten. Auf die Bitte der Atlanteer fiel daher Myrina in das Gebiet der Gorgonen ein, und lieferte ihnen eine Schlacht, in welcher nach einem hartnäckigen Kampf die Amazonen die Oberhand behielten. Von den Feinden kam eine große Zahl um, und nicht weniger als dreitausend wurden gefangen. Die Uebrigen flüchteten sich in eine Waldgegend. Myrina wollte, um das ganze Volk auf einmal auszurotten, den Wald anzünden. Allein das Vorhaben gelang nicht, und sie zog sich an die Gränzen des Landes zurück."

55. „Da aber die Amazonen, als Siegerinnen ihrem Glück vertrauend, zur Nachtzeit nicht sorgfältig genug Wache hielten, so wurden sie von den gefangenen Weibern überfallen und viele mit ihren eigenen Schwertern getödtet. Doch unterlagen jene endlich, von allen Seiten angegriffen, der Ueberzahl, und wurden, nach einer tapfern Gegenwehr, sämmtlich niedergehauen. Myrina ließ ihre gefallenen Streitgefährtinnen auf drei Scheiterhaufen verbrennen und als Grabmähler drei hohe Erdhügel aufwerfen, welche noch gegenwärtig Amazonenhügel heißen. In der Folgezeit wuchs die Macht der Gorgonen; aber sie wurden wiederum von Perseus, dem Sohn des Zeus überwunden; damals war Medusa ihre Königin. Zuletzt aber wurde dieses Volk sowohl als die Amazonen von Hercules völlig vertilgt, zu der Zeit, da er die westlichen Länder durchwanderte und die Säule in Libyen setzte. Er glaubte, wenn er der Wohlthäter des gesammten Menschengeschlechts werken wollte, so dürfte er es nicht dulden, daß es noch von Weibern beherrschte Völker gäbe. Der Tritonische See ist durch Erdbeben verschwunden, welche das Land bis zum Ocean bin von einander rissen.

Abb. 4 Mit Horus, dem mythischen Gottkönig der Alten Ägypter, soll die Amazonenkönigin Myrina verbündet gewesen sein.

Myrina durchzog nicht nur den größten Tbeil von Libyen, sondern sie kam auch nach Aegypten, und schloß ein Bündniß mit Horus (Abb. 4) , dem Sohne der Isis, welcher damals König von Aegypten war; sie bekriegte die Araber, und richtete unter ihnen eine große Niederlage an; dann unterwarf sie sich Syrien; in Cilicien aber, wo man ihr mit Geschenken entgegen kam, und ihren Befehlen zu gehorchen sich bereit erklärte, ließ sie Allen, die sich von selbst ergaben, ihre Freiheit; und daher heißen Diese noch jetzt die >freien Cilicier.< Sie bezwang ferner die äußerst streitbaren Völker am Taurus, ging durch Großphrygien bis an's Meer hinab, und nahm das ganze Küstenland ein bis an den Fluß Kaïkus, wo sie ihrem Zug eine Gränze setzte. In den eroberten Ländern wählte sie mehrere zur Ansiedlung gut gelegene Plätze aus und ließ daselbst Städte erbauen; eine derselben nannte sie nach ihrem eigenen Namen, die andern nach ihren angesehensten Heerführerinnen, Kuma, Pitona und Priene. Ausser diesen am Meer erbauten Städten gründete sie noch mehrere weiter innen im Lande. Auch eroberte sie einige Inseln, namentlich Lesbos, wo sie die nach ihrer Schwester, die den Zug mitmachte, benannte Stadt Mitylene erbaute. Während sie einige andere Inseln einnehmen wollte, Überfiel sie ein Sturm. Sie that der Mutter der Götter Gelübde für ihre Rettung und wurde an eine unbewohnte Insel verschlagen. Diese Insel weihte sie nun, einem Traumgesicht zufolge, jener Göttin, richtete Altäre auf und brachte herrliche Opfer dar. Sie nannte dieselbe Samothrace, das heißt, in unserer Sprache übersetzt, die heilige Insel." Nach den Berichten anderer Geschichtschreiber hätte die Insel vordem Samos geheißen und wäre von den Thraciern, die einst dort wohnten, Samothrace genannt morden. Uebrigens lautet die Fabel weiter so. „Nachdem die Amazonen auf das feste Land zurückgekehrt waren, ließ die Mutter der Götter, welche Wohlgefallen an der Insel fand, mit andern Ansiedlern ihre eigenen Söhne, die sogenannten Korybanten, dahin ziehen, (Wen sie zum Vater haben, ist ein Geheimniß, das nur den Eingeweihten mitgetheilt wird,) ordnete die Mysterien an, die noch jetzt daselbst gefeiert werden, und bestimmte einen geheiligten Platz zu einer Freistätte. Um jene Zeit fiel Mopsus, ein Thracier, der sich vor Lykurg, dem König von Thracien, flüchten mußte, in's Gebiet der Amazonen ein mit einem Heere, das sich an ihn angeschlossen hatte. Ein Kampfgenosse des Mopsus war Sipylus, welcher ans seinem Vaterlande, Scythien, das an Thracien gränzt, ebenfalls vertrieben war. Es murde eine Schlacht geliefert, in welcher Sipylus und Mopsus Sieger blieben und der größte Theil der Amazonen mit ihrer Königin, Myrina, umkam. Als auch im weitern Verlauf des Kriegs, das Glück immer auf der Seite der Thracier war, kehrten endlich die übrig gebliebenen Amazonen wieder nach Libyen zurück." Ein solches Ende nahm nach der Fabel der Zug der Libyschen Amazonen.

Abb. 5 Nach Diodor war Uranos der mythische, erste König der Atlantier.

56. Da mir der Atlanteer gedacht haben, so wird es nicht am unrechten Orte seyn, wenn wir von ihren Fabeln über die Entstehung der Götter, welche von der Griechischen Mythologie nicht viel abweichen, Nachricht geben. Die Atlanteer, welche ein fruchtbares Land in der Nähe des Oceans bewohnen, und durch Gewissenhaftigkeit und Freundlichkeit gegen die Fremden sich vor ihren Nachbarn auszeichnen sollen, behaupten, in ihrer Gegend seyen die Götter geboren. Damit stimme der berühmteste Griechische Dichter überein, wenn er [Al. XIV. 200 f.] die Here sagen lasse: „Denn ich gehe zu schau'n der nährenden Erde Begrenzung, Auch den Okeanos, unsre Geburt, und Tethys die Mutter." Der erste König der Atlanteer war nach ihrer Fabellehre Uranos (Abb. 5). „Er vereinigte die zerstreut wohnenden Menschen, daß sie sich in Städte sammelten, und gewöhnte Denen, die ihm gehorchten, die gesetzlose und thierische Lebensweise ab. Er entdeckte den Nutzen und die Behandlungsart der Feldfrüchte, und machte sonst manche zweckmäßige Erfindungen. Auch eroberte er den größten Theil der bewohnten Welt, namentlich die westlichen und nördlichen Länder. Als ein fleißiger Beobachter der Gestirne sagte er Vieles, was am Himmel geschah, voraus. Das Volk lehrte er nach der Bewegung der Sonne das Jahr, und nach der des Mondes die Monate bestimmen, und auf die Ordnung der Jahreszeiten achten. Das Eintreffen seiner Vorhersagungen erregte unter der Menge, welche von den ewigen Gesetzen der Gestirne Nichts wußte, solche Verwunderung, daß man glaubte, Wer diese Belehrungen gegeben, müßte ein göttliches Wesen seyn. Nachdem er dem Kreise der Menschen entrückt war, erwies man ihm wegen seiner Verdienste und seiner Kenntniß der Gestirne die Ehre der Unsterblichen und seinen Namen [Uranos, d. i. Himmel] trug man ans das Weltgebäude über, nicht nur, weil man dachte, er sey vertraut mit dem Auf - und Untergang der Gestirne und mit Allem, was sich am Himmel begibt, sondern, weil man durch die hohe Verehrung, die ihm für immer als dem König des Weltalls geweiht wurde, seine Verdienste noch überbieten wollte."

57. „Uranos zeugte fünfundvierzig Kinder mit mehreren Gemahlinnen; darunter achtzehn mit der Titäa, welche ausserdem, daß Jeder seinen eigenen Namen hatte, von ihrer Mutter die gemeinschaftliche Benennung Titanen erhielten. Titäa war eine verständige Frau und erwies Andern viel Gutes; daher vergötterte man die Wohlthäterin nach ihrem Tode und nannte sie Erde. Unter ihren Töchtern wurden die zwei ältesten viel berühmter als die andern; sie hießen Basilea und Rhea, von Einigen auch Pandora genannt. Basilea, die älteste, zeichnete sich durch Besonnenheit und Einsicht weit vor den Uebrigen ans. Sie erzog alle ihre Brüder, und zwar mit gleicher mütterlicher Treue. Daher wurde sie die große Mutter genannt. Nachdem ihr Vater von den Menschen zu den Göttern übergegangen war, übernahm sie, mit Bewilligung des Volks und ihrer Brüder, die Regierung. Sie war damals noch Jungfrau; denn ihr ernster Sinn hatte ihr bisher nicht gestattet, sich zu verehlichen. Allein der Wunsch, eigenen Kindern die Regierung zu hinterlassen, bestimmte sie später doch, daß sie mit Hyperion, einem ihrer Brüder, zu welchem sie am meisten Zutrauen hatte, sich vermählte. Sie gebar zwei Kinder, Helios und Selene (Abb. 6), die durch ihre Schönheit und edle Sinnesart Bewunderung erregten.

Abb. 6 Eine römische Darstellung der 'Mondgöttin' Selene

Doch die Mißgunst gegen die glückliche Mutter und die Furcht, Hyperion möchte einmal die Herrschaft an sich reissen, bewog die Brüder, zu einer abscheulichen Frevelthat sich zu verschwören. Sie ermordeten den Hyperion, und den Helios, der noch ein Knabe war, ertränkten sie im Fluß Eridanus. Selene, die ihren Bruder zärtlich liebte, stürzte sich, als sein unglückliches Schicksal kund wurde, vom Dach herab. Die Mutter aber fiel, während sie am Ufer des Flusses den Leichnam suchte, in ein Unmacht, und hatte eine Erscheinung im Traum. Sie sah den Helios vor sich stehen, wie er ihr zusprach, sie sollte den Tod ihrer Kinder nicht beklagen; denn die Titanen werde die verdiente Strafe treffen, er aber und seine Schwester werden durch eine göttliche Fügung in unsterbliche Wesen sich verwandeln; was nämlich bisher das heilige Feuer am Himmel geheißen habe, das werden die Menschen Helios [Sonne] und die sogenannte Mene werden sie Selene [Mond] heißen.

Nachdem sie erwacht war, erzählte sie öffentlich den Traum und ihr vielfaches Unglück, und forderte das Volk auf, die Todten göttlich zu verehren; sie selbst aber sollte Niemand mehr am Körper anrühren. Nachher wurde sie rasend; sie raffte von dem Spielzeug ihrer Tochter Alles zusammen, was einen Klang gab, und schweifte, mit aufgelöstem Haar, im Land umher, begeistert durch den Schall der Pauken und Cymbeln. Mit Staunen sah man sie an; Jedermann nahm an ihrem Leiden Theil, und Einige wollten sie mit den Händen festhalten; da fiel ein heftiger Regenguß unter beständigen Donnerschlägen, und zu gleicher Zeit wurde Basilea unsichtbar. Das Volk, über die wunderbare Begebenheit betroffen, trug wirklich auf die beiden Himmelskörper [Sonne und Mond] die Namen und die Verehrung von Helios und Selene über, und erkannte ihre Mutter als Göttin an und errichtete ihr Altäre. Bei den Opfern und andern ihr zu Ehren angestellten Feierlichkeiten wurde Alles, was bei jener Geschichte vorgekommen war, nachgemacht, namentlich das laute Pauken- und Cymbelnspiel."

Abb. 7 Die unglückliche Cybele wurde auf Apolls Geheiß hin vergöttlicht.

58. Nach einer andern Ueberlieferung wäre diese Göttin in Phrygien geboren. Die dortigen Einwohner erzählen folgende Fabel. „Es war einst ein König von Phrygien und Lydien, Namens Mäon. Seine Gemahlin, Dindyma, gebar ihm eine Tochter; allein er wollte das Kind nicht aufziehen, sondern setzte es aus auf dem Berg Cybekus. Hier wurde es durch eine göttliche Fügung ernährt, indem Panther und andere der stärksten wilden Thiere ihm die Brüste reichten. Das sahen einige Weiber, die in der Gegend waideten, und voll Verwunderung über diese Erscheinung hoben sie das Kind auf, und nannten es nach dem Ort, wo sie es gefunden, Cybele. (Abb. 7) Schönheit und Edelsinn zeichnete die Jungfrau aus, da sie heranwuchs; auch ihr Verstand wurde bewundert. Sie war die Erste, die eine Syringe [Hirtenflöte] ans mehreren Röhren zusammensetzte, und Cymbeln und Pauken zur Begleitung des Spiels und Tanzes erfand. Ferner lehrte sie, die Krankheiten des Viehs und der kleinen Kinder durch eine Sühne abwenden. Gewöhnlich nahm sie die Kinder auf die Arme, und heilte sie durch Zaubergesänge. Wegen dieser zärtlichen Sorgfalt und Treue wurde sie allgemein die Mutter vom Berge genannt. Ihr vertrauter Freund und Begleiter war Marsyas aus Phrygien, ein äußerst verständiger und ernster Mann. Von seinem Verstande gab er einen Beweis, indem er die Töne der vielröhrigen Syringe durch die Flöte nachbildete, auf die er das ganze Tonsystem übertrug. Sein Ernst aber war daraus erkennbar, daß er sein ganzes Leben hindurch von dem Reiz sinnlicher Liebe sich frei erhielt. Cybele liebte, als sie in der Blüthe des Alters stand, einen jungen Phrygier, Attis, in der Folgezeit Papas genannt. Sie hatte heimlichen Umgang mit ihm und wurde schwanger. Eben um diese Zeit wurde sie von ihren Eltern erkannt."

59. „Sie wurde in die Königsburg zurückgeführt, und von ihrem Vater zuerst freundlich, als Jungfrau, aufgenommen. Als ihm nachher ihr Vergehen bekannt wurde, ließ er ihre Erzieherinnen und den Attis tödten, und die Leichname unbegraben hinwerfen. Cybele wurde rasend vor Schmerz über das Schicksal des geliebten Jünglings und ihrer Pflegerinnen, und eilte auf's Land hinaus. Allein durchstreifte sle, mit aufgelösten Haaren, unter Jammergeschrei und Paukenschlag, das ganze Land. Aus Mitleid folgte Marsyas der Unglücklichen nach, und irrte mit ihr herum, eingedenk der früheren Freundschaft. Als sie nach Nysa zu Dionysos kamen, trafen sie den Apollo an, der sich daselbst auf der Cither unter großem Beifall hören ließ. Hermes hatte die Cither erfunden, aber Apollo war der Erste, der sie auf die rechte Art zu spielen wußte. Marsyas ließ sich mit Apollo in einen Wettstreit ein, und die Einwohner von Nysa wurden zu Kunstrichtern erwählt. Zuerst spielte Apollo die Cither ohne Gesang. Als darauf Marsyas die Flöte anstimmte, erstaunte man über die neuen Töne, und sein Spiel wurde viel schöner gefunden als das seines Vorgängers. Es war aber ausgemacht, daß sie abwechselnd die Proben ihrer Kunst vor den Richtern ablegen sollten. Apollo griff daher zum zweitenmal in die Saiten, die Cither mit Gesang begleitend; und nun fand sie noch viel größeren Beifall, als zuvor die Flöte. Unwillig erinnerte Marsyas die Zuhörer, es sey gegen alle Billigkeit, wenn er nachstehen müsse; die Kunst, nicht die Stimme, müsse man vergleichen; das sey der Maßstab zur Beurtheilung der Harmonie und der Melodie auf der Cither und der Flöte; überdieß könne man nicht mit Recht zwei Künste zugleich gegen eine einzige halten. Apollo dagegen behauptete, er habe gar Nichts voraus; denn er thue nichts Anderes, als was Marsyas auch thue, indem er in die Flöte blase; entweder müsse es Beiden frei stehen, sich hiernach beurtheilen zu lassen, oder dürfe Jeder mit den Händen allein, aber nicht mit dem Mund, seine Kunst in dem Wettstreite zeigen. Die Zuhörer erklärten Apollo's Begehren für billiger und die Künstler mußten weitere Proben ablegen.

Abb. 8 Apoll rächt sich an Marsyas nach ihrem musikalischen Wettstreit.

Die Entscheidung fiel gegen Marsyas aus; Apollo aber war durch den Zwist so gereizt, daß er dem überwundenen Gegner lebendig die Haut abzog. (Abb. 8) [3] Doch reute es ihn bald, und im Unwillen über seine That zerriß er die Saiten der Cither, und machte seine Erfindung, die Harmonie der Töne, zu nichte. Diese wurden nachher einzeln wieder erfunden, nämlich die Mese [der Mittelton] von den Musen, der Lichanos [Zeigefingerton] von Linus, die Hypate und Parhypate [der letzte und vorletzte Ton] von Orpheus und Thamyris. [4] Apollo ließ die Cither und die Flöte als Weihgeschenk in der Höhle des Dionysos zurück, und begleitete die herumirrende Cybele, die er liebgewonnen, bis zu den Hyperboreern. In Phrygien war eine Seuche unter den Menschen entstanden und Mißwachs auf den Feldern. Man befragte den Gott wegen der Abwendung des Unglücks, und er gebot, man sollte den Leichnam des Attis begraben und die Cybele göttlich verehren. Die Phrygier ließen nun, da der Leichnam in der langen Zeit schon verwest war, ein Bild des Jünglings machen, um welches sie unter den gewöhnlichen Leichenseierlichkeiten wehklagend sich versammelten, um die Schuld des Frevels zu tilgen; und diese Sitte hat sich bis auf unsere Zeit erhalten. Zuerst wurden der Cybele nur Altäre errichtet, um die jährlichen Opfer darzubringen. Später aber winde ihr in der Phrygischen Stadt Pessinus ein herrlicher Tempel erbaut, und glänzende Opferfeste eingeführt, hauptsächlich unter der Leitung des kunstliebenden Königs Midas. Neben die Bildsäule der Göttin stellte man Panther und Löwen, weil man glaubte, sie sey von diesen Thieren gesäugt worden." Dieß sind die Sagen von der Mutter der Götter, die unter den Phrygiern, und die unter den Atlanteern, den Anwohnern des Oceanus, verbreitet sind.

60. Bei den Letztern heißt der Mythus weiter also. „Nach Hyperion's Tode theilten die Söhne des Uranos das Reich unter sich. Die Angesehensten waren Atlas und Kronos. Atlas erhielt die Länder am Ocean; er nannte die Einwohner derselben Atlanteer; auch dem höchsten Gebirge in der Gegend gab er den Namen Atlas. Vom Lauf der Gestirne hatte er genaue Kenntnisse; er war der Erste, welcher die Menschen den Himmel als eine Kugel betrachten kehrte. Darum hieß es, die ganze Welt ruhe auf den Schultern des Atlas; man wollte die Entdeckung und Nachbildung der Kugel durch die Fabel andeuten. Er hatte mehrere Söhne, unter welchen sich Einer Namens Hesperus, durch Frömmigkeit, so wie durch Gerechtigkeit und Leutseligkeit gegen seine Unterthanen auszeichnete. Dieser verschwand einmal plötzlich, von einem heftigen Sturm fortgeführt, als er den Gipfel des Gebirges Atlas bestieg, um die Sterne zu beobachten.

Abb. 9 Rhea reicht Kronos, der ihren Sohn Zeus verspeisen will, einen in Windeln gewickelten Stein.

Das Volk, den Verlust des Edelen bedauernd, erwies ihm göttliche Ehre, und benannte den hellsten Stern am Himmel nach seinem Namen. Atlas hatte auch sieben Töchter, welche nach ihrem Vater zusammen Atlantiden hießen. Ihre besondern Namen waren Maja, Elektra, Taygete, Asterope, Merope, Alcyone und Celäno. Sie vermählten sich mit den erhabensten Heroen und Göttern und wurden die Stamm-Mütter von einem großen Theile des Menschengeschlechts; denn ihre Söhne waren Diejenigen, die um ihrer Verdienste willen für Götter und Heroen erklärt wurden. Maja z. B., die Aelteste, gebar dem Zeus den Hermes, dem die Menschen viele Erfindungen verdanken. Ebenso wurden die Söhne der andern Atlantiden entweder als Stammväter von Völkern oder als Erbauer von Städten berühmt. Daher galten auch bei den Griechen, wie bei einigen auswärtigen Völkern, die meisten Heroen der Urzeit für Abkömmlinge der Atlantiden. Diese Töchter des Atlas waren durch Weisheit ausgezeichnet, und nach ihrem Tode würdigte man sie göttlicher Ehre, und versetzte sie an den Himmel unter dem Gesammtnamen der Plejaden. Die Atlantiden hießen auch Nymphen, weil unter den Eingebornen Nymphe der allgemeine Name für ein Weib ist."

61. „Kronos, der Bruder des Atlas, ein äußerst ruchloser und habsüchtiger Mann, verehlichte sich mit seiner Schwester Rhea (Abb. 9), und zeugte mit ihr den Zeus, welcher nachher der Olympier hieß. Es hat aber auch noch einen andern Zeus gegeben; der war des Uranos Bruder vnd König von Kreta, und wurde weit nicht so berühmt als der Jüngere, der über die ganze Welt regierte. Jener ältere, der Beherrscher der ebengenannten Insel, hatte zehen Söhne, die Kureten. Der Insel gab er den Namen seiner Gemahlin Jdäa. Daselbst starb er auch und wurde begraben, und noch gegenwärtig zeigt man den Platz, wo sein Grab war." (Dieß stimmt übrigens mit der Erzählnng der Kreter, wovon wir bei der Geschichte von Kreta ausführlich sprechen werden, nicht überein.) „Kronos herrschte in Sicilien und Libyen, auch in Italien. Es waren also durchaus nur die westlichen Länder, über die sich sein Reich erstreckte. Ueberall versah er die Burgen der Städte und die festen Plätze mit Besatzungen. Daher kommt es, daß nach seinem Namen noch jetzt in Sicilien und andern Gegenden des Abendlandes manche Anhöhen Kronia genannt werden. Zeus, der Sohn des Kronos, befolgte eine ganz andere Handlungsweise als sein Vater. Er begegnete Jedermann mit Milde und Freundlichkeit, und wurde vom Volk Vater genannt. Die Regierung wurde ihm nach Einigen von seinem Vater freiwillig abgetreten, nach Andern aber durch die Wahl des Volks übertragen, weil man seinen Vater haßte. Nun bekriegte ihn Kronos mit Hülfe der Titanen; allein Zeus gewann eine Schlacht, und wurde Herr des ganzen Reichs. Hierauf durchwanderte er die Welt als Wohlthäter des Menschengeschlechts. Er besaß auch eine ausgezeichnete Körperstärke und alle möglichen Vorzüge; und darum wurde er so schnell Beherrscher der ganzen Welt. Mit allem Eifer war er darauf hauptsächlich bedacht, die Ruchlosen und Bösewichte zu strafen, und sein Volk zu beglücken. Deswegen wurde er, nachdem er von den Menschen geschieden war, Zeu genannt; denn sie betrachteten ihn als den Urheber von dem Glücke ihres Lebens [Ζεύ]; und zum Beweis ihrer dankbaren Verehrung erhoben sie ihn in den Himmel, indem sie ihn alle aus freiem Antrieb für einen Gott und für den Herrn des Weltalls auf ewig erklärten. So lautet, der Hanptsache nach, die Götterlehre der Atlanteer."


Anmerkungen und Quellen

Dieser Beitrag ist die Transkription eines Auszugs aus Diodor´s von Sicilien historische Bibliothek, übersetzt von Julius Friedrich Wurm (1791–1839), Professor am Seminar zu Blaubeuren. Erste Abtheilung (Band 1, Teile 1-5, S. 320-355). Stuttgart, Verlag der J.B. Metzler´schen Buchhandlung. Für Östreich in Commission von Mörschner und Jasper in Wien. 1831 (Digitalisiert von Google)

Fußnoten:

  1. Red. Anmerkung: Vergl. zu diesen bei Atlantisforschung.de auch: "Kleinasiatische und andere Amazonen des Ostens" (bb)
  2. Anmerkung der Übersetzer: Es scheint ein Fehler in den Zahlen zu sevn, da die größere die der Reiter seyn sollte.
  3. Red. Anmerkung: Bei Vollmer's Wörterbuch der Mythologie aller Völker von 1874 findet sich eine etwas abweichende Version des mythischen Wettstreits. Dort heißt es unter dem Stichwort "Marsyas": "Sohn des Oeager, oder des Olympus, oder des Hyagnis, ein Phrygier; wird auch ein Satyr oder Silen genannt. Er hatte die Flöte gefunden, welche Minerva weggeworfen, da sie ihr die Lippen entstellte, und lernte das Instrument so trefflich behandeln, dass er den Apollo zum Wettstreit forderte, welchen selbst die Musen zu Marsyas' Gunsten entschieden; da fügte Apollo zu dem Zitherspiel noch den Gesang, und so ungerecht diese war, so sehr sich Marsyas widersetzte, so behauptete der Gott doch Recht zu haben, und da nun sein Gesang schöner war, als Marsyas' Flötenspiel, hatte er die Wette gewonnen, und zog dem Unglücklichen die Haut vom Leibe."
  4. Anmerkung des Übersetzers: In dem untern/mittlern Tetrachord ist Hypate die {Secunde/Quinte}, Parhypate die kleine {Terze/Sexte}, und Lichanos die {Quarte/kleine Septime}. Mese ist die Octave.

Bild-Quellen:

1) Wikimedia Commons, unter: File:Amazone Staatliche Antikensammlungen 8953.jpg
2) aejor mn, 01-08-2009, 08:53 AM, bei: David Icke.com, unter http://www.davidicke.com/forum/showthread.php?t=71481&page=2
3) Wikimedia Commons, unter: File:Gorgon Louvre F230.jpg
4) Wikimedia Commons, unter: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Horus_from_Egyptian_Mythology_and_Egyptian_Christianity.png
5) Uranos
6) Wikimedia Commons, unter: File:Clipeus Selene Terme.jpg
7) Vollmer's Wörterbuch der Mythologie aller Völker, unter Cybele - Griechische Mythologie (Bildbearbeitung durch Atlantisforschung.de)
8) Wikipedia - Die freie Enzyklopädie, Stichwort: Marsyas
9) Wikimedia Commons, unter: File:Rhéa présentant une pierre emmaillotée à Cronos dessin du bas-relief d'un autel romain.jpg (Bildbearbeitung durch Atlantisforschung.de)