Gavin Menzies: 1421 – Als China die Welt entdeckte

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eine Rezension von Dr. Horst Friedrich [1] (2003)

Abb. 1 Gavin Menzies: 1421 – Als China die Welt entdeckte, Droemer-Knaur, München 2003 ISBN 3-426-27306-3, 603 Seiten

Dieses Buch (Abb. 1), verfasst (in alter britischer Traditionslinie) von einem außeruniversitären „gentleman scholar“ und einstigem U-Boot-Kommandanten, verdient zugleich höchstes Lob, aber auch allerhand tadelnde Anmerkungen. Solches Nebeneinander von Lobenswertem und Fraglichem, sei gleich hinzugefügt, ist allerdings auch bei herausragenden Arbeiten von Establishment-Wissenschaftlern nichts Ungewöhnliches.

Höchstes Lob verdient der Autor deswegen, weil er sich in diesem inzwischen zum Bestseller avancierten Werk ganz klar vom narzißtisch-eurozentrischen, dogmatisch verengten Blickwinkel distanziert, was die Geschichte der Entdeckungen angeht, und auch außereuropäische Hochkulturen, insbesondere die Chinas, mit ins Kalkül einbezieht. Dies war ein schon längst überfälliger geistiger Schritt, vor dem wir uns (abgesehen von etlichen Diffusionisten) schon allzu lange gedrückt hatten, aus letztlich pur weltanschaulich-ideologischen Gründen.

Menzies’ Werk muss durchaus als (sicherlich nicht jedermann willkommene) Dämpfung für das westlich-europäische, kollektive Ego gesehen werden. In der Neuzeit war das nämlich recht aufgebläht worden. Abgesehen von ein paar Polynesiern, besaßen nur die Europäer – so die „pseudowissenschaftliche[2] Legendenbildung – die Kühnheit und die Fähigkeiten, Ozeane zu überqueren und ferne Länder und Kontinente zu entdecken und zu kolonialisieren, was schon per se als ausgemachter Unsinn erscheinen muss, bedenkt man das weit höhere Alter der Hochkulturen in Indien und China. Auch zögerte man im Westen, aus besagten außerwissenschaftlichen Beweggründen, auffällig lange, sich ernsthaft mit Seefahrtsgeschichte (vor allem mit außereuropäischer) zu befassen.

Diese Vorbemerkungen waren nicht entbehrlich. Man versteht nämlich ohne sie nicht das Aufsehen, das Menzies mit seinem Vortrag im März 2002 vor der Royal Geographical Society in London und danach mit seinem Buch mit seiner Behauptung hervorrief, chinesische Flotten hätten schon rund 70 Jahre vor Kolumbus alle Weltmeere befahren (Abb. 2) und auch Amerika entdeckt und kartographiert. Im Grunde flog da ein bildungspolitischer Skandal auf. Schon mindestens seit der Mitte des 20. Jahrhunderts hätte der Westen, etwa der einigermaßen gebildete Europäer, wissen können und müssen, welche eindrucksvolle Potenz in Seefahrt, Schiffsbau und Navigation vor allem die alten Hochkulturen Indien und China seit sehr vielen Jahrhunderten gehabt hatten. An unseren Schulen wird das aber bis heute nicht gelehrt, die Universitätsreife kann man erwerben, ohne je von diesen Fakten gehört zu haben. Nur wenige Privatgelehrte und vom „mainstream“ argwöhnisch betrachtete „Abweichler“ im Establishment wussten darum.

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Abb. 2 Die vermutete Route der chinesischen Weltreisenden
von 1421-1423, wie von Gavin Menzies rekonstruiert

Menzies hat das unbestreitbare Verdienst, mit seinem Werk zumindest für eine bestimmte Epoche, nämlich das China der Ming-Dynastie, die enorme seefahrerische Potenz des Fernen Ostens dem Abgrund des Vergessens (jedenfalls im Westen) entrissen zu haben, die damals – also kurz vor dem Beginn des europäischen Entdeckungszeitalters – turmhoch über der des Okzidents stand.

Speziell handelt das Buch von mehreren Übersee-Entdeckungsreisen, die auf Befehl des Ming-Kaisers Zhu Di (Abb. 3) von verschiedenen chinesischen Flottenverbänden unternommen wurden. Man wusste zwar bisher schon von diesen Reisen, sah sie aber als auf Südostasien und den Indischen Ozean, bis Afrika, beschränkt. Menzies versucht hingegen nachzuweisen, dass es sich hier um weltweite Entdeckungsunternehmungen gehandelt habe. Der Rezensent muss das Fazit ziehen: Es ist Menzies zwar gelungen, dies relativ wahrscheinlich zu machen, aber von einem Beweis seiner These kann noch nicht gesprochen werden.

Das hat primär den besonderen Grund, dass unter Zhu Dis Nachfolger ein völliger Umbruch in Chinas Politik erfolgte: Aus konfuzianistischen wie wirtschaftlichen Gründen wandte man sich wieder dem Isolationismus zu, alle Übersee-Expeditionsschiffe (darunter gewaltige Vielmaster mit bis zu 164 m Länge) wurden vernichtet, ebenso alle Expeditionsberichte und die auf den Reisen angefertigten Landkarten. Aber andere Gründe kommen hinzu; zum „Tadel“ gleich mehr.

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Abb. 3 Der Ming-Kaiser Zhü Di, auch Yongle genannt (1360-1424)

Eine wichtige Rolle in Menzies’ Argumentation spielen einige auffällige, bisher aber offenbar nicht genügend gewürdigte Anomalien auf einer Reihe früher europäischer Welt- und Atlantik-Karten. Er kann nämlich, zumindest nach Meinung des Rezensenten, relativ überzeugend darlegen, dass zahlreiche der von Kolumbus, Magellan etc. vermeintlich erstmalig entdeckten Küsten und Inseln offenbar bereits vor jenen europäischen „Entdeckern“ durch eine andere, weltweit aktive seefahrende Nation entdeckt und kartographisch erfasst worden sein müssen. [3] Diese Nation sieht Menzies im Ming-China des frühen 15. Jahrhunderts.

Durch einen ganz bestimmten, damals in Indien und dem Fernen Osten befindlichen Venezianer, Niccolo de Conti, seien Teile des chinesischen Kartenmaterials (möglicherweise illegal) sehr rasch in den Westen gelangt. Menzies bedarf also zur Erklärung jener Karten-Anomalien weder einer prähistorischen Hochkultur (Hapgood) [4], noch der Präastronautik-These.

Menzies zufolge wäre also der Europäer hinsichtlich der Entdeckung der Welt ein „Latecomer“ gewesen. Ihm zufolge wussten unsere Entdecker recht genau, wohin sie wollten, respektive was man von ihnen zu „entdecken“ erwartete. Zeitgenössische Dokumente scheinen dies in der Tat zu bestätigen.

Nun zum Tadel. Gibt es Schwachpunkte in Menzies’ Werk? Die gibt es in der Tat, und zwar zahlreich. Zwar gibt es die in jedem Buch, aber in einem Werk wie diesem, das so quasi revolutionierende Thesen aufstellt, stören sie besonders. Ein Hauptschwachpunkt: Menzies erwähnt zwar gelegentlich en passant, dass China damals schon über eine viele Jahrhunderte alte Tradition der Übersee-Navigation verfügte. Er erweckt aber den Eindruck, dass die chinesische Kontaktaufnahme mit dem amerikanischen Doppelkontinent erst damals, zur Zeit der Ming-Dynastie, erfolgte. In Wirklichkeit deutet aber vieles darauf hin, dass schon das Shang-China (ca. 1750-1100 v. Chr.) in Kontakt mit Mexiko (Olmeken) [5] und Peru (Chavin) stand. Die der chinesischen wohl ebenbürtige indische Übersee-Seefahrtstradition wird bei Rezensionen Menzies nur ganz am Rande als vernachlässigbare Größe erwähnt. Wie die weltweiten Sanskrit-Indusschrift-Entzifferungen von Kurt Schildmann (1998 [6]) wahrscheinlich machen, dürfte Indien aber noch vor der Shang-Zeit weltweit kulturdiffusionistisch aktiv gewesen sein. [7]

Die zweite Hauptschwäche: So einerseits bewundernswert Menzies auch recherchiert haben mag, so unbefriedigend sieht es dennoch leider an vielen Stellen des Werkes mit der Gesichertheit seiner Argumentationslinien aus. Fragliches ist so zahlreich, dass es hier nicht im einzelnen aufgeführt werden kann. Es bleibt sehr zu hoffen, dass bei einer Neuauflage diesbezüglich an vielen Stellen erheblich nachgearbeitet wird.


Anmerkungen und Quellen

Diese Rezension von Dr. Horst Friedrich (©) wurde erstmals veröffentlicht in der ZEITSCHRIFT FÜR ANOMALISTIK, Band 3, 2003, S. 271-273. Bei Atlantisforschung.de erscheint sie im Dez. 2013 im Dr. Horst Friedrich Archiv nach der Online-Version (PDF-Datei) der Gesellschaft für Anomalistik in einer redaktionell bearbeiteten (Links, erweiterter Appendix und Illustration) Fassung.

Fußnoten:

  1. Anmerkung bei der Zeitschrift für Anomalistik: Dr. Horst Friedrich ist Wissenschaftshistoriker und Pensionär in Wörthsee.
  2. Red. Anmerkung: Die obige Verwendung des Begriffs "pseudowissenschaftlich" durch Dr. Friedrich ist ironisch zu verstehen - er lehnt den Begriff "Pseudowissenschaft" als unwissenschaftliche Floskel ab - und sie stellt quasi eine verbale 'Retourkutsche' auf die unqualifizierte oder auch als ideologisch zu betrachtende Benutzung dieses terminus horribilis in der Mainstream-Wissenschaft dar. (bb)
  3. Siehe dazu bei Atlantisforschung.de: "Die Kenntnis Amerikas, der Arktis, der Antarktis und Australiens auf alten Karten" von Dr. Christine Pellech (2013)
  4. Siehe: Charles Hutchins Hapgood, "Maps of the Ancient Sea Kings: Evidence of Advanced Civilization in the Ice Age", 1966; 1997 Paperback Reprint Edition, Adventures Unlimited Press, ISBN 0-932813-42-9
  5. Siehe dazu online: Konstantin Artz, "The Olmecs and the Shang", unter: use your senses - and discover the world!; sowie: Dr. Mike Xu (Texas Christian University), "TRANSPACIFIC CONTACTS?"
  6. Siehe: Schildmann, K. (1998): Indus / Burrows Cave USA deciphering. Studia Orientalia et Indo-Atlantica, Fascicle No. 1, Bonn, 1998
  7. Red. Anmerkung: Vergl. dazu bei Atlantisforschung.de z.B.: "Die alten Hochkulturen standen in Kontakt!" von Dr. Horst Friedrich; sowie: "Globale Kulturkontakte" von Lars A. Fischinger

Bild-Quellen:

1) Bildarchiv Atlantisforschung.de
2) The Theosophical Society, unter: Book Reviews - 1421: The Year China Discovered America by Gavin Menzies, William Morrow/HarperCollins, New York, 2003
3) Qingprof bei Wikimedia Commons, unter: File:明太宗.jpg (Bildbearbeitung durch Atlantisforschung.de)