Jürgen Spanuth über Schultens Tartessos-Theorie

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Abb. 1 Das Reich von Tartessos stellt für Histotriker noch heute ein Rätsel dar. Auf dieser Karte sind das vermutliche 'Staatsterritorium' (dunkelrot) und das Einflussgebiet von Tartessos (hellrot) in Iberien eingezeichntet.

(bb) Innerhalb schulwissenschaftlich argumentierender Atlantologen-Kreise, die revisionistischen, am jeweiligen 'Stand wissenschaftlicher Forschung' orientierten Atlantis-Thesen und -Theorien nachhingen, hatte lange Jahre die Lokalisierung des Archäologen Adolf Schulten (siehe dazu auch: "Tartessos & Atlantis in Südspanien") dominiert, der die Hauptstadt von Atlantis bereits in den frühen 1920er Jahren auf der Iberischen Halbinsel gesucht und mit der legendären Handelsstadt Tartessos (Abb. 1) gleichgesetzt hatte.

Schultens Theorie hatte sich als erstaunlich zählebig erwiesen: sie hatte mit ihrem Schöpfer als 'feste Größe' der Atlantisforschung in Deutschland das Aufkommen ario-atlantistischer Ideologie und eine immer stärkere Beeinflussung populär- oder quasi-wissenschaftlicher Literatur durch diese ideologische Atlantis-Adaption überstanden. Auch die Zeit der Marginalisierung nicht-ariozentristischer, atlantologischer Ansätze während des Dritten Reichs überdauerte sie, und überlebte bis hinein in die Rekonstruktionsphase der Atlantisforschung in der frühen BRD.

Vorausgegangen waren Schulten in dieser Tradition konformistischer Atlantologie z.B. der französische Homer-Forscher Victor Bérard (1926) [1], der Karthago als historisches Vorbild für Atlantis ausgemacht haben wollte, sowie William H. Babcock (1922) und andere, die im Großen Krieg der Atlantida eine Parabel Platons auf die Perserkriege der alten Hellenen sahen, wobei sie im kriegerischen, übermächtigen, doch letztlich besiegten Atlantis das Reich des persischen Großkönigs Xerxes wiedererkennen wollten. [2] Auch A.E. Taylor (1926) [3] und P. Frutiger (1930) [4] stehen mit ihren Atlantida-Auslegungen, bei denen sie die uralte Stadt Eliki oder Helike in Griechenland, etwa zwischen Delphi und Olympia gelegen, zum historischen Vorbild für Platons Atlantis küren, in dieser Traditionslinie.

Schultens Theorie stellt Spanuth in folgender Zusammenfassung vor: "Schulten meint: >Platon hat die Hauptstadt der Atlantis und ihr Gebiet bei Tartessos geschildert und damit zugleich ein dichterisch verklärtes Bild des reichen und und glücklichen Tartessos an der Mündung des Guadalquivir (Abb. 2) gegeben.< (1930, 342) Schultens zuerst schon 1922 aufgestellte Hypothese hat in Kreisen deutscher Wissenschaftler viel Zustimmung gefunden. Prof. Jessen erklärte: >Eigentlich ist Schultens Gleichung Atlantis = Tartessos das Ei des Kolumbus" (1925, 185)." [5]

Dieses "Ei des Kolumbus" beginnt Spanuth nun mit ähnlicher Verve zu 'pellen' wie das ägäische "Weltereignis der Archäologie", wobei er diesmal von der Warte des Historikers aus operiert: "Aber gegen diese Hypothese kann man viel Gründe ins Feld führen. Schulten behauptet, Tartessos sei um 500 v.Chr. von den Karthagern aus >Handelsneid< zerstört worden und diese Zerstörung sei dann als Untergang von Atlantis in einem Schlammeer umgedeutet worden. Durch die Zerstörung von Tartessos sei diese Stadt >aus dem Gesichtskreis der Mittelmeervölker plötzlich verschwunden.<

Solon, der diesen Bericht von Atlantis um 560 v.Chr. aus Ägypten mitgebracht hat, konnte gar nicht wissen, daß 60 Jahre später die Karthager Tartessos zerstören würden. Außerdem trifft es nicht zu, daß Tartessos >aus dem Gsichtskreis der Mittelmeervölker plötzlich verschwunden< ist. Viele Autoren aus den Jahrhunderten nach 500 v.Chr. erwähnen Tartessos. Herodot († 425 v.Chr) erwähnt Tartessos wiederholt (I, 163; IV, 152, 192), Aristophanes (445 bis 386 v.Chr.) rühmt den guten Geschmack der >Muränen von Tartessos< (in: Frösche 475), Rufus Festus Avienus (4. Jh. nach Chr.) spricht von Tartessus und dem >Tartessusberg<, er nennt den Guadalquivir >Tartessusstrom<. Plinius (Nat. hist. IV, 120) schreibt über Tartessos, das auch von anderen Autoren genannt wird.

Abb. 2 Das legendäre Tartessos soll an der Mündung des Flusses Guadalquivir gelegen haben, einer der wichtigsten Wasserstraßen des prä- und protohistorischen Iberien.

Schulten gibt zu: >An der Identität des biblischen Tarschisch mit Tartessos & Atlantis in Südspanien ist nicht zu zweifeln<. (1950, 27)" Nun ist auch der THEOLOGE Spanuth in seinem Element: "Tarschisch = Tartessos wird häufig im Alten Testament genannt, darunter u.a. auch in den Büchern Esther, Judith und Jona, die mit Sicherheit jünger als 300 v. Chr. sind. Tartessos = Tarschisch war also keineswegs seit 500 v.Chr. >aus dem Gesichtskreis der Mittelmeervölker plötzlich verschwunden<. Diese Völker haben im Gegensatz zu Schultens Behauptungen durch alle Jahrhunderte Handel mit Tartessos getrieben, weil Tartessos >ein Zentrum des Zinn- und Silberhandels war (W. Haussig, Herodot, 1955, 645).

Avenius, der gute Nachrichten von Britannien bis zur französischen Mittelmeerküste hatte und einen verlorenen griechischen Periplus (Beschreibung der Küsten und Inseln) benützt hat, um sein Buch >Ora maritima< zu schreiben, sagt: >Hier sind die Säulen des Herakles, hier liegt die Stadt Gadir, die früher Tartessos genannt wurde.(Vers 85), oder: Hier am tartessischen Meerbusen und an dem genannten Fluss (Guadalquivir) liegt die Stadt Gadir, früher aber wurde sie Tartessos genannt< (Vers 265 f.)." [6]

Gerhard Gadow, der Chronist des frühen Atlantis-Streits um Spanuth, resümiert: "So bleibt am wahrscheinlichsten, was schon im Altertum behauptet wurde, daß nämlich Tartessos und Gades identisch waren. von Gades wird berichtet, es sei um 1100 v. Chr. gegründet und später von den Karthagern erobert worden, von Tartessos hat Schulten dies nur behauptet. Ist aber die Identifizierung (Schulten: »Verwechslung«), die die meisten antiken Autoren zwischen Gades und Tartessos vorgenommen haben, korrekt, dann entfällt die Voraussetzung für Schultens These. Atlantis und das Gebiet um Gades werden ja im Atlantisbericht als zwei getrennte Gebiete aufgeführt, und das eine kann nicht dort gelegen haben, wo das andere war, wie es ein Kritiker Schultens einmal formuliert hat." [7]

Bei Spanuth folgt noch eine valide Widerlegung von Schultens Behauptung, "die Karthager hätten die Straße von Gibraltar gesperrt und so sei die Stelle im Atlantisbericht entstanden: >Daher ist das Meer auch dort noch (kai nyn) unpassierbar und unerforschbar geworden, wegen des sehr seicht liegenden, Schlammes, den die untergehende Insel zurückließ.< (Tim. 25d und Krit. 108e)" [8] Wir übergehen Spanuths diesbezügliche Argumentation, denn in unserem Kontext ist vor allem seine Beweisführung gegen die Tartessus-Lokalisierung an sich wesentlich, die historisch-atlantologisch angelegt ist: er beweist schlüssig, das Schultens Auslegung des Atlantisberichts den historisch nachweisbaren Tatsachen widerspricht, bzw. dass dessen Interpretation der iberischen Vorgeschichte sich nicht in Einklang mit Platons Angaben bringen lässt.

Wir wissen nicht, ob es vor oder nach dem Erscheinen von Spanuths oben zitierter Kritik (1976), eine sachliche Auseinandersetzung oder auch unbillige Angriffe auf den 'Atlantis-Pastor' und gegen seine Helgoland-Theorie aus dem Lager der Tartessos-Verfechter gegeben hat; Schulten höchstpersönlich bemerkte jedenfalls 1953 in einem Interview bezüglich Spanuths Theorie und angesichts der massiven Diskussionen, die sie in der Öffentlichkeit auslöste, lapidar: "Heutzutage hat der größte Blödsinn die meiste Aussicht auf Erfolg. Mein Buch ist den Leuten zu einfach." [9] Auf eine richtiggehende Gegenrede oder -Argumentation Schultens warten wir jedoch vergeblich. Auch er beließ es letztlich bei diesem giftigen - aber argumentativ wertlosen - Seitenhieb.

Der resignative Unterton von Schultens Aussage ist jedoch nicht zu überhören. Schließlich war es dem Archäologen in mehr als 30 Jahren hingebungsvoller Forschungsarbeit nicht gelungen, die Ruinen von Tartessos zu finden: "Schulten selbst hat - schon etwas resignierend - erklärt, es sei nicht wichtig, »wo« sondern »daß« Tartessos gefunden werde. Gefunden hat man Tartessos jedoch bis heute nicht." [10] Das Ausbleiben archäologischer Evidenzen zur Stützung von Schultens Atlantis-Idee bewog offenbar viele Atlantis-begeisterte Wissenschaftler, ins anwachsende Lager der Ägais-Theoriker 'überzulaufen', oder im sich im Einzelfall (wie bei Hennig) der 'Spanuth-Fraktion' anzuschließen.


Anmerkungen und Quellen

  1. Anmerkung: siehe dazu: Victor Bérard (1929): "L’Atlantide de Platon", in: Annales de géographie 38 (1929) 193 - 205
  2. Anmerkung: siehe dazu: William H. Babcock, "Atlantis & Antilla", in: The Geographical Review 3, 1917, S. 392-395; in deutschsprachiger Erstveröffenlichung bei Atlantisforschung.de unter dem Titel: Atlantis von William H. Babcock
  3. Anmerkung: siehe dazu: Alfred Edward Taylor: "A Commentary on Plato's Timaeus", Oxford University Press 1928
  4. Anmerkung: siehe dazu: Perceval Frutiger, "Les Mythes de Platon", Librairie Felix Alcan, Paris 1930
  5. Quelle: Jürgen Spanuth, "Die Atlanter - Volk aus dem Bernsteinland", Tübingen, 1976, S. 421
  6. Quelle: ebd., S. 421, 422
  7. Quelle: Gerhard Gadow, "Der Atlantis Streit - Zur meistdiskutierten Sage des Altertums", Fischer Taschenbuch Verlag, Juli 1973, S. 28, 29
  8. Quelle: Jürgen Spanuth, "Die Atlanter - Volk aus dem Bernsteinland", Tübingen, 1976, S. 422, 423
  9. Quelle: Adolf Schulten, in: Kristall, Nr. 21/1953; zitiert nach: Gadow, 1973, S. 62; sowie nach: Spanuth, 1976, S. 422
  10. Quelle: Adolf Schulten, zitiert nach Richard Hennig, "Terrae incognitae" (Bd. 1), Leiden, 1944, S. 54; in: Gerhard Gadow, "Der Atlantis Streit - Zur meistdiskutierten Sage des Altertums", Fischer Taschenbuch Verlag, Juli 1973, S. 28


Bild-Quellen

(1) http://usuarios.lycos.es/superjulio/IMPERIOS%20DE%20ESPANA%20Y%20PORTUGAL/Mapas%20Imperiales%20Tartessos.jpg

(2) http://www.qcnscruise.com/templates_mc/compagnies/croisieurope/images/map/Croisieres-Fluviales-Guadalquivir---Guadiana-Eb48FjX2.gif