Kosmas Indikopleustes

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von Thorwald C. Franke

Abb. 1 Die Abbildung der rechteckigen 'Scheibenwelt', wie sie Kosmas Indikopleustes in seiner Topographia Christiana darstellte

Kosmas Indikopleustes war ein Zeitgenosse von Kaiser Justinian I. (gestorben 565 n.Chr.) und stand an der Schwelle zwischen Spätantike und Mittelalter. Kosmas Indikopleustes bereiste als Kaufmann größere Teile der damals bekannten Welt, darunter das Schwarze Meer, Arabien und Ostafrika; vielleicht auch Indien, denn Indikopleustes bedeutet „Indienfahrer“.

In seinem Werk Topographia Christiana hielt Kosmas Indikopleustes seine Vorstellungen vom Aussehen der Welt fest. Es handelt sich um eine flache, rechteckige Erdscheibe (Abb. 1), in deren Mitte sich nördlich ein hoher Berg befindet (Abb. 2), um den die Sonne kreist. Die bekannte Welt soll sich demnach im Süden dieses Berges befinden; wenn die Sonne nördlich des Berges steht, liegt der Süden im Schatten: Es ist Nacht. Als Christ zählte Kosmas Indikopleustes auch einen mehrgeschossigen Himmel zu seinem Weltbild. Die Stelle über Atlantis lautet:

In ebensolcher Weise beschreibt auch der Philosoph Timaios die Erde als ringsherum vom Okeanos umgeben, und den Okeanos (beschreibt er) als von der äußersten Erde (umgeben). Denn eine gewisse Insel Atlantis nimmt er im Westen, außen im Okeanos in Richtung Gadeira an; sie ist groß und gewaltig, und er erzählt, wie zehn Könige die auf ihr wohnenden Völker in Sold nahmen, und von der äußersten Erde aus nach Europa und Asien zogen und Krieg führten, und wie sie später von den Athenern überwunden wurden, und wie jene Insel von Gott im Meer versenkt wurde. Diesen [den Timaios] loben sowohl Platon als auch Aristoteles, und Proklos kommentierte (ihn), und dieser [Timaios] sagte Ähnliches wie wir, wobei er die Darlegung umbildete, indem er Osten mit Westen vertauschte, und auch noch die zehn Geschlechter bedachte und das Land außerhalb des Okeanos. Und einfach gesprochen ist es sehr klar, dass alle von Moses übernahmen und wie ihre eigenen (Worte) herausgaben. ... ... ... Als die Späteren Moses lasen und fanden, dass Noah der Zehntgeborene Adams war, zu dessen Zeit sich die Sintflut [kataklysmos] ereignete, (da) erfanden sie selbst zehn Könige bei ihnen, die 2242 Myriaden regiert hätten, wie zuvor schon gesagt. ... ... ... deshalb (sagte) einer der Ägypter, jener Salomon, mit Recht zu Platon: (Ihr) Griechen seid immer Kinder, und einen alten Griechen gibt es nicht, und es gibt bei Euch auch keine über die Zeit ergraute Gelehrsamkeit. ... ... ... Nur der schon erwähnte Timaios – ich weiß nicht woher er es nahm, vielleicht von den Chaldäern – bildete die zehn Könige um, wie sie von der äußerten Erde herzogen zur Insel Atlantis, die er als im Meer versunken darstellt, und wie sie die auf ihr (der Insel) einwohnenden Völker in Sold nahmen und in dieses Land zogen und Krieg gegen Europa und Asien führten, was ganz klar eine Erfindung ist. Denn wie er die Insel nicht vorzeigen konnte, beschrieb er sie als von Gott im Meer versenkt.[1]

Abb. 2 Der gewaltige Berg, der sich laut Kosmas Indikopleustes etwa in der Mitte seiner scheibenförmigen Welt befinden sollte

Wie man sieht, wird Platons Darstellung mit Gewalt den religiösen Vorstellungen des Kosmas Indikopleustes angepasst. Der Untergang von Atlantis wird zur weltweiten Sintflut, die zehn Könige von Atlantis sind die zehn Söhne Adams, und der ägyptische Priester ist plötzlich der weise König Salomon. Auch sonst ist einiges durcheinander geraten: So werden z.B. verschiedene Autoren verwechselt, die alle den Namen Timaios tragen. Überhaupt ist der Erzähler der Atlantiserzählung nicht Timaios, sondern Kritias.

Kosmas Indikopleustes wollte mit seinem Werk beweisen, dass alles Wissen auf den biblischen Glauben zurückgeht, und „heidnische“ Philosophen nur von den biblischen Quellen, hier von Moses, abgeschrieben haben, wobei sie die geoffenbarte Wahrheit verdreht und verfälscht haben sollen. Es scheint, als sei mit Kosmas Indikopleustes die berüchtigte „dunkle Zeit“ des Mittelalters endgültig angebrochen. Allerdings sollte man sich nicht täuschen lassen: Wie wir in der Einleitung zur Spätantike sahen, hatte die christliche Bildung zu Kosmas' Zeiten längst ihren Bund mit dem antiken Wissen geschlossen. Kosmas Indikopleustes ist insofern nur ein „Ausreißer“, der nicht repräsentativ für das beginnende Mittelalter ist.

Wie wir sahen, erklärte Kosmas Indikopleustes die Insel Atlantis für nicht existent. Sie sei nur erfunden worden, um die Verfälschung der biblischen Überlieferung zu verbergen. Über solchen Zuspruch sollten Atlantisskeptiker nicht erfreut sein: Denn was auf diese Weise und mit dieser Motivation verdammt wird, kann schon allein deshalb fast als geadelte Meinung gelten. Mehr noch: Es hätte nur allzu nahe gelegen, wenn Kosmas Indikopleustes an dieser Stelle die Argumente der antiken Atlantisskeptiker angeführt hätte, von denen es nach Meinung mancher moderner Autoren angeblich nur so wimmelte. Doch das unterbleibt. Offenbar kennt Kosmas Indikopleustes keine solchen Skeptiker. Nicht einmal das bekannte Argument aus Strabons Geographica wird angeführt, dass nämlich Platon die Insel Atlantis habe verschwinden lassen wie Homer die Mauer der Achäer. Dieses Argument hätte an dieser Stelle wunderbar gepasst, und Strabons Geographica ist ein bis heute vollständig überliefertes Werk. Doch nichts davon bei dem geographisch bewanderten Kosmas Indikopleustes.

So steht denn nur das einsame Wort eines religiösen Fanatikers gegen die große griechische Tradition von Bildung und Aufklärung, die am Ende doch erhalten bleibt, und sich im Mittelalter fortsetzt. Es ist tatsächlich diese Bildungstradition, gegen die Kosmas Indikopleustes anschreibt, auch wenn er keine Namen wie Platon oder Aristoteles nennt. Es ist die gesamte griechische Tradition von Bildung und Aufklärung, der von Kosmas Indikopleustes pauschal unterstellt wird, sie ginge von der Existenz der Insel Atlantis aus. Damit hat Kosmas Indikopleustes ungewollt ein weiteres starkes Indiz dafür geliefert, dass man in der Antike Platons Atlantis generell für real hielt.

Atlantisskeptiker scheuen diese Schlussfolgerung, weshalb sie die Meinung des Kosmas Indikopleustes häufig nur spärlich kommentiert wiedergeben, und darauf hoffen, dass die Leser sich von der klaren Erfindungsaussage des Kosmas Indikopleustes blenden lassen. Dass die Erfindungsaussage des Kosmas Indikopleustes in diesem Kontext praktisch das Gegenteil bedeutet, bemerkt nicht jeder. Auch versuchen Atlantisskeptiker bisweilen zu suggerieren, dass die Sicht des Kosmas Indikopleustes über Platons Atlantis das Denken des Mittelalters beherrschte: Auch das ist falsch.


Anmerkungen und Quellen

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Dieser Beitrag von Thorwald C. Franke (©) wurde seinem im Juli 2016 veröffentlichten Buch Kritische Geschichte der Meinungen und Hypothesen zu Platons Atlantis (Unterkapitel: "Kosmas Indikopleustes (um 550 n. Chr.)"; S. 166-168) entnommen. [2] Bei Atlantisforschung.de erscheint er - mit freundlicher Genehmigung des Verfassers - im Mai 2017 in einer redaktionell bearbeiteten Online-Version (Hervorhebungen im Text durch Atlantisforschung.de).

Fußnoten:

  1. Quelle: Kosmas Indikopleustes' "Topographia Christiana" XII 376 ff.; Übersetzung Thorwald C. Franke
  2. Siehe dazu bei Atlantisforschung.de auch: Bernhard Beier, "Ein Buch, das neue Maßstäbe in der Atlantologie-Historik setzt - Rezension zu: Thorwald C. Frankes Kritische Geschichte der Meinungen und Hypothesen zu Platons Atlantis - Von der Antike über das Mittelalter bis zur Moderne"

Bild-Quellen:

1) World Imaging bei Wikimedia Commons, unter: File:WorldMapCosmasIndicopleustes.jpg
2) GDK bei Wikimedia Commons, unter: File:Cosmas Indicopleustes - Topographia Christiana 1.jpg