Venus und Orion in Kultur und Bildersprache Nordamerikas (I)

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von Dr. Renate Schukies, Hamburg

Abb. A Die Venus (oben) findet sich auf vielen mythischen oder religiösen Abbildungen der Indianer Nordamerikas, wie zum Beispiel auf diesem Petroglyphen aus New Mexico.

Während meiner ersten Feldforschung bei den Cheyenne in Oklahoma wurde meine Aufmerksamkeit auf den Morgenstern, den Planeten Venus gelenkt. Karl Schlesier, an dessen Action Anthropology Projekt ich zum erstenmal 1978/79 teilnahm, machte uns mit Abschnitten aus Geschichte und Mythologie der Cheyenne vertraut, die in der wissenschaftlichen Diskussion bis dato nicht bekannt waren. So überraschte es mich zu erfahren, dass Motseyoef, der Kulturheros der Tsistsistas, eine Verbindung mit dem Morgenstern eingegangen war. Als Morgenstern hatten die Cheyenne-Zeremonialmänner den Planeten Venus identifiziert. Dieses Muster kannte ich bereits von den Kulturen Mittelamerikas. Auch Quetzalcoatl, der Kulturbringer der Tolteken und Maya, hatte sich in den Morgenstern verwandelt, identifiziert als Planet Venus. Es erstaunte mich, daß auch die Cheyenne in Nordamerika ihren Propheten Motseyoef im Planeten Venus verehrten und immer noch verehren.

Motseyoef, auch genannt Süße Medizin, Stein, oder Fallender Stein, ist das Herz ihrer Kultur. Er brachte den Tsistsistas alle Regeln des Zusammenlebens und die vier heiligen Pfeile, die bis heute von den jeweiligen Pfeilhütem geschützt und gehandhabt werden. Die Geschichten über Motseyoef sind dem Gilgamesch-Epos vergleichbar, oder der Bibel. In allen Geschichten stecken Lebens- und Verhaltensregeln, die durch Erzählungen an die nächste Generation weitergegeben werden.

Aus der Distanz ethnologischer Literatur erscheinen diese Kulturheroen, ob Motseyoef oder Quetzalcoatl, dem christlich geprägten Leser in der Regel als fremde, heidnische Gottheiten, errichtet auf dem Olymp eines fehlenden wissenschaftlichen Naturverständnisses. Die zwei Jahre, die ich im Hause des höchsten spirituellen Mannes der Tsistsistas, dem Hüter der Heiligen Pfeile, Edward Red Hat, verbringen konnte, haben mich allerdings zu einem völlig neuen persönlichen und wissenschaftlichen Verständnis indianischer Kultur finden lassen, ebenso meiner eigenen.


Im Laufe des Zusammenlebens erinnerte mich vieles, was die Cheyenne sagten oder taten an die eigenen christliche Traditionen.

Abb. B Red Hat, Arrow Keeper der Cheyenne

Anfänglich führte ich dies auf die Einflüsse eifriger Mission zurück. Doch der Hüter der Heiligen Pfeile und seine Frau Minni gehörten zu den Alten des Stammes und waren mit ihren Familien tief in den Traditionen verwurzelt. Je mehr ich nun von Motseyoef hörte, desto mehr kam mir ein direkter Vergleich mit Jesus in den Sinn, den Kulturheros der Christen. Und eines Tages sagte der Hüter der Heiligen Pfeile: "Motseyoef ist für uns nichts anderes als für euch Jesus. Ich möchte, dass die weißen Menschen das wissen." Wie erstaunt war ich, als ich die gleiche Aussage einige Zeit später erneut hörte, im international bekannten Spielfilm "Zwei Cheyenne auf dem Highway". Ein Cheyenne erklärt einem anderen Cheyenne: "Unsere Süße Medizin ist wie Jesus. Aber die Weißen wollen es nicht verstehen, sie interessieren sich nicht dafür."

Wie für Christen Jesus Mittler zu Gott ist, so ist für die Tsistsistas Motseyoef Mittler zu Maheo. Der Pfeilhüter ist Statthalter Motseyoefs, wie der Papst Statthalter Jesu ist. In beiden Kulturen so lange, bis der jeweilige Kulturheros wieder zur Erde zurückkehrt. Über Plains und Prärie stand leuchtend ein Stern, als Motseyoef geboren wurde. In Vorderasien leuchtete der Stern von Bethlehem zur Geburt Jesu. Bedenkt man die gemeinsame Geschichte des Roten und des Weißen Mannes, und speziell die idiologische Verblendung des letzteren, so scheint die Zeit noch nicht reif gewesen zu sein für eine solche Erkenntnis. Da wo die weißen Eroberer die Gemeinsamkeiten doch erkannten, da wähnte man sie als das Blendwerk des Teufels und man wütete um so brutaler.

Vor Beginn meiner Feldforschung bei den Cheyenne habe auch ich alles andere erwartet, nur nicht die Konfrontation mit meinen eigenen christlichen Wurzeln. So erinnere ich mich noch sehr gut an meine beschämten Gefühle, als mir der Hüter des Blauen Himmels erklärte, dass die Indianer nicht die Sonne anbeten. Durch die Sonne hindurch beten sie zu Maheo, der die Sonne und alles andere erschaffen hat. Die Sonne als Altar Gottes. Einen besseren kann ich mir nicht vorstellen, denn ohne Sonne, ohne Licht, gäbe es kein Leben auf diesem Planeten. So ist der vermeintliche Sonnentanz eher eine "Neue Lebenshütte", in der Lebens- und Stammeszyklus erneuert werden. Es bleibt anzumerken, dass die Cheyenne christlicher miteinander fühlen und umgehen als wir es in der Regel tun.

Abb. C Der Kulturbringer Motseyoef ging im Morgenstern auf, in dem die Tsistsistas ihn noch heute verehren.

Die Gebete, die die Cheyenne an Motseyoef und Maheo richten, sind bescheiden. Sie bitten um genug zu Essen, um Gesundheit, und darum, am nächsten Morgen wieder das Licht der Sonne zu sehen. Dies ist durchaus im zweifachen Sinne zu verstehen. Gedacht wird an das eigene Erwachen, aber auch an das tatsächliche Aufgehen des Himmelskörpers am östlichen Horizont. Denn es gab einen Tag in ihrer Geschichte, da sahen die Tsistsistas die Sonne im Westen aufgehen, ein Phänomen über das auch viele andere antike Kulturen berichten. An manchen Orten der Welt wollte der Tag nicht enden, an anderen wollte die Sonne sich gar nicht zeigen. Begleitet wurden diese kosmischen Phänomene durch erdumspannende Katastrophen: Erdbeben, Fluten, Vulkanausbrüche, das Heben und Senken von Kontinenten, die Umkehrung des Laufs der Gestirne.

Wenn die Sonne im Westen aufgeht, können wir daraus nur schließen, dass die Rotation oder die Bahnbewegung unseres Planeten Erde auf dramatische Weise gestört worden ist. Ironischerweise bemerkte Darwin auf seinen Reisen die gewaltigen geologischen Auswirkungen einer solchen Störung und machte darüber Vermerke in sein Tagebuch. [1] Da jedoch zu seiner Zeit keine Kräfte bekannt oder vorstellbar waren, die zu Katastrophen solchen Ausmaßes hätten führen können, blieben diese Fragen in der wissenschaftlichen Diskussion unerörtert. Die Theorie der Evolution begann ihren Siegeszug gegen die biblisch beeinflußte katastrophische Lehre der damaligen Zeit. Heute wissen wir, dass der nahe Vorbeiflug eines Himmelskörpers von ähnlicher Größe und Masse wie die Erde, auf unserem Planeten genau diese verheerende Katastrophen zur Folge hätte. Als Motseyoef die Tsistsistas verließ, bebte die Erde und die Berge spuckten Feuer. Als Jesus gekreuzigt wurde, verdunkelte sich der Himmel und die Erde bebte. Motseyoef ging auf im Morgenstern, in dem die Tsistsistas ihn noch heute verehren. Die Christen beten noch heute zu Jesus, dem Morgenstern, das Licht.


In vielen antiken Zeugnissen wird die Venus mit katastrophischen Ereignissen in Zusammenhang gebracht.

Abb. D Sternsymbol der akkadischen Göttin Ischtar (sumerisch: Inanna)

In der babylonischen Astronomie wurde die große Triade der Gottheiten Venus, Sonne und Mond verehrt. Sonne und Mond beobachtete man fast so intensiv wie die Venus, aber nur diese wurde als große Göttin verehrt, und gefürchtet, denn sie war auch die Kriegsgöttin. Vom Nahen Osten bis China beschreiben die antiken Völker Venus als: eine zweite Sonne; einen riesigen, ungeheuren Stern; Lichtfackel; als Diamant, der leuchtet wie die Sonne. Die Lichtintensität der Venus ist zu jener Zeit vergleichbar mit der unserer aufgehenden Sonne. Das strahlende Licht der Venus leuchtete von einem Ende des Kosmos zum anderen. Die Venus, ein kreisender Stern, der sein Licht in Flammen schleuderte. Die Maya verehrten die Venus als den Großen Stern, den Roten Stern. Die jährlichen Riten der Skidi-Pawnee kulminierten jedes Jahr in den Zeremonien für den Roten Morgenstern, dem sie noch im 19. Jahrhundert Menschenopfer darbrachten. Die Venus hatte viele Namen und wurde verehrt als weibliche und männliche Gottheit. Weitere Forschungen werden zeigen, dass viele Gottheiten, die bisher mit Sonnenkulten in Verbindung gebracht werden, dem weltweit herrschenden Morgensternkult zuzuordnen sind.

Der Römer Plinius der Ältere (23-79) schreibt über die Venus: "Unterhalb der Sonne wandelt ein sehr großer Stern namens Venus mit abwechselndem Lauf und in den Beinamen mit Sonne und Mond wetteifernd. Erscheint sie früher und vor Tagesanbruch, so heißt sie Lucifer, weil sie wie eine zweite Sonne den Tag früher bringt (bis um zweieinhalb Stunden); leuchtet sie aber nach Sonnenuntergang, so heißt sie Vesper, weil sie den Tag verlängert (bis um zweieinhalb Stunden) und an die Stelle des Mondes tritt. [...] Schon an Größe übertrifft sie alle anderen Gestirne, und ihre Helligkeit ist so groß, daß allein durch ihre Strahlen wie bei keinem anderen Stern Schatten entstehen." (Buch II, Abschn. VI §§ 36-37). Noch Simplikios, ein neuplatonischer Gelehrter, der im Frühmittelalter (6. Jahrhundert) schrieb, soll in einem Kommentar zu einem Werk des Aristoteles erwähnt haben, daß die Gegenstände im Licht der Venus Schatten werfen (Moore/Zimmer 39). Im 7.Jahrhundert schrieb Assurbanipal von der Venus (Ischtar), die in Flammen gekleidet ist und oben eine Krone von gewaltigem Glanz trägt. (Marold 89/90)

Abb. E Immanuel Velikovsky ((1895-1979)

Betrachtet man den Himmel wie er sich uns heute darstellt, so ist von dem beschriebenen Glanz der roten Venus nicht mehr viel zu sehen. Sie ist zwar auch heute noch der hellste Stern am Himmel, aber von ihrer einst beschriebenen Leuchtkraft ist nicht mehr viel übriggeblieben. Auch löst ihr Erscheinen bei uns keinen Schrecken mehr aus, wie noch bei unseren Vorfahren vor wenigen tausend Jahren. Daraus bleibt nur zu schlußfolgern, daß noch vor nicht allzulanger Zeit der Himmel über der Erde ein anderer gewesen sein muß. Aus unterschiedlichsten Gründen lösen aber gerade unkonventionelle Behauptungen über die Beschaffenheit unseres Sonnensystems in unserer christlichen Gesellschaft extremste Reaktionen aus. 1543 stellte Kopemikus sein System auf, in dem die Sonne den Mittelpunkt des Planetensystems bildete. Sein Anhänger Giordano Bruno starb 1600 in Rom dafür auf dem Scheiterhaufen. Das große Werk von Kopemikus wurde auf den Index von der katholischen Kirche verbotener Bücher gesetzt und blieb dort bis 1835. Galileo Galilei, ebenfalls ein Verfechter des heliozentrischen Weltbildes wurde 1633 nach Rom vor die Inquisition geladen und gezwungen die "absurde" Lehre, wonach sich die Erde um die Sonne bewege, zu widerrufen. 1992 rehabilitierte die katholische Kirche Giordano Bruno und gestand ihren Irrtum ein.

Ich vermute, dass der Leser sich in einer gewissen Überlegenheit zurücklehnt in der Vorstellung, solche Vorgänge gehörten dem Mittelalter an und wären in unserer heutigen aufgeklärten Zeit unmöglich. Aber die Geschichte wiederholt sich. In den USA veröffentlichte Immanuel Velikovsky (Abb. E) 1950 sein Werk "Worlds in Collision". Viele sehen in Velikovsky seither einen Kopernikus des Atomzeitalters. Doch zur Inquisition der Kirche gesellt sich unserer Tage die Inquisition der wissenschaftlichen Institutionen. Damals weigerte sich ein Geistlicher durch das Femrohr Galileis zu schauen - mit der Begründung, es müsse verhext sein. Ohne Kenntnis des Buchinhalts fordert unserer Tage Harlow Shapley, Chefastronom des Harvard Observatory, vom Verlag, Velikovskys Werk nicht zu drucken und droht mit Kündigung der Geschäftsbeziehungen. Das Buch erscheint und die Geschehnisse in Folge lesen sich wie ein wissenschaftstheoretischer Skandal- und Kriminalroman. [2] Was versetzt die Astronomen in Aufruhr?


Fortsetzung:


Anmerkungen und Quellen

Fußnoten:

  1. (Red. Anmerkung) Siehe dazu z.B. bei Atlantisforschung.de: Immanuel Velikovsky, "Darwin in Südamerika"
  2. (Red. Anmerkung) Zum Charakter und Ausmaß dieses Wissenschafts-Skandals sowie den Versuchen, Velikovskys 'mundtot' zu machen. siehe: Alfred de Grazia, "The Velikovsky Affair" (PDF-Datei)

Bild-Quellen:

A) Wikimedia Commons, File:Venuspioneeruv.jpg (oben) und File:Rinconada Star Being.jp (Bild-Beareitung durch Atlantisforschung.de)
B) Bildarchiv Renate Schukies, Hamburg
C) Ellie Crystal (Crystalinks.com), Native Americans, Cheyenne Indians
D) AnonMoos bei Wikimedia Commons, unter: File:Kudurru Melishipak Louvre Sb23 Ishtar-star.jpg
E) The Velikovsky Encyclopedia, File:Immanuel-velikovsky-1968-hagadorn.jpg