Vincent Placcius

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Auf einen Blick

(bb) Vincent (auch: Vincentius oder Vinzenz) P. Placcius (1642-1699) war ein, zu seiner Zeit als bedeutende Geistesgröße bekannter - deutscher Universalgelehrter, Professor und Dichter des 17. Jahrhunderts. Heute ist er weitgehend in Vergessenheit geraten und nur noch Fachleuten ein Begriff, vor allem aufgrund seiner philologischen und juristischen Schriften, insbesondere aber durch sein 1689 erschienenes Werk "De Arte Excerpendi" (Vom gelahrten Buchhalten) [1]. Aus atlantologie-geschichtlicher Sicht ist er - obwohl er kein Atlantisforscher im engeren Sinne war - als früher Vertreter der Annahmen von Interesse, dass Amerika (a) bereits während der Antike in der 'Alten Welt' bekannt war und (b) mit Platons Atlantis gleichzustzen sei. [2]


Leben und Werk

Vincent P. Placcius wurde am 4. Februar 1642 als der jüngere von zwei Söhnen des Arztes Dr. Johannes Placcius [3] in Hamburg geboren. Nachdem er zunächst in seinem Elternhaus Unterricht durch Privatlehrer erhalten hatte, besuchte Vincent ab 1656 das Hamburgische Gymnasium academicum. 1659 begann er zusammen mit seinem Bruder sein Studium an der Universität Helmstädt, verließ diese aber bereits 1660 wieder, um einige Zeit bei Professor Johann v. Felde auf dessen Landgut Neukirchen zu leben. Im Jahr 1661 setzte er dann seine Studien in Leipzig fort. Bei einen Besuch von Verwandten in Wien erkrankte er schwer und musste dort ein ganzes Jahr lang bleiben. [4]

Abb. 2 Eine Illustration aus De Arte Excerpendi aus dem Jahr 1689 (Foto: Harvard University

Nach seiner Genesung unternahm er eine Bildungsreise nach Italien, wo er auch in verschiedenen Bibliotheken arbeitete, u.a. auch als Angestellter bei der Bibliothek in Padua. Auf einer weiteren Reise durch Frankreich erkrankte er erneut schwer und saß längere Zeit in Orléans fest. Dort promovierte er, nachdem er sich wieder erholt hatte, zum Lizentiaten der Rechte, besuchte dann Paris und kehrte schließlich 1667 via Niederlande nach Hamburg zurück. In der Hansestadt ließ er sich zunächst als Rechtsanwalt nieder, begann aber auch bald Vorlesungen am akademischen Gymnasium zu halten. [5] Am 11. Januar 1675 wurde er dort ordinierter Professor für Moral und Redekunst. [6] Neben seinem Lehramt verfasste er zahlreiche literarische Arbeiten und führte eine umfangreiche Korrespondenz mit anderen bedeutenden Gelehrten seiner Zeit (u. a. mit Johann Friedrich Gronovius sowie mit Jan Frederik Gronovius, Jakob Thomasius und Gottfried Wilhelm Leibniz).

In seiner Mobilität eingeschränkt durch seine Kränklichkeit führte Vincent P. Placcius, der nicht verheiratet war, abgesehen von seiner Lehrtätigkeit ein stilles Gelehrtenleben. Sein "bedeutendes Vermögen gestattete ihm jedoch eine, namentlich auch seinen Schülern zu Gute kommende, Gastlichkeit in seinem Landhause in Nienstädten an der Elbe." [7] Als Placcius - der (vermutlich aufgrund seiner ungeheuren Belesenheit) als eine Art 'Orakel' betrachtet wurde - am 6. April 1699 starb, wurde er allgemein betrauert. [8] In seinem Testament begründete er u. a. eine große Stipendienstiftung für Studierende sowie eine Stiftung für jüdische Konvertiten. Seine bedeutende Büchersammlung vermachte er der Hamburger Stadtbibliothek. [9] Seine zahlreichen Schriften ganz unterschiedlicher Natur (juristische, philosophische, und theologische Werke sowie seine Gedichte und Korrespondenzen) sind zwar größtenteils ehalten geblieben, aber inzwischen nur noch von wissenschafts- und literaturgeschichtlicher Bedeutung.


Placcius und Atlantis

Abb. 2 Das Titelblatt von Placcius´ Atlantis retecta (Foto: SLUB)

Der Atlantisbezug von Vincent Placcius beschränkt sich nach bisherigem Kenntnisstand des Verfassers auf ein einziges Werk des Polyhistors, das dieser in seiner Jugend - im Alter von sechzehn oder siebzehn Jahren als Schüler am Hamburger Gymnasium academicum - verfasst hat. Dabei handelt es sich um das in Gedichtform erstellte, 1245 Hexameter umfassende Kolumbus-Epos "Atlantis retecta" ([Die] wiederentdeckte Atlantis), das 1659 in gedruckter Form erschien. (Abb. 2) "In einer frühen Passage des Gedichtes (V. 106-120) beschreibt Placcius", wie Florian Schaffenrath erläutert, "die großen Entdecker bzw. Seefahrer des Altertums und holt dabei bis Theseus und Hanno, bis Iason und Imilco aus." dann (V. 121-132) stellt er fest, "dass längst noch nicht alle Länder entdeckt werden konnten, ja das manche wieder in Vergessenheit geraten waren." [10] Als konkretes Beispiel für solche, wieder vergessenen Länder führt Placcius nachfolgend Atlantis an:

Nox eadem, memoranda, tuas ingloria terras
ATLANTI, oppressit, donec de Cecropis arce
Egressa, ignotos tetigerunt carbasa portus,
et Poeni huc venere Duces. Quos invida postquam
Fata removerunt, latuit ditissima longo,
Longo obducta situ tellus, quo forte lateret
Nunc etiam, Ligurem nisi numina fausta COLUMBUM
Donassent Orbi, qui dudum intacta secaret
Caerula, qui gemino faceret commercia Mundo
Nunc iterum. [11]

Für Vincent Placcius war es völlig selbstverständlich, dass "bereits die Griechen (de Cecropis arce) und die Karthager (Poeni ... Duces) Kenntnis von der Neuen Welt" hatten. "Die Kontakte der Griechen mit Atlantis sind", wie Schaffenrath weiter ausführt, "aus Platons Timaios und dem Kritias-Fragment erschlossen, die Kontakte der Karthager mit Inseln westlich der Säulen des Herakles gehen aus einer Diodor-Stelle hervor

Diodor 5,20.jpg

Dann sei das Land in Vergessenheit geraten, bis es Kolumbus wiederentdecken konnte. Die Tatsache, daß in den platonischen Dialogen vom Untergang der Insel die Rede ist, spielt hier keine Rolle." [12] In der Tat ignorierten offenbar die meisten frühen Vertreter der amerikanischen Atlantis-Lokalisierung, wie Francesco López de Gómara (1511?-1566?), Gerhard Mercator (1512-1594), Peter Albinus (1543-1598), Guillaume Postel (1510-1581), John Josselyn (1638–1675) und Jens Bircherod (1658-1708) weitgehend Platons Angaben zum Untergang von Atlantis. [13] Placcius schloss sich in dieser Hinsicht lediglich der Auffassung nicht weniger früherer und zeitgenössischer Gelehrter an, die auch auf einer der 'Cartes generales' von Nicolas und Guillaume Sanson aus dem ahr 1689 (Abb. 3) sowie im Begleit-Text einer Weltkarte von Edward Wells (1667–1727) aus dem Jahr 1700 dokumentiert ist. [14] Damit mag er als Repräsentant einer Minderheitsmeinung gelten, die allerdings in der Academia seiner Zeit gut repräsentiert war.

Abb. 3 Die Weltkarte der Gebrüder Sanson von 1689 mit Amerika als Reich von Atlantis, aufgeteilt in seine einzelnen Archontentümer, wie bei Platon beschrieben. An solchen Vorstellungen orientierte sich offenbar auch schon der jugendliche Vincent Placcius.

Bei der oben zitierten Passage aus Vincent Placcius´ "Atlantis retecta" scheint es sich jedenfalls um die einzige Textstelle in diesem Werk zu handeln, in welcher die 'Atlantis insula' direkt angesprochen wird. Im weiteren Verlauf des Gedichtes tritt die Atlantis, wie Florian Schaffenrath festhält, allerdings auch "als Personifikation der Neuen Welt auf und wendet sich mit ihren Bitten an Gott. Die Erwähnung von Atlantis am Beginn des Gedichtes geschieht also nicht aus reinem Selbstzweck, sondern bereitet den Leser auf das Auftreten einer bestimmten Figur vor." [15] Die im zweiten Satz dieses Zitats erfolgte Schlussfolgerung des Philologen greift aus atlantologischem Blickwinkel allerdings zu kurz.

Die einführende Erwähnung von Atlantis als geographischem tópos [16] stellt nämlich mit einiger Sicherheit nicht nur einen literarischen Kunstgriff von Placcius dar, um den Leser auf irgendetwas vorzubereiten, sondern die duale Darstellung als geographische Entität und als personifizierte Wesenheit ist vermutlich vor allem das Ergebnis seines offenkundigen Bemühens um formale (Hexameter) und inhaltliche Authenzität in Anlehnung an die antike Geisteswelt bzw. Literatur. Gerade im Fall von Atlantis - der 'Tochter des Atlas' - ist diese 'Zweigleisigkeit' besonders naheliegend, zumal ihre personifizierte Darstellung als Atlantide dem Dichter weitergehende Gestaltungsmöglichkeiten seines Werkes gestattet - eine Option, die Placcius offenbar gerne aufgegriffen hat. Zudem ergibt sich der historisch-geographische Bezug auf Atlantis zwangsläufig aus den vorauszusetzenden Vorstellungen von Placcius zur Ur- und Frühgeschichte. Ein Grund zur Annahme, er habe Platons Atlantis lediglich aus künstlerischen Gründen in sein Gedicht eingebaut, oder Zweifel an ihrer Identität mit Amerika gehegt, lässt sich offenbar weder aus dem Text der "Atlantis retecta" noch aus dem historischen Kontext der Entstehung des Werkes, oder aus anderen Aussagen ihres Verfassers ableiten.



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Anmerkungen und Quellen

Verwendete Materialien:

  • Richard Hoche, „Placcius, Vincent“, in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 26 (1888), S. 220; nach: Wikisource (Version vom 20. September 2013, 22:26 Uhr UTC)


Einzelverweise:

  1. Siehe: Vincent Placcius, "De Arte Excerpendi - Vom Gelahrten Buchhalten", Liber Singularis, Quo Genera Et Pracepta Excerpendi (1689, Ausgabe auf Lateinisch)
  2. Siehe: Vincent Placcius, "Atlantis Retecta, Sive De navigatione prima Christophori Columbi in Americam, Hamburg, 1659 (digitalisiert und online gestellt durch die: Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) / TU Dresden; Links abgerufen: 20.09.2013)
  3. Anmerkung: Dr. Johannes Placcius - Sohn eines thüringischen Pfarrers namens Nicolaus Plakke - war nach seinem Medizinstudium in Jena und Rostock "als Hofmeister vornehmer Herren viel in der Welt herumgekommen", bevor er in Jena Professor der Medizin wurde. Später ließ er sich in Hamburg als Arzt nieder, wo er 1644 einer der Begründer des Collegium medicum und 1653 Subphysikus wurde. Er starb 1656. Vincent Placcius´ älterer Bruder, Johannes, war ebenfalls als Arzt in Hamburg tätig, und Mitglied des Collegium medicum "fand aber in Geisteszerrüttung ein frühes Ende". (Quelle: Richard Hoche, "Placcius, Vincent", in: Allgemeine Deutsche Biographie, herausgegeben von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, Band 26 (1888), S. 220 (nach: Wikisource; abgerufen: 20.09.2013)
  4. Quelle: ebd.
  5. Quelle: ebd.
  6. Quelle: Alexander Chalmers, "Vincent Placcius", in: Alexander Chalmers' General Biographical Dictionary Vol. 25, 1812, S. 31 (nach: Words.fromoldbooks.org - abgerufen. 21.09.2013); Originaltext der Quelle: "appointed professor of morals and eloquence"
  7. Quelle: Richard Hoche, op. cit. (1888)
  8. Quelle: Alexander Chalmers, op. cit. (1812)
  9. Quelle: Richard Hoche, op. cit. (1888)
  10. Quelle: Florian Schaffenrath, "Über Atlantis nach Amerika - Zur Bedeutung des Atlantis-Mythos in der lateinischen Kolumbusepik", in: Reinhold F. Glei (Herausgeber) et al., >Parodia< und Parodie, Walter de Gruyter, 01.01.2006, S. 346
  11. Quelle: Placcius, Atlantis retecta, 133-142; Übersetzung: "Dieselbe ruhmlose Nacht bedrückte deine Länder, Atlantis, an das ich nun erinnern will, bis Segel die Stadt des Kekrops verließen und in unbekannte Häfen einliefen und karthagische Fürsten zu dir kamen. Nachdem ein neidisches Geschick diese zum Weggang gezwungen hatte, blieb das sehr reiche Land lange verborgen und geriet lange Zeit in Vergessenheit, in der es sich vielleicht auch jetzt noch befände, wenn nicht beglückende Himmelmächte den Ligurer Kolumbus der Welt geschenkt hätten, daß er endlich das unberührte blaue Meer durchfurche und den beiden Welten wieder Verbindung knüpfe." (Übersetzung: Hermann Wiegand et. al. (Herausgeber), Vincent Placcius (Autor), "Atlantis retecta /Das wiederentdeckte Atlantis: Das älteste deutsche Columbusepos" (Gebundene Ausgabe), Heidelberg (Manutius-Verl.), 1992; zit. nach: Florian Schaffenrath, op. cit., S. 346
  12. Quelle: Florian Schaffenrath, op. cit., S. 346
  13. Anmerkung: Andere Verfechter dieser Annahme, wie Abraham Ortelius (1527-1598) und John Swan († 1671) legten differenziertere Betrachtungen vor. So stellte sich Ortelius Atlantis als vormaligen, später vom Koninent abgetrennten Teil Amerikas vor, und auch Swan bemerkte 1644 in seinem Werk Speculum mundi: "...dies sollte meiner Meinung nach vorausgesetzt werden, nämlich dass Amerika irgendwann Teil jenes großen Landes war, welches Plato die Insel Atlantick nannte, und dessen Könige einigen Verkehr mit den Menschen Europas und Afrikas hatten." (Zitiert nach: David Hatcher Childress, "Lost Cities of Atlantis, Ancient Europe & the Mediterranean", Adventures Unlimited Press, 1996 S. 258-259; Übersetzung ins Deutsche durch Atlantisforschung.de)
  14. Anmerkung: "Noch im Jahr 1700 wurde", wie Tony O’Connell dazu anmerkt, "von Edward Wells in Oxford eine Weltkarte veröffentlicht, welche den Mangel an Informationen bezüglich des Doppelkontinents zu jener Zeit aufzeigt. Allerdings hebt im vorliegenden Fall der Begleit-Text hervor, dass >dieser Kntinent mit den angrenzenden Inseln allgemein für in Alter Zeit unbekannt gehalten wird, aber es mangelt auch nicht an manchen, welche selbigen Kontinent für nichts anderes als die Insel Atlantis der Altvorderen halten.” (Quelle: Tony O’Connell, "America", auf: Atlantipedia.ie, 31. Mai. 2010; abgerufen: 20.09.2013)
  15. Quelle: Florian Schaffenrath, op. cit., S. 346
  16. Anmerkung: tópos ist hier im eigentlichen Wortsinn (= Ort, Stelle) zu verstehen


Bild-Quellen:

1) Interactive Exhibition - The ultimate piece of office furniture (73. The note closet), TAKEN NOTE - AN EXPLORATION OF NOTE-TAKING IN HARVARD UNIVERSITY COLLECTIONS, RADCLIFFE INSTITUTE FOR ADVANCED STUDY, HARVARD UNIVERSITY
2) Vincent Placcius, "Atlantis Retecta, Sive De navigatione prima Christophori Columbi in Americam, Hamburg, 1659 (digitalisiert und online gestellt durch die: Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden (SLUB) / TU Dresden (Bildbearbeitung durch Atlantisforschung.de)
3) Bild-Archiv Atlantisforschung.de


Literatur-Hinweise

  • Scheer, Markus, "Die Argonauten und Äneas in Amerika". Kommentierte Neuedition des Kolumbusepos Atlantis retecta von Vincentius Placcius; sowie Übersetzung und Kommentar der Cortesias von P. Petrus Paladinus SJ. Studien zur Geschichte und Kultur des Altertums. Neue Folge. 1. Reihe: Monographien Band 27. 419 Seiten, Schöningh Paderborn, 2007. ISBN: 9783506756367