Alexander von Wuthenau

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Abb. 1 Alexander von Wuthenau (1900-1994) im Jahr 1985 auf einer Veranstaltung im 'Salem Conference Center' in Massachusetts. (Foto: J. Polansky)

(bb) Alexander von Wuthenau (*1900 - ✝1994), das Enfant terrible der Ethnologie und Altertumsforschung Mittelamerikas, war eine der herausragenden Persönlichkeiten des modernen Diffusionismus der Mitte und zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Vor allem leistete er wesentliche Beiträge zur Erforschung der polyethnischen Genese vieler amerinder Kulturen Alt-Amerikas, welchen schon früh sein ganz besonderes Interesse galt.

Geboren wurde A. von Wuthenau, Sproß eines alten märkischen Adelsgeschlechts, im Jahr Null des 20. Jahrhunderts als Sohn eines Offiziers der königlich-preußischen Garde und einer Schwester von Sophie Gräfin Chotek, der Gattin des österreichischen Erzherzogs Franz Ferdinand, die im Hause Wuthenau schlicht „Tante Sopherl“ genannt wurde. Über sein weiteres Leben schrieb 1985 der Journalist und Schriftsteller Thomas Fitzner, der von Wuthenau mehrmals persönlich in Mexiko begegnete:

"Klein-Alexander genießt adelige Erziehung, entgeht der Einberufung im Ersten Weltkrieg knapp, studiert Internationales Recht und tritt eine Diplomaten-Karriere an. Die führt ihn 1928 nach Buenos Aires, wo er schon einmal vergeblich nach amerikanischen Ureinwohnern Ausschau hält, dann 1930 bis 34 nach Washington (>Wieder keine Indianer<) und dann, als er sich bei Botschafter Ribbentrop in London melden soll, „>ist mir die Sache zu dumm geworden und ich habe alles hingeschmissen<“. [1]

Abb. 2 A. von Wuthenaus erstes zentrales Werk zur massiven, präkolumbisch-interkontinentalen kulturellen Diffusion in Mittelamerika aus dem Jahr 1970

Weiterführend heißt es bei Fitzner: "Den Rassismus der Nazis konnte Wuthenau ebensowenig teilen wie jenen in Amerika. Deshalb widmet er sich ganz unbefangen der Wissenschaft der Rassen, interessiert sich leidenschaftlich für deren Wurzeln und Wanderungen, so wie sich Wuthenau für seine eigenen Wurzeln interessierte. 1934 also wanderte Wuthenau aus der Botschaft in Washington und machte sich auf die Suche nach den >wahren Amerikanern<, während er sich seinen Lebensunterhalt als Maler und Architekt verdiente. 1935 kam er in Mexiko an und fand dort, endlich, seine Ur-Amerikaner." [2]

In seiner neuen Wahheimat, wo Wuthenau als Professor für Kunst an der University of the Americas in Mexico City tätig wurde [3], befasste er sich nun zunächst mehr als zwanzig Jahre lang nicht nur besonders intensiv mit kunsthistorischen Studien präkolumbischer mesoamerikanischer Relikte [4], sondern er beschäftigte sich als Forscher zudem auch mit den ethnokulturellen Besonderheiten der amerinden Völkerschaften, deren Angehörigen er auf seinen Exkursionen begegnete. Insbesondere faszinierte und überraschte ihn dabei die physische Diversität der indianischen Stämme und auch innerhalb dieser Völkerschaften [5], deren jahrtausendealte Geschichte er auch auf archäologischer Basis zu erforschen begann.

Abb. 3 Das Frontcover von Alexander von Wuthenaus vermutlich bekanntestem Buch aus dem Jahr 1975

Im Licht der vielschichtigen Evidenzen, mit welchen er sich konfrontiert sah, erkannte Aexander von Wuthenau, dass die Besiedlungsgeschichte Amerikas weitaus komplizierter verlaufen sein musste, als die vorherrschende, isolationistische Lehrmeinung der Altamerikanisten, Ethnologen und Anthropologen dies vorsah - eine Lehrmeinung, die vom akademischen Mainstream damals wie heute 'mit Zähnen und Klauen' verteidigt wurde bzw. wird. So stellte etwa der prominente US-amerikanische Paläoanthropologe Earnest A. Hooton, ein älterer Zeitgenosse A. von Wuthenaus und Mitte des 20. Jahrhunderts einer der dubiosesten Vertreter seines Fachs [6], in aller Deutlichkeit fest: "Wir haben für das aboriginale Amerika eine Art ex post facto Monroe-Doktrin aufgestellt und sind geneigt, Andeutungen fremder Einflüsse als Akt der Aggression zu betrachten." [7]

Aus Wuthenaus fachlicher Sicht musste diese paläoanthropologische "Monroe-Doktrin" als scheinwissenschaftlicher Generalunsinn erscheinen, denn seiner festen Überzeugung nach war das präkolumbische Amerika unzweifelhaft von "einer internationalen Melange von Völkern aus Afrika, Europa und Asien" [8] bevölkert worden. Bereits in seinem 1970 erschienenen Buch "The art of terracotta pottery in pre-Columbian Central and South America" (Abb. 2) lieferte er beachtliche Argumente dafür, dass sowohl semitische Bewohner des Mittelmeer-Raums als auch Afrikaner und - über den Pazifik hinweg - Alte Japaner nach Amerika gelangten, und dort kulturelle 'Finger-' oder 'Fußabdrücke' hinterließen.[9] Fünf Jahre später veröffentlichte er sein Hauptwerk "Unexpected Faces in Ancient America (1500 B.C.-A.D. 1500): The Historical Testimony of Pre-Columbian Artists" (Abb. 3), in dem er einen Schwerpunkt auf die Enträtselung des Ursprungs der mysteriösen Kultur der Olmeken legte, die er mit den Phöniziern und der Immigration von Angehörigen seefahrender, schwarzafrikanischer Völker nach Amerika in Verbindung brachte.

Abb. 4 In seinem letzten bedeutenden Werk legte A. von Wuthenau 1995 einen kultur-diffusionistischen 'Rundumschlag' zur Prähistorie Amerikas vor.

In seinem, 1995 in spanischer Sprache publizierten, Spätwerk "América 5000 años de historia" (Abb. 4) präsentierte Alexander von Wuthenau schließlich noch einen furiosen 'Rundumschlag', indem er die Vielfalt der Völkerschaften verdeutlichte, die augenscheinlich bereits zu prä- und protohistorischen Zeiten als Besucher oder auch Residenten in der 'Gar nicht so Neuen Welt', präsent waren: Japaner, Chinesen, Inder, Nubier, Phönizier, Ägypter, Libanesen, Juden, Araber, Tártaren, Ibero-Kelten, Wikinger und Waliser. [10]

In fortgeschrittenen Alter - etwa ab Mitte der 1980er Jahre - wandte Alexander von Wuthenau sich allerdings darüber hinaus auch anderen Projekten und 'Horizonten' zu, da er zur Auffassung gelangte, dass "all die Altertumsforschung letztlich zu nichts gut sei, wenn die Menschen von heute nichts mehr zum Essen hätten und vergiftete Luft atmen müßten. >Ich komme mir vor wie Ezechiel<, sinniert der Jung-Ökologe, frisch vom Radio interviewt. >Ich schimpfe mit dem Volk der Mexikaner<.[11]

Als Pionier der mexikanischen Ökologie- und Selbsthilfebewegung konstruierte er in seinem Zweitwohnsitz Tepoztlán "17 kleine Dämme im Rio Atongo und machte aus einem Fluß, der in der Trockenzeit eine Müllkippe war, wieder einen Fluß (ein Ereignis, das er heuer [1985; bb] mit einer Kanuregatta mitten in der Trockenzeit feierte). Weil der jugendlich ungeduldige >Flußbaumeister< nicht erst lange auf behördlichen Segen warten wollte, rauft er sich nun mit Beamten herum, die ihm sogar das Aufsammeln des Mülls (>Gemeinde-Eigentum<) untersagen wollen." [12]

Als Alexander von Wuthenau 1994 starb [13] - im selben Jahr, in dem auch eine andere Koryphäe des modernen Diffusionismus, sein kongenialer Forscher-Kollege Barry Fell, verschied - hinterließ er ein 'gemachtes Haus' in Form eines umfangreichen, abgeschlossenen Gesamtwerks, auf dem spätere Erforscher präkolumbischer, interkontinentaler Kultur-Diffusion in ihren weiterführenden Arbeiten aufbauen konnten. Insbesondere gilt dies für 'schwarze' Diffusionisten in den USA, wie Ivan van Sertima, Paul A. Barton und Dr. Clyde Ahmad Winters, welche vor allem die globalen, kultur- und zivilisationsgeschichtlichen Beiträge afrikanischer Völker rekonstruieren und hervorheben.

Während dem streitbaren, bei aller 'Kauzigkeit' [14] brillanten, Ausnahmeforscher dort (nicht nur) in Fachkreisen einiger Nachruhm zu Teil wurde, und obwohl er auch in seiner Wahlheimat Mexiko - nicht zuletzt aufgrund seines gemeinnützigen Engagements - noch heute recht populär ist [15], wurde Prof. von Wuthenau im deutschsprachigen Raum nie sonderlich bekannt, und ist inzwischen fast völlig in Vergessenheit geraten. Angesichts der sich derzeit andeutenden Renaissance diffusionistischer Modelle und Betrachtungsweisen zur amerikanischen Prähistorie könnte sich dies allerdings bald ändern, sodass ihm auch in seinem Heimatland doch noch die Beachtung geschenkt wird, die er sich als herausragende Forscherpersönlichkeit verdient hat.


Alexander von Wuthenau - Bibliographie (noch unvollständig)


Anmerkungen und Quellen

Fußnoten:

  1. Quelle: Thomas Fitzner, "Auf der Suche nach dem wahren Amerikaner", in: Neue Vorarlberger Tageszeitung, 20. August 1988 (Online-Version auf Thomas Fitzners Webseiten; abgerufen am: 12.11.2012)
  2. Quelle: ebd. (Hervorhebungen durch Atlantisforschung.de)
  3. Quelle: Donald N. Yates, "The Los Lunas Mystery Stone and Other Sacred Sites of New Mexico", Panther's Lodge, 2006, S. 12 (Fußnote 11)
  4. Siehe z.B. seine Publikation: Tepotzotlan: Arte y color en México. Kunst und Farbe in Mexiko..., Von Stetten Fotocolor, 1940
  5. Quelle: Neil Steede, "Alexander von Wuthenau", in: ESOP - The Epigraphic Societies Occasional Papers, Volume 23 - 1998, S. 272
  6. Anmerkung: Hooton war als exponierter Verfechter einer abstrusen Rassenlehre der Auffassung, die Deutschen seien ein genetisch bedingt bösartiges Volk, und daher müssten sie "zerstreut" bzw. "umgezüchtet" werden. 1942 und 1944 sprach er sich dafür aus, nach dem Ende des II. Weltkriegs Angehörige anderer Völker nach Deutschland umzusiedeln, um durch 'Rassenvermischung' eine 'ungefährliche Mischbevölkerung' zu züchten. Siehe: "Synthetic Germany proposed to end world-wide conflicts", in: The Christian Science Monitor, 16. April 1942, S.4; sowie: "Hooton says war will blast race myth", in: New York Times, 11. Oktober 1944, S.8
  7. Quelle: E.A. Hooton, zit. nach: Karl E. Meyer, "Was there a pre-Columbian melting-pot? TERRA-COTTA FACES ACROSS THE SEA", in: LIFE, 16. Okt. 1970
  8. Quelle: Donald N. Yates, "The Los Lunas Mystery Stone and Other Sacred Sites of New Mexico", Panther's Lodge, 2006, S. 12 (Fußnote 11)
  9. Quelle: Karl E. Meyer, "Was there a pre-Columbian melting-pot? TERRA-COTTA FACES ACROSS THE SEA", in: LIFE, 16. Okt. 1970
  10. Red. Anmerkung: Vergleiche dazu bei Atlantisforschung.de auch die Beiträge in der Rubrik "Präkolumbische, transatlantische Kontakte"
  11. Quelle: Thomas Fitzner, "Auf der Suche nach dem wahren Amerikaner", in: Neue Vorarlberger Tageszeitung, 20. August 1988 (Online-Version)
  12. Quelle: ebd.
  13. Quelle: Neil Steede, "Alexander von Wuthenau", in: ESOP - The Epigraphic Societies Occasional Papers, Volume 23 - 1998, S. 272
  14. Anmerkung: Thomas Fitzners, erstmals 1985 in der Vorarlberger Zeitung veröffentlichter Artikel, aus dem hier mehrfach zitiert wurde, vermittelt dazu einen recht guten Eindruck.
  15. Anmerkung: Alexander von Wuthenaus enorme Privatbibliothek und seine Artefakten-Sammlung wurden nach seinem Tod von seiner Familie der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, wie es bei Neil Steede (op. cit.) heißt.

Bild-Quellen:

1) Neil Steede, "Alexander von Wuthenau", in: ESOP - The Epigraphic Societies Occasional Papers, Volume 23 - 1998, S. 272
2) Bildarchiv Atlantisforschung.de
3) ebd.
4) ALEXANDER VON WUTHENAU-AMERICA 5000 AÑOS DE HISTORIA, bei: OLX.com