André Pierre Ledru

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Atlantisforscher oder nicht?

Abb. 1 Das Titelblatt ders ersten Bandes von Ledrus Werk 'Voyage aux îles de Ténériffe, Trinité, St-Thomas, Ste-Croix et Porto-Rico' aus dem Jahr 1810

(bb) Zu denjenigen historischen Persönlichkeiten, die angeblich Thesen zum Atlantis-Problem formuliert haben sollen, gehört auch André Pierre Ledru (* 22. Januar 1761 in Chantenay, Département Sarthe; † 11. Juli 1825 in Mans). Ledru war ein französischer Priester, Offizier, Botaniker und Historiker, der vor allem als Forschungsreisender in Erinnerung geblieben ist. Außerdem soll er sich für die Historizität von Atlantis ausgesprochen und es im Atlantik lokalisiert haben. Dazu heißt es beispielsweise in Stelios Grant Pavlous - ansonsten gut recherchierter und zuverlassiger - atlantipedia.org [1]: "1810 veröffentlichte Ledru Voyage aux îles de Ténériffe, Trinité, St-Thomas, Ste-Croix et Porto-Rico (Abb. 1) und brachte in den zwei Bänden seine Behauptung vor, Atlantis habe im Atlantischen Ozean gelegen." Auch der zweifellos kompetente irische Atlantologie-Enzyklopädist Tony O’Connell notiert bezüglich Ledru, dieser habe sich sich in jenem Werk für die Vorstellung von Atlantis im Atlantik ausgesprochen.

Bevor wir diese Aussagen mit Hilfe von Thorwald C. Franke einem klärenden 'Faktencheck' unterziehen, hier zunächst ein paar Informationen zu Leben und Werk André Pierre Ledrus:

Biographische Notizen

Als gläubiger Katholik trat Ledru schon sehr früh in den Kirchendienst ein. Zu Beginn der Französischen Revolution war er als Vikar tätig und er gehörte zu jenen Klerikern, die 1791 den Eid auf die Zivilverfassung des Klerus ablegten. Im selben Jahr wurde er zum Pfarrer der Pfarrei Le Pré in Le Mans ernannt.

Nach der völligen Aufhebung aller Religionen in Frankreich zog sich Ledru 1793 zunächst zu seiner Familie zurück. Aber der Bürgerkrieg, der das Departement Sarthe verwüstete, und insbesondere der Hass der Royalistischen Partei auf alle vereidigten Priester, brachten sein Leben in Gefahr und ließen ihn nach Paris flüchten. Dort gelang es ihm, als Botaniker für eine Fotschungs-Expedition unter Kapitän Nicolas Baudin zu den Kanarischen Inseln und nach Westindien angeheuert zu werden.

Abb. 2 Eine künstlerische Impression der Schlacht von Jena, in der auch André Pierre Ledru kämpfte und verwundet wurde (Bild: Der französische Marschall Murat führt in besagter Schlacht eine Kavallerie-Attacke an.)

Von dieser erfolgreichen Expedition nach Frankreich zurückgekehrt, wurde er im Jahr 1798 zunächst zum Professor für Rechtswissenschaft an der Zentralschule von La Sarthe ernannt. Später eröffnete er im eigenen Haus, wo er über eine enorme Bibliothek, ein beachtliches Herbarium und einen botanischen Garten verfügte, eine Privatschule, in welcher er Naturgeschichte und Physik lehrte.

Nach der Machtergreifung Napoleon Bonapartes begann Ledru eine militärische Offiziers-Laufbahn, in deren Verlauf er am Ägypten-Feldzug (1798 bis 1801) und an den Kämpfen in Preußen teilnahm, wobei er während der Schlacht von Jena (14. Oktober 1806) (Abb. 2) verwundet wurde. Schließlich war er auch - in den Rang eines Generals aufgestiegen - in der Armee des Marschalls Michel Ney am französischen Feldzug gegen Russland (1812, 1813) beteiligt.

Abb. 3 Charles-Nicolas-Sigisbert Sonnini de Manoncourt (1751-1812)

Danach kehrte Ledru nach Le Mans zurück und nahm dort fortan seinen Ruhesitz. Er beschäftigte sich nur noch mit wissenschaftlichen, literarischen und historischen Gegenständen, und wirkte u.a. als Mitglied der 'Königlichen Gesellschaft der Künste von Le Mans' (société royale des arts du Mans), der Academie Celtique sowie ihrer Nachfolge-Organisation 'Altertumsforscher von Frankreich' (antiquaires de France), des Museums von Tours und der 'Literarischen Gesellschaft von Nantes' (société littéraire de Nantes).

Nach Ledrus Tod im Jahr 1825 gelangten seine Sammlungen - insbesondere das Herbarium, das er während seiner Reise zu den Inseln Makaronesiens und Westindiens zusammengestellt hatte, sowie einige aus französischen Ausgrabungen in Ägypten stammende Gegenstände - ins Museum der Stadt Le Mans. Zu den wichtigsten Schriften, die er hinterließ, gehören seine beiden Werke "Memoires sur les ceremonies religieuses et vocabulaire des Guanches" (publiziert 1809 in den "Memoires de l'Academie Celtique"), und das bereits oben kurz erwähnte Werk "Voyage aux îles de Ténériffe, Trinité, St-Thomas, Ste-Croix et Porto-Rico".

Ledru und Atlantis im Atlantik?

Kommen wir nun auf die eingangs aufgeworfene Frage zurück, ob André Pierre Ledru in seinem letztgenannten Werk über die Ergebnisse der von ihm begleiteten Baudin-Expedition von 1796/1798 tatsächlich eine Lokalisierung von Atlantis im Atlantik propagiert hat. Um es kurz zu machen: Thorwald C. Frankes Recherchen haben ergeben, dass dies eindeutig nicht der Fall ist, zeigen im Ergebnis aber auch, wie dieser Irrtum zustande kam. Tatsächlich findet sich dort der Begriff 'Atlantis', aber er wurde nicht von Ledru selber in dieses Buch eingebracht! Vielmehr befindet sich darin, wie Franke feststellt, "ein historischer Exkurs von Charles-Nicolas-Sigisbert Sonnini de Manoncourt (Abb. 3) (1751-1812), einem französischen Naturforscher, der zeitweise Seketär von Buffon war und gemeinsam mit Latreille ein Buch über Reptilien schrieb. In diesem Exkurs präsentierte Sonnini die These von Golbéry über Atlantis bei den Kanaren als eine interessante Möglichkeit, ohne sich selbst dafür zu entscheiden." [2] Ledru hat dies jedenfalls in keiner Weise kommentiert oder aufgenommen, und somit liegt hier weder von ihm noch von Sonnini hinsichtlich Atlantis eine klare Aussage zugunsten der Kanaren - oder irgendeiner anderen Örtlichkeit im Atlantik - vor. [3]



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Anmerkungen und Quellen

Verwendetes Material:

(alle Links abgerufen am 14. Mai 2019)

Fußnote:

  1. Red. Anmerkung: Stelios 'Stel' Grant Pavlous Atlantipedia war zuvor unter Atlantipedia.com abrufbar, dann für ca. zwei Jahre offline. Nun (April/Mai 2019) steht sie als Atlantipedia.org wieder zur Verfügung.
  2. Anmerkung von Thorwald C. Franke: Ledru (1810) S. 205; vgl. Jolibois (1846) S. 41 und Fußnote 8 (nicht Fußnote 9!)
  3. Quelle: Thorwald C. Franke, "Kritische Geschichte der Meinungen und Hypothesen zu Platons Atlantis", Norderstedt (BoD), 2016, S. 348-349

Bild-Quellen:

1) Archive.org, unter: Voyage aux îles de Ténériffe, la Trinité, Saint-Thomas, Sainte-Croix et Porto Rico
2) Henri Chartier, 1895 (Urheber) / Andynomite (Uploader) bei Wikimedia Commons, unter: File:Chartier-Murat at Jena.jpg
3) WeHaKa (Uploader) bei Wikimedia Commons, unter: File:Charles Sigisbert Sonnini AGE 1802.jpg