Atlantologische Schlussbetrachtung

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Atlantis in der Bretagne - Betrachtungen zur Theorie des Helmut Tributsch, Teil V

Abb. 8 Auch wenn Prof. Tributschs Lokalisierung der Atlanter-Metropole in Gavrinis vermutlich fehlerhaft ist, lohnt sich die Lektüre seines Buches und eine Beschäftigung mit den europäischen Megalith-Kulturen für Atlantisforscher durchaus.

(bb) Es ist durchaus bedauerlich, dass Helmut Tributschs 1986 erschienene Arbeit seit langem nur noch antiquarisch bzw. 'second hand' erworben werden kann, denn sie ist - auch wenn wir seine Lokalisierung der Atlanter-Hauptstadt verwerfen und Kritik an einigen seiner Argumente üben müssen - in vielfacher Hinsicht lesens- und beachtenswert. Dies gilt sowohl für ein Publikum, das sich allgemein für die Vor- und Frühgeschichte Europas interessiert, als auch für Leute, deren besonderes Interesse versunkenen Kulturen und der Atlantisforschung gilt, oder die sich intensiver und tiefergehender mit diesen Gebieten beschäftigen wollen.

Besondere Aufmerksamkeit sollten Tributsch jedoch die Atlantologie-Historiker entgegenbringen, denn er dürfte einer der ersten modernen Atlantisforscher in Europa gewesen sein, der die rätselhafte Megalith-Kultur (vielleicht sollte man besser von verwandten Megalith-Kulturen sprechen) in Verbindung mit dem Atlantisbericht brachte. Ebenso originär wie originell erscheinen zudem - obwohl wir sie derzeit ernsthaft in Frage stellen müssen - seine religionstheoretischen Überlegungen zum Fata Morgana-Phänomen an der Küste der Bretagne, die wir oben kurz vorgestellt haben.

Auf den ersten Blick könnte man Tributschs "Gläserne Türme von Atlantis" ohne weiteres als explizites Beispiel für neo-scholastische (dogmatische Definition, Auslegung u. Bewertung wissenschaftlicher Arbeit) Atlantisforschung des 20. Jahrhunderts ansehen. Betrachten wir beispielsweise Tributschs Chronologie-Revision des klassischen Atlantisberichts, oder seine angestrengten Hilfstheorien zur Stützung der Gavrinis-Lokalisierung, so stellen wir z.B. den reflexhaften Umgang mit den 'unmöglichen' Zeitangaben Platons fest, welche die meisten akademischen Atlantisforscher des vergangenen Jahrhunderts auszeichnet, ebenso wie die Konstruktion von Hilfstheorien. Darüber hinaus ist ihnen eine gewisse Überheblichkeit gegenüber den Vertretern abweichender Meinungen gemeinsam, die wir, wie zu sehen war, auch bei Tributsch ansatzweise vorfinden.

Andererseits muss sein entschiedenes 'Nein!' zum überkommenen ex-oriente-lux-Schema gewürdigt werden, mit dem er sich bei Erscheinen seines Buches wohl kaum Freunde in konservativen Historiker-Kreisen gemacht haben dürfte. Selbst wenn wir festhalten müssen, dass die Stärken seiner Abhandlung im prähistorischen, und nicht im atlantologischen Bereich zu suchen - und zu finden - sind: Prof. Tributsch gehört mit seinen Arbeiten zu den Wegbereitern einer neuen Richtung oder Schule der modernen, rationalen Atlantisforschung. Diese Richtung, die man allgemein als 'Megalith-Atlantologie' oder, typologisch genauer, als 'Mittelzeitler' bezeichnen kann, stellt heute eine wesentliche Bereicherung der atlantologischen Forschungs-Landschaft dar.

Wie die späteren Arbeiten von Prof. Prof. Axel Hausmann (siehe: Atlantis in Sizilien), Ulf Erlingsson (siehe: Atlantis in Irland) oder Paul Dunbavin (siehe: Atlantis in Britannien) belegten schon die "Türme von Atlantis", dass die Position der 'Jungzeitler' (Forscher, die Atlantis einzig als literarische Reflexion auf eine untergegangene Hochkultur der späten Bronzezeit betrachten) auf recht wackeligem Fundament steht. Trotz aller vorgehaltenen Mängel gehören die "Gläsernen Türme von Atlantis" daher zur Standard-Literatur, die in keiner gut sortierten, atlantologischen Privat-Bibliothek fehlen sollte.


Bild-Quelle

(10) http://perso.wanadoo.fr/college.jules-simon/gavrinis_site/images/Gavrinis.jpg (nicht mehr online)