Charles Étienne Brasseur de Bourbourg

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Historisches Forscher- und Autorenportrait

Auf einen Blick

Abb. 1 Abbé Charles Étienne Brasseur de Bourbourg (1814-1874) auf einer Lithographie aus der Veröffentlichung Aboriginal America von J. Windsor, 19. Jahrhundert

(red) Abbé Charles Étienne Brasseur de Bourbourg (Abb. 1) (* 8. September 1814 in Bourbourg, Département Nord; † 8. Januar 1874 in Nizza) war ein französischer Historiker, Ethnologe, Archäologe, Forschunsreisender und Schriftsteller. Einen Namen machte sich Brasseur de Bourbourg, wie er zumeist kurz genannt wurde, der intensiv Mittelamerika bereiste, durch seine Mesoamerika-Studien, seine dazu veröffentlichten Schriften sowie durch die Wiederentdeckung historischer Dokumente. Damit trug er wesentlich zur Erweiterung des zeitgenössischen Wissens über Sprachen, Schrift, Geschichte und Kultur der Region bei, insbesondere hinsichtlich der Maya und Azteken. [1] Seine Überlegungen zu von ihm vermuteten Beziehungen zwischen den Maya und dem verschollenen Atlantis beeinflussten die junge Atlantisforschung der späten zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts in nicht geringem Maß.

Biographische Notizen

Nachdem er seine Kindheit in seiner Vaterstadt Bourbourg verbracht hatte, einer französischen Kleinstadt nahe Dünkirchen mit vielen flämischen Einflüssen, ging Brasseur de Bourbourg als Jugendlicher nach Gent im gerade unabhängig gewordenen Belgien, um dort Theologie und Philosophie zu studieren. Bereits während seines Studiums interessierte er sich für die Schriftstellerei, und 1837 begann er im Alter von 23 Jahren mit der Abfassung von Essays, die in einer Pariser Zeitschrift publiziert wurden. Zudem verfasste er (unter Pseudonym) diverse historische Berichte sowie mehrere Romane in romantischem Stil, wie sie damals sehr in Mode waren. Trotz einiger Kritik an seinen Werken - u.a. wurde ihm Plagiarismus vorgeworfen - entwickelte sich sein Ruf als bemerkenswerter junger Schriftsteller und Intellektueller weiter. Später verlegte er sein Studium und seinen Wohnsitz nach Rom, wo er 1845 im Alter von 30 Jahren zum katholischen Priestertum ordiniert wurde. [2]

Abb. 2 Hier das Front-Cover von Brasseur de Bourbourgs 1866 im Auftrag der französischen Regierung veröffentlichten Werk 'Monuments anciens du Mexique'

Im Jahr 1845 erlebte Brasseur de Bourbourg ein Intermezzo im kanadischen Québec, wo er als Professor für Kirchengeschichte am katholischen Seminar (Séminaire de Québec) lehrte und sich zudem mit dem Studium der Geschichte der Erzdiözese von Quebec sowie insbesondere jener von François de Laval (1623-1708) befasste, dem ersten römisch-katholischen Bischof von Quebec. Die Ergebnisse seiner Archiv-Recherchen erschienen im Frühjahr 1846 in Form einer Biographie F. de Lavals. [3] Nachdem es zwischen Brasseur de Bourbourg und seinen Kollegen sowie Vorgesetzten in Québec zu Unstimmigkeiten gekommen war, verließ er Kanada, arbeitete bis zum Ende des Jahres für die Diözese in Boston - das er schon zuvor besucht hatte -, kehrte danach aber zunächst nach Europa zurück, wo er eine zeitlang in den Archiven von Rom und Madrid recherchierte, um sich auf ein neues Projekt vorzubereiten, nämlich auf Reisen nach Mittelamerika [4], wo er nicht nur als Missionar tätig werden, sondern auch die Vergangenheit des Landes und seiner Völker studieren wollte.

Reisen und Expeditionen nach Zentralamerika

Über sie heißt es in der englischsprachigen Wikipedia: "Von 1848 bis 1863 reiste er ausgiebig als Missionar in viele Teile Mexikos und Mittelamerikas. Während dieser Reisen widmete er sich intensiv den mesoamerikanischen Altertümern und wurde mit den damaligen Theorien und Kenntnissen über die Geschichte der Region und der präkolumbischen Zivilisationen vertraut, deren Stätten und Monumente noch nicht verstanden wurden.

Brasseur de Bourbourg "nutzte die Informationen, die er während seiner Reisezeit gesammelt hatte, und die von anderen Gelehrten seiner Zeit zusammengetragen worden waren, und veröffentlichte in den Jahren 1857–1859 eine Geschichte der Azteken-Zivilisation, die [alles] enthielt, was damals über das ehemalige Königreich bekannt war, oder was darüber spekuliert wurde, das ungefähr dreihundert Jahre zuvor von den spanischen Konquistadoren im Bündnis mit den lokalen Feinden der Azteken erobert worden war.

Abb. 3 Das Titelblatt der Original-Ausgabe (1861) von Brasseur de Bourbourgs Übersetzung des Popol Vuh ins Französische

Er forschte auch über die lokalen Sprachen und deren Übersetzung in das lateinische Alphabet. Zwischen 1861 und 1864 redigierte und veröffentlichte er eine Dokumentensammlung in den indigenen Sprachen. 1864 war er Archäologe der französischen Militärexpedition in Mexiko, und seine daraus resultierende Arbeit Monuments anciens du Mexique (Abb. 2) wurde 1866 von der französischen Regierung veröffentlicht." [5]

Veröffentlichung des Popol Vuh

Im Jahr 1861 veröffentlichte Brasseur de Bourbourg unter dem Titel Popol Vuh. Le livre sacré et les mythes de l'antiquité américaine... [6] (Abb. 3) eine seiner bedeutendsten Arbeiten. Darin legte er eine französischsprachige Übersetzung des Popol Vuh ("Buch des Rates") vor, einer heiligen Schrift des Maya-Volkes der Quiché (K'iche '), welches mythische oder mythisierte, sagenhafte und historische Aspekte der Vergangenheit dieses Volkes behandelt.

Möglich war die Übersetzung deshalb, weil es augenscheinlich noch zur Zeit der spanischen Eroberung Maya-Priestern gelang, eine Version dieses Buches in lateinischer Schrift zu erstellen, die durch glückliche Umstände erhalten blieb. Etwa 1702 kam sie in der guatemaltekischen Stadt Chichicastenangoin in den Besitz des spanischen Dominikaner-Priesters Francisco Ximénez, der sie aufbewahrte, statt sie vorschriftsmäßig zu vernichten, sowie eine erste Übersetzung ins Spanische vornahm. Auf Umwegen gelangte das Dokument dann in die Bibliothek der Universidad de San Carlos in Guatemala-Stadt, wo es schließlich anno 1854 von Brasseur de Bourbourg und dem österreichischen Forschungsreisenden Carl von Scherzer gefunden wurde. [7] Brasseur de Bourbourgs Übersetzung des Popol Vuh, der er auch eine Grammatik der K'iche-Sprache und einen Aufsatz zur Mythologie der Kulturen des alten Mittelamerika beifügte, verhalf diesem amerinden Epos zu internationaler Bekanntheit.

Wiederentdeckung von Diego de Landas 'Maya-Alphabet'

Abb. 4 Die Reproduktion einer Seite aus Diego de Landas 'Relación de las cosas de Yucatán', die seine Annahme illustriert, es bestehe eine Übereinstimmung zwischen Maya-Glyphen und den Buchstaben des spanischen Alphabets - eine Fehlinterpretation, die als das 'de Landa-Alphabet' bekannt wurde.

Bei seinen Recherchen in den enormen Archiven der Königlichen Akademie für Geschichte in Madrid, wo er nach historischen Materialien aus der und über die Neue/n Welt suchte, stieß Brasseur de Bourbourg 1862 auf die gekürzte Kopie eines handschriftlichen Dokuments (Abb. 4), das ursprünglich um 1566 vom spanischen Kleriker Diego de Landa (1524-1579) verfasst worden war. De Landa war vormals der zweite Bischof des heutigen Erzbistums Yucatán und Inquisitor des neuspanischen 'Generalkapitanats'. Sein trauriger 'Nachruhm' beruht vor allem auf der Tatsache, dass er sämtliche, in der alten Maya-Schrift verfassten Texte, auf die er Zugriff hatte, verbrennen ließ. Damit ging ein ungeheurer Schatz an indigenem Wissen verloren, zumal schon bald darauf niemand mehr diese Schrift lesen konnte.

Und hier lag, wie Brasseur de Bourbourg umgehend bemerkte, der besondere Wert des oben erwähnten Manuskripts: "In der Handschrift hatte de Landa aufgrund seiner eigenen Beobachtungen und Diskussionen mit Maya-Informanten viele Informationen über die Maya-Völker und Sitten aufgezeichnet. Brasseur de Bourbourgs Hauptinteresse an dem Dokument war jedoch ein Abschnitt, in dem de Landa das, was er als Alphabet< der noch nicht entzifferten Maya-Hieroglyphen bezeichnete , des Schriftsystems der alten Maya-Zivilisation, reproduzierte.

Abb. 5 In seinem Buch S'il existe des sources de l'histoire primitive du Mexique... stellte Brasseur de Bourbourg erstmals seine Theorie einer im Atlantik versunkenen Insel auf - Platons Atlantis.

In dieser Passage hatte de Landa die Mayasymbole (oder Glyphen) kommentiert, die angeblich den Buchstaben des spanischen Alphabets entsprachen , wie sie ihm ein Maya-Informant gegeben hatte, den er gefragt hatte. Brasseur de Bourbourg erkannte, dass dies eine Grundlage für die Entschlüsselung der Maya-Schrift sein könnte, und er verkündete diese Entdeckung, als er das Manuskript (in einer zweisprachigen spanisch-französischen Ausgabe) Ende 1863 mit dem Titel 'Relation des choses de Yucatán de Diego de Landa' veröffentlichte.

Nach einer ersten Analyse durch Brasseur de Bourbourg und andere erwies sich das sogenannte 'de Landa-Alphabet' jedoch als problematisch und inkonsistent, und diese unmittelbaren Versuche, dieses Alphabet als eine Art 'Rosetta-Stein' zu verwenden, scheiterten an den Glyphen. Das Auffinden dieses Dokuments und von de Landas Alphabet durch Brasseur de Bourbourg sollte sich jedoch viel später als wesentlich für" die Möglichkeit einer "Entzifferung der Maya-Glyphen erweisen. Brasseur de Bourbourgs Versuche und die Versuche anderer, die folgten, waren insoweit irregeleitet, als sie die Zeichen alphabetisch interpretierten. Als man die Zeichen hauptsächlich als Silbenschrift erkannte, wurden bedeutende Fortschritte erzielt." [8]

Bourbourg und Atlantis (Mu)

Zu diesem Thema heißt es bei Thorwald C. Franke: "In seinem Werk Grammaire de la longue quichée [9] von 1862 begann Brasseur de Bourbourg damit, die Kultur der Maya mit Platons Atlantis zu vergleichen. Im Jahre 1864 diskutierte er das Problem dann ausführlich in seinem Werk S'il existe des sources de l'histoire primitive du Mexique dans les monuments égyptiens et de l'Ancien monde dans les monuments américains? [10] (Abb. 5) und stellt die Theorie einer im Atlantik versunkenen Insel auf. [11] 1866 erschien das Werk Monuments anciens du Mexique. Palenque, et autres ruines de l'ancien civilisation du Mexique?, in dem die Illustrationen von Jean-Frédéric Waldeck Ähnlichkeiten der Architektur der Maya mit der Architektur der Griechen und Römer andeuteten. 1868 zog Brasseur de Bourbourg in seinem Werk Quatre Lettres sur le Mexique [12] Parallelen zwischen den Hieroglyphen der Ägypter und den Symbolen der Maya und spekuliert über eine Insel im Atlantik, auf die auch Platons Atlantiserzählung zurückgehen soll." [13]

Spätere Autoren haben die Ideen von Brasseur de Bourbourg aufgegriffen und weiterentwickelt, wie Augustus Le Plongeon, der die - übrigens falsche - Übersetzung von Brasseur de Bourbourg von einem Überschwemmten Land Mu aufgriff. Noch später führten Ignatius Donnelly und dann esoterische Autoren wie Helena P. Blavatsky diese Hypothese weiter." [14]


Brasseur de Bourbourgs Publikationen zu Mittelamerika


Weitere Beiträge zu diesem Thema

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Anmerkungen und Quellen

Fußnoten:

  1. Quelle: Wikipedia - The Free Encyclopedia, unter: "Charles Étienne Brasseur de Bourbourg" (abgerufen: 06. Februar 2019)
  2. Quelle: ebd.
  3. Siehe: Brasseur de Bourbourg, "Esquisse biographique sur Mgr de Laval, premier évêque de Québec", Québec (Hrsg.: Pater J.B. Fréchette), 1846, 43 Seiten
  4. Quelle: Wikipedia - The Free Encyclopedia, unter: "Charles Étienne Brasseur de Bourbourg" (abgerufen: 06. Februar 2019)
  5. Quelle: ebd.
  6. Siehe: Brasseur de Bourbourg, "Popol Vuh. Le livre sacré et les mythes de l'antiquité américaine avec les livres héroïques et historiques des Quichés. Ouvrage original des indigènes de Guatémala, texte quiché et traduction française en regard, accompagnée de notes philologiques et d'un commentaire sur la mythologie et les migrations des peuples anciens de l'Amérique, etc., composé sur des documents originaux et inédits, par l'abbé Brasseur de Bourbourg", Paris (Arthus Bertrand); London (Trübner and Co.), 1861
  7. Quelle: Wikipedia - Die freie Enzyklopädie, unter: "Popol Vuh" (abgerufen: 07. Februar 2019)
  8. Quelle: Wikipedia - The Free Encyclopedia, unter: "Charles Étienne Brasseur de Bourbourg" (abgerufen: 06. Februar 2019)
  9. Siehe: Brasseur de Bourbourg, "Grammaire de la langue quiché, : espagnole-française mise en parallèle avec ses deux dialectes, cakchiquel et tzutuhil, tirée des manuscrits des meilleurs auteurs guatémaliens. Ouvrage accompagné de notes philologiques avec un vocabulaire comprenant les sources principales du Quiché comparées aux langues germaniques et suivi d'un essai sur la poésie, la musique, la danse et l'art dramatique chez les Mexicains et les Guatémaltèques avant la conquête; servant d'introduction au Rabinal-Achi, drame indigène avec sa musique originale, texte quiché et traduction française en regard.", Paris (Arthus Bertrand, éditeur); London (Trübner and Co), 1862
  10. Siehe: Brasseur de Bourbourg, "S'il existe des sources de l'histoire primitive du Mexique dans les monuments égyptiens et de l'Ancien monde dans les monuments américains?, Paris (Maisonneuve et cie), 1864
  11. Siehe: Brasseur de Bourbourg (1864), S. 68
  12. Siehe: Brasseur de Bourbourg, "Quatre lettres sur le Mexique : exposition absolue du système hiéroglyphique mexicain : la fin de l'âge de pierre, époque glaciaire temporaire, commencement de l'âge de bronze, origines de la civilisation et des religions de l'antiquité : d'apres le Teo-Amoxtli et autres documents mexicains, etc.", Paris (Maisonneuve et cie); London (Trübner and Co.), 1868
  13. Siehe: Brasseur de Bourbourg (1868) II §9 S. 108
  14. Quelle: Thorwald C. Franke, "Kritische Geschichte der Meinungen und Hypothesen zu Platons Atlantis", Norderstedt (BoD), 2016, S. 364

Bild-Quellen:

1) CJLL Wright (Uploader), bei Wikimedia Commons, unter: File:Brasseur de Bourbourg.jpeg
2) Bibliothèque nationale de France (BnF), unter: Monuments anciens du Mexique. Palenqué et autres ruines
3) Archive.org unter: Popol Vuh. Le livre sacré et les mythes de l'antiquité américaine...
4) CJLL Wright (Uploader) bei Wikimedia Commons, unter: File:De Landa alphabet.jpg
5) Archive.org unter: S'il existe des sources de l'histoire primitive du Mexique dans les monuments égyptiens et de l'histoire primitive de l'Ancien monde dans les monuments américains?