Das Geheimnis der prähistorischen Aquädukte

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von unserem Gastautor Dr. Horst Friedrich (1995)

Abb. 1 Ein Teil eines der arabischen 'Aquädukte' bei Al Ain, in den Vereinigten Arabischen Emiraten

"Keines der Zeugnisse frühgeschichtlicher Erfindungsgabe, das wir im Oman kennen lernten, beeindruckte uns mehr als das unterirdische Falaj. In einem Gebiet, in dem sich eine endlose Ebene aus Sand und Kies ausbreitete soweit das Auge reichte, wurden wir an den Rand eines offenen Lochs im Boden geführt, das uns zurückfahren ließ, denn es schien abgrundtief. Ein mit Steinen eingefasster Schacht lief mindestens 10 m senkrecht nach unten, bis er in der pechschwarzen Dunkelheit verschwand. Der Boden um die Öffnung war wie ein kleiner Krater von der Erde und den Steinen leicht erhöht, die man von unten heraufbefördert hatte. Wenn man aufsah, konnte man in dieser Einöde ähnliche Krater in Abständen und einer geraden Linie nach beiden Seiten des Horizonts laufen sehen. Wir erfuhren, dass diese Schächte tief unter der Erde miteinander durch ein Aquädukt verbunden waren, das kilometerweit mit einer solchen Präzision angelegt war, dass das Wasser unabhängig von den Bergen oder sonstigen Geländeunebenheiten mit gleichmäßigem Gefälle floss.

In der Nähe der Quelle musste ein Falaj zu ebener Erde und sogar etwas darüber verlaufen, damit das gewünschte Gefälle erreicht wurde. Wir waren sprachlos, als wir ein offen liegendes Aquädukt über einem Fluss den Berg hinunterlaufen sahen, das dann unter dem Fluss hindurchführte und auf der anderen Seite weiterlief. Am Kreuzungspunkt stürzte das Wasser hinunter in einen kaminartigen, steinernen Turm, lief dann unter dem Flussbett hindurch und kam oben aus einem etwas niedrigeren Turm auf der anderen Seite wieder heraus. Dann floss es überirdisch wie vorher an einem Berghang entlang in Richtung auf die sonnendurchglühten Ebenen, wo es seine lange, kühle Reise tief unter der Erde begann. Man erzählte uns, dass einige der Falaj viele Kilometer in einer unglaublichen Tiefe unter dem Ödland und den Cañons hindurchführten." [1]

So weit Thor Heyerdahl, der - ein ganzes Forscherleben lang, rund um unseren Planeten - den Spuren rätselhafter, zivilisations- und kontinentverbindender Kulturbringer gefolgt ist. Es konnte nicht ausbleiben, dass er dabei auch über die allenthalben existierenden, oft noch heute funktionierenden erstaunlichen, meist in großer Tiefe geführten prähistorischen Wasserzubringersysteme "stolperte". Er steht mit seinem Staunen und Ins-Nachdenken-Kommen nicht alleine da. Anderen ist es, in anderen Ländern, ebenso ergangen.

Heyerdahl konstatiert, unmittelbar anschließend an obiges Zitat: "Einige werden von den Arabern noch heute unterhalten, und einige sind vielleicht auch von ihnen gebaut worden, aber die Ursprünge dieser beispiellosen Entfaltung technischen Geschicks und von Massenarbeit verlieren sich in der frühesten Geschichte". Heyerdahl steuert aber nicht, wie man vermutet hätte, die versuchsweise Spekulation bei, die Falaj seien von jenen "Langohren"/"Redin" etc. angelegt worden, die man wohl in der rätselhaften "Lücke" zwischen Frühgeschichte und Vorgeschichte unterbringen muss. Er sagt nur, dass die Falaj der frühgeschichtlichen Oman - "Wer immer sie zuerst angelegt hatte" - offensichtlich mit gleichartigen frühgeschichtlichen Wasserleitungen auf Bahrein/"Dilmun" [2] in Verbindung gebracht werden müssen.

Dem Verfasser ist noch keine zusammenfassende Arbeit zu dem hier behandelten Thema bekannt geworden. Kein Wunder bei der ängstlichen Scheu unserer Schulwissenschaft, sich nur ja nicht mit potenziell Dogmen gefährdenden Gegenständen zu beschäftigen! In der Tat werfen diese prähistorischen unterirdischen Aquäduktsysteme [3] eine ganz bestimmte Frage von großer Brisanz auf, wie wir sogleich sehen werden.

Es ist momentan schwer zu sagen, wo überall auf der Erde derartige prähistorische Wasserzubringersysteme existieren oder existierten. Entsprechende Hinweise und Literaturstellen dürften weit verstreut, ihre Auffindung nur durch eine zeitaufwendige Sucharbeit möglich sein. Immerhin lässt sich sagen, dass sie - von Andalusien [4] und Nordafrika [5] über den Oman [6] bis nach China [7] - über einen großen Teil der Alten Welt verbreitet sind.

Es ergibt sich die brisante Frage, zu deren Beantwortung Heyerdahl sich noch nicht äußern will: Wer waren die Erbauer dieser so weit verbreiteten und einander so ähnlichen Wasserzubringersysteme? Nach dem schulwissenschaftlichen Szenario gab es in Andalusien vor den Karthagern und Römern bestenfalls eine rustikale iberische Kultur, in Nordafrika und Arabien ebenfalls keinerlei prähistorische Hochkultur, und das Gleiche gilt für chinesisch Turkestan (Sinkiang-Uigur). Es ist offensichtlich, dass die heutigen, teils beduinischen, teils bäuerlichen Bewohner Nordafrikas oder des Oman nicht die geringste Ahnung haben, welches Volk einst ursprünglich diese vorzeitlichen Wasserversorgungssysteme, die sie noch heute instand halten und die noch heute eine ihrer Lebensgrundlagen darstellen, erdacht und gebaut haben könnte. Die islamische Hochkultur kommt zu spät, um als Erbauer ernsthaft in Erwägung gezogen zu werden, obwohl es islamische Quellen gibt, die ebendies behaupten [8]. Wer kann es dann gewesen sein?

Aus einigen Hinweisen in der Literatur erfahren wir, dass die Erbauer dieser vorgeschichtlichen Aquäduktsysteme offensichtlich über ein erhebliches Wissen zu Methoden der Wasserbelebung verfügten, an das sich bei uns heute erst die kühnsten unserer nonkonformistischen Wasserforscher heran tasten [9]. Dieses Wissen hatten mutmaßlich nur die Wasserversorgungs-Adepten einer alten Hochkultur.

Abb. 2 Antike Aquädukte bei Rom (Bild-Archiv von Gernot L. Geise)

Zum mutmaßlichen Zeitrahmen ist andererseits zu bedenken, dass derartige Aquäduktsysteme nicht gut vor den letzten Kataklysmen um -700 und im -2. Jahrtausend errichtet worden sein können, denn erstens wären sie von diesen wohl zerstört worden und zweitens bestand vor den Kataklysmen, als die Sahara - und ebenso wohl auch der Oman - noch ein grünes, wohlbewässertes Land war, keinerlei Notwendigkeit, dort ausgedehnte unterirdische Wasserversorgungssysteme zu bauen. Des Verfassers Verdacht richtet sich provisorisch zunächst einmal auf die Zeit um -600, d. h. auf eine Zeit, in der von wirklich prähistorischen Zivilisationen gar nicht mehr die Rede sein kann. In dieser Zeit möchte man eher an iberische, karthagische, kyrene-griechische oder chaldäische "Engineering Consultants" denken. Aber warum gerade zum Beispiel ausgerechnet in der sicherlich auch schon damals nur noch dünn bewohnten algerischen Sahara? Was für ein Interesse sollten die um -600 existierenden Hochkulturen daran haben, ob ein paar tausend Menschen dort ihre Oasen-Gärten bewässern konnten oder nicht?

Oder war alles ganz anders? Liegt die Zeit, in der Nordafrika, Arabien und chinesisch Turkestan größtenteils zu Wüsten wurden, doch schon - vielleicht 2000 oder 3000 Jahre - länger zurück? Überlebten die unterirdischen Aquäduktsysteme, trotz mutmaßlich gehäufter schwerer Erdbeben, die letzten Kataklysmen relativ intakt, sodass sie wieder hergerichtet werden konnten? Dann allerdings hätten sie vor der altägyptischen und 'sumerisch'-chaldäischen Zivilisation existiert. Als ihre Erbauer würden dann oft postulierte, aber uns bisher nicht konkret fassbare prähistorische Hochkulturen in Betracht kommen.

Mangels einer umfassenden, sorgfältig recherchierten Monografie zur geografischen Verbreitung, Konfiguration und den technischen Details dieser prähistorischen/protohistorischen Wasserversorgungssysteme bleiben wir derzeit noch auf qualifizierte Spekulationen angewiesen. Immerhin, sollte sich ihre weltweite Verbreitung nachweisen lassen [10], würde dies auf einen gemeinsamen Ursprung hindeuten. Von der schulwissenschaftlichen (isolationistischen) Lieblings-"Ente" einer mehrfach erfolgten unabhängigen Erfindung für alles und jedes hält der Verfasser nämlich gar nichts.

Ein gemeinsamer - aus weltweit ähnlicher Technologie erschlossener - Ursprung wiederum würde bedeuten, dass diese Wasserversorgungs-Technologie, letztlich und ursprünglich, entweder von einer weltweit verbreiteten, oder von einer weltweit aktiven, prähistorischen Hochkultur sich herleiten muss.

Dem braucht nicht zu widersprechen, dass oben die Zeit um -600 für den Bau der heute noch lokalisierbaren prä-/protohistorischen Aquäduktsysteme angenommen wurde. Zwar gab es um -600 definitiv keine weltweite Hochkultur mehr [11]. Wenn dennoch Herkunft der Aquäduktsysteme von einer weltweiten Hochkultur, zugleich aber eine Datierung um -600 gelten soll, so heißt dies, dass bis zur Zeit der letzten Kataklysmen irgendwo noch ein Überrest jener einstigen "Mutter-Hochkultur" existiert haben muss, von dem aus dann dieses Wissen seinen Weg nach Iberien/Nordafrika/Orient/Altamerika gefunden hätte. Man ist versucht, an das sagenhafte "Atlantis" zu denken [12]. Doch bis wir hierzu Durchblick gewinnen, ist noch viel zu tun.

Solange wir keine gründliche Arbeit zur geografischen Verbreitung, Konfiguration und den technischen Details dieser prähistorischen Wasserversorgungssysteme besitzen, werden wir uns wohl hinsichtlich der oben aufgeworfenen Fragen mit Spekulationen begnügen müssen.


Anmerkungen und Quellen

Dieser Beitrag von Dr. Horst Friedrich © 1995 wurde erstmals veröffentlicht in: EFODON-SYNESIS Nr. 8/1995; bei Atlantisforschung.de erscheint er im Dr. Horst Friedrich Archiv in einer redaktionell bearbeiteten Neufassung nach: http://www.efodon.de/html/archiv/vorgeschichte/friedrich/aquaedukte.htm

  1. Quelle: Thor Heyerdahl, "Tigris", München 1979, S. 213.
  2. Anmerkung d. Verf.: Heyerdahl übernimmt die unhaltbare schulwissenschaftliche Gleichsetzung der sumerischen "Dilmun" mit Bahrein. Gunnar Heinsohn ("Wer herrschte im Industal?", Gräfelfing 1993, S. 66-87) hat klar nachgewiesen, dass "Dilmun" Indien war! --- Red. Anmerkung: Siehe zur Identifizierung von "Dilmun" und zur Ablehnung der Bahrein-Theorie bei Atlantisforschung.de auch: Radek Brychta, "Die Entdeckung von Platons Atlantis", Teil VI, "Die Suche nach Dilmun"
  3. Anmerkung d. Verf.: Dieser Begriff wird hier nicht im eingeschränkten Sinne nur römischer (oberirdischer) Aquädukte gebraucht, sondern im weiteren Sinne für jegliche Wasserleitungssysteme. So gebraucht ihn auch Heyerdahl. Zu römischen Wasserleitungssystemen (Europa, Nordafrika) hervorragend: Klaus Grewe, "Planung und Trassierung römischer Wasserleitungen", Wiesbaden 1992 (2. Auflage).
  4. Siehe: Elena Maria Wishaw, "Atlantis in Andalucia", London 1928; Nachdruck unter dem Titel "Atlantis in Spain", Stelle/Illinois (USA) 1994.
  5. Anmerkung d. Verf.: Unter der Bezeichnung "Foggara" in der Nordafrika-/Sahara-Literatur öfter erwähnt, etwa in Ludwig G. A. Zöhrer, "Ritter der Sahara", Berlin (o.D.), S. 15.
  6. Siehe: Thor Heyerdahl, op. cit.
  7. Anmerkung d. Verf.: In Sinkiang/chines. (Ost-) Turkestan zur Versorgung der dortigen Oasenkulturen erwähnt in: Olof Alexandersson, "Lebendes Wasser" (über die Forschungen Viktor Schaubergers), S. 53; wurden nach dieser Quelle von Sven Hedin erforscht.
  8. Anmerkung d. Verf.: Nach Klaus Grewe (in Salah/Algerien: Foggara, Stollenbauten zur Oasenbewässerung, in: Der Vermessungsingenieur Nr. 3/1981, S. 94-99) etwa der arabisch-maurische Geograf Idrisi. Grewe selbst scheint diese Behauptung ernst zu nehmen und denkt an eine „Abstammung“ der nordafrikanischen Foggara von den assyrisch-iranischen Qanat. Der Verfasser möchte hierzu stärkste Zweifel anmelden. Wie wir sahen, scheint Heyerdahl (ohne dies explizit auszusprechen) an einen "sumerischen" Ursprung zu denken.
  9. Anmerkung d. Verf.: Etwa bei Alexandersson, op.cit., S. 66-68 zu Alt-Kreta und S. 53 zu China. Vgl. auch die Gedanken der großen New-Age-Forscherin und Naturphilosophin Almut Kowalski zu den steinernen Wasserleitungen von Tiahuanaco in Bolivien, in: Benjamin Seiler, "Bis zum letzten Tropfen", in: ZeitenSchrift, Nr. 2, 1994, S. 29.
  10. Anmerkung d. Verf.: Stark zu vermuten - vgl. Fußnote 9 zu Tihuanaco/Peru – sind solche Aquäduktsysteme für den amerikanischen Doppelkontinent, von Nordwestargentinien bis Arizona.
  11. Anmerkung d. Verf.: Für weitaus ältere Hochkulturen sprechen hingegen mehrere Argumente. Vgl. hierzu: Horst Friedrich: "Hochkulturen im Tertiär?", in: EFODON-SYNESIS Nr. 2/1994.
  12. Anmerkung d. Verf.: Interessanterweise lässt auch, in einer originellen und ungemein verdienstvollen Arbeit, Armin Naudiet den letzten Überrest eines westlich Gibraltar liegenden "Atlantis" ab ca. -700 im Meer versinken: "Noahs Erben", EFODON-DOKUMENTATION DO-11, 1994, Seiten 41-42 und passim.


Bild-Quellen

(1) Wikimedia Commons, unter: File:Falaj at al ain.jpg

(2) Bild-Archiv Gernot L. Geise