Das atlantologische 'Gastspiel' des Jacques-Yves Cousteau

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Abb. 1 Der französische Meeresforscher und Taucher Jaques-Yves Cousteau versuchte sich u.a. auch erfolglos als atlantologischer Laienforscher mit wissenschaftlichem Anspruch.

(bb) Atlantisforscher lassen sich, ironisch formuliert, in zwei Kategorien unterteilen: solche mit, und solche ohne Anführungszeichen. Diejenigen, die sich mit Fug und Recht so bezeichnen dürfen, haben zuvor viele Jahre - häufig sogar Jahrzehnte - mit Studien und Forschungen auf diesem weiten Feld verbracht, und eignen sich nach und nach ein enormes Wissen an, das sie als Fachleute qualifiziert. "Atlantisforscher" zeichnen sich dagegen dadurch aus, dass sie sich aufgrund eines beliebigen Universitäts-Studiums, eines akademischen Titels oder auch nur wegen ihrer intellektuellen "Brillanz" für befähigt halten, auch ohne solch umfassende Studien das Rätsel um die 'Königin aller Legenden' zu lösen.

Zu dieser zweiten Kategorie ist auch der berühmte französische Meeresforscher Jacques-Yves Cousteau (1910-1997) (Abb. 1) zu rechnen, der Mitte der 1970er Jahre ein ebenso kurzes wie peinliches 'Gastspiel' auf der atlantologischen Bühne gab. Zu dieser Zeit hatte die - angeblich wissenschaftliche - Atlantis-Lokalisierung in der Ägäis Hochkonjunktur, eine letztlich höchst unwahrscheinliche Annahme, bei der das platonische Atlantis mit der kretisch-minoischen Zivilisation gleichgesetzt wurde. Diese von vielen konventionellen Betrachtern als "vernünftig" empfundene Theorie, die bereits etwa vierzig Jahre zuvor der griechische Archäologe Spyridon Marinatos aufgebracht hatte, wurde nach seinem Tod durch den Erdbebenforscher Angelos Galanopulos und die Autoren James W. Mavor Jr. [1] und John V. Luce [2] international bekannt gemacht.

Seit Galanopulos war man sich unter den Anhängern dieser Vorstellung, die in schulwissenschaftlichen Kreisen nach und nach die, ebenso "vernünftigen", Nordafrika- und Tartessos-Lokalisierungen verdrängt hatte, sogar über die genaue Position der Metropole von Atlantis einig: die Ruinen der Hauptstadt des versunkenen Reiches sollten ihrer Meinung nach im Gebiet des Insel-Vulkans Thera (Santorin) (Abb. 2) zu finden sein, dessen gewaltiger Ausbruch vor etwa 3200 Jahren das Ende der Atlantier-Kultur bewirkt habe. Mit dieser, ins gängige Bild und zu den vorherrschenden Lehrmeinungen zur Zivilisations-Geschichte passenden Interpretation, setzen sich ihre Befürworter bewusst von so genannten "Spinnern" und "unwissenschaftlichen Träumern" ab, die weiterhin der 'klassischen' Atlantis-Theorie [3] oder anderen nonkonformistischen Lösungen folgten.

Abb. 2 Die Vulkaninsel Thera galt in den 1970er Jahren auch für Cousteau als "einzig vernünftiger Ort", um Atlantis zu lokalisieren.

In jedem Fall waren 'Atlantis' und die Suche danach in den Medien damals nicht nur ein Thema für die 'Saure-Gurken-Zeit', sondern genossen höchstes Interesse; und zwar besonders dann, wenn sich prominente Zeitgenossen wie Herr Cousteau der Sache annahmen. So übernahmen am 17. November 1975 zahlreiche Zeitungen eine Meldung der Presseagentur dpa, auf deren Grundlage es z.B. bei 'Die Welt' hieß: "Cousteau: Atlantis liegt vor Santorin, der französische Meeresforscher auf der Suche nach dem versunkenen Kontinent." [4] Wir wollen hier dahingestellt sein lassen, wie man sich damals bei 'Die Welt' einen "versunkenen Kontinent" vor der Insel Santorin vorgestellt hat, sondern gleich 'weiter im Text' gehen.

In diesem Bericht wird nämlich deutlich, dass das Interesse von Fachwissenschaftlern an der - atlantologisch unhaltbaren - Thera-Lokalisierung keineswegs rein ideeller Natur war, sondern dass hier - neben möglichem archäologischem Ruhm - augenscheinlich auch Forschungsgelder in erklecklicher Höhe winkten: "In diesem Bericht wurde mitgeteilt, daß die griechische Staatskasse mit 1,8 Millionen Dollar eine großangelegte Tauchexpedition Cousteaus mit seinem Spezialschiff >Calypso< (Abb. 3) finanzieren will, um im Kraterkessel von Santorin-Thera Überreste von Atlantis zu suchen". [5]

Cousteau vertraute offenbar, unbelastet von eigener Fachkompetenz, blind den Aussagen der 'Minoer-Fraktion' unter den Wissenschaftlern, die für sich in Anspruch nahmen, das Atlantis-Rätsel bereits vollständig gelöst zu haben. Laut 'Die Welt' gab es nur noch ein einziges, winzigkleines Problem, das den Triumph der Thera-Lokalisierer bisher vereitelt hatte: "Weil allerdings die Überreste der versunkenen Kultur wegen der großen Wassertiefen von 300 Metern schwer zugänglich sind, sei diese Theorie bisher historisch [sic!; bb] nicht belegbar gewesen." [6]

Dieses Problem gedachte Cousteau nun mit seiner >Calypso< zu lösen, einem zum Forschungsschiff umgebauten Minensuchboot, mit dem er zuvor schon einige spektakuläre Forschungsfahrten unternommen hatte. Dreizehn Monate lang untersuchte er den zerklüfteten Meeresgrund im und um den Kraterkessel der heutigen Rest-Insel, freilich ohne auch nur den geringsten Anhaltspunkt dafür zu finden, dass sich dort jemals eine Stadt befand. Danach waren entweder die zur Verfügung stehenden Geldmittel verbraucht, oder aber Cousteaus Geduld am Ende: "Auf einer Pressekonferenz im November 1976 teilte er dann mit, bei der Saga von Atlantis, das in vielen Mutmaßungen im Gebiet der griechischen Vulkaninsel Santorin angesiedelt wird, handele es sich um ein von Platon geschaffenes >Märchen<. Das legendäre Inselreich habe es nie gegeben." [7] Cousteau hatte - nach nicht einmal anderthalb Jahren! - den atlantologischen 'Dienst quittiert'.

Abb. 3 Die 'Calypso', Cousteaus legendäres Forschungsschiff, mit dem er sich 1975 / 1976 auf die vergebliche Suche nach den Ruinen von Atlantis machte.

Natürlich ist die Folgerung des frustrierten Meeresforschers keineswegs beweiskräftig. Schließlich lässt sich aus seinem Fehlschlag lediglich schließen, dass damit die Thera-Lokalisierung - und NICHT die Atlantis-Hypothese an sich - als widerlegt zu betrachten ist, und dass die Wahrscheinlichkeit noch weiter sinkt, Überreste von Atlantis im östlichen Mittelmeer, bzw. in der Ägäis zu finden. Dazu hätte man jedoch keineswegs mit einer Tauchexpedition im Krater von Thera einen Millionenbetrag 'verpulvern' müssen, sondern es hätte völlig ausgereicht, die Thera-Hypothese einmal schlicht und einfach einer logischen Betrachtung zu unterziehen.

So hatte der Atlantologe Jürgen Spanuth bereits nach der Veröffentlichung von Cousteaus Plänen die entscheidende Überlegung formuliert: Wie kann die Metropole von Atlantis "mit ihren drei Häfen, ihren Meereskanälen, die schon in Urzeiten Poseidon angelegt hatte (Krit. 113c, 119c) und ihren Flüssen (Krit. 118d) v o r der Explosion des Thera-Vulkanes in diesem Kraterkessel gelegen haben, der noch gar nicht existierte. Auf einem 1600 m hohen Vulkankegel kann aber schwerlich eine Hafenstadt gelegen haben. Es ist erstaunlich, daß die vielen Autoren, die dieser Hypothese zugestimmt haben, den groben Denkfehler, dem sie erlegen sind, nicht erkannt haben." [8]

Wie wir sehen, ist zur Widerlegung der Thera-Lokalisierung weder eine historische, noch eine atlantologische Argumentation notwendig, wobei nicht Cousteau, sondern dem viel geschmähten Spanuth das Verdienst zukommt, das Ganze als haltlose Luftnummer zu entlarvt zu haben. Cousteau hatte sich, wie viele schulwissenschaftlich denkende 'Kurzzeit-Atlantologen' seiner Zeit, derart in die Thera-Lokalisierung verrannt, dass er einfach keine anderen Optionen zur Kenntnis nehmen wollte. Somit standen am Anfang und am Ende seiner kurzen "Atlantologen-Karriere" kardinale logische Fehlleistungen, die ihn als Atlantis-Forscher disqualifizieren und ihn - seiner sonstigen Verdienste unbenommen - zu einem atlantologischen 'Ritter von der traurigen Gestalt' gemacht haben.

Addendum

Abb. 4 Die Frontcovers der französischen und russischen Ausgaben von J. Y. Cousteaus Atlantisbuch

(red) Cousteaus frustrierter Kommentar, Atlantis habe nie existiert, hinderte ihn nicht daran, seine erfolglose 'Atlantisforschung' wenige Jahre später publizistisch zu verwerten. 1881 erschien das von ihm und dem französischen Journalisten, Schriftsteller und Naturforscher Yves Paccalet (dem eigentlichen Hauptautor) verfasste Buch "A la recherche de l'Atlantide" (Auf der Suche nach Atlantis) (Abb. 4, links), das 1986) auch in russischer Sprache ("В поисках Атлантиды") veröffentlicht wurde. (Abb. 4, rechts) Über den Inhalt des Buches können wir bisher noch nichts sagen, werden aber entsprechende Angaben nachreichen, sobald wir mehr darüber wissen.


Externum:


Update (Jan. 2007)

(bb) Hatten Jürgen Spanuth et. al. letztlich doch Unrecht mit ihrer Annahme, Thera sei vor dem großen, endbronzezeitlichen Ausbruch ein hochaufragender Vulkan-Berg gewesen, der keinen Platz für eine Hafenstadt im Zentrum der Insel ließ? Bei seiner geologischen Zurückweisung (Spanuth war auch studierter Geologe) hatte er sich auf die Argumente der Gegenseite bezogen und geschrieben: "Galanopulos, Mavor und Luce berufen sich auf die eingehenden geologischen Forschungen, die der deutsche Geologe Hans Reck in einem dreibändigen Werk: >Santorin: Der Werdegang eines Inselvulkans und sein Ausbruch 1925-1928< im Jahre 1936 veröffentlicht hat.

H. Reck stellte fest: >Einst betrug ihr (der Insel Santorin) Durchmesser etwa 16 km, und damals erhoben sich über ihr kegelförmige Gipfel vulkanischen Ursprungs, deren Flanken von steilen Schluchten durchzogen waren. In ihrem Mittelpunkt ragte ihr Hauptkegel bis zu einer Höhe von 1600 m empor. (zitiert bei Luce, 1969, 107) >Die Thera-Caldera (Einruchkrater von Thera) ist das Ergebnis eines furchtbaren Ausbruchs oder einer Reihe von Ausbrüchen ... die die Insel zerstörten.< (Luce, 1969, 86) Was schon der französische Geologe F. Fouqée 1879 nachgewiesen hat, hat auch H. Reck festgestellt, daß die Kraterbildung auf die letzte und schwerste bronzezeitliche Eruption zurückzuführen ist. Das geht allein schon daraus hervor, daß durch diese ungeheure Eruption als jüngste und oberste Schicht die bis zu 60 m mächtigen Bimssteinmassen auf den Resten des alten tertiären Vulkanes abgelagert wurden." (Quelle: Jürgen Spanuth, "Die Atlanter - Volk aus dem Bernsteinland", Tübingen, 1976, S. 419-420)

In einem, 2007 in der griechischen Zeitschrift "KATHIMERINI" erschienenen, Artikel heißt es nun jedoch: "Thera wurde erstmals in der Mitte des 5. Jahrtausends v. Chr. besiedelt. Jüngste geologische Untersuchungen zeigen, dass sich im Zentrum der Insel eine Caldera mit Wasser darin befand, welche einen einzelnen Ausgang zu zur See hin besaß, >zwischen [dem Platz] wo heute der Leuchtturm steht, und Aspronisi.< [Zit. Doumas] Dort, im nördlichen Teil der Caldera, befand sich ein Inselchen." (Quelle: Iota Sykka, "A culture shaped by natural disasters", KATHIMERINI - Greece´s International English Language Newspaper, 16. 01. 2007); siehe dazu auch die deutschsprachige Fassung des Artikels bei Atlantisforschung.de: Eine von Naturkatastrophen geprägte Kultur von Iota Sykka

Wie auch immer. Diese neueren Erkenntnisse ändern jedenfalls nichts an der Tatsache, dass zur 'Hochzeit' der Kreta- und Thera-Atlantologie der Erkenntnisstand von H. Reck das 'Non plus ultra' der Thera-Forschung darstellte, und dessen Erkenntnisstand folgend, macht die Vorstellung von Atlantis auf Thera noch weniger Sinn als eine Pinguin-Kolonie in der Sahara...


Anmerkungen und Quellen

Fußnoten:

  1. Siehe: Mavor, James Watt: "Voyage to Atlantis", New York, 1969
  2. Siehe: Luce, J.V.: "The End of Atlantis: New Light on an Old Legend", London, 1969
  3. Anmerkung: Bei der 'klassischen' Atlantis-Theorie wird davon ausgegangen, dass es sich bei dem Zentrum der vermuteten Atlanter-Zivilisation um eine Großinsel im Mittelatlantik gehandelt habe, die - nach Platon - vor etwa 11 500 Jahren infolge einer ungeheuren Naturkatastrophe im Meer versunken sei.
  4. Quelle: Die Welt, 17.11.75, nach: Jürgen Spanuth, "Die Atlanter - Volk aus dem Bernsteinland", Tübingen, 1976, S. 417
  5. Quelle: Jürgen Spanuth, "Die Atlanter - Volk aus dem Bernsteinland", Tübingen, 1976, S. 417
  6. Quelle: Die Welt, 17.11.75, nach: Jürgen Spanuth, "Die Atlanter - Volk aus dem Bernsteinland", Tübingen, 1976, S. 417
  7. Quelle: Anonymus, online unter http://www.violations.dabsol.co.uk/search/searchpart2.htm (nicht mehr online)
  8. Quelle: Jürgen Spanuth, "Die Atlanter - Volk aus dem Bernsteinland", Tübingen, 1976, S. 419-420

Bild-Quellen:

1) infoplease - All the knowledge you need, unter: http://img.infoplease.com/images/obits11.gif
2) Wikipedia, Santorin
3) JARogers.com, unter: http://www.jarogers.com/ebay/23219.jpg
4) Bild-Archiv Atlantisforschung.de