Enrique de Gandía

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Forscherportrait

Abb. 1 Prof. Dr. Enrique de Gandía (1906-2000)

(bb) Prof. Dr. Enrique de Gandía (Abb. 1) (* 1. Feb. 1906 - ✝18. Juli 2000) war ein argentinischer Historiker und Soziologe, der seinerzeit zu den bedeutendsten Wissenschaftlern seines Landes gehörte. Er vertrat die diffusionistische Annahme präkolumbischer transozeanischer Kontakte zwischen Menschen der 'Alten' und der 'Neuen Welt', und in diesem Zusammenhang darf er auch als der maßgebliche Pionier oder sogar 'Vater' der Protokartographie gelten, die dann in den 1960er Jahren - freilich nicht unter diesem Namen - durch Charles H. Hapgood populär gemacht wurde.

Als Sohn wohlhabender Eltern aus Spanien und Italien geboren, verlebte E. de Gandia seine Jugend in Frankreich (Nizza), Italien und Spanien. Im Alter von 19 Jahren kehrte er zunächst wieder nach Argentinien zurück, aber mit 23 zog es ihn erneut nach Europa, wo er in Paris an der Sorbonne und an der Fakultät für Rechtswissenschaften der Universität Complutense Madrid studierte. Sein Aufenthalt in Spanien ermöglichte ihm den Zugang zu wichtigen Bibliotheken und Archiven in Madrid und Sevilla, wie z.B. dem Archivo General de Indias, um seine Studien zum hispanischen Amerika zu vertiefen. In jenen Jahren interessierte er sich auch für das Mittelalter und verbrachte eine gewisse Zeit im Benediktiner-Kloster von Silos in der Provinz Burgos.

Abb. 2 Das Cover von E. de Gandías Kolumbus-Biographie aus dem Jahr 1942

Wieder zurück in Buenos Aires, führte E. de Gandía seine historischen Studien zur postkolumbischen Geschichte Argentiniens fort und veröffentlichte 1929 eine Geschichte des Gran Chaco. Außerdem widmete er sich bereits als Jungwissenschaftler intensiv dem Aufbau des Forschungsbetriebs im Nachbarland Paraguay, wo er 1930 zu den Begründern des nationalen Institut für historische Forschung gehörte, wofür ihm diese Institution und das paraguayanische Institut für Geschichte und Geographie später die Ehrenmitgliedschaft verliehen. In Argentinien beteiligte er sich 1933 an der Gründung des Instituto Nacional Sanmartiniano.

Daneben fand Enrique de Gandía aber auch Zeit zur Abfassung populärwissenschaftlicher Bücher. So erschien 1942 eine viel beachtete Kolumbus-Biographie (Abb. 2) [1] aus seiner Feder, und später auch eine kritische Geschichte der kolonialen Mythen und Legenden zur Eroberung der amerikanischen Gebiete. [2] Zwischen 1948 und 1967 lehrte er als Profeesor an der Escuela Nacional de Bellas Artes, an der Universidad de Morón und an der Universidad de Belgrano, wobei er einer der Mitbegründer der beiden zuletzt genannten Universitäten war.

Abb. 3 Das Deckblatt von Primitivos navegantes vascos, dem Buch, mit dem 1942 die Geschichte der Protokartographie begann

Um Prof. Enrique de Gandías seinerzeitige Bedeutung in der scientific community Argentiniens einschätzen zu können, ist der Hinweis hilfreich, dass er dort im Laufe der Zeit in in vier (!) wissenchaftliche Akademien des Landes berufen wurde: Bereits im Alter von Mitte 20 erhielt er 1930 seine Ernennung zum Vollmitglied der Nationalen Akademie der Geschichtswissensschaften, 1938 folgte seine Berufung an die Akademie für Moral- und Politikwissenschaften. Später. als er bereits in fortgeschrittenem Alter war, rief man ihn an die Akademie der Geographie (1985), und schließlich wurde seine wissenschaftliche Karriere 1987 durch die Aufnahme in die Academia Nacional de Ciencias (Nationale Akademie der Wissenschaften) gekrönt. Unter den zahlreichen Preisen und Auszeichnungen, die er erhielt, sind besonders die Verleihung des Premios Konex (1984) und die Verleihung des Titels Comendador de la Orden de Enrique el Navegante (Kommandeur des Ordens von Prinz Heinrich dem Seefahrer) durch die Regierung von Portugal im Jahr 1991 sowie Ehrendoktorate der Nationalen Universität von Asuncion und der Universität des Baskenlands zu erwähnen.

Vor dem Hintergrund dieser außerordenlichen wissenschaftlichen Karriere mag es zunächst erstaunen, dass Prof. de Gandía keineswegs ein 'stromlinienförmiger' akademischer Karrierist und alles andere als ein angepasster Verfechter von Mainstream-Positionen war - zumindest jedenfalls, was seine Beschäftigung mit antiken und frühen neuzeitlichen Kartenwerken und seine nonkonformistischen Vorstellungen zur Besiedlungsgeschichte Amerikas betrifft. Schon Anfang der 1940er Jahre war der argentinische Ausnahme-Forscher - offenbar im Zusammehnhang mit seinen Studien zu Leben und Fahrten des Christoph Kolumbus - zur Auffassung gelangt, dass die unter Historikern üblichen Vorstellungen zur 'Entdeckungsgeschichte' der Welt höchst mangelhaft sind.

Vermutlich war er der erste Fachwissenschaftler, der 1942 in seinem Buch "Primitivos navegantes vascos" (Abb. 3) die Annahme vorstellte, dass die Abbildungen einer großen Halbinsel im Osten Asiens auf alten Weltkarten, die bisweilen Catigara-Halbinsel genannt wurde, tatsächlich bereits Südamerika darstellen. [3] In diesem Buch - einer Untersuchung der Fähigkeiten früher baskischer Seefahrer - kam Enrique de Gandía zu der, aus heutiger Sicht weit weniger spektakulären, damals aber geradezu aufrührerischen Schlussfolgerung: "...diese Erkenntnisse weisen die Basken als die kühnsten Seefahrer des Mittelalters aus, und als die Ersten, die [bereits] vor 1436 die Küste von Neufundland erreichten." [4]

Enrique de Gandías nonkonformistische Studien zur frühen Kartographie beeinflussten auch die Arbeit des Kartographen, Historikers und Linguisten Paul Gallez maßgeblich. Gemeinsam mit ihm und Dick Edgar Ibarra Grasso begründete er - spätestens in den 1970er Jahren - die Escuela Argentina de Protocartografía (Argentinische Schule der Protokartographie), deren kartographiehistorischen und kartengeschichtlichen Aktivitäten - neben dem Werk von Charles Hapgood - wesentlich zur Integration dieser Forschungsgebiete in das methodische Arsenal des modernen Diffusionismus sowie der alternativen Ur- und Frühgeschichtsforschung beitrugen.


Werke (Auswahl)

  • "El encanto del recuerdo" - 1925.
  • "Historia del Gran Chaco" - 1929.
  • "Límites de las gobernaciones sudamericanas en el siglo XVI" - 1933.
  • "Los derechos del Paraguay sobre el Chaco Boreal en el siglo XVI" - 1935.
  • "Historia de la República Argentina en el Siglo XIX" - 1940.
  • "Historia de Cristóbal Colón" - 1942.
  • "Primitivos navegantes vascos" - 1942.
  • "Buenos Aires colonial" -1957.
  • "Bolívar y la libertad" -1959.
  • "Nicolás Avellaneda: Sus ideas y su tiempo" - 1985.
  • "Simón Bolívar: Su pensamiento político" - 1984.
  • "Historia de las ideas políticas en la Argentina" - 1988.
  • "Nueva historia de América, la libertad y la antilibertad" - 1988.
  • "Nueva historia del descubrimiento de América" - 1987.
  • "Américo Vespucci y sus cinco viajes al nuevo mundo" - 1990


Abmerkungen und Quellen

Verwendetes Material:

(alle abgerufen: 02. Feb. 2014)

Fußnoten:

  1. Siehe: Enrique De Gandía, "Historia de Cristóbal Colón", Argentinien, 1942
  2. Siehe: Enrique De Gandía, "Historia Crítica De Los Mitos Y Leyendas De La Conquista Americana", Centro Difusor Del Libro 1946
  3. Siehe: Enrique de Gandía, "Primitivos navegantes vascos", Buenos Aires, Argentinien, 1942
  4. Quelle: Auñamendi Eusko Entziklopedia, unter: América - Viajes pre-colombinos

Bild-Quellen:

1) Academia Nacional de Ciencias Morales y Políticas, unter: Orígenes de la Academia Nacional de Ciencias Morales y Políticas (Bildbearbeitung durch Atlantisforschung.de)
2) Bildarchiv Atlantisforschung.de
3) Auñamendi Eusko Entziklopedia, unter: Enrique de Gandía Historiador argentino. Buenos Aires, 1 de febrero 1904-18 de julio, 2000 (Bildbearbeitung duch Atlantisforschung.de)