Protokartographie

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Eine Einführung

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Abb. 1 Südamerika auf der Weltkarte des Henricus Martellus von 1489. Auf ihr konnte der argentinische Protokartograph Paul Gallez das komplette kontinentale Fluss-System identifizieren.

(red) Der Begriff Protokartographie - von: proto = erst-, erstlings-, vorab-, ursprünglich + Kartographie = Darstellung geographischer, topographischer usw. Daten in Form von Land- und Seekarten - (alternative Schreibweise: Proto-Kartographie) steht:

1) ...in der konventionellen, schulwissenschaftlichen Forschung für die Kartographie der Antike, welche im universitären Bezirk zumeist als Früh-, Vor- oder Urform späterer kartographie-geschichtlicher Entwicklungsstadien betrachtet wird. [1]
2) ...in der devianten, randständigen oder außenseiterisch-universitären sowie grenzwissenschaftlichen Forschung für eine kartographische Fachrichtung oder Schule, die antike, mittelalterliche und früh-neuzeitliche Karten bzw. Kartenwerke und Globen auf das Vorhandensein kartographie-historischer Anomalien hin untersucht, deren Auswertung Rückschlüsse auf geographische Kenntnisse erlaubt, welche mit dem derzeitigen, schulwissenschaftlichen Erkennntnisstand zur globalen Seefahrts- und Entdeckungsgeschichte unvereinbar sind. Somit lässt sich die Protokartographie wissenschaftssystematisch auch als kartographie-historische Anomalistik einordnen.
Neben der Paläokartographie, die sich mit der Erforschung 'paläolithischen', 'mesolithischen' und 'neolithischen' Land- oder auch Seekarten befasst [2], stellt die Proto-Kartographie in diesem Sinn eine der beiden kartographischen Teil-Disziplinen im Rahmen der alternativen Ur- und Frühgeschichtsforschung dar.
Abb. 2 Ein Ausschnitt der Karte des Orontius Finaeus von 1531. Die Umrisse der Antarktis gleichen erstaunlich genau den Darstellungen der heutigen Karten. Die Gebirgszüge an den Küsten der Antarktis entsprechen den Gebirgen, die in der letzten Zeit unter der Eisdecke festgestellt wurden. (Für eine Vergrößerung bitte das Bild anklicken!)
Die Verwendung des Begriffs Protokartographie als Bezeichnung für einen devianten, explizit diffusionistisch orientierten Forschungszweig der Kartographie-Historik geht zurück auf die so genannte Escuela Argentina de Protocartografía (Argentinische Schule der Protokartographie), eine u.a. von Paul Gallez (1920–2007) ins Leben gerufene Gruppe zumeist argentinischer Kartographen, Geographen und Historiker, die zur Auffassung gelangt waren, dass Amerika angesichts zahlreicher, in alten Weltkarten zu findender Hinweise, schon lange vor der ersten Reise des Kolumbus und dem Zeitalter der Entdeckungen in der 'Alten Welt' bekannt gewesen sein muss.
In einem 1978 erschienenen Artikel [3] stellte Paul Gallez die ursprünglichen Mitglieder der Escuela vor und präsentierte ihre Publikationen. Bei den betreffenden Forschern handelt es sich um: Enrique de Gandía [4] (1906-2000), Dick Edgar Ibarra Grasso (1917-2000) und Paul Gallez selbst. Auch zwei später zu der kleinen Forschungsgemeinschaft gestoßene Wissenschaftler werden in diesem Artikel erwähnt, nämlich der damals in Mexiko ansässige Kolumbianer Gustavo Vargas Martínez (1934-2006) und Demetrio Charalambous (Argentinien). [5]
Bereits 1966 war die Protokartographie - wenn auch nicht unter diesem Namen - durch den US-amerikanischen Historiker Charles Hutchins Hapgood (1904–1982) popularisiert worden, der in diesem Jahr sein bahnbrechendes Werk "Maps of the Ancient Sea Kings" veröffentlichte. Im Gegensatz zu seinen südamerikanischen Kollegen nutzte Hapgood die Möglichkeiten der kartographie-historischen Anomalistik jedoch nicht zur diffusionistischen Rekonstruktion der präkolumbischen Besiedlungsgeschichte Amerikas, sondern er gelangte aufgrund seines Studiums alter 'Rätselkarten' zu der primhistorischen Schlussfolgerung, dass eine noch unbekannte urzeitliche Hochkultur existiert haben müssse, deren Angehörige schon vor vielen Jahrtausenden präzise kartographische Aufzeichnungen vornahmen. [6]
Die wohl ungewöhnlichste protokartographische Entdeckung gelang 1997 dem Geologen Prof. Mark Mcmenamin vom Mount Holyoke College. Er stellte nämlich fest, dass sich auf einigen phönizischen Goldmünzen, so genannten Statern, die auf der Azoreninsel Corvo entdeckt wurden, winzige stilisierte Weltkarten befinden. [7] Heute gehören zu den profiliertesten Vertretern protokartographischer Forschung die österreichische Ethnologin Dr. Christine Pellech [8], der Experimentalarchäologe Dr. Dominique Görlitz [9], Deutschland, und der spanische Publizist Nito Verdera [10].



Anmerkungen und Quellen

Fußnoten:

  1. In diesem Sinne z.B. verwendet in: Klaus Geus und Michael Rathmann, "Vermessung der Oikumene", Walter de Gruyter, 2013, S. 160
  2. Siehe dazu bei Atlantisforschung.de auch: "Kartographiegeschichte und alternative Prähistorik" (bb)
  3. Siehe: Paul Gallez, "Les travaux de l'Ecole Argentine de Protocartographie", in: Archives internationales d'Histoire des Sciences, Vol. XXVIII, Nº102, pp. 119-120, 1978, Wiesbaden (Deutschland)
  4. Anmerkung: Enrique de Gandía darf als der eigentliche Pionier der frühen südamerikanischen Protokartographie gelten, da er bereits 1942 in seinem Buch "Primitivos navegantes vascos" entsprechende Überlegungen präsentiert hat.
  5. Quelle: Wikipedia - La enciclopedia libre, unter: Escuela Argentina de Protocartografía (abgerufen: 28.01.2014)
  6. Siehe dazu bei Atlantisforschung.de: Peter Marsh, "Prof. Hapgood und die Karten der alten Seekönige"
  7. Siehe: Siehe: Mark McMenamin, "Phoenician coins and Phoenician exploration", bei Migration & Diffusion (abgerufen: 28.01.2014)
  8. Siehe z.B.: Dr. Christine Pellech, "Die Kenntnis Amerikas, der Arktis, der Antarktis und Australiens auf alten Karten", 2013
  9. Siehe: Dominique Görlitz, "Ungelöste Rätsel der Entdeckergeschichte - Kam Kolumbus 15.000 Jahre zu spät?", 96 S., Softcover, 2. erweiterte Auflage mit modifiziertem Untertitel, Gotha, 2013; sowie online: Dominique Görlitz & Manfred F. Buchroithner (Institut für Kartographie, TU Dresden), "Wer erschuf die erste Weltkarte? - Altertümliche Kartographie im Licht moderner Forschung, Okt. 2015
  10. Siehe: Nito Verdera, "South America on ancient, medieval and Renaissance maps" (abgerufen: 28.01.2014)

Bild-Quellen:

1) Bildarchiv Nito Verdera
2) Bildarchiv Dr. Christine Pellech