Paläokartographie

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Definitionen

(red) Der kartographie-historische Fachbegriff Paläokartographie (auch Paläo-Kartographie oder Paläokartografie) bezeichnet...

Abb. 1 Eine paläokartographische Darstellung der Landmasse Europas zur Hochzeit des jüngsten Glazials. Die seither durch den Anstieg der ozeanischen Pegel im Meer versunkenen Gebiete sind hier vereinfachend rot dargestellt.

1) ...im akademischen Sprachgebrauch ein geowissenschaftliches Fachgebiet, das sich mit der kartographischen Präsentation vorwiegend im Bereich der Paläogeographie, aber z.B. auch in der Paläontologie gewonnener Daten befasst, welche geographische bzw. topographische Veränderungen der Oberfläche unseres Planeten in vergangenen Erdzeitaltern sowie im frühen Holozän dokumentieren. So kann z.B. anschaulich abgebildet werden, wie die sinkenden und steigenden Meeresspiegel im Verlauf des jüngsten Glazials das 'Gesicht der Erde' veränderten (Abb. 1). Wissenschaftsgeschichtlich lässt sich der Begriff Paläokartographie in dieser Bedeutung mindestens bis zur Mitte der 1930er Jahre zurückverfolgen. [1]

2) ...vor allem in Form von Felsbildern sowie durch Ritzungen in Stücken haltbarer Materialien, wie Stein, Mammut-Elfenbein, Knochen, Keramik [2] und Metall [3] erhalten gebliebene, prä- und protohistorische (jungpaläolithische bis bronzezeitliche) Karten zur Darstellung oder nonverbalen Übermittlung geographischer oder auch astronomischer Erkenntnisse. Die ältesten (bisher bekannten) Karten dieser Art stammen aus Australien (vage datiert auf die Spätphase und das Ende der jüngsten Eiszeit) [4] sowie aus Europa, Nordafrika und dem Nahen Osten.

Bei einer Grabung in Pavlov (auf deutsch: Pollau) im tschechischen Südmähren wurde ein ca. 27.000 Jahre alter Mammutstoßzahn aus dem Pavlovien - einer regionalen Ausprägung des Gravettien - entdeckt, auf dem eine Landschaftsskizze eingeritzt ist. [5] Eine "20000 Jahre alte Schnitzerei aus Mammutelfenbein" wurde bei Meshiritsch in der Ukraine gefunden. "Der Paläontologe Ninel L. Kornijez aus Kiew deutet die Darstellungen auf diesem Fund [siehe Nachzeichnung; d. Red.] als Lageplan der Jäger und Sammler von Meshiritsch mit Bäumen, Behausungen aus Mammutknochen und einem Fluss, bei dem es sich um den Ros oder die Rosava handeln könnte." [6]

Abb. 2 Hier eine als Seekarte interpretierte Felsmalerei in der Höhle von El Castillo (Foto: Bildarchiv Dr. Christine Pellech)

Im Nordosten Spaniens stießen Archäologen in der Höhle von Abauntz auf eine andere 'Uralt-Karte', die Cro-Magnon-Menschen vor rund 14 000 Jahren in einen etwa faustgroßen Felsbrocken ritzten: "Die Karte zeigt die unmittelbare Umgebung der Höhle: ein Flusslauf schlängelt sich um die Ausläufer der Pyrenäen und am Fuß der Berge grasen Steinböcke. Außerdem ziehen sich dicke Bündel von Linien über den Stein, einige davon halten die Forscher um Pilar Utrilla von der Universidad de Zaragoza in Spanien für häufig benutzte Wege der Einheimischen. Dazwischen sind Rentiere und Pferde in einem größeren Maßstab zu sehen, sie gehören wahrscheinlich zu älteren Zeichnungen, die von der Karte überlagert werden. Die Höhle von Abauntz im Baskenland diente den Steinzeitmenschen vor 14 000 Jahren als saisonales Jagdlager. Einer von ihnen könnte die neu entdeckten Routen und Plätze in Stein geritzt haben, um sie im nächsten Jahr wieder zu finden." [7]

Unter den derartigen, der urzeitlichen Kartographie zuzuordnenden, Felszeichnungen sticht insbesondere ein Exemplar (Abb. 2) aus der cro-magnoiden Kulturperiode des Magdalénien hervor, das in der nordspanischen Cueva de El Castillo zu finden ist. Diese zunächst rätselhaft erscheinende Zeichnung wird im Bereich nonkonformistischer Forschung als urtümliche Seekarte interpretiert. Diese Karte und weitere jungpaläolithische Felsbilder ähnlicher Natur legen nahe, dass Menschen des Magdalénien vor 14.000 Jahren das Kanaren-Golfstrom-System des Atlantischen Ozeans befuhren und kartographisch erfasst haben. [8]

Abb. 3 Die Mappa di Bedolina (Bedolina-Karte) im Val Camonica stellt ein weiteres Beispiel für die Leistungen prähistorischer Kartographen dar.

Über paläokartographische Funde aus jüngerer Zeit heiß es bei spektrum.de: "An der neolithischen Fundstelle von Catal Hüyük bei Konya in der Türkei wurde eine Wandmalerei von ca. 6200 v.Chr. als Grundriss einer Siedlung und als Profil eines nahen Vulkans gedeutet. Weiterhin bekannt wurden die Felsmalereien aus der Bronzezeit (Mitte des 2. Jts. v.Chr. [)] aus dem Valcamonica bei Brescia in Italien. Äußerst detailliert mit Häusern Gärten und Wegen, aber auch mit Tieren und Menschen belebt ist der Plan von Bedolina (Abb. 3) gestaltet. Insgesamt waren bis 1985 über 50 Beispiele überwiegend aus dem jüngeren Neolithikum und der Bronzezeit, hauptsächlich aus Südeuropa, dem Nahen Osten und Nordafrika dokumentiert." [9]

3) ... eine vergleichsweise junge, an den Rändern (bzw. als Randerscheinung) des universitären Wissenschaftsbetriebes oder auch außerhalb desselben (Privatforschung, Citizen Science usw.) angesiedelte Forschungsrichtung, die sich mit der Suche nach 'paläolithischen', 'mesolithischen' und 'neolithischen' Land- oder auch Seekarten sowie Sternkarten, ihrer Dokumentation, Untersuchung und Auswertung im Kontext allgemeiner Ur- und Frühgeschichtsforschung befasst.

Abb. 4 Im Kontext der Betrachtung anderer alter Felskunstwerke durchgeführt, wie z.B. dieser ungefähr fünf- bis sechstausend Jahre alten Ritzzeichnung eines Segelboots aus der altägyptischen Negade-Kultur, stellt die Erforschung des Phänomens 'steinzeitlicher' Seekarten einen der brisantesten Bereiche der jungen außenseiterischen Paläokartographie dar. (Foto: Dr. Dominique Görlitz)

Besondere Meriten haben sich auf diesem Gebiet und seiner Fortentwicklung - speziell was den Bereich der 'Uralt-Karten' aus dem Jungpaläolithikum betrifft - nonkonformistisch orientierte, außerhalb des Bezirks der wissenschaftlichen 'Orthodoxie' agierende Forscherinnen und Forscher erworben, deren Ansätze und Methoden nicht fachzentristisch, sondern polydisziplinär orientiert sind, wobei die Übergänge zum Bereich der Protokartographie zumeist fließend verlaufen. Für den deutschsprachigen Raum sind hier in Hinsicht auf urzeitliche Gelände- und Seekarten insbesondere die Wiener Privatgelehrte Dr. Christine Pellech [10] und der als 'Steinzeitsegler' bekannt gewordene Chemnitzer Experimentalarchäologe Dr. Dominique Görlitz zu nennen. Görlitz hat als Postdoktorand an der TU Dresden weiterführende Forschungen zu Paläo-Karten der Antarktis durchgeführt, welche erstaunliche Befunde zur Genauigkeit und dem anzunehmenden Alter der Antarktis-Kartographie erbrachten. [11] Für das verwandte Forschungsfeld der prähistorischen Sternkarten seien die Forscher Kai Helge Wirth [12] und Dr. Michael Rappenglück [13] [14] [15] in Deutschland sowie Dr. Chantal Jègues-Wolkiewiez [16] [17] in Frankreich erwähnt.

Im fachwissenschaftlichen Bezirk der Universitäten, wo Paläokartographie offenbar noch immer zu den "exotischen Forschungsrichtungen" [18] zählt und es nach wie vor "akademisch verpönt ist, Hochseeschifffahrt und Paläo-Kartographie im Jungpaläolithikum (bis ca. 10.000 v.Chr.) zu postulieren" [19], wird z.B. die - in manchen Fällen geradezu irreführende - Bezeichnung "kartenähnlich" für derartige Spezimen verwendet. Zu einem schulwissenschaftlichen Definitionsansatz solch 'kartenähnlicher' Darstellungen heißt es online im Lexikon der Kartographie und Geomatik:

"Als Gradmesser zur Einstufung als kartenähnlich wurden folgende Merkmale vorgeschlagen: 1. Über zufälliges Nebeneinander hinaus sollte eine Anordnung erkennbar sein. 2. Die verwendeten ikonischen Zeichen sollten überwiegend mehrfach vorkommen. 3. Die Darstellung sollte abstrakte Landschaftsmerkmale aufweisen. 4. Die Gesamtkomposition sollte nicht rein geometrisch, sondern unregelmäßig (natürlich) sein. In Vensley bei Dalby in Dänemark wurden Darstellungen von Sternbildern gefunden, die sich als prähistorische Sternkarten ansprechen lassen." [20]

Bereits durch die eingangs erwähnten jungpaläolithischen Funde in Australien widerlegt und ad absurdum geführt wird die in dieser Quelle zudem aufgestellte Behauptung, die Landkarten der Steinzeit hätten sich "nicht zur Orientierung" geeignet, sondern seien lediglich "als Umweltsymbolisierungen aufzufassen und dienen der Übermittlung von Botschaften." [21] Immerhin bestand die "Botschaft" der frühen australischen Kartenzeichner unzweifelhaft darin, im Verlauf einer Jahrtausende währenden Periode extrem ariden Klimas anderen Menschen das überlebenswichtige Auffinden von Wasserstellen in ihnen unbekanntem Terrain zu ermöglichen. Einmal mehr zeigt sich an diesem Beispiel, dass "ein generell fehlendes Zutrauen der scientific community bezüglich der Fähigkeiten und Technologien prähistorischer Menschen" [22] nach wie vor den Erkenntnisprozess in Hinsicht auf das Verständnis der Leistungen urzeitlicher Kulturen behindert.


Siehe zu diesem Thema auch:


Anmerkungen und Quellen

Fußnoten:

  1. So z.B. bei: W. Hammer, (Literaturnotiz) "F. Kerner-Marilaun: Paläogeographie mit besonderer Rücksicht auf die Fehlerquellen. Berlin, Verlag Bornträger 1934...", in: Verhandlungen der Geologischen Landesanstalt, 1934 (online als PDF-Datei bei zobodat.at; abgerufen: 13. Juni 2018)
  2. Red. Anmerkung: Was den Bereich der Keramik betrifft, sind besonders die systematisch erstellten kartographischen Dokumente auf Tontafeln zu erwähnen, die bereits um 3800 v.Chr. in Mesopotamien produziert wurden. (Quelle: "Kartografie", bei planet wissen; abgerufen: 16. Juni 2018)
  3. Siehe: Viktor Schewtschenko, "Über prähistorische Karten und Artefakte", in: meta – carto – semiotics -- Journal for Theoretical Cartography (Vol. 3; 2010), ISSN 1868-1387 (abgerufen: 16. Juni 2018)
  4. Siehe: ARTE, "Der erste Fußabdruck auf dem Fünften Kontinent - 2/2 Die grosse Flut" (Video, 1:22:55 h; abgerufen: 16. Juni 2018; die relevanten Passagen sind bei 21:41 Min. und bei 32:00 Min. zu finden.)
  5. Quelle: Lexikon der Kartographie und Geomatik, unter: wss, "prähistorische Karten", bei: Spektrum.de (abgerufen: 16. Juni 2018)
  6. Quelle: Doris und Ernst Probst, "Die erste Landkarte", 29. Januar 2008, bei Welt der Steinzeit (abgerufen: 16. Juni 2018)
  7. Quelle: o.A., "Paläokartografie - Landkarte aus der Steinzeit", 27. Juli 2009, bei www.spektrum.de (abgerufen: 13. Juni 2018)
  8. Siehe: Christine Pellech, "Die Entdeckung von Amerika (Band 1) - Der Kulturdiffusionismus in neuer Sicht: Alte Karthographie / Neues von Atlantis / Transpazifische Beziehungen", Bucherlag König, 2013 und 2017 (mit variierenden Untertiteln)
  9. Quelle: Lexikon der Kartographie und Geomatik, unter: wss, "prähistorische Karten", bei: Spektrum.de (abgerufen: 16. Juni 2018)
  10. Siehe z.B.: Christine Pellech, "Eine 14.000 Jahre alte Weltseekarte", bei Atlantisforschung.de (in Vorbereitung)
  11. Siehe z.B.: Dominique Görlitz, "Ungelöste Rätsel der Entdeckergeschichte - Kam Kolumbus 15.000 Jahre zu spät?", Ancient Mail Verlag, 2017
  12. Siehe z.B.: Kai Helge Wirth, "Tal Qadi Stone - Der älteste Tierkreis der Welt", BoD, 2016 (2. Auflage
  13. Siehe zu Dr. Rappenglück bei Atlantisforschung.de: Dr. David Whitehouse, "Älteste Sternkarte der Menschheit entdeckt (2003) - Ein paläoastronomischer Sensationsfund in Baden-Württemberg" (BBC News Online, 21. Januar 2003)
  14. Siehe extern z.B.: Michael Rappenglück, "Eine Himmelskarte aus der Eiszeit? - Ein Beitrag zur Urgeschichte der Himmelskunde und zur paläoastronomischen Methodik. Aufgezeigt am Beispiel der Szene in Le Puits, Grotte de Lascaux (Com. Montignac, Dép. Dordogne, Rég. Aquitaine, France)", Lang, 1999, ISBN 978-3-631-34847-5
  15. Zu Michael Rappenglück siehe online auch: Nadja Podbregar, "Astronomie der Steinzeit - Zwischen Sonnenwende und Siebengestirn" , unter: "Sternenkarten in der Eiszeithöhle - Astronomie in den Höhlenmalereien von Lascaux?", 01.02.2008, bei scinexx.de (abgerufen: 16. Juni 2018)
  16. Siehe: William R. Corliss, "Paläoastronomische Zeichnungen in der Höhle von Lascaux?" (2001)
  17. Siehe auch Chantal Jègues-Wolkiewiez’ Webseite (abgerufen: 20. August 2018)
  18. Quelle: Viktor Schewtschenko, 2010 (siehe Fußnote 3)
  19. Quelle: Dominique Görlitz, Mission Abora, unter: News Archiv (Abschnitt: "Neuigkeiten vom Marmorglobus-Projekt"; abgerufen: 13. Juni 2018)
  20. Quelle: Lexikon der Kartographie und Geomatik. unter: wss, "prähistorische Karten", bei: Spektrum.de (abgerufen: 16. Juni 2018)
  21. Quelle: ebd.
  22. Quelle: Michael Arbuthnot, "Geschichte des Niedergangs der Diffusions- und Migrations-Theorien", bei Atlantisforschung.de

Bild-Quellen:

1) University of St Andrews; nach: Greg, "Antediluvian Europe", bei dailygrail.com
2) Bildarchiv Dr. Christine Pellech (©) (Migration & Diffusion)
3) Luca Giarelli (Urheber) / Lord Hidelan und Erik_Baas bei Wikimedia Commons, unter: File:Composizione geometrica chiamata mappa di Bedolina - Bedolina R 1 - Capo di Ponte (Foto Luca Giarelli).jpg (Lizenz: Creative-CommonsNamensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 nicht portiert“)
4) Bildarchiv Dr. Dominique Görlitz (©) (Mission Abora)