Kartographiegeschichte und alternative Prähistorik

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Auf den Spuren der prähistorischen "kartographischen Rhetorik"

(bb) Von zunehmender Bedeutung für die Erforschung der Zivilisationsgeschichte des Menschen sind in den vergangenen Jahrzehnten - zumindest was den 'randständigen' oder außenseiterischen Wissenschafts-Bereich betrifft - zwei auf den ersten Blick eher unscheinbar wirkende Teildisziplinen der Geowissenschaften geworden. Gemeint sind damit die Kartographie-Geschichte, die sich mit der Entwicklung der Kartographie sowie mit ihren historischen Methoden, Verfahren und Ergebnissen beschäftigt, und speziell auch die Kartengeschichte, welche sich mit der Erforschung von Entstehung und Historie einzelner Karten bzw. Kartenwerke befasst.

Für Mainstream-Geschichtsforscher stellen diese beiden Disziplinen häufig eher sekundäre Hilfswissenschaften dar, denn, wie der Historiker und Wissenschaftspublizist Karl Schlögel (Abb. 1) betont: "Gewöhnlich folgt die Geschichtsschreibung der Zeit, ihr Grundmuster ist die Chronik, die zeitliche Sequenz der Ereignisse. Diese Dominanz des Zeitlichen in der geschichtlichen Erzählung wie im philosophischen Denken hat sich – das haben Reinhart Koselleck und Otto Friedrich Bollnow gezeigt – fast eine Art Gewohnheitsrecht erworben, das stillschweigend akzeptiert und nicht weiter hinterfragt wird. Das Fehlen der räumlichen Dimension fällt nicht weiter auf." [1]

Abb. 1 Der Historiker und Publizist Karl Schlögel prägte 2003 den höchst bemerkenswerten Satz: "Jede Zeit hat ihre eigene Kartenvorstellung, ihre eigene kartographische Rhetorik, ihr eigenes kartographisches Narrativ." Für die meisten Geschichtswissenschaftler ist die "kartographische Rhetorik" der Urzeit leider noch völlig unverständlich.

Dementgegen hebt Schlögel hervor, dass sein französischer Kollege "Fernand Braudel recht hatte, als er vom Raum als »Feind Nummer eins« sprach: die menschliche Geschichte [sei] als ein Kampf gegen den horror vacui, als unentwegte Anstrengung zur Bewältigung des Raumes, seiner Beherrschung und schließlich seiner Aneignung" [2] zu verstehen. Trotzdem sind, wie er weiter bemerkt, Karten für Historiker "in der Regel Hilfsmittel, während sie in Wahrheit doch viel mehr sind: Weltbilder, Abbildungen von Welt, Projektionen von Welt [...] Jede Zeit hat ihre eigene Kartenvorstellung, ihre eigene kartographische Rhetorik, ihr eigenes kartographisches Narrativ." [3]


Wie alt ist die Kartographie wirklich?

Während also insbesondere die Kartographie-Geschichtsforschung prädestiniert erscheint, auch wesentliche Beiträge zum Erkennen und der Auswertung früher und frühester Leistungen der Menschheit zu liefern, so ist sie doch als explizit historisches Fach auch in den restriktiven, zu einem vertitablen Dogmen-Katalog ausgearteten, paradigmatischen Rahmen der Geschichtswissenschaften eingebunden, welcher den Erkenntnisprozess gerade im Bereich der Prä- und Protohistorik entscheidend behindert. Diese dogmatischen Verkrustungen universitärer Vergangenheitsforschung, insbesondere der unerschütterliche Glaube an eine lineare Zivilisationsentwicklung (d.h.: auf geradem Wege aus der 'Steinzeit' ins 'Atomzeitalter') verhindern jedoch, dass der akademische Mainstream die "kartographische Rhetorik" und das "kartographische Narrativ" unserer Vorfahren wirklich zu verstehen lernt.

Nicht zuletzt deshalb, weil Prähistoriker und Archäologen "fortgesetzt die Fähigkeiten und Technologien früher Menschen unterschätzen" [4], werden auch Beginn und Entwicklung kartographischer Aufzeichnungen derzeit noch völlig unzureichend wahrgenommen. Wer die entprechende Lehrmeinung des schulwissenschaftlichen Mainstreams kennen lernen will, braucht lediglich einen kurzen Blick in die deutschsprachige Wikipedia zu werfen, wo Wissen Suchende - wie dort meistenteils üblich - mit den diesbezüglichen Auslassungen der akademischen Orthodoxie abgespeist werden:

Abb. 2 Die Wandmalerei mit der 'Karte von Çatalhöyük' (Foto: the volcanism blog)

"Aus der Zeit der Urgeschichte hat man fast nur Vermutungen und dürftige Nachrichten über Karten primitivster Art, von denen sich fast keine Spuren erhalten haben. Die bisher älteste kartografische Darstellung [sic!; bb] fand man im Jahre 1963 im türkischen Çatalhöyük bei den Ausgrabungen einer neolithischen Siedlung. Die Wandmalerei (Abb. 2) zeigt die Siedlung um 6200 v. Chr. mit ihren Häusern und dem Doppelgipfel des Vulkans Hasan Dağı. [5]

Auch aus dem bronzezeitlichen Europa können einige bedeutende Entwicklungen dokumentiert werden. Erst 1999 wurde die zwischen 1800 und 1600 v. Chr. erschaffene Himmelsscheibe von Nebra gefunden, die als weltweit älteste konkrete Himmelsdarstellung [6] und als einer der wichtigsten archäologischen Funde aus jener Epoche gilt. Um 1500 v. Chr. entstanden im heutigen Italien bei Capo di Ponte im Val Camonica zahlreiche Petroglyphen. Einer davon zeigt auf 4,16 × 2,30 m den Plan eines Ortes sowie Tiere und Menschen. [7]

Abb. 3 Die 'steinzeitliche' Seekarte von El Castillo indiziert interkontinentale Seefahrt und Kartographie im späten Paläolithikum.

Bei genauerer Betrachtung erscheint es allerdings fast schon beleidigend, unseren prähistorischen Vorfahren lediglich die Fähigkeit zuzubilligen, so etwas wie einen kruden Stadtplan bzw. die bildliche Darstellung einer bestimmten Örtlichkeit zu fabrizieren. Immerhin gibt es schon längst massive Belege dafür, dass Menschen bereits im späten Paläolithikum jene besonders entwickelte Form der - um noch einmal Schlögel und Braudel heran zu ziehen - "Anstrengung zur Bewältigung des Raumes, seiner Beherrschung und schließlich seiner Aneignung" praktizierten, die wir Seefahrt nennen. Der wohl schlagendste Beweis dafür ist die Besiedlung Australiens vor mehr als 40.000 Jahren durch die frühen Vorfahren der heutigen Aborigines.

Da der Kontinent nach herrschender Lehrmeinung der Geologen seit ca. 70 Millionen Jahren eine isolierte Landmasse darstellt, kann sie nur auf dem Seeweg erfolgt sein, was entsprechende Kenntnisse und Fähigkeiten der urtümlichen 'Einwanderer' erforderlich macht, und - ganz gleich, was man Ihnen bei der Wikipedia weismachen will - die direkten Nachfahren dieser Seefahrer der Urzeit waren auch schon während der jüngsten Eiszeit (also vor weit mehr als 10.000 Jahren) durchaus dazu in der Lage, Landkarten zu zeichnen! Davon konnten sich die Zuschauer der am 1. Februar 2014 vom deutsch-französischen Kultursender Arte ausgestrahlten TV-Dokumentation "Der erste Fußabdruck auf dem Fünften Kontinent" mit eigenen Augen überzeugen. Offenbar zwang die gegen Ende der Eiszeit zunehmende Dürre die damaligen Menschen dazu, Informationen über Wasserstellen und die Wege dorthin auch auf indirektem Weg (also nicht durch persönliche, verbale Kommunikation) zu übermitteln. Wie in der Dokumentation zu sehen war, lösten sie dieses Problem, indem sie an zentralen Stellen entsprechend markierte Landkarten auf Felsen zeichneten - und einige dieser faszinierenden Produkte der urzeitlichen Kartographen Australiens sind glücklicher Weise bis heute erhalten geblieben.


Paläo-Kartographie - Ein neues Kapitel der Kartographiegeschichte

Im jungpaläolithischen atlanto-mediterranen Großraum waren es augenscheinlich die so gennannten Cro-Magnon Menschen [8], welche bereits in der Periode des Solutréen - vor mehr als 20.000 Jahren - die Meere eroberten und befuhren: "Den Beweis, dass die Solutréener auch Seefahrer waren, erbrachte 1992 die Entdeckung der Höhle Le Cosquer bei Marseille durch den Taucher Henri Cosquer. [9] Unter den Felskunst-Darstellungen befinden sich Abbildungen von Seehunden, die von Harpunen durchbohrt sind sowie von Flundern und Heilbutt - also von Hochsee-Fischen!" [10] Dass die Ceo-Magnons des Solutréen und Magdalénien vermutlich sogar bereits in der Lage waren, Breitengrade zu bestimmen - im Rahmen der Navigation nach den Sternen eine wesentliche Voraussetzung für entwickelte maritime Seefahrt - zeigte vor einigen Jahren der Archäo-Astronom Michael A. Rappenglück auf. Anhand aufwändiger Berechnungen demonstrierte er nämlich, dass bestimmte Höhlenmalereien der Kulturen des Solutréen und Magdalénien offenbar astronomische Konstellationen zur Bestimmung der Position des Polarsterns wiedergeben. [11]

Abb. 4 Die Ethnologin Dr. Christine Pellech aus Wien hat entscheidend zum Entstehen der 'Paläo-Kartographie' beigetragen.

Wenn wir nun weiterführend sowohl die Seefahrts- als auch die Kartographie-Geschichte des Altertums, des Mittelalters und der Neuzeit betrachten, so erscheint augenfällig, dass beide eng miteinander 'verzahnt' sind, oder mit anderen Worten: entwickelte Seefahrt scheint auch eine entsprechende Kartographie zu bedingen. Diese simple, aber wesentliche Feststellung dürfte mit einiger Sicherheit auch auf die nunmehr anzunehmende Seefahrt der Vorzeit anzuwenden sein, was natürlich die Frage aufwirft, ob auch in kartographischer Hinsicht Indizien oder Evidenzen vorliegen.

Dass auch diese Frage inzwischen mit einiger Sicherheit positiv beantwortet werden kann, ist nicht zuletzt den langjährigen Forschungen der Wiener Ethnologin und Alternativ-Historikerin Dr. Christine Pellech (Abb. 4) zu verdanken, die in der Paläo-Kartographie eine herausragende Vorreiterrolle einnimmt. Ihr gelang u.a. die Identifizierung einer ca. 14.000 Jahre alten Felszeichnung (Abb. 3) in der nordspanischen Cueva de El Castillo als urtümliche Seekarte. [12] Diese Karte und weitere jungpaläolithische Felsbilder ähnlicher Natur, die von ihr untersucht wurden, legen nahe, dass die Menschen des Magdalénien vor 14.000 Jahren das Kanaren-Golfstrom-System des Atlantischen Ozeans befuhren und kartographisch dargestellt haben. [13] Damit scheint endlich nicht nur ein Schlüssel zum profunden Verständnis der "kartographischen Rhetorik" des Jungpaläolithikums gefunden, sondern es eröffnet sich der Forschung auch ein viel weiter als bisher reichender und tiefer gehender Einblick in die Natur paläolithischer Migrationen sowie der Besiedlungsgeschichte Amerikas.

Allerdings ist - gerade was den letztgenannten Bereich betrifft - kaum anzunehmen, dass in jener fernen Vergangenheit lediglich die atlanto-europäischen Menschen vom Cro-Magnon-Typus interkontinentale Seefahrt betrieben, sondern die Suche nach ähnlichen Spuren wie jenen in der Cueva de El Castillo muss künftig auf globaler Ebene erfolgen. Dazu bemerkt der Experimental-Archäologe Dr. Dominique Görlitz (Abb. 9), der ebenfalls zu den wichtigen Protagonisten der 'Paläo-Kartographie' gehört: "Für die Rekonstruktion des kartographischen Wissens der Frühzeit ist es eine der großen Herausforderungen, herauszufinden, welche Völker bei der überseeischen Migration involviert waren. Keinesfalls können die kulturhistorischen Leistungen der Kulturen des Altertums die Stunde >Null< unserer Zivilisation gewesen sein. All diesen Kulturgesellschaften muss eine Entwicklung vorausgegangen sein, deren Anfänge in der Vorzeit liegen." [14]


Die 'Rätselkarten' der frühen neuzeitlichen Kartographie

Abb. 5 Alte Kartenwerke, wie diese Karte des Ptotolemaios, liefern bisweilen überraschende Erkenntnisse über das geographische Wissen unserer Vorfahren in ferner und allerfernster Vergangenheit.

Neben der oben beschriebenen 'Paläo-Kartographie' gibt es allerdings noch einen zweiten Bereich der Kartographiegeschichte, der für die alternative Ur- und Frühgeschichtsforschung von größter Wichtigkeit ist, und möglicherweise auch echte Evidenzen für die Existenz hoch entwickelter primhistorische Kulturen liefern kann. Die Rede ist hier von den so genannten 'Rätselkarten' der Antike, aber vor allem der frühen Neuzeit, genauer gesagt aus dem europäischen 'Zeitalter der Entdeckungen'.

Auf einer ganzen Reihe solcher 'Rätselkarten' - z.B. jenen des Claudius Ptolemaios (Abb. 5), der Karte des Orontius Finaeus von 1531 n.d.Z., oder auch auf der inzwischen berühmt gewordenen Karte des Piri Reis (1513 n.d.Z.) finden sich nämlich deutliche Anzeichen für ein geographisches Wissen, das den betreffenden Kartographen noch nicht - oder auch: nicht mehr! - zugänglich war. So zeigen sie etwa Australien oder Teile Amerikas und der südpolaren Region, die zur Zeit ihrer Erstellung noch gar nicht entdeckt waren, oder aber, was die Antarktis betrifft, Küstenlinien, die seit vielen Jahrtausenden unter einem massiven Eisschild verborgen liegen und nur mittels moderner Hochtechnologie kartographisch erfasst werden können.

Diese "Hinweise aus der Antike oder von deren Abschriften in den Rätselkarten der Frühkartographie könnten", wie Dr. Görlitz betont, "in Wirklichkeit nur ein kläglicher Wiederhall von viel älteren Entdeckungsreisen und Erkundungen sein. Sie könnten von einem >goldenen Zeitalter< der Seefahrt berichten." [15]

Abb. 6 Charles Hutchins Hapgood (1904–1982) war der erste Historiker, der den explizit Paradigmen sprengenden Charakter der 'Rätselkarten' erkannte.

Quasi 'ins 'Rollen' brachte die alternative, außenseiterisch-universitäre und grenzwissenschaftliche Erforschung der 'Rätselkarten' in den 1960er Jahren der US-amerikanische Historiker Prof. Charles H. Hapgood, der gemeinsam mit seinen Studenten akribisch viele alte Weltkarten, wie die des Martin Waldseemüller von 1507, die Finaeus-Karte von 1531 und eben die besagte Piri Reis-Karte auf entsprechende Anomalien hin untersuchte. Die Ergebnisse dieser ebenso umfassenden wie sorgfältigen und detaillierten Studien veröffentlichte er 1966 in seinem epochalen Werk "Maps of the Ancient Sea Kings".

Bereits damals kam Hapgood zu dem Schluss: "Die durch die alten Karten präsentierten Beweise scheinen die Existenz einer wahren Kultur vergleichsweise fortgeschrittener Natur in jüngerer Zeit, vor dem Aufstieg der bekannten Kulturen nahezulegen, die entweder in einem [bestimmten geographischen; d.Ü.] Gebiet zu lokalisieren ist, doch weltweiten Handelsverkehr betrieb, oder aber, im eigentlichen Sinn, eine weltweite Kultur war. Diese Kultur mag, zumindest in mancher Hinsicht, sehr wohl weiter fortgeschritten gewesen sein als die Kulturen Ägyptens, Babyloniens, Griechenlands und Roms. In der Astronomie, Nautik, Kartographie und möglicherweise im Schiffbau, war sie womöglich weiter fortgeschritten als jede Kultur vor dem 18. Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung." [16]

Abb. 7 Was wussten die Völker der Antike, insbesondere Seefahrer-Nationen wie jene der Phönizier, wirklich über die Geographie der Erde? Unser bisheriges Wissen dazu ist offebar noch höchst lückenhaft. (Bild: eine phönizische Triere)

In der Konsequenz bedeutet diese Erkenntnis - dessen war sich auch Charles Hapgood bewusst - für die Geschichtswissenschaften, dass die gängige Vorstellung einer linearen, nach so genannten 'Materialzeitaltern' sortierten kultur- und zivilisationsgeschichtlichen Entwicklung der Menschheit von der Stufe der Altsteinzeit über die der Mittleren Steinzeit, Neolithikum, Kupfer-Steinzeit (Chalkolithikum) und der Bronzezeit bis hin zur Eisenzeit reine Fiktion ist und aufgegeben werden muss.

Leider ist die schulwissenschaftliche Ur- und Frühgeschichtsforschung nach wie vor weit davon entfernt, diesen 'im Licht der Evidenzen' letztlich unabdingbaren Schritt zu gehen, obwohl seit Hapgoods Zeiten immer wieder neue flankierende Hinweise - nicht zuletzt kartographischer Natur - erbracht wurden, die zumindest eine komplette Revision der Entdeckungs- und auch Seefahrtsgeschichte notwendig machen. So stellte etwa der argentinische Kartograph, Historiker und Linguist Paul Gallez (1920–2007) in den 1970er Jahren bei seinen Untersuchungen alter Weltkarten - vor allem jener des Henricus Martellus Germanus von 1489 - fest, dass Amerika den Völkern auf anderen Kontinenten schon lange vor dem europäischen 'Zeitalter der Entdeckungen' bekannt gewesen sein muss. [17] Zu einer ähnlichen Einschätzung waren vor bzw. mit ihm auch der Kartograph Dick Edgar Ibarra Grasso (1917-2000) [18] und der Historiker Enrique de Gandía (1906-2000) gekommen. [19]

Und erst vor ca. zwei Jahren gelang Dr. Dominique Görlitz in Gotha eine spektakuläre Entdeckung im Zusammenhang mit einem alten Globus (Abb. 8), der vermutlich aus dem Jahr 1533 stammt. Über dieses Exponat schrieb bereits 1973 Dr. Werner Horn: "Es handelt sich um einen aus Marmor gefertigten Erdglobus von nur 12 cm Durchmesser, der im Schloßmuseum in Gotha aufbewahrt wird. [20] Er ist anonym und undatiert. Zu ihm gehört ein Gestell aus Messing von höchst eigenartiger Form. Die Darstellung auf dem Globus setzt sich zusammen aus Gradnetz, Küstenlinien und Beschriftung." Der "erste Eindruck könnte zu der Annahme verleiten, es handle sich um ein Schaustück etwa nach der Art mancher Globen der Barockzeit. Aber eine genaue Untersuchung lehrt, daß die Zweckbestimmung des Werkes nicht in der gefälligen Form zu sehen ist, daß man es vielmehr mit dem in bester handwerklicher Arbeit ausgeführten Werk eines Gelehrten zu tun hat, der sich ernsthaft um das Erdbild seiner Zeit bemühte." [21]

Abb. 8 Der Marmorglobus von Gotha weist gleich mehrere kartographie-historische Anomalien auf, die sich nicht einfach ignorieren lassen, sofern man 'scheuklappenfreie', seriöse Forschung betreibt.

Ein paar nicht unwesentliche 'Kleinigkeiten' fielen allerdings erst Dr. Görlitz bei einer Untersuchung des Exponats auf. Dieser kleine Globus ist nämlich, wie der Journalist Steffen Ulbricht dazu bemerkte, recht "außergewöhnlich: Die Darstellung zeigt nämlich östlich von Brasilien eine Darstellung eines frühägyptischen Schiffstyps. [22] Doch kein Gothaer des Mittelalters hatte Wissen über ägyptischen Schiffsbau." [23] Zudem sind darauf - und dies ist womöglich noch bedeutsamer - die beiden Kontinente Südamerika und Antarktis deutlich zu erkennen, die von europäischen Seefahrern allerdings erst 290 bzw. 73 Jahre später entdeckt worden sind! Die allgemeinen Umrisse dieser Kontinente ähneln erstaunlich heutigen Darstellungen. Dr. Görlitz Kommntar dazu ist etwas vorsichtiger formuliert als Hapgoods seinerzeitige Schlussfolgerung, widerspricht ihr aber keineswegs: „Diese Indizien können nur zweierlei bedeuten: Entweder hatten die frühen Kartographen für wenige Jahrzehnte Zugriff auf das verloren gegangene Wissen der antiken Zivilisationen, oder die Entdeckungsfahrten der Europäer [...] sind viel älter, als wir in den Geschichtsbüchern nachlesen können." [24]

Abb. 9 Dr. Dominique Görlitz kündigte weitere Forschungen zu den alten 'Rätselkarten' an, die einen neuen Zugang zu Fragen des interhemisphärischen Kulturaustausches liefern und zeigen sollen, dass die Entdeckung der Welt nicht erst mit den Europäern der frühen Neuzeit begann.

Möglicherweise sind aber auch beide von Görlitz genannten Möglichkeiten zutreffend. Die - zwangsläufig auf dem Seeweg erfolgten - weit präkolumbischen Entdeckungen bzw. Wiederentdeckungen Amerikas durch Früh-Europäer und mediterrane Völkerschaften (via Atlantik), aber auch (transpazifisch) durch Altasiaten müssen inzwischen, daran ändert auch der hartnäckige, hinhaltende Widerstand des Historiker-Establishments nichts, ohnehin als gesicherte Tatsache betrachtet werden. Dies erzwingen beispielsweise entsprechende Erkenntnisse auf dem Gebiet der Humangenetik, die eindeutig belegen, dass es vor ca. 6000 Jahren eine massive tranpazifische Einwanderungswelle von Asien nach Südamerika gegeben haben muss. Zudem lassen die Forschungsergebnisse der Vegetationsgeographie keinen Zweifel mehr daran zu, dass wichtige Kulturpflanzen vor ca. 10.000 Jahren auf dem Seeweg interkontinental verbreitet wurden, und auch nur so nach Amerika gelangt sein können.

Was die zweite von Dominique Görlitz angeführte, durch Charles Hapgood sowie Christine Pellech und zahlreiche andere außenseiterische Forscher/innen propagierte, für die Establishment-Forschung vermutlich noch schwerer 'verdauliche' Annahme einer primhistorischen Hochkultur betrifft, die längst zu den Kern-Thesen der alternativen Ur- und Frühgeschichtsforschung gehört, zeichnet sich inzwischen ebenfalls eine stringente Beweisführung kartographischer und kartographie-historischer Natur ab: Dabei steht erneut die Frage nach der Abbildung, seit 'Urzeiten' eisbedeckter, antarktischer Küstenregionen auf neuzeitlichen Karten im Mittelpunkt des Interesses, bzw. präziser formuliert, die Frage nach der Exaktheit dieser kartographischen Darstellungen. Sollte nämlich mittels neuester Methoden und Hilfsmittel der Nachweis erbracht werden können, dass auf einigen der 'Rätselkarten' aus dem 15. und 16. Jahrhundert eine - nach heutigen Maßstäben! - präzise Darstellung dieser Küsten erfolgt ist, wäre damit auch der definitive Beweis erbracht, dass die Erfassung der dafür notwendigen Daten entweder vor der Vereisung der Antarktis durch Angehörige einer Kultur auf quasi 'neuzeitlichem' Niveau, oder aber nach Eintreten der Vergletscherung durch jemand erfolgt sein muss, der über eine der gegenwärtigen vergleichbare Hochtechnologie verfügte.

Dazu bemerkte Dr. Görlitz gegenüber Atlantisforschung.de erläuternd: "Der von uns heute häufig belächelte Stand alter Technologien erweist sich bei einer genaueren Überprüfung oft überraschend fortschrittlich. Neue experimentalarchäologische Forschungen mit den ABORA-Expeditionen und das Studium der frühen Karten sind Themen, die einen neuen Zugang zu Fragen des interhemisphärischen Kulturaustausches liefern. Neueste Forschungen zum Thema Kartographiegeschichte sollen aufdecken, dass die Entdeckung der Welt nicht erst mit den Europäern der frühen Neuzeit begann. Die Darstellung der beinahe exakten Küstenverläufe der Antarktis auf der Finaeus-Karte (1531) oder die unglaublich exakten Westküsten Südamerikas auf dem Marmorglobus von Gotha (1533) liefern wichtige Hinweise, dass dieses Wissen vermutlich viel älter ist und aus Quellen stammt, die heute nicht mehr auffindbar sind. Antike Autoren, wie Pomponius Mela (1. Jh. n.Chr.) oder Eratosthenes (3. Jh. v.Chr.), überliefern weitere wichtige Hinweise, dass die Länder jenseits des Atlantiks bereits in der Antike entdeckt waren oder zumindest in dieser Zeit noch bekannt waren. Damit schließt sich der Kreis, denn Internationalismus ist keine Erfindung der Neuzeit, sondern ein Teil der menschlichen Kulturgeschichte." [25]



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Externa:


Anmerkungen und Quellen

Fußnoten:

  1. Quelle: Karl Schlögel, "Im Raume lesen wir die Zeit: Über Zivilisationsgeschichte und Geopolitik", Carl Hanser Verlag, 2003, Einleitung
  2. Quelle: ebd.
  3. Quelle: ebd
  4. Quelle: Michael Arbuthnot, "Geschichte des Niedergangs der Diffusions- und Migrations-Theorien", Atlantisforschung.de, 2003
  5. Anmerkung des Verfassers (bb): Selbst der kartographische Charakter dieses neolithischen Wandgemäldes ist unter Archäologen umstritten! Einige besonders 'steinzeitliche' Vertreter dieser Disziplin ziehen es offenbar vor, darin die "Abbildung eines Leopardenfells" zu erkennen. Siehe: Alina Schadwinkel, "Çatalhöyük-Siedlung. Was wollte uns der Steinzeitkünstler sagen? Vulkanlandschaft oder Leopardenfell: Archäologen streiten um eine 9.000 Jahre alte Wandmalerei. Zumindest steht nun fest, dass in der Region damals ein Vulkan ausbrach.", bei: ZEIT ONLINE (Geschichte), 9. Januar 2014 (abgerufen: 25.01.2014)
  6. Anmerkung des Verfassers (bb): Zu weitaus älteren "konkrete[n] Himmelsdarstellungen" siehe bei Atlantisforschung.de: Astronomie - eine uralte Wissenschaft! (red)
  7. Quelle: Wikipedia - Die freie Enzyklopädie, unter: Geschichte der Kartografie, 2.1 Urgeschichte (abgerufen: 23.01.2014)
  8. Anmerkung: Benannt ist diese wohl bekannteste Form des jungpaläolithischen, 'modernen' Menschen nach dem ersten Fundort von Human-Relikten jenes Typs, der Höhle von Abri de Cro-Magnon in Frankreich.
  9. Red. Anmerkung: Die Entdeckung der Höhle durch Cosquer erfolgte eigentlich bereits 1985. Auf die dortigen paläolithischen Relikte stieß er allerdings erst im Juli 1991, und sie wurden nachfolgend publik gemacht.
  10. Quelle: Peter Marsh, "Die Clovis-Solutréen-Connection", Atlantisforschung.de, 2009
  11. Siehe u.a.: Michael A. Rappenglück, (2000; 2004a; 2004b); vergl. auch: Ders., "Ice age people find their ways by the stars: A rock picture in the Cueva di El Castillo (Spain) may represent the circumpolar constellation of the Northern Crown (CrB)", "A paleaolithic planetarium underground - The Cave of Lascaux (Part 1)" und "A palaeolithic planetarium underground - The Cave of Lascaux (Part 2)", bei: Migration & Diffusion (abgerufen: 25.10.2014)
  12. Siehe: Dr. Christine Pellech, "Crossing the Atlantic in early times" und "A 14.000 years old world sea map", bei: Migration & Diffusion (abgerufen: 25.10.201)
  13. Siehe: Christine Pellech, "Die Entdeckung von Amerika (Band 1) - Der Kulturdiffusionismus in neuer Sicht: Alte Karthographie / Neues von Atlantis / Transpazifische Beziehungen", Bucherlag König, 2013, ISBN 978-3-943210-08-8; dazu bei Atlantisforschung.de (in Vorbereitung): Dieselbe, "Eine 14.000 Jahre alte Weltseekarte"
  14. Quelle: Dominique Görlitz, "Ungelöste Rätsel der Entdeckergeschichte - Kam Kolumbus 15.000 Jahre zu spät?", 96 S., Softcover, 2. erweiterte Auflage, 2013, S. 83
  15. Quelle: ebd.
  16. Quelle: Charles Hutchins Hapgood, "Maps of the Ancient Sea Kings - Evidence for Advanced Civilization in the Ice Age", Philadelphia/New York, 1966, S. 193 (Übersetzung des Zitats ins Deutsche durch Atlantisforschung.de)
  17. Siehe: Paul Gallez, "Das Geheimnis des Drachenschwanzes: die Kenntnis Amerikas vor Kolumbus", Dietrich Reimer Verlag, 1980
  18. Siehe u.a.: Dick Edgar Ibarra Grasso, "La representación de América en Mapas romanos de los tiempos de Cristo", Ediciones Ibarra Grasso, Buenos Aires (Argentinien), 1970; sowie: Ders., "America en la prehistoria mundial. DIFUSION GRECO FENICIA", Hrsg.: TIPOGRAFICA EDITORA ARGENTINA, Bs. As., Argentina, 1982
  19. Anmerkung: Die drei genannten Forscher bildeten gemeinsam den 'harten Kern' der Escuela Argentina de Protocartografía (Argentinische Schule der Protokartographie), der u.a. auch der Historiker Gustavo Vargas Martínez angehörte.
  20. Anmerkung: Heute befindet sich der Globus in der Obhut der Stiftung Schloss Friedenstein, Gotha.
  21. Quelle: Dr. Werner Horn, UNTERSUCHUNGEN ZUM GOTHAER MARMORGLOBUS, in: Der Globusfreund, Nr. 21/23, FESTSCHRIFT zum 20jährigen Bestand des CORONELLI-WELTBUNDES DER GLOBUSFREUNDE. BERICHT über das IV. INTERNATIONALE SYMPOSIUM DES CORONELLI-WELTBUNDES DER GLOBUSFREUNDE (OKTOBER 1973 (für 1972/73/74)), pp. 184-190
  22. Anmerkung: Auf der Piri-Reis-Karte von 1513 ist interessanter Weise an etwa gleicher Stelle auch ein Schiff (eine Kogge) abgebildet.
  23. Quelle: Steffen Ulbricht, "Das Rätsel alter Karten - Chemnitzer Experimentalarchäologe: „Kolumbus kam 15.000 Jahre zu spät“", bei: WochenSpiegel-Sachsen.de, 07.12.2012
  24. Quelle: ebd.
  25. Quelle: Elektronische Mitteilung (eMail) von Dominique Görlitz an Bernhard Beier (Atlantisforschung.de) vom 06.02.2014, 19:03 h

Bild-Quellen:

1) Dontworry bei Wikimedia Commons, unter: File:Friedenspreis-ffm-2009-schloegel-004.jpg
2) admin, the volcanism blog, unter: Saturday volcano art – Çatalhöyük and the volcano that changed its spots, 28. Februar 2009
3) Bildarchiv Dr. Christine Pellech
4) Tatjana Ingolds Webseiten (derzeit leider offline), unter: Dr. Christine Pellech (Bild-Bearbeitung durch Atlantisforschung.de)
5) Bildarchiv Dr. Christine Pellech
6) SPELLEN/atlantis (nicht mehr online)
7) Bildarchiv Atlantisforschung.de
8) Bildarchiv Dr. Dominique Görlitz
9) Bildarchiv Dr. Dominique Görlitz