Geologie und Atlantisforschung in der Neuzeit

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Abb. 1 Leonardo da Vinci war der Meinung, die Sintflut habe nichts mit dem Prozess der Fossilienbildung zu tun gehabt. Ansonsten hielt er sie für ein historisches Ereignis und hatte sehr konkrete Vorstellungen über ihren Ablauf, wie diese Skizze aus seiner Feder zeigt.

Geologie - Antipode oder Hilfswissenschaft der Atlantisforschung? Fortsetzung I

(bb) Auch wenn die Orientierung an biblischen Überlieferungen noch manifester Bestandteil jeder offiziellen Lehre war, bestand nun auch zunehmend das Bedürfnis nach rationalen Erklärungen natürlicher Phänomene außerhalb des alt- und neutestamentarischen Rahmens. So entdeckte Leonardo da Vinci (1452 - 1519) "die organische Natur der Fossilien erneut, wobei er die Bedeutung der biblischen Sintflut (Abb. 1) für den Prozess klar verneinte. Ebenso verwarf er das, aus der Bibel errechnete, kurze Alter der Erde, und beobachtete die unterschiedliche Sedimentation von Sandkörnern in strömendem Wasser. Da Leonardo seine Notizbücher aber nie veröffentlichte, blieben seine Erkenntnisse praktisch wirkungslos." [1]

Bereits zu dieser Zeit entstand - in Abgrenzung zur Theologie - auch der Begriff 'Geologie' [2]. Als einer der ersten 'echten' Geologen gilt heute Georgius Agricola (1494 - 1555). "Der Haup[t]teil seiner Schrift 'De re metallica libri XII' besteht aus detaillierten Beschreibungen der damaligen Bergbau- und Ingenieurskunst, über den Bau von Schmelzöfen, Herstellung von Soda, Schwefel und Alaun, Transport der Erze, Wind- und Wasserkraft, aber auch rechtlichen und administrativen Angelegenheiten. In den ersten Kapiteln gibt er aber auch viele praktische Hinweise für die Auffindung von Lagerstätten (Exploration) an Hand natürlicher Kennzeichen. Sein 'De natura fossilium' gilt als das erste Handbuch der Mineralogie, da die Klassifizierung der Minerale auf äußeren Merkmalen, wie Farbe, Glanz und Geschmack basiert. Agricola verwarf nicht nur die biblische These, dass sich alle Minerale im Moment der göttlichen Schöpfung geformt hätten, sondern auch die alchemistische Theorie über die Umwandlung der Metalle. Trotzdem sollten sich diese noch lange halten. Ein wichtiger Antrieb für die europäischen Entdeckungsreisen nach Übersee war z.B. die Vorstellung, dass sich das 'Sonnen-Metall' Gold besonders in den heißen, tropischen Regionen der Welt findet." [3]

Diese, von Agricola repräsentierte, quasi 'neo-aristotelische', Geologie ging - parallel zur Ablösung der Wissenschaft vom christlichen Dogmatismus - im Lauf der Zeit mehr und mehr auf Distanz zu den alttestamentarischen Überlieferungen zur Erdgeschichte. Daneben entwickelten andere Forscher eine rationale, mithin geologische, Interpretation biblischer Aussagen und vor allem des Sintflut-Mythos, der schon früh mit dem platonischen Bericht vom katastrophischen Ende des Atlanter-Reiches in Verbindung gebracht wurde.

Abb. 2 Athanasius Kirchers Zeichnung eines atlantischen Kleinkonti- nents zwischen Afrika und Amerika. Als erster Forscher der Atlantologie-Geschichte brachte er eine dezidiert geologische Inter- pretation der Atlantida in den Diskurs ein.

So gelangte z. B. Michel de Montaigne (1533-1592), der vermutlich als einer der ersten großen Denker - zumindest am Rande seiner Überlegungen - auch eine geologische Reflexion der Atlantida in den Diskurs einbrachte, bezüglich der Sintflut zur Auffassung: "Es ist sehr wahrscheinlich, daß diese außerordentliche Verheerung des Wassers ganz sonderbare Veränderung unter den Wohnorten auf dieser Erde angerichtet habe: Wie man denn der Meinung ist (Montaigne bezieht sich auf Vergils Aeneis, III), daß das Meer Sizilien von Italien, Cypern von von Syrien und die Insel Negropont (Montaigne benutzt offenbar einen ursprünglichen Namen Euböas) vom festen Land abgerissen haben soll..." [4]

Schon bei M. de Montaigne wird damit der katastrophistische, an der platonischen Betrachtungsweise der Erdgeschichte ausgerichtete, Grundansatz deutlich, der die Atlantisforschung schon in der Renaissance auszeichnete (weshalb wir diese Richtung der Geologie als 'platonisch' [5] bezeichnen). Der bekannteste Vertreter dieser 'platonischen' Richtung war der Humanist und Jesuit Athanasius Kircher (1602-1680), der die erste dezidiert geologische Untersuchung zum Atlantis-Problem anstellte. Ihm gebührt das Verdienst, mit dieser Arbeit, die er 1665 im Rahmen seines Werks Mundus subterraneus ("Versunkene Welt") veröffentlichte, die neu entstehende Geologie als 'Hilfswissenschaft' in die Atlantisforschung eingeführt zu haben.

Zum ersten mal in der Atlantologie-Geschichte wurden von ihm darin ausführliche erdgeschichtliche Überlegungen in einer Exegese des Atlantisberichts zur Diskussion gebracht, um Platons Schilderung des plötzlichen Untergangs des Atlanter-Reiches verstehen und folgerichtig interpretieren zu können. Dazu wählte er eine vergleichende Methode und betrachtete nicht nur die Atlantis-Katastrophe unter geologischen Aspekten, sondern auch verschiedene andere Gebiete und Ereignisse auf dem Globus, die im Verlauf katastrophaler Ereignisse untergegangen sind.

Dabei interessierten ihn zum Beispiel der Mittelmeer-Raum und die Nordsee: "Für weite Strecken des Mittelmeerbereichs, sagt Kircher, könne man davon ausgehen, dass einstmals Berge teils eingebrochen sind und teils hoch gedrückt wurden, dass aus Halbinseln Inseln wurden und dass erhebliche Küstenstriche weggespült wurden. Unter Berufung auf Plinius nennt Kircher Sizilien, Zypern, und Euböa als ehemalige Halbinseln, die vom Festland abgetrennt worden seien. Auch an der Nordsee habe es offenbar Einbrüche gegeben; die Insel Nordstrand (heute eine 'künstliche' Halbinsel - M.F.) sei dem deutschen Forscher Cranzius zufolge einstmals eine Halbinsel gewesen. Außerdem sei zu vermuten, dass Grönland einmal eine Landverbindung zu Amerika gehabt habe." [6]

Kirchers Hauptinteresse im 'Mundus subterraneus' galt jedoch den geographischen und geologischen Veränderungen im Mittel-Atlantik, wo er Atlantis vermutete. So bezieht er sich beispielsweise auf eine gewaltige vulkanische Eruption, die sich im Sommer 1638 nahe der Azoreninsel St. Michaelis ereignete. Enorme Vulkanausbrüche waren den Gelehrten damals in all ihren Auswirkungen durchaus bekannt und auch das Aufsteigen (größtenteils) vulkanischer Inseln über den Meeres-Spiegel sowie ihr plötzliches Absinken und Verschwinden stellten ein nachvollziehbares Phänomen dar. Interessanter Weise setzte bereits Kircher voraus, dass vulkanische Ursachen nicht allein verantwortlich für das 'Absacken' einer so großen Landmasse gewesen sein können, wie es Atlantis laut Platon gewesen sein soll.

Wie es der Atlantologie-Historiker Dr. Martin Freksa formuliert, kam Kircher daher zu dem Schluss, "dass in der Endzeit dieser riesigen Insel irgendein anderes Übel der Natur (aliud naturae malum) die Wurzeln der Insel dermaßen ausgehöhlt habe, dass ein Erdstoß ihren Zusammenbruch ausgelöst haben könnte. Kircher geht hier also von einer unbekannten Naturursache aus, die im Verein mit einem bekannten Phänomen des mittleren [Grönland Wikipedia Atlantik] - einer Eruption - zu dem Untergang von Atlantis geführt haben könnte." [7]

Abb. 3 Der dänische Naturforscher Niels Stensen / Nicolaus Steno (1638 - 1687) entdeckte das stratigraphische Prinzip.

Ein verbindendes Element 'neo-aristotelischer' und 'platonischer' Geologie war der sogenannte 'historische Ansatz', der bei WIKIPEDIA folgendermaßen erklärt wird: "Was die Geologie von den meisten anderen Naturwissenschaften unterscheidet, ist v.a. der historische Ansatz. Die Minerale könnten ohne Weiteres von einem Chemiker klassifiziert werden, die Fossilien von einem Biologen. Die Eigenschaften des Erdkörpers könnte ein Physiker beschreiben, seine Gestalt ein Geograph. Der Geologe stellt aber nicht nur die Frage: >Was ist das<, sondern vor allem: >Wie wurde es, was es ist?<" [8]

So entwarf der dänische Arzt und Naturforscher Niels Stensen (latinisiert: Nicolaus Steno, 1638 - 1687) (Abb. 3), ein Zeitgenosse Kirchers, im Jahr 1669 "in der Toscana das erste geologische Profil, das wirklich historisch gedacht war. Mit der grundlegenden Erkenntnis, dass die unteren Gesteinsschichten auch die älteren sind, und die darüber lagernden, sukzessive immer jünger, entdeckte Stensen das stratigraphische Prinzip. Die Anordnung im Raum entspricht also in Wirklichkeit einer Abfolge in der Zeit. Außerdem postulierte Stensen, dass alle Schichten ursprünglich horizontal abgelagert wurden, und dass die Schichten nur nachträglich durch erdinnere Kräfte verstellt, zerbrochen und gefaltet werden können. Alle Abweichungen von dieser Regel bedürfen zwingend einer Erklärung." [9]

Eines der zentralen Probleme, die Stensen und seine zeitgenössischen Kollegen in diesem Zusammenhang beschäftigte, war die Frage "warum die Fossilien tief in die Gesteine eingebettet waren, anstatt auf der Oberfläche zu liegen. Ein Ausweg bestand darin, den organischen Ursprung der Fossilien einfach zu leugnen, und sie als spontane Bildungen und kuriose 'Naturspiele' abzutun, wie dies z.B. Martin Lister (1638 - 1711) tat. Robert Hookes (1638 - 1703) Geistesblitz, dass man aus dem Fossilinhalt der Gesteine eine zeitliche Abfolge der sich verändernden Umweltbedingungen rekonstruieren könnte, wurde vorerst nicht weiter verfolgt." [10]

Fortsetzung:

Vom Katastrophismus in die Sackgasse des Aktualismus


Anmerkungen und Quellen

  1. Quelle: Geschichte der Geologie; aus Wikipedia, der freien Wissensdatenbank, online unter http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Geologie
  2. Anmerkung: "Der Begriff >Geologie< wurde von VAN BEMMELEN [1969] bis zu dem >Philibiblon< [Köln, 1473] des Bischofs von Durham, Richard de BURY, zurückverfolgt. Dort diente er zur Abgrenzung gegen die >Theologie<. Aber erst in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts begann sich mit J. A. de LUC [1778] und H. B. de SAUSSURE [1779] der Begriff >Geologie< auch international durchzusetzen. 1761 hatte Georg Christian FÜCHSEL die Bezeichnung >Geognosie< geprägt, die von Abraham Gottlieb WERNER [um 1780] aufgegriffen und als Ersatz/Synonym für die ältere >Gebirgskunde< verwendet wurde." Quelle: GeoDienst, Personen und Daten zur Geschichte der Geologie und Paläontologie, online unter http://www.geodienst.de/geschichte.htm#cuvier
  3. Quelle: Geschichte der Geologie; aus Wikipedia, der freien Wissensdatenbank, online unter http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Geologie
  4. Quelle: Michel de Montaigne, Essays Bd. II (30. Essay, geschrieben wahrscheinlich in den 1750er Jahren), S.57; zitiert nach: Martin Freksa, Das verlorene Atlantis, Klöpfer & Meyer, 1997, S. 110
  5. Anmerkung: Um eine Verwechslung mit den "Neo-Platonikern" der Antike (siehe: Eine kleine Geschichte der Atlantisforschung, Teil I) zu vermeiden, verzichten wir bei dieser Bezeichnung auf den Zusatz "Neo-".
  6. Quelle: Martin Freksa, Das verlorene Atlantis, Klöpfer & Meyer, 1997, S. 111/112
  7. Quelle: ebd., S. 112
  8. Quelle: Geschichte der Geologie; aus Wikipedia, der freien Wissensdatenbank, online unter http://de.wikipedia.org/wiki/Geschichte_der_Geologie
  9. Quelle: ebd.
  10. Quelle: ebd.


Bild-Quellen

(1) http://www.damtp.cam.ac.uk/user/turbmix/gif/deluge.gif

(2) http://www.greatdreams.com/atlants1.gif

(3) http://www.janswammerdam.net/Images/steno.jpg