Mesoamerikanische Sintflut-Mythen und -Legenden

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Eine kurze Einführung

Abb. 1 Coxcox und sein Weib Xochiquetzal an Bord ihres Bootes, auf dem sie nach aztekischen bzw. Nahua-Legenden die Sinflut überstanden

(red) Bei den altamerikanischen Völkern Mesoamerikas findet sich eine beträchtliche Anzahl von Flutmythen, die entweder schriftlich dokumentiert oder in mündlicher Überlieferung weitergegeben wurden. Einigen davon werden in der konventionellen Forschung christliche Einflüsse aus der Zeit nach der Eroberung Mittelamerikas durch die Spanier zugeschrieben, bei anderen wird konsensual davon ausgegangen, dass sie indigene Überlieferungen präkolumbischen Ursprungs darstellen. [1]

In einer dieser Mythen, die bei den Völkern der Tlapanec und Huaxteken festgehalten wurde, ist von einen Mann und seinen Hund die Rede, die als einzige die Sintflut überlebten. Dann findet der Mann heraus, dass der Hund tagsüber, wenn er selber unterwegs ist, die Form einer Frau annimmt. Daraufhin bevölkern der Mann und die Hundefrau die Erde neu. Ein anderer Mythos, der den Azteken und Totonaken zuzurechnen ist, erzählt, wie ein menschliches Paar die große Flut überlebte, indem es sich in einem hohlen Gefährt versteckt hielt. Als die Wasser zurückgingen, begann das Paar, sich einen Fisch zu kochen. Doch der Rauch des Herdfeuers stieg bis den Himmel hinauf, sodass die Götter sie bemerkten, wütend wurden und sie bestraften, indem sie sie je nach Version in Hunde oder Affen verwandelten.

Abb. 2 Der Beginn der großen Flut auf einer Illustration des aztekischen 'Dresdner Codex'

In anders lautenden Versionen der Überlieferung wird das überlebende Paar auch namentlich genannt - Coxcox and seine Frau Xochiquetzal -, die den Kataklysmus entweder in dem hohlen und schwimmfähigen Stamm einer Zypresse, einem großen, aus Zypressen-Wurzeln gefertigten Floß, oder in einem selbstgebauten Boot (Abb. 1) überstanden. Bisweilen ist auch von einem Überlebenden namens Tezpi (eine Art altmexikanischer Noah) die Rede, der nach der Katastrophe auf dem Berg Colhucan landete. [2] Ein weiterer Überlebender der großen Flut soll Teocipactli ("Göttliches Krokodil") gewesen sein, der sich in einem Kanu rettete und apäter erneut die Erde bevölkerte. [3]

In den Mythen der Maya versuchten die Schöpfergötter drei mal vergeblich, menschliche Kreaturen zu erschaffen, die sie geziemend anbeten und verehren sollten, bevor es ihnen schließlich gelang, eine Rasse von Menschen zu kreieren, die ihren Vorstellungen entsprach. Die drei vorausgegangenen Kreationen hatten sie jeweils ausgerottet. Die dritte Rasse unvollkommener Menschen z.B., die aus Holz geschnitzt waren, wurde von wilden Tieren heimgesucht und von ihren eigenen Werkzeugen und Utensilien erschlagen. Schließlich wurde sie durch eine Flut aus Baumharz venichtet. [4] [5] Von Diego de Landa und im Chilam Balam aus Chumayel aufgezeichnete Maya-Flutlegenden besagen, dass die einzigen Überlebenden der Flut die vier Bacabs waren, die ihre Plätze als Unterstützer der vier Ecken des Himmels einnahmen. [6]

Abb. 3 Historische Aufnahme eines Frieses in der guatemaltekischen Maya-Stadt Tikal, die einen Mann zeigt, welcher in seinem Boot einer großen Flut und einem vulkanischen Inferno entkommt (Foto: Teobert Maler)

Im Popol Vuh ( („Buch des Rates“, Teil 1, Kapitel 3), der heiligen Schrift der Quiché-Maya, die sowohl mythische als auch historische Aspekte der Vergangenheit dieses Volkes behandelt, ist es der Wind- und Sturmgott Huracán, der die große Flut aus Harz verursacht, nachdem die ersten Menschen die Götter verärgert hatten. Doch schließlich sprach Huracan, der in den windigen Nebeln über dem Hochwasser schwebte, immer wieder das Machtwort "Erde", bis das Land erneut aus den Fluten aufstieg. Die Menschen waren zu Affen geworden, aber später tauchten auch wieder echte Menschen auf, und drei Männer und vier Frauen bevölkerten die Welt nach der Flut neu. [7]

Zu erwähnen sind auch die Sintflut-Legenden des Volkes der Arawaken, dessen Siedlungeraum Gebiete in der Karibik und im nördlichsten Teil Südamerikas umfasste. Laut dieser Überlieferung habe die Gottheit Sigoo alle Tiere und Vögel auf einem hohen Berg in Sicherheit gebracht, bevor die entsetzliche Flut losbrach. Dort konnten sie die furchtbare Zeit der Finsternis und der Stürme überleben, während das flache Land überschwemmt war. Der arawakische Makuschin-Stamm erzählte von einem ersten nachsintflutlichen Menschenpaar, das Steine in Menschen verwandelte und die verwüstete Erde dadurch neu bevölkerte. [8] [9]

Allgemeine Schlussbemerkungen

In den mesoamerikanischen Mythen war die Sintflut nur eine von mehreren Zerstörungen der Welt - normalerweise das erste von drei oder vier mega-katastrophalen Ereignissen, wobei es deutliche Hinweise darauf gibt, dass die Azteken die Flut als die vierte umfassende Vernichtung der göttlichen Schöpfung betrachteten. Für das Eintreten des Sintflut-Ereignisses werden unterschiedliche Gründe angegeben: Entweder war die Welt einfach überaltert und musste erneuert werden, oder die Menschen hatten ihre religiösen Pflichten und die Anbetung der Götter vernachlässigt bzw. sie zeigten sich den Himmlischen gegenüber respektlos; oder aber sie wurden für Übertretungen essenzieller göttlicher Gesetze bestraft, zum Beispiel wegen Kannibalismus.

In vielen mesoamerikanischen Flutmythen, insbesondere jenen, unter den Nahua / Azteken gängig waren, wird berichtet, dass es keine Überlebenden der Sintflut gab und dass die Schöpfung danach von vorne beginnen musste, während andere Berichte aus diesem Kulturkreis besagen, dass die gegenwärtigen Menschen von einer kleinen Anzahl von Überlebenden abstammen.

Eine Anzahl dieser Mythen weisen offensichtlich starke Ähnlichkeiten zu christlichen oder anderen Referenzen aus der Alten Welt auf. Die Ähnlichkeiten mit alttestamentarischen Erzählungen werden von Wissenschaftlern aus dem universitären Bezirk üblicherweise mit christlichen Einflüssen aus nachkolumbischer Zeit erklärt. Dies ist im Grundsatz keineswegs auszuschließen, z.B. was Teile des Chilam Balam betrifft. Sofern keine zufälligen Parallel-Entwicklungen anzunehmen sind, könnten diese Ähnlichkeiten - und nicht zuletzt solche, die Übereinstimmungen mit anderen altweltlichen Flutlegenden zeigen (vergl. z.B. Fußnote 8) - zudem aber auch auf präkolumbische Kontakte mit Menschen aus der Alten Welt hindeuten.



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Anmerkungen und Quellen

Dieser Beitrag basiert auf dem Artikel "Mesoamerican flood myths" bei Wikipedia - The Free Encyclopedia (Stand: 25. Febeuar 2020). Übertragung ins Deutsche, intensive redaktionelle Bearbeitung und Ergänzungen durch Atlantisforschung.de

Fußnoten:

  1. Siehe: Fernando Horcasitas, "An analysis of the deluge myth in Mesoamerica", in: Alan Dundes (Hrsg.), The Flood Myth", Berkeley (University of California Press), 1988, S. 183–220
  2. Quelle: John Taylor, "Times and Seasons, Band 3", F. Ullmann, 1841, S. 819
  3. Siehe: Burr Cartwright Brundage, "The Fifth Sun - Aztec Gods, Aztec World", Austin (University of Texas Press), 1979
  4. Siehe: Roberta H. Markman & Peter T. Markman, "The Flayed God: the Mesoamerican Mythological Tradition - Sacred Texts and Images from pre-Columbian Mexico and Central America" San Francisco (Harper), 1992
  5. Siehe auch: Dennis Tedlock (Hrsg.), "Popol Vuh: The Definitive Edition of the Mayan Book of the Dawn of Life and the Glories of Gods and Kings, Translated by Dennis Tedlock", New York (Simon & Schuster), 1985
  6. Siehe: Fernando Horcasitas (1988), S. 191
  7. Quelle: New World Encyclopedia, unter; "Great Flood", Abschnitt: 5.1.2 Maya (angerufen: 25. Februar 2020)
  8. Anmerkung Man vergleiche hierzu die im letztgenannten Punkt erstaunlich ähnliche altgriechische Flutlegende um Deukalion und Pyrrha.
  9. Quelle: Otto H. Muck, "Alles über Atlantis: alte Thesen, neue Forschungen", München (Econ), 1976; nach: Roland M. Horn, "Sintflut-Überlieferungen aus aller Welt", Atlantisforschung.de, 2009

Bild-Quellen:

1) William Sewell, nach Lewis Spence, "The Myths of Mexico and Peru" (Urheber) / William Maury Morris II (Uploader) bei Wikimedia Commons, unter: File:122-A Flood-Myth of the Nahua.jpg
2) Dresdner Codex, nach: Church of God News, unter: Mayan 2012 Date Wrong? Mayans Did Not Predict the End of the World?
3) Tony O’Connell, "Maler, Teobert", bei: Atlantipedia.ie