Moderne Genetik und neue Einblicke in die Paläo-Historie

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Die Besiedlungsgeschichte Amerikas und das Atlantis-Problem, Teil 5

Abb. 1 Die moderne Genetik versetzt dem dahinsiechenden Paradigma von der ausschließlichen Besiedlung Paläo-Amerikas über die trocken liegende Beringstraße den 'Gnadenstoß'. Trotzdem wird es vermutlich noch Jahrzehnte dauern, bis der anthropologische Mainstream die harten Evidenzen akzeptiert.

(bb) Den 'Gnadenstoß' erhalten die vorherrschenden Paradigmata zur rezenten Besiedlung Amerikas und des Pazifik-Raums derzeit u.a. durch die moderne Genetik. So schrieb etwa Roger Lewin bereits 1992 im New Scientist: "Analysen mitochondrialer DNS der Zellen nordamerikanischer Indianer-Populationen indizieren, dass die Eskimo-, Aleut- und Nadene-Populationen vor etwa 7500 Jahren eintrafen. Die geographisch weiter verbreitete amerinde Population scheint jedenfalls aus zwei separaten Zuströmen hervorgegangen zu sein; der erste vor etwa 30 000 Jahren, der zweite vor etwa 10 000 Jahren. D. Wallace von der Emory University vermutet, dass der scharf definierte Aufstieg der Clovis-Kultur, konventionell datiert vor 12 000 Jahren beginnend, ein Ergebnis der zweiten amerinden Immigration gewesen sein könnte." [1]

Die "molekulare Uhr" des Menschen bemühten 1994 andere Genetiker, wie wir bei William R. Corliss lesen, der im selben Jahr vorsichtig dazu bemerkte: "Aber lassen Sie den Korken noch in der Champagner-Flasche, [...] denn Molekular-Uhren funktionieren nicht wie Big Ben." Folgendes war, wie Corliss berichtet, passiert: "A. Torroni und einige Kollegen von der Emory University haben die mitochondriale DNS (mtDNS) von Angehörigen von sieben sprach-verwandten, >Chibcha speakers< genannten, Stämmen in Mittelamerika analysiert. Unter der ANNAHME, dass die homogene Gruppe sich von den anderen amerindischen Stämmen vor 8000 - 10 000 Jahren abspaltete, fand die Emory-Gruppe, dass deren mtDNS mit einer Rate von 2.3-2.9% pro Million Jahre mutiert war (man bemerke: dies läuft auf 0,0022 - 0,0029 % pro TAUSEND Jahre hinaus - eine sehr kleine Menge für eine akkurate Messung!).

Als Nächstes maßen Torroni et al. die mtDNS von 18 anderen Stämmen in ganz Nord- und Südamerika, und berechneten, wobei sie die gerade erwähnte Mutationsrate voraussetzten, vor wie langer Zeit diese Völker sich von einem gemeinsamen Vorfahren abgespalten hatten. Das Resultat: vor 22 000 - 29 000 Jahren. Die Emory-Studie wurde in der Ausgabe vom 1. Februar 1994 der Proceedings of the National Academy of Sciences veröffentlicht. [2]

Corliss blieb jedoch skeptisch:."All dies ist schön und gut, aber ist es nicht auch vorstellbar, dass sich die Stämme von jenem gemeinsamen Vorfahren abgespalten hatten, bevor sie die Beringstraßen-Landbrücke überquerten und in die Neue Welt kamen, womit sie die molekulare Uhr zu früh gestartet hätten? Oder haben vielleicht Südost-Asiaten, die auf Schiffen dort ankamen, Sand ins Getriebe der vielgerühmten Molekular-Uhren gestreut? Es ist also Vorsicht im Umgang mit dieser augenscheinlichen Anomalie geboten. Molekulare Uhren sind kniffelig." [3]

Trotzdem ist offenbar gerade die moderne Genetik mit Hilfe von mtDNS-Analysen in der Lage, bisherige Szenarien zur Menschheitsgeschichte 'vom Kopf auf die Füße' zu stellen. Das gilt im übrigen nicht nur für die kritikbedürftigen Modelle des wissenschaftlichen Mainstreams, sondern natürlich auch für die zur Diskussion stehenden Alternativen aus der 'Nonconformist community'. So vertrat der bekannte Forscher Thor Heyerdahl seit 1947 die Meinung, Polynesien sei von Südamerika aus besiedelt worden, wofür er, wie Reinhard Prahl feststellt, "Zeit seines Lebens von Fachleuten lächerlich gemacht" wurde.

Abb. 2 Moderne Genetik bestätigt transpazifische Migrations-Konzepte der Diffusionisten: Nach etwa 4000 Jahren Aufenthalt in Alaska und Kanada besiedelten die Nachfahren ostasiatischer Emigranten die Inselwelt Polynesiens. (Bild: Großraum-Kanus der kanadischen Haida)

Und in der Tat: in diesem Punkt irrte der große Diffusionist aus Norwegen offenbar [4], der mit seinen transozeanischen Floß-Fahrten zum 'Vater' des archäologischen Reise-Experiments wurde. Dies bewiesen DNS-Analysen der Genetiker Rebecca Cann und Bryan Sykes: "Cann stellte Erbgutvergleiche von südamerikanischen Indianern mit polynesischen Ureinwohnern an und verglich sie auf mögliche Übereinstimmungen hin. Dabei kam er zu dem Schluss, >ein Genfluss strömte über den Pazifik.< Tatsächlich spürte die kompetente Genetikerin im Erbgut von fünf Indianerstämmen eine auffallende genetische Konstellation auf, die sie ansonsten nur bei den Ureinwohnern Samoas nachweisen konnte.

Noch exaktere Ergebnisse erzielte Sykes mit seinen Mitochondrien-DNS-Untersuchungen. Die Mitochondrien lassen sich nur im Erbgut von Frauen nachweisen. Aufgrund einer der nur 500 Basenpaare lange so genannten >Kontrollsequenz< lassen sich sehr leicht Erbschaftsverhältnisse klären. Man vergleicht vereinfachend ausgedrückt Mutationen, die sich in dieser Kontrollsequenz im Laufe der Generationen etabliert haben. Bemerkt der Fachmann nun beispielsweise an der 189., 217., 247. und 261. Stelle eine Mutation, wie im Fall der polynesischen Sequenzen, kann man die Ausbreitung dieser Besonderheit anhand von Blutproben von Inseln im gesamten Pazifik miteinander vergleichen. Genau dies tat Sykes und fand heraus, dass die Vorfahren der Polynesier von der Küste Chinas und Taiwans stammten." [5]

Tatsächlich ist der Sachverhalt sogar noch verwirrender! So bemerkt der Diffusionist Peter Marsh aus Australien, der die Entwicklung des genetischen Erkenntnis-Stands zu frühen Migrationen der Menschheit intensiv mitverfolgt hat: "Im Gegensatz zur allgemeinen Auffassung macht die genetische Beweislage deutlich, dass Polynesien nicht via Melanesien besiedelt wurde, sondern von Menschen bevölkert wurde, die alte Verbindungen zu den Tibetern und Thais aufwiesen. Spezifische genetische Markierungen und 'Bottlenecks' machen deutlich, dass sie Ostasien vor 6000 Jahren verließen, etwa 4000 Jahre in Alaska und Kanada blieben, und dann vor 2200 Jahren auf Hawaii ankamen." [6] (Vergl. dazu: Peter Marsh´s Szenario zur Besiedlung des Pazifikraums - Genetische Evidenzen bestätigen diffusionistische Thesen zur Besiedlung Amerikas und des Pazifik)

Nicht zuletzt der jungen Wissenschaft der Genetik gebührt also das Verdienst, mit dem Nachweis präkolumbischer Transpazifik-Migrationen die herrschende Lehrmeinung zur Besiedlung Amerikas regelrecht 'liqidiert' - und das oppositionelle, diffusionistische Konzept im Grundsatz bestätigt zu haben. Auch wenn der anthropologische und archäologische Mainstream vermutlich noch einige Jahrzehnte benötigen wird, um mit diesem schwer verdaulichen Brocken fertig zu werden: das isolationistische Paradigma ist ebenso passé wie das Bild vom 'paläo-debilen', mongoliden Ur-Indianer, der, ohne dies zu bemerken, auf der Jagd nach saftigen Mammut-Steaks über die Beringstraße und durch einen fiktiven eisfreien Korridor eine 'Neue Welt' betreten haben soll.

Schön und gut, mag der kritische Leser anmerken. Dann nehmen wir eben an, dass Amerika aus dem Pazifik-Raum heraus besiedelt wurde. Aber inwiefern stützt der faktische Zusammenbruch der Beringstraßen-Lehrmeinung die atlantologische Annahme versunkener Landgebiete, die - möglicherweise bis in die späte "Bronzezeit" hinein - als Sprungbretter bei trans-atlantischen Migrationen gedient haben sollen?

Gibt es denn auch Indizien und Evidenzen für Siedlungswellen paläolithischer und späterer Populationen, die - von Ost nach West UND vice versa - über den Atlantik reisten? Wie wir zeigen wollen, ist auch diese Annahme keineswegs so "unsinnig", wie ihre Gegner sie hinzustellen versuchen: tatsächlich liefern jüngere wissenschaftliche Forschungen starke Argumente für eine paläo-amerikanische Ethno-Diversität sowie für weit präkolumbische Atlantikfahrten - womit sie unbeabsichtigt auch der verpönten, klassischen Atlantis-Hypothese neue Nahrung geben.


Fortsetzung:

Und jetzt auch noch 'Kaukasoide' in Paläo-Amerika ?!? (bb)


Anmerkungen und Quellen

Dieser Beitrag wurde 2005 / 2006 von Bernhard Beier © für Atlantisforschung.de verfasst.

  1. Quelle: Roger Lewin, "Mitochondria Tell the Tale of Migrations to America", New Scientist, S. 16, 22. Februar 1992; nach: William R. Corliss, "LONG BEFORE THE VIKINGS AND POLYNESIANS", Science Frontiers Nr. 81, Mai-Juni 1992, online unter http://www.science-frontiers.com/sf081/sf081a01.htm
  2. Quelle: Constance Holden, "Early American Gene Clock Gains Time," Science, 263: 753, 1994; sowie: Anonymus, "DNA Dates for First Americans," Science News, 145:126, 1994; nach: William R. Corliss, "MOLECULAR CLOCK PLACES HUMANS IN NEW WORLD 22,000-29,000 BP", Science Frontiers Nr. 93, Mai / Juni 1994, online unter http://www.science-frontiers.com/sf093/sf093a02.htm
  3. Quelle: William R. Corliss, "MOLECULAR CLOCK PLACES HUMANS IN NEW WORLD 22,000-29,000 BP", Science Frontiers Nr. 93, Mai / Juni 1994, online unter http://www.science-frontiers.com/sf093/sf093a02.htm
  4. Anmerkung: Auch, wenn Heyerdahls Besiedlungs-Hypothese damit partiell widerlegt erscheint, gibt es offenbar eindeutige Hinweise auf präkolumbische Kontakte zwischen Südostasien und (Süd-)Amerika (siehe dazu etwa: Eine prähistorische Brücke von Asien nach Amerika - aus Papier! von William R. Corliss)
  5. Quelle: Gernot L. Geise und Reinhard Prahl, "Auf der Suche nach der Mutterkultur", Michaels-Verlag (Peiting), 2005, S. 171
  6. Quelle: Peter Marsh, "Polynesian Pathways", Oktober 2002 / Mai 2005, online unter http://users.on.net/~mkfenn/


Bild-Quellen

(1) University of Washington - Department of Atmospheric Sciences, unter: http://www.atmos.washington.edu/~dennis/Beringia.image.jpg

(2) Bildarchiv Peter Marsh, (Polynesian Pathways)