Pierre Vidal-Naquet

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"Als Atheist stellt Geschichte für mich den einzig möglichen Ersatz für Religion dar..." (Pierre Vidal-Naquet, 1950)

Abb. 1 Der Historiker und Atlantologie-Kritiker Pierre Emmanuel Vidal-Naquet (1930-2006)

(red) Pierre Emmanuel Vidal-Naquet (* 23. Juli 1930; † 29. Juli 2006) war ein französischer Althistoriker und politischer Sozialhistoriker (docteur ès lettres), der zuletzt an der École des Hautes Études en Sciences Sociales lehrte. In atlantologischen und am Atlantis-Problem interessierten Kreisen machte er sich als durchaus profunder, aber keineswegs unumstrittener [1], Atlantologie-Historiker und -Kritiker einen Namen.

Zu den prägendenden Jugenderfahrungen Vidal-Naquets, der als Kind einer jüdischen Familie aus dem Bürgertum in Paris zur Welt gekommen war, gehörte die Ermordung seiner Eltern durch die Nazis. Im Juni 1940 war die Familie nach Marseille geflohen, und der junge Pierre besuchte dort das Périer Gymnasium, während sein Vater, ein Rechtsanwalt, in der Resistance aktiv war. Am 15. Mai 1944 wurde dieser mit seiner Frau von der Gestapo verhaftet und in das KZ Auschwitz verschleppt, wo sie später umkamen. Ihr damals 14jähriger Sohn entging der Festnahme und konnte sich bis zum Kriegsende im Haus seiner Großmutter in der Drôme verstecken. Zeit seines Lebens setzte er sich später gegen staatliche Willkür in jeder Form zur Wehr, und wurde zu einem unermüdlichen Streiter für die Menschenrechte.

Im Nachkriegs-Frankreich heiratete P. Vidal-Naquet 1952 Geneviève Railhac (mit der er drei Söhne - Denis, Jacques und Vincent - haben sollte), und absolvierte ein Studium der Geschichtswissenschaften, das er 1953 mit einer Diplom-Arbeit über Platons Geschichtsverständnis abschloss. Danach spezialisierte sich auf die Historie des Griechischen Altertums sowie auf Zeitgeschichte. Zwischen 1955 und 1956 war er vorübergehend als Gymnasiallehrer in Orleans tätig, bevor er in den Bereich von Forschung und Lehre an der Universität Caen wechselte, wo er von 1956 bis 1960 einen Lehrstuhl innehatte.

Abb 2 Das Frontcover der Originalausgabe von P. Vidal-Naquets "L'Atlantide - Petite histoire d'un mythe platonicien" (2005)

Zu seinen zentralen Interessen- und Forschungsgebieten gehörten die Exegese der platonischen Dialoge Timaios und Kritias, die auch Platons Atlantisbericht beinhalten, sowie die kultur- und wissenschafts-geschichtliche Betrachtung ihrer Rezeption. Dabei untersuchte er unter anderem auch das Verhältnis zwischen der Haltung von Religion und Aufklärung gegenüber dem Judentum und der jeweils davon abhängigen Interpretation der platonischen Atlantida. Er selbst betrachtete Atlantis als eine rein allegorisch zu verstehende Erfindung des Athener Staatsphilosophen.

Diese Auffassung vertrat er auch in seinem, 2005 als Teil seines Spätwerks erschienenen, Buch "L'Atlantide - Petite histoire d'un mythe platonicien" (Atlantis - Kleine Historie eines platonischen Mythos), das 2006 - in Vidal-Naquets Todesjahr - auch in deutscher Sprache unter dem Titel "Atlantis - Geschichte eines Traums" veröffentlicht wurde und heute bereits als eines der wenigen Standardwerke der Atlantologie-Historik gelten darf.

In der französischen Öffentlichkeit fand P. Vidal-Naquet vor allem durch sein politisches Engagement Aufmerksamkeit: Im Jahr 1960 gehörte er zu den Unterzeichnern des "Manifests der 121", einer Deklaration des Rechts auf Dienstpflichtverweigerung im Algerienkrieg (1954-1962), die in der Zeitschrift Vérité-Liberté erschien, und engagierte sich später bei der Aufarbeitung der französischen Verbrechen während dieses Kolonialkriegs. Außerdem wandte er sich auch gegen den Indochina-Krieg, die Diktatur der Obristen in Griechenland und gegen die Leugnung des Holocaust in Teilen der französischen Gesellschaft.

Noch 2003, mit 73 Jahren, beteiligt er sich an dem Aufruf "Une autre voix juive" ('Eine andere jüdische Stimme', in: 'Le Monde' vom 7. April 2003), in der zahlreiche Persönlichkeiten des jüdischen Lebens in Frankreich ihrer Solidarität mit dem palästinensischen Volk und ihrer Sympathie mit den Friedens-Aktivisten in Israel und Palästina Ausdruck verliehen, und er geißelte mit scharfen Worten die rassistische Politik des damaligen israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon.

Pierre Vidal-Naquet starb in der Nacht vom 28. auf den 29. Juli 2006 im Alter von 76 Jahren in Nizza an den Folgen einer Gehirnblutung. "P. Vidal-Naquet verband ein enormes Wissen mit der Fähigkeit, seine Forschungsgegenstände immer neu methodisch zu reflektieren. " Mit seinem Tod "hinterließ" er, wie es in einer Würdigung der Freien Universität Berlin hieß, "eine große Lücke in der Gemeinschaft der Historiker, insbesondere bei den jungen Forschern, für die er – bewußt, aber auch unbewußt – die Rolle eines Mentors spielte." [2]


Externum




Publikationen von Pierre Vidal-Naquet


Naquet Atlantis.jpg
Pierre Vidal-Naquet (†): Atlantis - Geschichte eines Traums. Aus dem Französischen von Annette Lallemand. Ersch. 2006, C.H.Beck; 188 S. mit 20 Abbildungen. Gebunden, 9,95 € inkl. MwSt. ISBN 978-3-406-54372-2

Verlagstext: "Der Mythos Atlantis lebt. Seit fast 2500 Jahren beschäftigt die Geschichte von dem versunkenen Reich die Menschen. Immer wieder wurde und wird Atlantis als Ort gesucht und als Idee beschworen. Pierre Vidal-Naquet beschreibt den Ursprung des Mythos und seinen Weg durch die Jahrhunderte. Immer noch wird nach Atlantis gesucht – und immer wieder gibt es Meldungen, daß es endlich gefunden sei. Doch kein Geograph hat Atlantis je lokalisiert. Es verdankt seine Existenz einzig und allein dem genialen Schöpfer Platon, der mit der Beschreibung des untergegangenen Kontinents um 355 vor unserer Zeitrechnung ein eindeutig politisches Ziel verfolgte, eine politische Sciencefiction, um im Vergleich zwischen Athen und Atlantis sein Bild der guten Staatsform deutlich werden zu lassen. Atlantis machte in der Folgezeit eine erstaunliche Karriere, kein anderer antiker Mythos hat eine solche Wirkung entfaltet. Dabei wandelte sich das Atlantis-Bild vom negativen zum positiven, es wurde im Gegensatz zum platonischen Entwurf zum zivilisatorischen Vorbild – allerdings für sehr unterschiedliche Gesellschaftsmodelle."

Englischsprachige Fassung:

  • Vidal-Naquet, Pierre und Lloyd, Janet: "The Atlantis story: a short history of Plato's myth", (University of Exeter Press) 2007

Außerdem:

  • "Gesellschaft und Wirtschaft im alten Griechenland", München 1984 (orig. 1972) ISBN 3-406-09457-0 (gemeinsam mit Michel Austin)

Sowie zwei autobiographische Werke:




Anmerkungen und Quellen

Verwendetes Material:

Fußnoten:

  1. Anmerkung: Zu Vidal-Naquets - in Hinsicht auf seine Behandlung des Themas 'Atlantis' - keineswegs immer vorbildlichem und sine ira et studio erfolgtem Umgang mit historischen Materialien siehe z.B. bei Atlantisforschung.de: Bernhard Beier, "Nicolas Fréret - Gegner oder Befürworter der Annahme eines (prä)historischen Atlantis?"; sowie: Derselbe, "Marsilio Ficino ...und die Wahrheiten in Platons Atlantisbericht"; des Weiteren: "Vincenzo Gioberti - Historisches Forscher- und Autorenportrait" (red); und: "Pierre Daniel Huet - Historisches Forscher- und Autorenportrait" (red)
  2. Quelle: Freie Universität Berlin (Fachbereich Philosophie und Geisteswissenschaften), "Tagung Pierre Vidal-Naquet: Engagement und Geschichte (08.02.2007)"

Bild-Quellen:

1) BRICABRAQUE - Histoire et géographie au lycée Braque d’Argenteuil par J. Blottiere
2) LES BELLES LETTRES.com, Pierre Vidal-Naquet: L'Atlantide - Petite histoire d'un mythe platonicien