Sarah Steiner: Matura mit Atlantis

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Wie ein konsensfähiger atlantologischer Befähigungsnachweis aussehen kann

(bb) ForscherInnen, die ohne akademische Grade und Titel auf dem Gebiet der Atlantologie tätig sind, wird allgemein der vorgehalten, sie könnten ihre fachliche Kompetenz nicht unter Beweis stellen, da es ihnen dazu an einem akzeptablen Befähigungs-Nachweis fehle. Jeder könne sich schließlich als Experte oder Expertin für Atlantisforschung ausgeben, und von daher sei keine klare Unterscheidung von "ernstzunehmender" empirischer Forschung, Hobby-Atlantologie oder auch Scharlatanerie möglich. Dieser Vorwurf ist im Grundsatz nicht ganz unberechtigt.

Abb. 1 Die Kantonsschule Zug in der Schweiz. Hier legte S. Steiner 2002 mit "Atlantis - Mythos oder Wirklichkeit - Eine physisch geographische Untersuchung" die erste bekannt gewordene atlantologische Matura-Arbeit vor.

Atlantologie ist nun einmal kein Schul- oder Studienfach, und eine ernsthafte und qualifizierte Betrachtung des Atlantis-Problems an Schulen und Universitäten ist nach wie vor höchst selten und damit eine bemerkenswerte Angelegenheit. Daher kann es kaum verwundern, dass wirklich fundiertes Wissen dazu eher selten vorzufinden ist, obwohl das Phänomen Atlantis im euro-amerikanischen Kulturkreis mehr denn je eine ungeheure Popularität genießt. Zwar wimmelt es - gerade im Internet - nur so von "Fachleuten" und "Experten", aber auch viele, die sich bereits für gestandene Atlantisforscher halten, müssen lange Gesichter machen, wenn man sie auffordert, einen Nachweis ihrer Befähigung anzutreten bzw. darzulegen, wie sie sich für ihre Atlantisforschungen qualifiziert haben.


Zur (grenz-) wissenschaftlichen und atlantologischen Qualität der Steinerschen Atlantida-Exegese

Sarah Steiner aus der Schweiz gehört zu den wenigen Ausnahmen, die damit kein Problem haben dürften. Sie erhielt mit ihrem Abschlusszeugnis am Gymnasium quasi eine offizielle "Lizenz zur Atlantisforschung" ausgehändigt: mit ihrer Matura- (Abitur-) Arbeit "Atlantis - Mythos oder Wirklichkeit - Eine physisch geographische Untersuchung" erwarb die junge Schweizerin im Jahr 2002 an der Kantonsschule Zug nämlich nicht nur den Nachweis zur Befähigung eines Universitätsstudiums, sondern sie legte auch aus atlantologischer Sicht eine bravouröse Reifeprüfung ab, mit der sie die Grenz-Gefilde der Hobby-Atlantisforschung erreicht und die Schwelle zur (grenz-)wissenschaftlichen Atlantologie betritt.

Vermutlich ist Frau Steiner sich der besonderen Bedeutung ihrer Matura-Arbeit für die moderne Atlantisforschung überhaupt nicht bewusst gewesen, als sie dieses Prüfungsthema wählte. Ihre Arbeit könnte sich nämlich als wesentlicher Anstoß zu einer, aus unserer Sicht längst überfälligen, Professionalisierungs-Debatte innerhalb der atlantologischen Gemeinde erweisen. Im Folgenden wollen wir uns daher etwas eingehender mit dieser "etwas anderen" Matura-Arbeit beschäftigen, die zwar keineswegs mit herausragenden oder revolutionären Forschungsergebnissen aufwartet, erstaunlicherweise aber diverse Merkmale didaktisch konzipierten Schulungsmaterials für Nachwuchs-AtlantologInnen aufweist - und in dieser Funktion könnte sie allerdings bahnbrechend sein.

Halten wir dazu zunächst fest: S. Steiners physisch-geographische Betrachtungen sind inhaltlich und strukturell so gestaltet, dass sie auch erfahrene Atlantologen mit langjähriger Forschungspraxis davon überzeugen, dass sich die Autorin alle Grundlagen angeignet hat, die zur empirischen Erforschung bzw. für tiefergehende und weiterführende Studien des Atlantis-Problems notwendig sind. Sie zeigen, dass ihre Verfasserin sowohl uber die notwendigen Grund-Kenntnisse des Ursprungs, als auch des Inhalts der Atlantida und ihrer historischen Hintergründe verfügt, und dass sie in der Lage ist, eine methodisch sinnvolle Struktur ihrer Atlantida-Exegese zu entwickeln bzw. umzusetzen. Damit erfüllen sie unserer Auffassung nach alle wesentlichen Kriterien, die an einen hypothetischen "Befähigungs-Nachweis" zur atlantologischen Forschung zu stellen sind.

Abb. 2 Der hellenische Philosph Platon hinterließ mit seinem Atlantisbericht eines der größten Rätsel der Menschheitsgeschichte, das bis heute nicht vollständig gelöst werden konnte.

Zunächst umreißt Steiner zufriedenstellend in wenigen Worten die besondere sozio-kulturelle Bedeutung des Atlantis-Problems, beschreibt und legitimiert damit ihren Forschungsgegenstand. Außerdem stellt sie kurz gefasst sowohl dar, w a r u m sie sich in ihren Betrachtungen mit dem Atlantis-Problem beschäftigt, als auch in welcher Form sie dies tut. Dieses Präliminarium ist nicht nur aus wissenschafts-theoretischer Sicht ein notwendiger Einstieg, da es zeigt, ob und wie die betreffende Arbeit und ihr Entstehungs-Prozess von der Verfasserin reflektiert wurde und in welchem Kontext ihre Betrachtungen zu verstehen sind.

Aus atlantologischer Sicht ist eine solche vorausgehende Klärung gerade aufgrund der häufig völlig diffusen (grenz-)wissenschafts-theoretischen, methodologischen und fachspezifisch-inhaltlichen Basis vorgelegter Exegese-Versuche dringend notwendig, um sich deutlich von vulgär-atlantistischen oder "pseudo-atlantologischen" [1] Publikationen abzuheben. Dies erscheint vor allem dann geboten, wenn, wie im vorliegenden Fall, eine Verifizierende - und Lokalisierende Exegese vorgenommen werden soll, mithin der am weitesten verbreitete Untersuchungs-Ansatz der Atlantida, den die übergroße Mehrheit der Laien, aber leider auch viele Forscher, nach wie vor als d e n methodischen Weg zur Interpretation der platonischen Dialoge schlechthin betrachten.

Dabei ist es u.a. für laienhafte Exegesen dieses Grund-Typs kennzeichnend, dass sie als Mittel der Beweisführung einer vorgefassten Meinung zur Atlantis-Lokalisierung verstanden werden, also zielführend auf ein bestimmtes Ergebnis hinarbeiten, das aus subjektiver Sicht bereits vor Beginn der Untersuchung festgestanden hat [2]. Im Gegensatz zu solchen, methodisch unzulässigen Ansätzen, muss eine atlantologische Exegese (mit grenzwissenschaftlichem Anspruch) dagegen der objektiven Klärung von Fakten und Sachverhalten dienen, nicht der Bestätigung einer Prämisse des Forschers oder der Forscherin.

Steiner führt dagegen in ihrer Arbeit, die "immer mit dem Ziel" vorgeht, "Atlantis irgendwo zu lokalisiereren", mustergültig ein Procedere vor, das dem Anspruch einer grenzwissenschaftlich-atlantologischen Exegese grundsätzlich gerecht wird. In diesem Zusammenhang soll vorweggenommen werden, dass sie im Ergebnis k e i n e exakte Lokalität (vergl. etwa Karthago, Troja, Helike, Gavrinis etc.) identifiziert, sondern "nur" einen in Frage kommenden Großraum isoliert und im als Untersuchungsergebnis präsentiert. Diese - nur scheinbare - Ungenauigkeit des Ergebnisses zeugt tatsächlich ebenfalls von der Seriosität der Untersuchung, da auf der Basis der ihr zur Verfügung stehenden Sekundär-Literatur, ihres fachlichen (atlantologischen) Instrumentariums [3] sowie im Kontext von Steiners Aufgabenstellung und spezifischer Argumentation schlichtweg keine präziseren Resultate möglich sind.

Selbst, wenn wir voraussetzen müssen, dass Frau Steiner andere Ansatz-Möglichkeiten atlantologischer Exegese nicht bekannt waren als sie ihre Arbeit konzeptionell und strukturell angelegt hat, ist ihre Wahl der Lokalisierende Exegese in jedem Fall korrekt, da sie im Rahmen ihrer Matura eine explizit physisch-geographische Untersuchung vorzunehmen hatte.


Die Struktur der Steinerschen Exegese

Kommen wir nun zur Struktur von Sarah Steiners Exegese, die ihre physisch-geographischen Betrachtungen in zwei Haupt-Komplexe gegliedert hat. Die Autorin selber, die ihre Arbeit natürlich im schulisch-lebensweltlichen Kontext betrachtet und am Definitionsrahmen ihres Prüfungsfachs ausgerichtet hat, stellt die zweigliedrige Struktur ihrer Ausführungen, wie folgt, vor: "Die vorliegende Arbeit ist in zwei Teile unterteilt. Zum einen in einen theoretischen Teil, in dem ich alle Hintergrundinformationen zu Atlantis aufliste. Dazu gehören der Ursprung der Atlantislegende, die Legende selber, Beweise und Kritik an der Legende und die Gegenüberstellung verschiedener Theorien von Forschern.

Abb. 3 "OMNIA DIVINI PLATONIS OPERA". Lateinische Übersetzung der Atlantida von Marsilio Ficino. Libros del Timaeus y el Critias (s. XV)

In einem zweiten praktischen Teil betrachte ich die Atlantiserzählung unter physisch-geografischen Aspekten. Dabei untersuche ich die sechs Komponenten: Standort, Zeit, Beschaffenheit, Pflanzen und Tiere, Klima und Untergang, wobei ich mich auf Platons Aussagen im Atlantistext beziehe und diese anhand von geologischen und physischen Tatsachen kritisch hinterfrage. Natürlich immer mit dem Ziel Atlantis irgendwo zu lokalisieren." Aus atlantologischer Sicht kann und sollte die hier vorgestellte Gliederung der Arbeit natürlich auch unter fachlichen Kriterien betrachtet werden, wobei Steiners Klassifizierung eines theoretischen und eines praktischen Teils nur bedingt aufrecht erhalten werden kann.

So enthält der erste Teil ("Atlantis - Der Mythos") [4] eine "Kern-Exegese", also Inhaltsangabe und Reflexion der Entstehungsbedingungen sowie (rudimentäre) biographische Fakten zu den Autoren (siehe dazu auch: Biographische Atlantida-Exegese). Das heißt, es werden dort ("Der Atlantisbericht und sein Ursprung"; 2.1) alle Bereiche behandelt, die direkt mit dem Text des Atlantis-Berichts, mit Solon und Platon sowie mit den Umständen zu tun haben, unter denen die Atlantida entstanden ist. Zudem stellt die Autorin bereits hier ("Beweise [5] für die Existenz von Atlantis"; 2.2) eine multidisziplinäre Argumentation für die Historizität des Atlantisberichts vor (siehe dazu auch: Verifizierende Exegese), in der sie Evidenzen aus den Bereichen der Linguistik/Etymologie ("Sprache und Schrift"; 2.2.1), Anthropologie/Medizin ("Blutgruppen und Gene"; 2.2.2), Kulturgeschichte ("Architektur, Kunst und Wissenschaft"; 2.2.3), Mythologie ("Flutlegenden"; 2.2.5) und Zoologie/Historische Zoo-Geographie [6] ("Biologie"; 2.2.6) zusammenstellt.

Zu den Verifikations-Aspekten, die Steiner schon im ersten Teil ihrer Arbeit abhandelt, gehört auch die Vorstellung der "Fiktionalitäts-These" (= Atlantis hat nie real existiert), wobei keine explizite Auseinandersetzung zur Klassifizierung und Bewertung der von ihr genannten Vertreter dieser Annahme (Ripota/1993, Rodlmay/2002, Hamilton-Paterson/2002 sowie im Appendix Burchard Brentjes/1993) erfolgt ("Kritik"; 2.3). Außerdem integriert sie in diesen Bereich ihrer Untersuchung bereits den Ansatz einer Vergleichenden Exegese, in der sie sich mit verschiedenen, allgemein bekannten, Atlantis-Lokalisierungen beschäftigt ("Einige Atlantistheorien"; 2.4).

Im zweiten Teil ihrer Betrachtungen erfolgt eine Korrelation explizit atlantologischer und naturwissenschaftlicher Aussagen und Argumente. So betrachtet sie hier zunachst die 'Standort-Frage' ("Der Standort"; 3.1) eines 'Atlantis im Atlantik', wobei sie Platons Angaben mit den geographischen und geologischen Befunden zum Atlantikraum vergleicht. Es folgen eine Betrachtung zur temporalen Lokalisierung von Atlantis ("Die Zeit"; 3.2) unter besonderer Berücksichtigung der endglazialen Umwälzungen, eine geologisch/topographische Betrachtung zur Identifikation des Insel-Typs, den Atlantis gegebenenfalls repräsentiert haben muss ("Die Beschaffenheit"; 3.3) sowie der Versuch einer (biologischen) Identifikation von Atlantis anhand seiner von Platon beschriebenen Fauna und Flora. ("Pflanzen und Tiere"; 3.4)

Abb. 4 Zur Klärung möglicher Ursachen des Untergangs von Atlantis beschäftigt S. Steiner sich in ihren Betrachtungen auch mit Erdbeben, meteorischen Impakten und Vulkanausbrüchen (Bild: Ein Ausbruch des Stromboli)

Außerdem setzt sie sich mit den klimatischen Bedingungen im Atlantik-Raum und auf Atlantis auseinander ("Klima"; 3.4), um abschließend Überlegungen zum Untergang des vermuteten Vorzeit-Reichs ("Untergang"; 3.6) anzustellen, wobei sie Erdbeben, Vulkanausbrüche (Abb. 4) und vor allem meteorische Impakte als mögliche Ursachen der Katastrophe ins Auge fasst und in ihren Auswirkungen betrachtet.

Interessant sind zudem die Schlussfolgerungen der Exegetin, mit denen wir uns hier auch noch beschäftigen müssen. In aller Bescheidenheit legt Steiner hier ein Ergebnis vor, das de facto keineswegs "reine Spekulation" ist, wie sie selber kommentiert, sondern eine auf empirischer Grundlage erstellte, komplexe (Hypo-)These (im atlantologischen Sprachgebrauch eine - grundsätzlich falsifizierbare - "Theorie") zum Atlantis-Problem, zu deren Bestätigung oder Widerlegung natürlich weitere Forschungen nötig sind.

Da Steiner die Ergebnisse ihrer Betrachtungen nicht systematisiert vorstellt, fassen wir sie hier hier noch einmal 'sortiert' zusammen. Beginnen wir mit den Konsequenzen, die sie aus dem ersten Teil ihrer Arbeit (der "Kern-Exegese") zieht:

1) Die Lösung des Atlantis-Problems ist möglich [ergibt sich aus dem Kontext ihrer Betrachtungen].

2) Die (vollständige) Lösung des Atlantis-Problems ist bis heute nicht gelungen.

3) Die Fiktivitäts-These ist wenig glaubwürdig = Es muss von einem historischen (realen) Hintergrund der Erzählung ausgegangen werden.

4) Der Inhalt der Atlantida ist interpretationsbedürftig (unklarer Wahrheitsgehalt), wobei die Isolierung historischer und fiktiver Komponenten problematisch ist.

Abb. 5 Das Ergebnis einer Atlantida-Exegese hängt von vielen Faktoren ab. Einer davon ist die paradigmatische Grundlage, auf der sie erfolgt. So ist für einen Anhänger des Lyellschen "Aktualismus" die Vorstellung absurd, eine Große Landmasse könne innerhalb von 24 Stunden im Meer versinken. Mit dieser - vermutlich unrichtigen - Prämisse arbeitet auch S. Steiner. (Bild: Charles Lyell)

Damit hat S. Steiner fast alle wesentlichen, konsensualen Ergebnisse der empirischen Atlantisforschung sauber herausgebeitet, deren Kenntniss man für weitergehende Forschungen vorauszusetzen hat; man könnte auch sagen, dass sie sich somit eigenständig den seinerzeitigen atlantologischen Forschungs-Stand erschlossen und eine empirisch tragfähige Basis für zusätzliche Studien und Forschungen geschaffen hat.

Aus dem zweiten Teil der Steiner´schen Betrachtungen ergeben sich dann zusätzlich noch einige spezifische Ergebnisse, die innerhalb der empirischen Atlantisforschung als diskussionswürdig gelten, aber größtenteils n i c h t konsensfähig sind, sondern weitgehend auf einer bestimmten paradigmatischen Grundlage beruhen (in diesem Fall vor allem die Paradigmen der lyellistischen Geologie):

1) Der Atlantisbericht basiert vermutlich auf frühen Seefahrer-Berichten.

2) Atlantis hat nicht in der Form eines Kleinkontinents im Atlantik existiert.

3) Atlantis kann in der von Platon beschriebenen Form nicht innerhalb "eines schlimmen Tages und einer schlimmen Nacht" untergegangen sein.

4) Die Möglichkeit der Existenz einer endglazialen Hochkultur darf nicht ausgeschlossen werden.

5) Die Schilderung des Untergangs von Atlantis könnte als Ausschmückung historischer Tatsachen auch einen fiktiven Charakter haben.

6) Die vermutliche geographische Position von Atlantis befindet sich in der Karibik.

Bei unserer Zusammenstellung von Steiners Arbeits-Ergebnissen dürfen wir abschließend noch eine atlantologie-philosophische Erkenntnis nicht vergessen, mit der sie den definitiven Beweis dafür antritt, dass sie tatsächlich eine empirische F o r s c h e r i n ist und nicht zum Kreis der 'Atlantis-Gläubigen', 'Esoterik-Freaks' und 'Lokalisierer' gehört. Sie stellt nämlich unzweideutig klar, dass sie sich nicht im Besitz einer absoluten Wahrheit wähnt, sondern lediglich "eine von vielen Möglichkeiten Atlantis zu lokalisieren" anbieten kann.


Steiners Arbeit - eine atlantologische Kritik

Wie wir bereits festgestellt haben liegt die besondere Bedeutung von S. Steiners Atlantida-Exegese nicht darin, dass durch sie neue, bahnbrechende Erkenntnisse gewonnen, oder argumentative Innovationen in den atlantologischen Diskurs eingeführt werden. Sie kann jedoch als ausgezeichnetes Beispiel dafür gelten, wie eine formal und methodisch korrekte 'Einsteiger-Exese' des Atlantisberichts aussehen sollte, welche Grenzen einer Untersuchung auf dieser Ebene gesetzt sind, bzw. welche Ergebnisse auf Grundlage der Atlantida, eines guten Allgemeinwissens und einer beschränkten Auswahl an schulwissenschaftlicher und atlantologischer Fachliteratur erzielt werden können.

Abb. 6 In Steiners Exegese finden einige wesentliche Argumente der modernen Atlantologie keine Berücksichtigung. Sie enthält z.B. keinen Hinweis auf den Nachweis der historischen Existenz von Platons "Ur-Athen" bei Ausgrabungen an der Akropolis in Athen (Bild).

Dass die Exegetin nur über fragmentarisches Wissen zum aktuellen Stand internationaler, atlantologischer Forschungsarbeit verfügt und somit wesentliche Erkenntnisse oder (Hypo-) Thesen nicht aufgreift, kann ihr nicht zum Vorwurf gemacht werden. Die Ursache dafür liegt nicht in einem oberflächlichen oder selektiven Umgang mit dem existierenden Material, sondern in der Tatsache begründet, dass es nach wie vor fast unmöglich ist, sich einen mehr oder weniger vollständigen atlantologie-historischen Überblick uber die Entwicklung und Stand der Forschung zu verschaffen, da es auf diesem Gebiet (jedenfalls im deutschsprachigen Raum) keinerlei oganisierte oder institutionalisierte Forschungs-Strukturen gibt.

Wie gesagt: Die vorliegenden Betrachtungen haben qualitativ den definitiven Grenzbereich zwischen "laienhafter" und "professioneller" Atlantisforschung erreicht und stellen aus unserer Sicht als einführende Diskussion der Atlantida einen Nachweis für die Befähigung der Autorin zur atlantologischen Forschung dar; als Forschungs-Arbeit im eigentlichen Sinn sind sie allerdings nur bedingt zu verstehen (und waren so auch nicht beabsichtigt). So verfolgt Steiner beispielsweise im Bereich der Kern-Exegese nicht den trilogischen Zusammenhang der Dialoge Timaios, Kritias und Nomoi als erd- und menschheits-geschichtliches Gesamtwerk ("Hermokrates") nach, obwohl sie ihn kurz im Text erwähnt; sie erbringt auch keinen evidenten Nachweis für die Historizität einelner Teil-Aussagen, obwohl dies beim damaligen (2002) Forschungs-Stand bereits möglich war. [7]

Zu den "lässlichen Sünden" der Autorin gehört die Tatsache, dass sie Zitate aus dem Atlantisbericht nicht Gesamt-Ausgaben der Dialoge Timaios und Kritias, sondern der Sekundär-Literatur (in diesem Fall von Charles Berlitz) entnimmt. Die von Berlitz verwendeten Zitate sind zwar (auch in der deutschen Übersetzung) durchaus akzeptabel; allerdings präsentiert der bekannte Atlantis-Autor in seinen Publikationen ausnahmslos nur solche Text-Auszüge, die in direktem Zusammenhang mit der Atlantis-Überlieferung stehen. Wer lediglich mit diesem selektierten Material arbeitet, kann die Konzeption, wesentliche Gesamtzusammenhänge (wie den erwähnten trilogischen Charakter) der Dialoge sowie den philosphischen Rahmen des Atlantis-Komplexes zwangsläufig nicht näher untersuchen.

Natürlich weist S. Steiners Untersuchung daneben auch kleine fachliche Mängel auf, die ohne intensive atlantologische Studien und Forschungs-Kontakte ebenfalls fast zwangsläufig auftreten müssen. So zeigen ihre Betrachtungen z.B. eine auffällige und unnötige Indifferenz bezüglich der temporalen Lokalisierung (Wann hat Atlantis existiert?). Während sie zu Beginn ihrer Betrachtungen noch die grundsätzliche Möglichkeit eines paläolithischen Ursprungs der Atlantis-Legende untersucht, spricht sie später in ihren Schlussfolgerungen - ohne Erklärung dieses 'Zeitsprungs' von etwa 9000 Jahren - von "antiken Seefahrern", die bis in den karibischen Raum vorgestoßen sein könnten, um dann die Kunde von einem paradiesischen Land zu den Hellenen zu tragen, die von Platon schließlich in seinem Atlantisbericht verarbeitet wurden.

Abb. 7 Steiners Lokalisierung des Atlanterreichs im Großraum der heutigen Karibik erfolgt auf Grundlage einer empirischen Auswertung aller Daten, die der Autorin für ihre Exegese zur Verfügung standen - und ist somit keine "wilde Spekulation".

Diese Diskrepanz läßt sich vermutlich auf den Umstand zurückführen, dass S. Steiner 2002 zwar bereits erkannt hat, dass die Atlantida keinen durchgängig historischen Charakter, d.h. einen uneinheitlichen Wahrheitsgehalt ihrer Teil-Aussagen, aufweist, daraus aber noch nicht vor dem Hintergrund einer Inhaltlich-Strukturellen Exegese und stützender Evidenzen zwingende Schlüsse zur chronologischen Datierung der Teil-Aussagen zu ziehen vermag. Eine Vergleichende Exegese bezüglich bisheriger Lokalisierungen (die ebenfalls eine hohe Fachkompetenz und atlantologie-historische Kenntnisse voraussetzt) findet ebenfalls nur im Ansatz statt, in Form einer durchaus repräsentativen Kurz-Vorstellung unterschiedlicher Lokalisierungs-Theorien. Gleiches gilt für die Reflexion der von "Atlantis-Verneinern" vertretenen Positionen.

Diese Vorgehensweise ist im übrigen für junge ForscherInnen durchaus respektabel und sogar empfehlenswert, da sie in jedem Fall einer inkompetent und mangelhaft vorgenommenen Diskussion der betreffenden Fallbeispiele vorzuziehen ist. In Anbetracht des Charakters von Steiners Betrachtungen im Rahmen einer Matura-Arbeit sowie aufgrund ihrer thematischen Konzentration auf die klassische Atlantis-Lokalisierung im atlantischen Großraum erscheint eine derartige Kurz-Präsentation übrigens völlig ausreichend.


Schlussbemerkung

Wie wir zu zeigen versucht haben, hat Sarah Steiners Matura-Arbeit den Charakter eines atlantologischen "Gesellenstücks", das ihre Qualifikation für grenzwissenschaftliche Forschungsarbeit auf diesem weitgesteckten Forschungsfeld unter Beweis stellt. In diesem Sinne können ihre Betrachtungen auch als ausgezeichnetes Schulungs-Material für "Anfänger" oder weniger erfahrene Atlantisforscher verstanden werden, die nach einem Vergleichs-Maßstab zur Beurteilung der eigenen Kompetenz suchen. Auch für interessierte Laien, die sich eine Vorstellung von seriöser Atlantisforschung, ihren Möglichkeiten und Grenzen machen wollen, stellt Steiners kompakte Abhandlung eine ausgezeichnete Möglichkeit dar, sich der Atlantida und ihrer empirische Erforschung zu nähern.

Abschließend möchten wir nun noch unserer Hoffnung Ausdruck verleihen, dass Steiners Arbeit sich in dreierlei Hinsicht fruchtbar auswirken möge. Erstens würden wir uns wünschen, dass ihr Beispiel viele weitere MaturantInnen und AbiturientInnen, aber auch PädagogInnen, zu derartigen "atlantologischen" Prüfungs-Aufgaben und -Arbeiten in diversen Schulfächern inspiriert.

Zweitens wären wir mehr als froh darüber, wenn diese Arbeit verstärkt auch Frauen für eine grenzwissenschaftliche, empirische Erforschung des Atlantis-Problems interessieren würde. Obwohl große Atlantisforscherinnen, wie die Archäologin Elena Maria Wishaw oder Maxine Asher Atlantologie-Geschichte geschrieben haben, sind Atlantologinnen in einer seit jeher von Männern dominierten Forscher-Szene bisher leider eine Ausnahme-Erscheinung geblieben.

Und last, but not least, können wir im Interesse der rationalen Atlantisforschung nur hoffen, dass die Atlantologic community im deutschsprachigen Raum die Zeichen der Zeit erkennt und Sarah Steiners Betrachtungen als Anregung für eine dringend notwendige und längst überfällige Diskussion theoretischer Grundlagen der Alternativ-Historik und Atlantologie begreift. Eine studierenswerte Orientierungshilfe für junge ForscherInnen, die sich über die Grenzen (z.T.) laienhafter Hobby-Atlantologie hinaus weiterentwickeln wollen, stellen sie mit Sicherheit dar.



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Anmerkungen und Quellen

Sarah Steiners Arbeit "Atlantis - Mythos oder Wirklichkeit - Eine physisch geographische Untersuchung" haben wir vor einiger Zeit im Internet auf der Seite MATURAARBEITEN (unter http://ma.kanti-zug.ch/) der Kantonsschule Zug entdeckt [8], wo sie inzwischen leiden nicht mehr zu finden ist.

Fußnoten:

  1. Anmerkung: Wir benutzen diesen Begriff mit aller Vorsicht in Anlehnung an die "Verbal-Keule" namens "Pseudowissenschaft", deren ideologische Anwendung in aller Regel wenig über die tatsächliche Qualität der kritisierten Forschungen oder Ergebnisse aussagt. Unter "pseudo-atlantologisch" verstehen wir hier explizit solche Aussagen oder Aussage-Komplexe, die sich den Anschein (grenz-) wissenschaftlicher Atlantisforschung geben, tatsächlich jedoch n a c h w e i s l i c h dem Bereich des vulgären oder esoterischen Atlantismus zuzuordnen sind (siehe dazu beispielsweise: Die "ganzheitliche Atlantisforschung" des Prof. Heinz Kaminski)
  2. Anmerkung: Dieses Phänomen findet sich keineswegs nur bei sogenannten Laienforschern, denen häufig mangelnde Kenntnis des "Wissenschafts-Spiels" vorgeworfen wird, sondern gerade auch bei akademischen Atlantis-Forschern mit universitärer Bildung und Forschungs-Erfahrung - die eine solche Vorgehensweise allerdings meistens besser zu verbergen wissen, da sie sich der wissenschafts-theoretischen Problematik durchaus bewusst sind.
  3. Anmerkung: Unter dem Begriff "atlantologischen Instrumentarium" lassen sich sowohl theoretische Grundlagen, Kenntnisse, Techniken und Methoden als auch unterstützende, Wissen produzierende Systeme (z.B. "Hilfswissenschaften") zusammenfassen.
  4. Anmerkung: Der Begriff "Mythos" wird von Sarah Steiner leider unhinterfragt verwendet. Dies kann für AtlantisforscherInnen insofern problematisch werden, dass im Bereich der (Grenz-) Wissenschaften höchst unterschiedliche Auslegungen dieses Ausdrucks und der abgeleiteten Form "Mythologie" Verwendung finden. So unterscheidet sich z.B. die mythologische Exegese im Bereich der Alternativ-Historik durch ihren euhemeristischen Charakter (siehe Stichwort: Euhemerismus) stark von vergleichbaren Untersuchungen im Bereich der Theologie oder Geschichtsforschung.
  5. Anmerkung: Terminologisch wäre hier eher der Begriff "Indizien" gerechtfertigt.
  6. Anmerkung: Zur Historischen Zoo-Geographie als "Hilfswissenschaft" der Atlantisforschung siehe: Spurensuche im Mittelmeerraum - Historische Zoo-Geographie im Einsatz
  7. Siehe z.B.: A. Hausmann, ATLANTIS - DIE VERSUNKENE WIEGE DER KULTUREN, Aachen, 2000
  8. Siehe: Atlantis - Mythos oder Wirklichkeit Eine physisch-geographische Untersuchung (PDF-Datei: 1,90 MB) - Maturaarbeit von Sarah Steiner ©, Kantonsschule Zug - Geografie, Christian Steiger, Baar, Oktober 2002 (nicht mehr online)

Bild-Quellen:

1) http://images.google.de/imgres?imgurl=http://www.zug.ch/kantonsschule/images/13_00_i.jpg&imgrefurl=http://www.zug.ch/kantonsschule/13_00_i.htm&h=276&w=368&sz=20&tbnid=WWfgo-QgvIcJ:&tbnh=88&tbnw=117&start=2&prev=/images%3Fq%3DKantonsschule%2BZug%26hl%3Dde%26lr%3D%26sa%3DN (nicht mehr online)
2) http://supervielle.univers.free.fr/platon.jpg
3) http://usuarios.lycos.es/atlantisbook/atlantis_book.htm (nicht mehr online):
4) http://www.educeth.ch/stromboli/perm/vesuv/icons/lavastrom.jpg (nicht mehr online)
5) http://www.victorianweb.org/science/lyell.gif
6) http://www.latein-pagina.de/iexplorer/turkey/griech/griech.htm
7) http://www.schepart.ch/mho/Weltreise/Karibik.jpg (nicht mehr online)