Señor Kon-Tiki - Teil 10

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Atlantis

von Andreas Delor

Nur konsequent ist es, wenn Señor Kon-Tiki, der sich so eigensinnig an den Mythos vieler verschiedener Völker gehängt hat – z.B. den von Amerikas "weißen, bärtigen Männern" –, auf der gleichen mythischen Spur noch weiter zurückgeht und dabei fast automatisch auf den rätselvollen Inselkontinent Atlantis stößt, wenngleich er, sehr wohl um die Fallstricke dieser Thematik wissend, hier nie mehr als vage, flüchtige Ahnungen äußert. [1] Offenbar kann er selber erst relativ spät, in den Siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts, in seinem Buch „Tigris“ (München 1979) formulieren, dass sein Lebenswerk konsequent auf die Suche nach Atlantis (Abb. 1) hinausläuft. [2]

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Abb. 1 Platons sagenhaftes Atlantis beschäftigte auch Thor Heyerdahl in reiferem Alter.

In den weltweiten Sintflutsagen – fast jedes Volk der Erde bewahrt seine eigene Version davon – scheint sich immerhin eine gemeinsam erlebte grauenhafte Naturkatastrophe ins kollektive Unterbewusstsein der Menschheit eingegraben zu haben; geht man danach, erscheint eine gewaltige Überflutung so gut wie sicher. Oft, wenn auch nicht immer, ist in diesen Sagen auch von untergegangenen Inseln die Rede.

Mir erschien (trotz der leichten Widerlegbarkeit seiner konkreten Atlantis-Vermutungen) Señor Kon-Tikis Weg nach Atlantis – von der Osterinsel rückwärtsgehend über Süd- und Mittelamerika und die zyklopischen Mittelmeer-Völker zu den weltweiten uralten schwimmenden Schilfinsel-Kulturen (Abb. 3) [3], die Heyerdahl ab einem bestimmten Punkt nicht mehr losließen – ganz einmalig und besonders; im Nachhinein gesehen auch gegenüber nicht wenigen Atlantis-Theoretikern, denen offenbar jegliches wissenschaftliche Gewissen und jeglicher Realitätssinn abhanden gekommen zu sein scheint.

Abb. 2 Das Thema Sintflut taucht in Überlieferungen fast aller alten Völker der Welt auf - ein Faktum, das auch Thor Heyerdahl nicht entgangen ist.

Die Mythen der Völker – einschließlich der Atlantis-Sage – sind Ausdruck ungeheurer Spiritualität, die das gesamte Leben dieser Völker bis in alle Einzelheiten bestimmt. Für die heutige Auffassung darf allerdings Spiritualität kein Hauptantrieb für Kulturleistungen sein; umso schlimmer für die alten Völker – und heutigen Naturvölker –, wenn sie sich nicht nach dieser Maxime richten. Die Ethnologie könnte mit der heute noch – und wieder! – zu beobachtenden starken Hellsichtigkeit und Magie bei Naturvölkern einen absolut passenden Schlüssel für die Phänomene der Vergangenheit liefern, würde sie nicht die Augen gewaltsam davor zudrücken. Selbst das schiere Überleben (einschließlich vieler Heilungen) ist bei Naturvölkern ohne innige magische Verbindung zu Göttern, Ahnen und Naturgeistern nicht möglich. Alle Naturvölker und alten Kulturvölker atmen Religion, atmen Spiritualität in einer Inbrunst, wie sie heute sogar in Indien und Tibet nur noch in Nachklängen zu finden ist.

Man fragt sich, wo Archäologen und Ethnologen ihre Augen haben, wenn sie die Kulturleistungen der alten Völker ausschließlich auf materielle Lebensbedingungen zurückführt: als Produkt der natürlichen Umwelt, der Bevölkerungszunahme durch die Landwirtschaft, der Technologie, sozialen Organisation, des Handels usw. ansieht, auch wenn das ökonomisch völlig sinnlose Erstellen von Pyramiden, Tempeln oder megalithischen Steinsetzungen, für die sich ganze Völker jahrzehnte- und jahrhundertelang geschunden haben, eine ganz andere Sprache spricht. Kann denn etwas anderes als eine heute unvorstellbare spirituelle Inbrunst Pyramiden auftürmen und eine ausschließlich religiös und magisch durchglühte Kunst hervorbringen?

Abb. 2 Eine Schilfinsel auf dem Titicacasee. Schon vor Jahrtausenden bewohnten Menschen künstliche schwimmende Inseln, z.B. im Gebiet des heutigen Irak und auch jenseits des Atlantischen Ozeans, in Südamerika. Diese uralte Lebensweise wird sogar heute noch praktiziert, wie obiges Foto zeigt.

Es hat, glaube ich, nicht das Geringste mit Unwissenschaftlichkeit zu tun, wenn man versucht, sich zum Verständnis einer Sache – in diesem Falle von Naturvölkern und alten Kulturen – einmal ganz auf deren eigenen, magisch/spirituellen Standpunkt zu stellen (in welchem die Bewusstseinsstufe von Atlantis fortlebt); ich fürchte irgendwie, dass kein fremder Standpunkt von außen seinem Objekt auch nur entfernt gerecht zu werden vermag. Damit denke ich eine wesentlich realistischere Weltsicht einzunehmen als die ängstliche Ablehnung alles Andersartigen (worin unsere gesamten Vorurteile, sprich der Rassismus diesen Völkern gegenüber ungebrochen fortlebt), welche im heutigen Wissenschaftsbetrieb quasi vorgeschrieben ist.

Diese Worte richten sich dezidiert gegen die gerade gegenüber Heyerdahl und anderen in den Siebziger Jahren aufgekommene archäologische Modeströmung, welche die Maxime aufstellte, Religion, Kunst und Kultur der alten Völker seien zu vernachlässigendes Beiwerk; worauf es ankomme, seien die ökonomischen und materiellen Grundlagen der Völker, die würden alles erklären. Ich erlebe dies als moderne scheinwissenschaftliche Fortsetzung des Kolonialismus, welche bestrebt ist, die geistige Substanz und Identität dieser Völker – das, was ihnen am Allerwichtigsten ist – restlos auszulöschen, betrieben von den Nachkommen derer, welche damals ihre physische Existenz zu neun Zehnteln auf bestialische Art ausgelöscht haben.

Bezüglich indigener Spiritualität konstatiere ich, dass auch Señor Kon-Tiki wie so viele Wissenschaftler in einem schier unlösbaren Konflikt steht zwischen eigener spiritueller Suche – die ihn auch zu seinen Grenz-Erfahrungen in lebensgefährlichen Ozean-Überquerungen führt – und wissenschaftlicher Vorsicht. Dass bei ihm, der immer exakt denkender Wissenschaftler geblieben ist, die spirituelle Suche etwas mehr durchscheint als bei anderen, hat ihm auf der einen Seite das Aufhorchen der Weltöffentlichkeit beschert, auf der anderen Seite die unversöhnliche Feindschaft der akademischen Fachwelt.

Ich möchte im Folgenden ein Lebensbild Thor Heyerdahls skizzieren, welches deutlicher als alles andere auch seine „Theorie“ (ich würde eigentlich lieber „Anschauung“ sagen, weil sich diese als viel Realitäts-gesättigter darstellt, als der Ausdruck „Theorie“ vermuten lässt) verdeutlichen kann:


Fortsetzung: „„Kon-Tiki““ (Señor Kon-Tiki - Teil 11)

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Anmerkungen und Quellen

Fußnote:

  1. Red. Anmerkung: Zu diesem Thema ist auch der ausführliche Beitrag "Thor Heyerdahl und das Atlantisproblem" (bb) in Vorbereitung.
  2. Red. Anmerkung: In ähnlicher Weise wie in "Tigris" befasste Thor Heyerdahl sich auch in seinem Werk "Early Man and the Ocean" am Rande seiner kulturgeschichtlichen und diffusionistischen Überlegungen mit dem Atlantis-Problem.
  3. Red. Anmerkung: Zu solchen künstlichen Schilfinseln und ihren Bewohnen in Bolivien u. Peru siehe online einführend auch: "Uros treibende Schilfinseln" (Active Peru), sowie den Video-Reisebericht von Manfred Walther: "Die Schilfinseln der Uros"; zu dieser Lebensweise im Irak: Marsch-Araber bei Wikipedia - Die freie Enzyklopädie

Bild-Quellen:

1) Bildarchiv 'Atlantisforschung.de
2) Stich von Johann Ulrich Krauß, 1690; nach: Hans-Jürgen Günther, OVIDS METAMORPHOSEN, BUCH I - reichhaltig mit Werken aus der Kunstgeschichte illustriert, bei: Latein-pagina.de
3) Geo Swan bei Wikimedia Commons, unter File:Reed Islands of Lake Titicaca.jpg (Bildbearbeitung durch Atlantisforschung.de)