Spartel

Eine 'versunkene' Insel in der Straße von Gibraltar

(red) Spartel (Abb. 1), auch Majuán Bank oder Spartel Bank genannt, ist, wie es bei der englischsprachigen Wikipedia heißt, "eine überflutete ehemalige Insel in der Straße von Gibraltar in der Nähe von Kap Spartel und der Spartel Sill. Ihr höchster Punkt liegt derzeit 56 Meter unter der [Meeres-]Oberfläche. Die Spartel Bank ist einer der mehreren Seamounts im Bett der Straße von Gibraltar. Ähnliche, aber tiefer liegende Seamounts befinden sich in Camarinal Sill und weiter östlich. Dies sind Erdrutschblöcke, die vom Nordufer der Straße von Gibraltar nach Süden rutschten, als die Straße gebildet wurde, möglicherweise aufgrund von Erosion durch einströmendes Wasser der Zancleanischen Flut. [1]. Sie verschwand vor ungefähr 12.000 Jahren unter der Oberfläche [der See], weil der Meeresspiegel durch die abschmelzenden Eiskappen nach dem jüngsten glazialen Maximum anstieg." [2] [3] [4]

Abb. 1 Eine Karte zur end- und postglazialen Topographie des Großraums westlich der 'Säulen des Herakles' mit der Position der überfluteten Insel Spartel

Vermutlich hätte kaum jemand die vormalige Existenz dieses versunkene Eilands zur Kenntnis genommen, wäre nicht der französische Anthropologe Dr. Jacques Collina-Girard, der bereits im Jahr 2001 öffentlich die an sich wenig spektakuläre Annahme vertrat, das historisch-geographische Vorbild für Platons legendäres Atlantis sei vor der Straße von Gibraltar zu suchen [5], später mit der gewagten Hypothese vorgeprescht, bei der gesuchten Insel habe es sich um das besagte Eiland Spartel gehandelt. [6]

Während diese Hypothese einige Aufmerksamkeit der Fachwelt und der Medien auf sich zog, ist allemein kaum bekannt, dass Collina-Girard nicht der erste war, der Spartel mit Atlantis in Verbindung brachte. Dazu heißt es bei Karen Mutton: "Díaz-Montexano, ein kubanischer Forscher, veröffentlichte seine Atlantis-Spartel-Theorie erstmals in der Ausgabe vom April 2000 des spanischen Magazins 'Mas Alla de la Cienzia' und [dann] im August 2001 in 'El Museo' und 'Ano Cero'. Da er ein unabhägiger Forscher ist, erlangte seine Spartel-Theorie nicht viel Akzeptanz..." [7]

Collina-Girard, der dieses Problem als annerkannter Universitäts-Wissenschaftler nicht hatte, erhielt zumindest zeitweilig Unterstützung durch seinen Landsmann Marc-André Gutscher, einen Geophysiker der Universität in Brest, welcher zunächst vor seinem fachlichen Hintergrund und auf Basis neuer batymetrischer Daten mit der Hypothese des Anthropologen sympathisierte. Gutscher, der annimmt, dass die Insel noch um ca. 9600 v. Chr. für Menschen bewohnbar war, geht aber davon aus, dass sie vor etwa 12.000 Jahren von einem massiven Erdbeben heimgesucht wurde. Darüber hinaus sieht er Hinweise auf mindestens acht nachfolgende Beben, die zur Zerstörung der Insel beigetragen haben könnten. [8]

Letztendlich zog Marc-André Gutscher jedoch seine Unterstützung für die Idee eines 'Spartel-Atlantis wieder zurück, denn, wie Karen Mutton notiert: "Die Kartierung des überfluteten Spartel durch Dr. Gutscher ergab keine künstlichen Strukturen und zeigte, dass die Insel viel kleiner war als bisher angenommen. >Ich hatte gehofft, konzentrische Strukturen oder Wände zu finden, aber das haben wir nicht getan<, gestand er ein." [9] Zudem schloss er sich grundsätzlichen Überlegungen an, dass eine in vielen Aspekten bronzezeitliche Zivilisation, wie sie von Platon in seiner Atlantiserzählung beschrieben wurde, am Ende der jüngsten Eiszeit nicht existiert haben könne.

Der deutsche Altphilologe Heinz-Günther Nesselrath gelangt in seiner Rezension [10] von Collina-Girards Buch "L'Atlantide retrouvée?, in welchem dieser seine Atlantis-Theorie ausführlich vorstellt, zu dem Schluss, dass es dem französischen Forscher "sicherlich gelungen ist, einige bedeutsame Entwicklungen in der menschlichen Vorgeschichte im Gebiet westlich von Gibraltar zu beleuchten. Genauso sicher hat er jedoch Platons Atlantis nicht gefunden." [11] Zumindest Prof. Nesselraths letztgenannte Aussage kann alledings kaum verwundern, da er als leidenschaftlicher Verfechter der Fiktionalitäts-These ohnehin entschieden bestreitet, Atlantis sei irgendwo als historisch-geographische Entität zu lokalisieren. Aber auch in Kreisen der atlantologic community ist Dr. Collina-Girards These nicht auf 'Gegenliebe' gestoßen, und so wird sie wohl als eine der etwas prominenteren 'Fußnoten der Forschung' in die Atlantologie-Geschichte eingehen.


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Siehe zudem als Externum:


Anmerkungen und Quellen

Fußnoten:

  1. Vergl. dazu auch: Wikipedia - Die freie Enzyklopädie, unter: "Zancleum" (abgerufen: 10. April 2020)
  2. Siehe: Genevra Ornelas, "Atlantis Rises Again", 22. Juli 2005, bei sciencemag.org (AAAS) (abgerufen: 10. April 2020)
  3. Siehe auch: Marc-André Gutscher, "Destruction of Atlantis by a great earthquake and tsunami? A geological analysis of the Spartel Bank hypothesis", 01. August 2005, bei GeoScienceWorld (abgerufen: 10. April 2020)
  4. Quelle: Wikipedia - The Free Encyclopedia, unter: "Spartel" (abgerufen: 10. April 2020)
  5. Siehe: Jacques Collina-Girard, (2001) L'Atlantide devant le Detroit de Gibraltar? mythe et géologie. Comptes Rendus de l'Académie des Sciences de Paris, Sciences de la Terre et des Planètes. 333 (2001) 233-240
  6. Siehe: Jacques Collina-Girard, "L'Atlantide retrouvée? - Enquête scientifique autour d'un mythe", Paris (Belin, pour la Science), 2009
  7. Quelle: Karen Mutton, "Sunken Realms: A Survey of Underwater Ruins Around the World", SCB Distributors, 2011, Abschnitt "SPARTEL AS ATLANTIS CLAIMS" (Übersetzung ins Deutsche durch Atlantisforschung.de nach der Leseprobe bei Google Books ohne Seitenangabe)
  8. Quelle: Tony O’Connell, "Spartel Island", 11. Juni 2010, bei Atlantipedia.ie (abgerufen: 10. April 2020)
  9. Quelle: Karen Mutton, op. cit. (2011)
  10. Siehe: Heinz-Günther Nesselrath, "Jacques Collina-Girard, L'Atlantide retrouvée? Enquête scientifique autour d'un mythe. Paris: Éditions Belin - pour la science", September 2009, in: Bryn Mawr Classical Review
  11. Quelle:

Bild-Quelle: