Atlantisforschung im 'Kalten Krieg' (Teil I)

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Gab es einen Wettlauf zwischen Sowjets und Amerikanern um die Wiederentdeckung von Atlantis? Bei der Lektüre einiger Artikel aus zeitgenössischen US-Zeitungen könnte man fast diesen Eindruck gewinnen.

Vorbemerkung

Abb. 1 Während des 'Kalten Kriegs' wurde auch die Suche nach Atlantis ideologisch ausgeschlachtet. Zumindest gilt diese Feststellung für einige Journalisten und Medien in den USA, die den 'Freien Westen' offenbar auch in einem Wettstreit mit der UdSSR um die Wiederentdeckung von Atlantis sahen.

(bb) Dass der 'Kalte Krieg', also die Systemkonfrontation zwischen dem so genannten 'freien Westen' und dem 'Ostblock' - bzw. den USA und der UdSSR als Führungsmächten - nach dem II. Weltkrieg, in praktisch allen Bereichen von Politik, Wissenschaft und Kultur dieser Zeit seinen Niederschlag fand, ist eine Binsenweisheit. Dass auch der Atlantis-Komplex bzw. die Atlantisforschung diesbezüglich keine Ausnahme machte, zeigt u.a. der nachfolgend vorgestellte Artikel, der am 14. Mai 1979 in der US-amerikanischen Zeitung Spartanburg Herald-Journal erschien.

Dieser Artikel mit dem Titel "Who Found Lost Atlantis?", ein Beitrag in einer, vom United Feature Syndicate erneut verbreiteten [1] Kolumne des Journalisten Henry J. Taylor - ein Mann mit 'politischem Hintergrund' - stellt ein plakatives Beispiel für die journalistische Instrumentalisierung der Atlantisforschung im Rahmen jener geopolitischen Konfrontation zu einer Zeit dar, in der das Thema 'Atlantis' in den westlichen Medien Konjunktur hatte (Atlantis-Hype). Der ideologische bzw. manipulative Charakter dieses Artikels erschließt sich allerdings nur Kennern der Materie oder nach einigen Recherchen, die allerdings kaum einer der damaligen Leser/innen angestellt haben dürfte. Den allermeisten von ihnen wird in keiner Weise aufgefallen sein, dass und wie sie damit zum Narren gehalten wurden.

Abb. 2 Der Kopf von Taylors Atlantis-Artikel aus dem Jahr 1963

Ausgangspunkt - oder 'Aufhänger' des Artikels von Taylor war eine sowjetische Pressemeldung aus dem Jahr 1963 (!) [2], in welcher der Moskauer Professor Georgiy Lindberg vom Zoologischen Institut der Akademie der Wissenschaften der UdSSR [3] bekanntgab, sowjetische Wissenschaftler hätten im Nordatlantik Anhaltspunkte für die vormalige Existenz einer gewaltigen Landmasse entdeckt, die einstmals den Norden Europas mit Nordamerika verbunden habe, und heute in 4000 bis 5000 m Tiefe unter dem Meeresspiegel liege. Mit Platons Atlantis hatte dies ebensowenig zu tun wie ähnliche Annahmen, die der britische Naturforscher Herbert Edward Forrest bereits 1933 publiziert hatte [4], zumal Lindberg ausdrücklich erklärte, der Untergang dieser Landbrücke sei schon am Ende des Tertiärs erfolgt, also - nach damaliger und auch heutiger wissenschaftlicher Lehrmeinung - vor dem Auftreten des Menschen.

Ob die sowjetische Nachrichtenagenur TASS im Zusammenhang mit den Entdeckungen von Lindberg et al. einen Bezug zu Atlantis hergestellt hatte, erscheint eher zweifelhaft. Dies taten offenbar erst die Zeitungen in den USA - und auch Taylor, der tatsächlich schon 1963 das erste mal über die Sache berichtet hatte. [5] Bereits in diesem Artikel ("Lost Continent - Atlantis Theory Recurs") stellte er, wie dann auch 1966, 1970 und 1979, der - angeblichen! - Atlantis-Lokalisierung von Lindberg die tatsächliche von Angelos Galanopulos gegenüber, der Atlantis behanntlich mit der kreto-minoischen Kultur gleichsetzte. 1963 verstieg sich der Journalist allerdings noch nicht zu der Behauptung, Prof. Galanopulos habe tatächlich Atlantis entdeckt, und auch antisowjetische 'Spitzen' werden wir in seinem Artikel von 1963 vergeblich suchen.

Mit seiner Polemik gegen die sowjetische Wissenschaft begann er im Zusammenhang mit Atlantis 1966, wenige Monate, nachdem die Sowjets mit der ersten weichen Landung einer unbemannten Sonde (Luna 9) auf dem Mond gegen die USA einen weiteren Etappensieg im Wettlauf ins All errungen hatten. Damals schrieb er: "Die Sowjetunion, nicht zufrieden damit, das Fahrrad, Shakespeare, die Mutterschaft und Baseball erfunden zu haben, gab im September 1963 bekannt, dass der Moskauer Professor Georgiy Lindberg Atlantis lokalisiert habe. TASS, die russische Nachrichtenagentur, brüstete sich vor der Welt damit: >Unter Verwendung neuer ozeanographischer Techniken hat die Sowjetunion Atlantis entdeckt. Es liegt vor Island in drei Meilen tiefen Gewässern.<" [6] In diesem Artikel brachte er auch erstmals den bekannten US-amerikanischen Ozeanographen James W. Mavor Jr. (bei ihm falsch gschrieben: Dr. Mayor) ins Gespräch, der dem "berühmten Athener Universitäts-Wissenschaftler" Galanopulos zu Hilfe kam, um mittels des Know-hows der Woods Hole Oceanographic Institution Beweise für dessen Theorie eines 'griechischen Atlantis' zu liefern - und die "Selbstüberschätzung der sowjetischen Wissenschaft" offenkundig zu machen.

Abb. 3 Professor Angelos Galanopulos´ 'griechisches Atlantis' bei Thera hatte sich 1979 längst als Chimäre erwiesen. Trotzdem stellte Taylor die Suche danach als Triumph über die Sowjets dar.

Dies war auch 1970 der Fall, als Taylor einen Artikel mit dem Titel "Sea Holds Great Mysteries" veröffentlichte. [7] Darin warf er dem Zoologen Lindberg, den er 1963 noch höflich, aber sachlich unzutreffend als "geachteten Ozeanographen" bezeichnet hatte, "Wichtigtuerei" (orig.: "pomposity") vor und berichtete, wie Mavor mit dem Forschungsschiff CHAIN angeblich "Platons Burggraben" entdeckte und behauptete: Vor "der Insel Thera, in einer Tiefe von 1300 Fuß, bestätigte >ein seismisches Profil< einer Hafenanlage Galanopulos und Plato gleichermaßen." [8]

Anno 1979 schließlich - immerhin ganze sechzehn Jahre nach der angeblichen 'Atlantis-Lokalisierung' der Sowjets [9] - wärmte Taylor die Geschichte einmal mehr auf, wobei er auch noch den Eindruck erweckte, es handele sich um ein aktuelles Ereignis. Über die letztlich ergebnislos verlaufene Expedition von Mavor (bei ihm noch immer: "Mayor"!), was echte Beweise für Atlantis auf oder bei Thera angeht, schrieb er allen Ernstes: "der Zweck war, Platons Metropolis zu erkunden und dabei Georgiy Lindberg von der Moskauer Universität und die Sowjets zu degradieren." [10] Auch über die ebenfalls fund- und ergebnislose Thera/Atlantis-Expedition des weltberühmten Ozeanographen Jacques-Yves Cousteau von 1975/76 [11] verlor er selbstredend kein Wort.

Die Tatsache, dass der von ihm hoch gelobte Professor Galanopulos seinen amerikanischen Kollegen bereits 1967, kurz nach dessen Forschungsfahrt, 'ausgebootet' hatte, indem er ihm sowie seinem Team Grabungsverbot auf und bei Thera erteilen ließ; und dass er darüber hinaus auch nichts mehr von seinem 'griechischen Atlantis' wissen wollte, ließ der ehemalige US-Diplomat Taylor - wie schon 1970 - seltsamerweise unerwähnt, obwohl der skandalöse 'Rauswurf' der amerikanischen Wissenschaftler ausgiebig durch den US-Blätterwald gerauscht war [12], was ihm kaum entgangen sein dürfte. Es ist müßig darüber zu spekulieren, ob diese 'Verschwiegenheit' etwas damit zu tun hatte, dass Taylor das gute Verhältnis zwischen der US-Regierung und der Obristen-Junta in Athen nicht strapazieren wollte, zu deren Sympatisanten und Profiteuren Galanopulos gehörte, oder ob er schlichtweg alles 'unter den Teppich kehrte', was seine Märchengeschichte vom Triumph westlicher Wissenschaft über die 'Roten' bei der Lösung des Atlantis-Problems hätte infrage stellen können. In jedem Fall stellt der nachfolgend dokumentierte Artikel ein drastisches Beispiel für den Einfluss von Politik auch auf wissenschaftsjournalistische Berichterstattung dar.


Das Dokument


Herald-Journal - 14. Mai 1979.jpg
Abb. 2 Taylors Artikel aus dem Herald-Journal vom 14. Mai 1979


Anmerkungen und Quellen

Fußnoten:

  1. Anmerkung: Dieser Beitrag war in modifizierter Form - d.h. zum Teil noch schärfer bzw. polemischer formuliert - bereits am 7. Oktober 1966 mit dem Titel "Gregarious Greek Does The Reds Wrong" in der Zeitschrift "The Times-News" (Hendersonville, North Carolina) erschienen.
  2. Siehe dazu z.B.: o.A., "Atlantis Is Located Near Iceland Says Red Scientist", 22. Juli 1963, in: The Dispatch (Lexington, North Carolina)
  3. Quelle: Josph P. Myler, "Russian Scientist Believes In Fabled Atlantis", 25. Juli 1963, in The Gadsden Times
  4. Siehe dazu bei Atlantisforschung.de: Ferdinand Speidel, "Herbert Edward Forrest: The Atlantean Continent (1933) - Eine übersichtliche Präsentation des Buches und seines Inhalts
  5. Siehe: Henry J. Taylor, "Lost Continent - Atlantis Theory Recurs - Ancient History mentions Often", 9. Okt. 1963 in: The Pittsburgh Press
  6. Quelle: Henry J. Taylor, "Gregarious Greek Does The Reds Wrong", 7. Oktober 1966, in: The Times-News, Übersetzung ins Deutsche durch Atlantisforschung.de nach: Google News Newspaper Archive, unter: The Times-News - 7. Okt. 1966
  7. Siehe: Henry J. Taylor, "Seas Hold Great Mysteries", 28. Apr. 1970, in: The Herald-Journal
  8. Siehe bei Atlantisforschung.de zu den Fakten: "James W. Mavor - Teil II - Atlantisforschung (red)
  9. Anmerkung: Zwei tatsächliche 'Atlantisfundmeldungen' sowjetischer Stellen gab es übrigens auch! Sie erfolgten 1974 und 1981, d.h. Taylor hätte sich 1979 zumindest auf die zuerst erfolgte Meldung beziehen hönnen. Siehe dazu bei Atlantisforschung.de: Die Entdeckungen der 'Akademiker Petrovskij' (red)
  10. Quelle: Henry J. Taylor, "Who Found Lost Atlantis?", 14. Mai 1979, in: Herald-Journal; Übersetzung ins Deutsche durch Atlantisforschung.de nach: Google News Newspaper Archive, unter: Herald-Journal - 14. Mai 1979
  11. Siehe dazu bei Atlantisforschung.de: "Das atlantologische 'Gastspiel' des Jacques-Yves Cousteau" (bb)
  12. Siehe dazu z.B.: o.A., "Yanks Barred At Site Of Atlantis", 2. Januar 1968, bei Lawrence Journal-World

Bild-Quellen:

1) Oben: Zpidy97, bei Tropico Wiki, unter: Cold-war-flag.jpg; unten: Dale Drinnon (Hrsg.) / Swardata (Autor), "Atlantis - Vedic Tripura", bei Frontiers of Anthropology (Bild-Bearbeitung durch Atlantisforschung.de)
2) Google News Newspaper Archive, unter: The Pittsburgh Press - 9. Okt. 1963 (Bild-Bearbeitung durch Atlantisforschung.de)
3) Google News Newspaper Archive, unter: Sarasota Herald-Tribune - 13. Aug. 1978 (Bild-Bearbeitung durch Atlantisforschung.de)
4) Google News Newspaper Archive, unter: Herald-Journal - 14. Mai 1979 (Bild-Bearbeitung durch Atlantisforschung.de)