Das aztekische Aztlán - Platons Atlantis?

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von R. Cedric Leonard

Es hat schon so viele fehlgeleitete Versuche gegeben, die verschiedenen mesoamerikanischen Kulturen mit Atlantis in Verbindung zu bringen, darunter Verfälschungen, falsche Übersetzungen, Fehlinterpretationen, Hoaxes etc., dass ich eingestehen muss, zurückhaltend geworden zu sein, dieses Thema anzusprechen. Dennoch bemühe ich mich dabei — seien die Angaben nun pro oder contra —, fair zu sein, wenn ich den hoch kontroversen mesoamerikanischen Aspekt des Atlantis-Problems angehe.

Abb. 1 Eine Darstellung mehrerer Azteken in charakteristischen Trachten zur Zeit der spanischen Eroberung

In die zweifelhafte Kategorie fällt eine Behauptung, die hinsichtlich des Ursprungslands des Volkes der Azteken (Abb. 1) in Mexiko gemacht wurde. Legenden weisen deutlich auf eine Insel im Nordwesten von Tenochtitlán hin, welche als "Aztlán" bekannt war. Die starke Ähnlichkeit zwischen den Namen Aztlán, Atlán und Atlántis macht eine Verbindung von ihnen zu einer verlockenden Perspektive. [1]

Obwohl die Legenden Aztlán als eine Insel und als den Ursprungsort des Volkes der Azteken bescheiben, stellt es sich heraus, dass diese Insel in einem See gelegen ist, statt im Ozean. Zudem befinde sie sich, wie es heißt, nordwestlich von TenochtitlánAtlantis würde also entweder im Osten oder Nordosten gelegen haben. Allerdings ist es auch möglich, dass die Azteken es nach einem originalen "Aztlán" im Atlantik benannten. Dies sind nur einige der Probleme bei jedem Versuch, Aztlán mit Atlantis in Verbindung zu bringen.

Abb. 2 Eine Darstellung des Auszugs aus Aztlán im Codex Borturini

Im Codex Borturini gibt es einen Bericht über die Auswanderung der Azteken von der Insel Aztlán in das Tal von Mexiko (Gemelli Careri, 1699). Andere Azteken-Überlieferungen berichten von einer Sintflut (Bierhorst, 1992), welche die Nahui-atl ("4-Wasser") genannte Sonne [ein Zeitalter; d.Ü.] zerstörte, und in whelcher die gesamte Menschheit vernichtet und überschwemmt wurde: "Der Himmel kam dem Wasser näher. An einem einzigen Tag ging alles verloren, und der Tag Nahui-xochitl, '4 Blumen', zerstörte all unser Fleisch." (Codex Chimalpopoca, übersetzt von Brasseur de Bourbourg, 1857-1859)

Aztlán (der "Ort der Kraniche") soll sich, wie es heißt, irgendwo im Nordwesten der Azteken-Hauptstadt befunden haben, und es wird als insularer Hügel beschrieben, der sich aus einem See erhebt. Dort war es, wo die Azteken in der Entstehungszeit der Schöpfung aus dem Schoß der Erde selbst hervorgegangen waren. In diesen Ursprungs-Mythen kamen sie ursprünglich aus den Eingeweiden der Erde durch sieben Höhlen (Chicomóztoc), um in Aztlán zu leben, bevor sie nach Tulá übersiedelten (das einige für die legendäre Hauptstadt Tollán der Tolteken halten).

Das historische (archäologische) Tulá befindet sich etwa 50 Meilen [ca. 80.5 km; d.Ü.] nördlich von Mexico City im Bundesstaat Hidalgo. Der Historiker Enrique Florescano hat argumentiert, dass das "originale" Tollan höchst wahrscheinlich der größere Komplex von Teotihuacán gewesen sei; und auch dass die Maya-Quellen sich, wenn sie über den mythischen Ort Tulán-Zuiva (Tollan) sprechen, in Wirklichkeit auf Chichén Itzá beziehen. Die tatsächliche Wahrheit in dieser Sache ist schwerlich mit wirklicher Sicherheit 'festzunageln'.

Abb. 3 Der amerikanische Ethnologe Hubert Howe Bancroft (1832-1918) brachte einige Konfusion in die Diskussion um die Azteken, Aztlán und Atlantis.

Der amerikanische Ethnologe H.H. Bancroft (Abb. 3) sagte, dass zuvor auch die Tolteken ihre Wanderungen zu einem Anfangsort zurückverfolgten, den sie Atlán oder Aztlán nannten. Weiter stellt er fest, das Popol Vuh berichte, dass nach der Migration von Aztlán drei Söhne des Königs der Quiché auf den Befehl ihres Vaters hin nach Osten zurückkehrten, wo sie erstmals an Land gegangen waren, um wertvolle Kenntnisse ihrer Vorfahren zurück zu erlangen — die Kunst der Malerei und ein Schriftsystem. (Bancroft, 1874)

Mit allem schuldigen Respekt für den angesehenen Ethnologen und Historiker: Aztlán lag nicht "gen Osten", sondern nach Nordwesten hin — und das Popol Vuh erwähnt Aztlán an keiner Stelle. Tatsächlich kommt Aztlán, um es ganz genau zu nehmen, nirgendwo in den Maya-Quellen vor; und ich bin mir keineswegs sicher, dass es einen Teil der legendenhaften Tolteken-Geschichte bildet. [2] Somit ist jedwede vermutete Verbindung zwischen Aztlán und Atlán bestenfalls ziemlich unsicher.

Um mit einer positiven Bemerkung zu schließen, ist Mittelamerika zu meiner großen Freude in Hinsicht auf Atlantis nicht völlig ohne Interesse. Atlán könnte in der Tat (ohne die griechische Endung) die ursprüngliche Benennung für Atlantis gewesen sein. Und tatsächlich gibt es sogar eine Örtlichkeit, welche genau diesen Namen in Mittelamerika trug, zumindest jedenfalls bis zur Zeit der spanischen Eroberung — und Panama ist weit weg von Griechenland, Plato, den Atlas-Bergen und Nordspanien, wo die "A-T-L"-Inschrift gefunden wurde. [3]

Abb. 4 Ein reales präkolumbisches Atlán (rechts auf der Karte) befand sich auf der atlantischen Seite des Isthmus von Panama nördlich des Flusses Chucunogue.

Der Maya-Forscher Brasseur de Bourbourg beobachtete zutreffend, dass die Wörter 'Atlas' und 'Atlantik' in keiner europäischen Sprache eine zufriedenstellende Etymologie aufweisen, dass dies aber in Amerika eine völlig andere Geschichte sei. in den indigenen Sprachen Mittel- und Südamerikas begegnen wir häufig dem Wurzel-Phonem atl. Aus ihm bildet sich eine Reihe von Wörtern, wie etwa atlan, was "an der Grenze von, oder inmitten des Wassers" bedeutet — wovon wir das Adjektiv "atlantisch" ableiten können. Es gibt auch atlaça, "aus dem Wasser hervorgehen oder schnellen", woraus im Präteritum atlaz wird — womöglich der Ursprung des Wortes "Atlas". Eine Verbindung zum Ägyptischen erscheint ebenfalls plausibel.

Dem berühmten Abbé zuholge, bedeutet atl in der Nahuatl-Sprache "Wasser" (in den Codices generell als ein mit Wasser gefülltes Gefäß abgebildet; Musur, 1978); wozu er aufzeichnete, dass einst eine Atlán ("Nahe dem Wasser") genannte Stadt an den Küsten des Golfs von Darién, "auf der atlantischen Seite des Isthmus von Panama (Abb. 4) zur Zeit der Conquista existierte." (de Bourbourg, 1855-1868) Man weiß von einer ganzen Reihe von "Atlantis-ähnlichen" Ortsnamen, welche die Vocule atl enthalten, und die überall auf den amerikanischen Kontinenten existieren. Sollen wir glauben, dass dies ohne Bedeutung ist?

In den 1920ern erkundete ein Bauingenieur mit Namen Richard O. Marsh den Dschungel in Panama jenseits der Kanalzone (d.h. in der Region von Atlan), und entdeckte einen ganzen Stamm weißer Indianer, zirka 2000 an der Zahl. Sie benutzten eine Sprache proto-indoeuropäischer Struktur, und bauten Stufenpyramiden und auch andere Stein-Strukturen. Er beschrieb seine Entdeckungen sehr detailliert, verbunden mit Fotos und Karten, und seiner Darstellung zufolge brachte er 1925 auch drei der Ureinwohner nach New York City, damit sie von unseren führenden Wissenschaftlern und Genetikern studiert werden konnten. Es wurde bestätigt, dass es sich bei ihnen um Indianer [orig.: "native Americans"; d.Ü.] handelte. (Marsh, 1934) Dass es in der Tat weiße native Amerikaner gibt, wurde auch von David Abulafia festgestellt, Professor für [mittelalterliche] Geschiche an der Universität Cambridge (Abulafia, 2008).


Bibliographie

  • Abulafia, David, "The Discovery of Mankind," Cambridge University Press, Cambridge, 2008.
  • Bancroft, Hubert Howe, "Native Races of the Pacific States", Vol. iii, New York, 1874.
  • Bierhorst, John, "History and Mythology of the Aztecs: The Codex Chimalpopoca," Arizona Press, Tucson, 1992.
  • de Bourbourg, Brasseur, Histoire . . . du Mexique et de l'Amérique Centrale avant Colomb, Paris, 1857-1859.
  • de Bourbourg, Brasseur, Popol Vuh, Le Livre Sacré et les Mythes de l'Antiquité Américaine, Paris, 1855-1868.
  • Gemelli, Careri Il Giro del Monde, vol. VI, (Roma, 1699). A better reproduction can be found in part V of Alteste und Alte Zeit (Hanover, 1854).
  • Leonard, R. Cedric, "Quest for Atlantis," Manor Books Inc., New York, 1979.
  • Marsh, Richard O., "The White Indians of Darien," G.P. Putnam's Sons, New York, 1934.
  • Musur, Curt, "Facts and Artifacts of Middle America," E. P. Dutton Publishers, New York, 1978.


Anmerkungen und Quellen

Dieser Beitrag von R. Cedric Leonard (©) wurde seiner Webseite Quest for Atlantis - Adventures in Science entnommen, wo er unter dem Original-Titel "THE AZTLÁN OF THE AZTECS - Was Aztlán Atlantis?" veröffentlicht wurde. Bei Atlantisforschung.de erscheint er in eigener Übersetzung ins Deutsche in einer redaktionell bearbeiteten Fassung.

Fußnoten:

  1. Anmerkung des Verfassers: Siehe dazu beispielsweise Seite 164 meines Buches "Quest for Atlantis", Manor Books, 1979
  2. Red. Anmerkung: Zur Herkunft der Tolteken und Brasseur de Bourbourgs Meinung dazu siehe online auch: Ancient Culture of South America, unter: "The Toltecs and the Mound Builders" (abgerufen: 19. Okt. 2015)
  3. Anmerkung des Verfassers: Siehe dazu meine Seite "LINGUISTIC CONNECTIONS - A Paleolithic Language" bei Quest for Atlantis - Adventures in Science

Bild-Quellen:

1) Ultimate_Destiny bei Wikimedia Commons, unter: File:1500, Mexican. - 075 - Costumes of All Nations (1882).JPG (Bild-Bearbeitung durch Atlantisforschung.de)
2) Bild-Archiv R. Cedric Leonard
3) Howcheng und ArtMechanic bei Wikimedia Commons, unter: File:Hubert Howe Bancroft.jpg
4) Bild-Archiv R. Cedric Leonard