Die vergessenen Pyramiden der Azoren (III)

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„Volto do Mar“ – das geheime Navigationswissen der Portugiesen

von Dr. rer. nat. Dominique Görlitz

Abb. 1 Hier die historische Darstellung einer portugiesischen Karavelle aus dem 16. Jahrhundert, ein Schiffstyp, der im 'Zeitalter der Entdeckungen' häufig für Fernreisen eingesetzt wurde.

Es stellt sich damit die Frage, warum sich die portugiesischen Historiker so spät den archäologischen Hinterlassenschaften der Azoren zuwandten? Ein Grund für diese verspätete Zuwendung liegt in der geographischen Isolation der neun Azoren-Inseln, die von Portugal mindestens 900 Meilen und von Nordamerika ungefähr 2.000 Meilen (3.600 km) entfernt liegen. Dazu kam die Unerfahrenheit der seit dem Spätmittelalter wieder im Auferstehen begriffenen europäischen Seefahrt, welche die Wiederentdeckung der Azoren erschwert hat. Aus diesem Grund geht man immer noch davon aus, dass die Azoren weder in der Antike noch früher durch mediterrane Kulturen entdeckt und zumindest temporär besiedelt wurden.

Als im ausgehenden Mittelalter die gewinnbringenden Handelswege nach Indien für die großen europäischen Handelshäuser durch die Blockade der Osmanen (der Fall Konstantinopels 1453) unterbunden wurde, leitete dies eine Wende in den bis dahin wenig forcierten Fernerkundungen der Europäer ein. Am portugiesischen Königshof gab es deshalb am Ende des 14. und mit Beginn des 15. Jahrhunderts einen bisher nicht da gewesenen Entwicklungsschub in Navigation, Schiffbau und Kartographie [1]. Bereits 1351 und 1376 findet man auf alten Portolankarten die Azoren dargestellt und dies fast 100 Jahre vor der offiziellen Entdeckung!

Noch vor der Herrschaft des berühmten portugiesischen Königs Heinrich der Seefahrer (1394-1460) machten sich portugiesische, etwas später auch spanische Schiffe auf, um einen neuen Seeweg zu den fernen Märkten im Indischen Ozean zu suchen. Auf den ersten Erkundungsfahrten deutete sich schnell eine Schwierigkeit vor der afrikanischen Küste an: Sowohl der Nordäquatorialstrom als auch die kräftigen Passatwinde machten den plumpen mit rechteckigen Rahsegeln betakelten Handelsseglern eine direkte Rückfahrt nach Norden unmöglich.

Abb. 2 Skizze der Winde und Strömungen, die den portugiesischen Seefahrern letztlich die Entwicklung der nautischen Technik des 'Volto do Mar' ermöglichten

Den portugiesischen Seefahrern war schließlich die Wiederentdeckung eines speziellen Windsystems vergönnt, um von den Kanaren über den Umweg der Azoren wieder zurück ins Mittelmeer zu segeln. Sie nannten dieses Manöver „Volta do mar“ – Rückkehr übers Meer. Der navigatorische Trick bestand darin, von den Kanaren aus nicht in nördlicher, sondern in nordwestlicher Richtung tief in den Atlantik zu segeln. Dort, etwa 1.000 bis 1.500 km von der afrikanischen Küste entfernt, zwischen 28° – 30° nördlicher Breite, verhalten sich die Winde anders als unmittelbar vor der Küste Afrikas. Durch die Rossbreitenzone ausgelöst, wehen die Winde (engl. horse-latitude winds) als so genannte „SW Westerlies“ entgegen der Passatwinde in nordöstlicher Richtung nach Europa zurück [2]. Die ersten Navigatoren, die den Mut besaßen, soweit wie möglich in NW-Richtung in den Atlantik zu segeln, erreichten schließlich den aus Amerika kommenden Golfstrom, der sie via Azoren wieder zurück zum Eingang des Mittelmeeres brachte.

Der gut dokumentierte Fund des 2011 entdeckten karthagischen Heiligtums auf der Azoreninsel Terceira [3] beweist nun, dass nicht erst die Portugiesen, sondern vermutlich bereits die Punier diese Abkürzung über den Nordatlantik entdeckt haben müssen. Die Phönizier hätten somit bereits vor Ende des 2. Jahrtausends v.Chr. den Seeweg auf den Atlantik gemeistert. Älteste phönizische Gründungen, wie Cadiz in Spanien oder Lixus (El-Arisch) an der marokkanischen Küste, dokumentieren ihre Explorationsschritte in den Atlantik. Dort entdeckten sie auch die Kanarischen Inseln wieder, auf denen eine Kostbarkeit auf sie wartete: die Färberflechte (Orchilla tinctoria L.).

Diese Flechte, die die steinigen Küsten bewohnt, avancierte schnell zum profitabelsten Handelsgut der Phönizier, nachdem die Mittelmeeranrainer die bis dato wichtigste Quelle für den Purpur-Farbstoff, die Purpurschnecke, kollektiv an den Rand des Aussterbens brachten [4]. Alle anderen Mittelmeervölker hatten den Zeitpunkt verpasst, sich rechtzeitig nach Alternativen zum Rotfärben ihrer Stoffe umzuschauen. Über Jahrhunderte sind die Phönizier zu den Kanaren gesegelt, um die Färberflechte als wertvollen Rohstoff für den Mittelmeerraum zu beschaffen. Vielleicht gelangte so auch die Kunde von den „Elysischen Inseln“, die irgendwo vor der Westküste Afrikas lagen, zu den antiken Kartographen, ohne dass diese genau wussten, wie man dorthin und auch wieder zurück gelangt. Es dauerte noch viele Jahrhunderte, bis die Griechen und später die Römer diesen Kenntnisvorsprung der Phönizier eingeholt hatten [5] .



Anmerkungen und Quellen

Dieser Beitrag von Dr. Dominique Görlitz (©) wurde erstveröffentlicht in Magazin Mysteries 5/2014. Bei Atlantisforschung.de erscheint er im August 2017 mit freundlicher Genehmigung des Verfassers in einer redaktionell bearbeiteten Online-Fassung.

Fußnoten:

  1. Knabe, W. & Noli, D. (2012): "Die versunkenen Schätze der Bom Jesus", Nicolai Verlag Berlin.
  2. Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie (1998): Monatskarten für den Nordatlantischen Ozean
  3. APIA (2013) / Virgil Azevedo, "Archaeologists reveal secrets of the pyramids on the island of Pico", 27. August 2013; nach: Dale Drinnon (Hrsg.), Frontiers of Anthropology (abgerufen: 17. August 2017)
  4. Görlitz, D. (2000): "Schilfboot ABORA-Segeln gegen den Wind im Mittelmeer", DSV Hamburg
  5. Hertel, G. & Hertel, P. (1984): "Ungelöste Rätsel alter Weltkarten", Gotha (Aulis-Verlag Deubner)

Bild-Quellen:

1) Nicke L bei Wikimedia Commons, unter: File:Karavelle.png
2) Bild-Archiv Dr. Dominique Görlitz