Die Phönizier in Amerika

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"Nach populärwissenschaftlichen Theorien fanden die phönizischen Seefahrer bereits zwei Jahrtausende vor Christoph Kolumbus den Weg über den Atlantik bis nach Amerika. [...] Wissenschaftlich ist das nicht gesichert und auch nicht durch archäologische Funde gestützt (Inschrift von Parahyba), sondern basiert zumeist auf Fälschungen." (Wikipedia) [1]

Abb. 1 Haben bereits phönizische Seefahrer Amerika entdeckt und präkolumbische Transatlantik-Kontakte mit dessen amerinden Bewohnern gepflegt? Vor dem heutigen Stand der Erkenntnis lässt sich diese Frage wohl mit "vermutlich ja" beantworten, aber da sich die 'Orthodoxie' der Altamerikanistik nicht vom überkommenen, längst überholten Paradigma des Isolationismus zu lösen vermag, wird ihrerseits nach wie vor der unzutreffende Eindruck vermittelt, entsprechende Theorien seien 'aus der Luft gegriffen' und entbehrten jeder wissenschaftlichen Grundlage.

(bb) Das obige Zitat ist gleich in mehrfacher Hinsicht höchst aufschlussreich, was die traditionelle Darstellung der Theorien früher phönizischer Seereisen nach Amerika durch Verfechter der gängigen Lehrmeinungen des (nach wie vor durch einen rigiden Isolationismus geprägten) Mainstreams der Altamerikanistik betrifft. Zum einen sind diese Theorien - im Gegensatz etwa zu Wikipedia-Artikeln - keineswegs 'populärwissenschaftlicher' Natur. Vielmehr beruhen sie in ihrer heutigen Form zumeist auf den Forschungen akademischer Experten, wie - um nur einige Namen zu nennen - Cyrus H. Gordon, Dick Edgar Ibarra Grasso, Alexander von Wuthenau, Lienhard Delekat, Livio Russo und Ross T. Christensen usw. Rezipiert wurden und werden deren Arbeiten und Ergebnisse freilich vorwiegend in populärwissenschaftlichen Publikationen, während man sie im universitären Bezirk noch immer sehr weitgehend ignoriert - oder nach einem kurzen, emotionalen Schlagabtausch ad acta legt.

Jedenfalls ist es unsinnig zu behaupten, derartige Annahmen seien "wissenschaftlich ... nicht gesichert auch nicht durch archäologische Funde gestützt", sondern beruhten "zumeist auf Fälschungen", wie man bei der Wikipedia erklärt. Tatsächlich gibt es mehr als genug archäologische (und auch andere) Evidenzen, die für eine frühe Präsenz altweltlicher Exploratoren und Handelsreisender - nicht zuletzt der Phönizier - im präkolumbischen Nord-, Mittel- und Südamerika sprechen. Solche missliebigen Funde werden jedoch seitens des akademischen Mainstreams grundsätzlich als "Fälschungen" eingestuft, oder ihre Ausdeutung im Sinne interkontinentaler präkolumbischer Kontakte wird als 'Fehlinterpretation' bewertet, denn schon die Anerkennung der Authentizität eines einzigen solchen Fundstücks wäre ein sprichwörtlicher Sargnagel für das vorherrschende Paradigma des Isolationismus und die Ideologie der “Independent Inventionists”. [2]

Abb. 2 Eine der Inschriften aus der Fundstätte von 'Mystery Hill', die Barry Fell als Phönizisch bzw. Ibero-Punisch identifizierte und übersetzen konnte.

Hier nur einige Beispiele für solche Entdeckungen, welche die Annahme einer Präsenz von Puniern bzw. Kanaanitern in Altamerika nahelegen. So heißt es etwa bei Nito Verdera: "Dick Edgar Ibarra Grasso hat auf Steinplatten in der Mitte des Tempels von Sechim im Casma-Tal, an der Küste Perus, [die Abbildungen von] zwei phönizische[n] Schiffen identifiziert. [3]. Für diese Ruinen wird allgemein ein Alter von zwei- bis dreitausend Jahren in Betracht gezogen. [...] Monolithen in der Gegend zeigen ein großes hochseetaugliches Schiff und einen Sextanten." [4]

Erwähnenswert sind im vorliegenden Zusammenhang natürlich die diversen Entdeckungen von in Fels oder Steinplatten geritzten, vermutlich phönizischen sowie dem Alphabet der Punier verwandten Schriftzeichen, auf die wir in dieser Sektion von Atlantisforschung.de mit separaten Beiträgen näher eingehen werden. Hier sei aber zumindest kurz auf die nebenstehend (Abb. 2) abgebildete 'Notiz in Stein' verwiesen, die von Jim Whittal in einer Kammer der Anlage von Mystery Hill - bisweilen auch "America's Stonehenge" genannt - in North Salem, New Hampshire, gut 40 Kilometer entfernt von der Atlantik-Küste, entdeckt wurde. Der Epigraphiker und 'Erz-Diffusionist' Barry Fell, der verschiedene auf dieser Fundstätte vorgefundene Inschriften und Zeichen als Ogham, Phönizisch und Iberisch bzw. Ibero-Punisch identifizierte, übersetzte den kurzen Text folgendermaßen: "To Baal of the Canaanites (Phoenicians) this in dedication" (Für [den Gott] Baal der Kanaaniter dies in Hingabe). [5]

Abb. 3 Eine der zahlreichen präkolumbischen Darstellungen bärtiger Menschen mit typisch phönizischer Physiognomie, die vor allem in Mittelamerika entdeckt wurden

Interessant erscheinen auch die Funde punischer bzw. kanaanitischer Münzen in Nordamerika. Ca. 2000 Jahre alte Exemplare aus Kanaan wurden, wie Hans-Joachim Zillmer in seinem Buch "Kolumbus kam als Letzter" erwähnt, "in Kentucky, in der Gegend von Louisville, Hopkinsville und Clay City entdeckt." [6] Weiter heißt es dort: "In der Nähe des Chattahoochee River bei Columbus (Georgia) soll 1957 eine karthagische Handelsmünze gefunden worden sein. Eine identische Münze wurde 1983 mit einem Metalldetektor auf einem unbebauten Grundstück an der Third Avenue in Columbus entdeckt. Beide Münzen befanden sich in der Nähe eines alten Handelsweges, sind inzwischen aber verschollen. Es gibt noch gute Fotos beim Institute for the Study of American Cultures in Columbus. [...]

In dem Buch »Carthagian Gold and Electrum Coins« [7] ist eine Münze abgebildet, die Dr. Marc McMenamin [...], Professor für Geologie und Paläontologie am Mount Holyoke College, genauer untersuchte. [8] Die 18 Millimeter große Münze zeigt als großes Motiv ein Pferd. Aber am unteren Rand befindet sich in einer Höhe von 8 Millimetern mikroskopisch klein eine Weltkarte. Im linken Bereich ist auf dieser vielleicht 2000 Jahre alten Karte unverkennbar der amerikanische Kontinent abgebildet. Sogar die Rocky Mountains sind durch eine Graufärbung dokumentiert. Andererseits ist sichtlich abgetrennt auf der rechten Seite ein Dreieck eingraviert, das unschwer als Indien identifiziert werden kann." [9] Des Weiteren verweist McMenamin [10] "auf bereits mehr als ein halbes Dutzend Funde von Kupfermünzen, die über Nebraska, Georgia und Connecticut verstreut, in Nordamerika entdeckt wurden. Diese Münzen zeigen laut McMenamin das Bild eines punischen Pferdes, eine phönizische Palme (mit freiliegenden Wurzeln, als solle sie verpflanzt werden) und eine rätselhafte Inschrift in punischer Sprache. Dass diese Münzen - sofern authentisch - erst in jüngerer Zeit über den Atlantik dorthin gelangt sind, erscheine unwahrscheinlich, so dass sie tatsächlich eine karthagische Präsenz im alten Amerika nahelegen." [11]

Abschließend sei hier noch kurz auf weitere Indizien und Evidenzen aus Süd- und Mittelamerika hingewiesen, wie die Inschrift von Parahyba in Brasilien und die zahlreichen Darstellungen bärtiger Menschen mit explizit phönizischen Physiognomien (Abb. 3), die vor allem in Zentralamerika entdeckt wurden: "Ein typisches Exponat dieser Art ist", wie Reinhard Habeck berichtet, "ein in Iximiché in Guatemala gefundenes präkolumbisches Räuchergefäß. Es zeigt ein längliches Gesicht mit semitischen Gesichtszügen, mit der großen, gebogenen Nase , dem Spitzbart und dem Diadem auf der Stirn. Klassische Erkennungsmerkmale für den phönizischen Kulturkreis. Zusammen mit vielen anderen Funden [...] bezeugt die Plastik eine frühe Anwesenheit der Phönizier auf dem amerikanischen Kontinent. Das ungewöhnliche Artefakt wird heute in Paris aufbewahrt." [12]


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Anmerkungen und Quellen

Fußnoten:

  1. Quelle: Wikipedia - Die freie Enzyklopädie, unter: "Phönizier", Abschnitt 6.5: "Seefahrt / Legenden" (abgerufen: 22. Juni 2017)
  2. Anmerkung: Gemeint sind die Verfechter der Annahme, die altamerikanischen Kulturen hätten sich ohne jede Berührung mit jenen außerhalb Amerikas entwickelt, weshalb augenfällige Parallelen bestimmter kultureller Charakteristika oder Elemente in der 'Alten' und 'Neuen Welt' in keinem Fall auf Interaktion (kultureller Diffusion) beruhen, sondern ausschließlich das Ergebnis unabhängig erfolgter Erfindungen (engl.: "independent inventions") und Entwicklungen darstellen sollen.
  3. Siehe: Dick Edgar Ibarra Grasso, "La Representación de América en mapas romanos de tiempos de Cristo", Buenos Aires, 1970, S. 175-177
  4. Quelle: Nito Verdera, "THE PHOENICIAN THEORY", bei cristobalcolondeibiza.com; unter Verweis auf: Julio C. Tello, "Aruueología del valle de Casma", Lima, 1956
  5. Quelle: Barry Fell, "America B.C. -Ancient settlers in the New World", Quadrangle / New York Times Book Co., 1977
  6. Quelle: Hans-Joachim Zillmer, "Kolumbus kam als Letzter: Als Grönland grün war - wie Kelten und Wikinger Amerika besiedelten - Fakten, Funde, neue Theorien", München (Herbig), 2009, S. 16 (Erstausgabe 2004)
  7. Siehe: G. K. Jenkins und R.W.B. Lewis, "Carthagian Gold and Electrum Coins", London (Royal Numismatic Society), 1963
  8. Siehe: Mark McMenamin, "The Phoenician world map", in: Mercator’s World 2 (3), 1997, S. 46–51
  9. Quelle: Hans-Joachim Zillmer, op. cit. (2009), S. 20
  10. Siehe: Mark McMenamin, "Phoenician coins and Phoenician exploration (abstract)"; sowie Volltext (PDF-Datei, 893,56 KB), bei Migration & Diffusion (abgerufen: 22. Juni 2017)
  11. Quelle: Wikipedia - Die freie Enzyklopädie, unter: "Marc McMenamin" (abgerufen: 22. Juni 2017; Hinweis: Der Abschnitt des Lemmas, aus dem hier zitiert wird - "Phönizierforschung und Diffusionismus" -, wurde vom Verfasser dieses Beitrags - bb - in den Wikipedia-Artikel eingebracht.)
  12. Quelle: Reinhard Habeck, "Atlantis - Der verschollene Kontinent" Wien (Tosa-Verlag), 2001, S. 123

Bild-Quellen:

1) Edward Sylvester Ellis (1840-1916) und Charles Francis Horne (1870-1942): "The story of the greatest nations; a comprehensive history, extending from the earliest times to the present, founded on the most modern authorities, and including chronological summaries and pronouncing vocabularies for each nation; and the world's famous events, told in a series of brief sketches forming a single continuous story of history and illumined by a complete series of notable illustrations from the great historic paintings of all lands", New York (Niglutsch), 1913; nach: bei Wikimedia Commons, unter: File:The story of the greatest nations; a comprehensive history, extending from the earliest times to the present, founded on the most modern authorities, and including chronological summaries and (14760205046).jpg
2) Michael Palomino, H.-J. Zillmer: Kolumbus kam als Letzter (Präsentation), unter: 10a. Die Phönizier bis Mexiko und Honduras, bei geschichteinchronologie.com
3) Ross T. Christensen, Ancient America Foundation, "Newsletter 38, SEHA #125 July 1971", bei Mesoamerican Antiquities