Geo-mythologische Überlegungen zu Atlantis

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von Alexander und Edith Tollmann

Abb. 1 Relief-Darstellung der ozeanischen Meeresböden. Die meisten der hier abgebildeten, topographischen Details sind erst seit den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts bekannt.

Ein bis in die Antike zurück umrätseltes Thema, das in einem engen Zusammenhang mit der Sintflut steht, ist das Schicksal der sagenhaften Insel Atlantis, die sich in grauer Vorzeit mitten im Atlantischen Ozean vor den Säulen des Herakles, vor der Meerenge von Gibraltar erstreckt haben soll. Auf diesem Mikrokontinent soll sich in einem milden, feuchtwarmen Klima und auf fruchtbaren vulkanischen Verwitterungsböden die älteste Hochkultur der Erde entwickelt haben. Dann aber soll Atlantis zusammen mit dieser Hochkultur über Nacht bei einer gewaltigen Katastrophe spurlos im Ozean verschwunden sein.

Eine umfangreiche Literatur in unterschiedlicher Qualität hat sich mit dieser die Phantasie sehr stark beschäftigenden Hochkultur und ihrem tragischen Ende auseinandergesetzt. Das Thema besitzt zwar nicht die gleiche Durchschlagskraft wie der Sintflutmythos, aber in weit über 1500 Publikationen war man bemüht, Licht in das Mysterium zu bringen und die einstige Existenz zu beweisen oder zu widerlegen.

Auch zu diesem Thema liegen ähnlich detaillierte antike Überlieferungen vor, die - gerade nach der für manche überraschenden Erfahrung mit den Sintflutlegenden und ihrer getreuen Überlieferung über zehn Jahrtausende - nicht einfach deshalb beiseite geschoben werden dürfen, weil sich naturgemäß auch viele Scharlatane dieses Stoffes bemächtigt haben. Der Untergang dieses Inselreiches wurde bereits in der Antike mit der Sintflut in Zusammenhang gebracht, so daß nun mit dem Nachweis der Sintflut automatisch ein neues Licht auf das Problem Atlantis geworfen wird und sich auch infolge neu aufgetauchter geologischer Gesichtspunkte ein erneutes Überdenken des Themenkreises durchaus lohnt.

Die letzte eingehende, seriöse geologische Untersuchung über die Möglichkeit der Existenz und des Unterganges von Atlantis stammt von dem tschechischen Quartärgeologen Zdeněk Kukal aus dem Jahr 1984. Kukal hat mit wissenschaftlicher Akribie alles Material aus der Sicht der Erdwissenschaften zu diesem Thema zusammengetragen - nicht hingegen das mindestens ebenso wichtige Mythengut der Tolteken und Azteken über Azlan [1] (= Atlantis).

Nachdem er alle Fakten geprüft hatte, war die Geschichte von Atlantis für ihn nicht mehr akzeptabel. Zunächst einmal glaubte er nicht an die Möglichkeit, daß ein solches Ereignis über Jahrtausende hinweg mündlich tradiert werden konnte. Platon hatte mit Verweis auf Solon mitgeteilt, daß ihm die ägyptischen Priester in Saïs detailliert über die Existenz von Atlantis 9000 Jahre vor ihrer Zeit berichtet hätten. Nachdem Solon dies im 6. Jh. v. Chr. erfahren hatte, muß Atlantis vor fast 11 600 Jahren existiert haben. Das heißt, daß dieses Wissensgut enorm lange in der mündlichen Überlieferung bewahrt worden wäre, was unglaubwürdig sei.

Abb. 2 Die Große Flut. Ausschnitt eines Gemäldes von Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle.

Dieser Einwand ist nun jedoch hinfällig, weil wir in unseren Ausführungen über die Sintflutmythen [2] vielfach belegen konnten, daß sich hochspezifische, heute geologisch verifizierte Einzelheiten eines Impaktgeschehens in den mündlichen Traditionen vieler Völker seit der Sintflut vor etwa 9545 (BP 1993; d. R.) Jahren unabhängig bis zur Aufzeichnung als wohlgehüteter, meist religiös eingekleideter Schatz erhalten haben.

Außerdem fehlte uns bisher ein natürlicher Mechanismus, der in dem von Platon und Solon genannten Zeitraum - also in einem Tag und einer Nacht - Atlantis hätte verschwinden lassen können: "Späterhin aber entstanden gewaltige Erdbeben und Überschwemmungen, und da versank während eines schlimmen Tages und einer schicksalsschweren Nacht ... die Insel Atlantis, indem sie im Meer unterging."

Auch Kukals moderne Analyse [3] der geologischen Möglichkeiten einer Zerstörung von Atlantis blieb erfolglos: Alle aus historischer Zeit bekannten Kräfte wie Erdbeben, Tsunamis, Sturmfluten und Vulkaneruptionen könnten niemals einen mittelatlantischen Mikrokontinent im Handumdrehen untergehen lassen. Ein sehr wohl ebenfalls in die Überlegungen Kukals einbezogener Impakt - seine Publikation fällt in die Nach-Alvarez-Zeit - ist laut diesem Autor im Bereich des mittelatlantischen Rückens angeblich nirgendwo nachweisbar, weder durch einen untermeerischen Krater noch durch eine Störung im regelmäßigen Verlauf des Magnetstreifenmusters am Ozeanboden.

Nun, der in die Zeit des Unterganges passende Großimpakt auf der Erde ist heute nachgewiesen. Der in sieben Fragmente zerbrochene mächtige Kometenkörper schlug weit gestreut in verschiedenen Ozeanen der Erde ein. (Abb. 3) Wenn wir zunächst den gerade unter diesen Umständen zwar durchaus möglichen, aber durch geologische Fakten oder Indizien bisher noch nicht beweisbaren Fall eines Einschlages auf Atlantis selbst beiseite lassen, so ist der Untergang dieser Insel unter den gegebenen Impaktbedingungen noch immer durchaus einleuchtend: Atlantis lag an einer der verwundbarsten Stellen in der labilsten, größten Nahtstelle der Erde, der mittelozeanischen Grabenbruch-Riftzone.

Abb. 3 "Der in sieben Fragmente zerbrochene mächtige Kometenkörper schlug weit gestreut in verschiedenen Ozeanen der Erde ein." (A. und E. Tollmann)

Kukal hat ebenso wie die anderen Erdwissenschaftler für diese Zeit weder einen Impakt auf der Erde ernsthaft ins Auge gefaßt, noch hat er vor allem die [...] katastrophale Auswirkung eines Impaktbebens gerade auf diese geologische Schwächezone erster Ordnung bedacht. Hier steht die extrem dünne Erdkruste, die dünnste des ganzen Globus, unter permanenter Zugspannung und ist noch dazu von einem dichten, aktiven Netz riesiger Längs- und ebenso bedeutender Querbrüche durchsetzt. Und dieser außergewöhnliche Krustentypus lagert noch zusätzlich auf einer oft Dutzende Kilometer breiten Lavakammer, also einem dünnflüssigen, rund 1200° C heißen Basaltlavakissen.

Daß es bei solch instabil gelagerten, kühlen und daher dichteren und schwereren Krustenschollen über der heißen, spezifisch leichteren Lava im Untergrund bei einem Weltenbeben unvorstellbarer Stärke zu einem Zusammenbruch dieser Kruste kommen muß, ist vorherbestimmt. Die schweren Krustenfragmente tauchen dabei in die heiße, flüssige Lavamasse ab, die über der versunkenen Scholle, in unserem Falle Atlantis und die südlich und nördlich benachbarten Schollen dieser Hochzone des Rückens, überquellend zusammenschlägt..

Hinzu kommt noch, daß wir erst heute wissen, daß sich gerade in der entscheidenden Region im Mittelatlantik im Bereich der Azoren einer der wenigen "heißen Flecke" (Hot spots) der Erde befindet, an dem heiße Magmaströme aus der Tiefe des Erdmantels aufsteigen und zusätzlich für eine Mobilität der Lava sorgen. [4] Der Bereich der Azoren markiert mit seinen aktiven Vulkanen den Hot spot des Mantels, der zugleich am Schnittpunkt, am Tripelpunkt von drei aktiven, in Bewegung befindlichen Schollen des Ozeanbodens liegt. [5]

Nicht unwesentlich für unsere Frage ist ferner, daß Kukals Meinung über das regelmäßige, ungestörte Magnetstreifenmuster auf dem Boden des Atlantiks nicht zutrifft. Diese Magnetstreifen wurden dem Ozeanboden beim Abkühlen des austretenden Basalts entlang dem mittelozeanischen Rücken durch die hierbei erfolgende neue Magnetisierung der Eisenminerale aufgeprägt. Bei einem Impakt würde dieses Streifenmuster aufgrund der enormen Erhitzung der betroffenen Region stellenweise ausgelöscht sein. Die Karten der Magnetstreifen des Atlantikbodens zeigen nun tatsächlich gerade im Raum nordöstlich bis südwestlich der Azoren keine solche Regelmäßigkeit im Streifenmuster, die sonst überall im Nord- und Mittelatlantik nachgewiesen ist. [6] Außerdem fehlt im Bereich des Azoren-Rückens weithin die sonst übliche Sedimentbedeckung über der basaltischen Kruste des Ozeans, was für einen solchen Basaltaustritt in der jüngsten Erdgeschichte sprechen kann.

Abb. 4 Der Bereich des Azorenrückens ist ist das tektonisch und vulkanisch instabilste Gebiet im Atlantik.

Dieses Gebiet ist also tatsächlich das tektonisch und vulkanisch instabilste im Atlantik. Es ist aber durchaus denkbar, daß Atlantis nicht nur von den Auswirkungen des Impaktbebens betroffen war, sondern daß in seinem Nahbereich auch eines der sieben Fragmente des zerfallenden Sintflut-Kometen einschlug, denn diese Region liegt genau in der Verlängerung der von Südosten nach Nordwesten zielenden Einschlagsrichtung des Impaktes im Südwestpazifik und des Impaktes im zentralen Indischen Ozean.

Auch wenn wir von dem möglichen unmittelbaren Einschlag eines Kometenfragments auf Atlantis absehen, eröffnen die erwähnten geologischen Fakten bei einem Einschlag im mittleren Atlantik abseits dieser Insel eine sehr realistische Perspektive für einen Krusteneinbruch gerade in diesem labilsten Gebiet der Erde, weil ein Impaktbeben im Zuge des Sintflutereignisses vor rund 9545 Jahren nachweisbar alle Dimensionen irdischer Erdbeben gesprengt hätte.

Erinnern wir uns nur daran, welche Umgestaltung des normalen Ozeanbodens sich bereits bei irdisch bedingten Beben einstellen kann, wie wir [...] am Beispiel des Sagamibebens südlich von Tokio mit einer plötzlichen Absenkung der Meereskruste um 466 m dargelegt haben. [7]

Auf dieser Basis können wir dem detaillierten Bericht von Platon - der in seiner ganzen Aussage weit entfernt ist von üblen Scherzen oder Phantastereien - über die Existenz, die Hochkultur und den Untergang der Atlanter auf dem einstigen Mikrokontinent vor den Pforten Europas Glauben schenken. Dies gilt um so mehr, wenn wir auch noch die verblüffenden etymologischen und kulturellen Gemeinsamkeiten der Altkulturen beiderseits des Atlantik, von den Azteken und Tolteken bis zu den antiken Völkern im Mittelmeerraum einschließlich der Ägypter, berücksichtigen, die ganz offensichtlich ein starkes kulturelles Erbe ihrer Meister, der Atlanter bewahrt hatten. [...]


Anmerkungen und Quellen

Dieser Beitrag von A. und E. Tollmann ist dem Kapitel "Atlantis" aus ihrem 1993 im Verlag Droemer Knaur erschienenen Buch "Und die Sintflut gab es doch" entnommen. Die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Copyright-Halters, Herrn Raoul Tollmann.

Fußnoten:

  1. Red. Anmerkung: Alternative Namensformen für Azlan sind Atlan oder Aztlán.
  2. siehe: A. und E. Tollmann, Und die Sintflut gab es doch, Droemer Knaur, 1993
  3. Quelle: Zd. Kukal 1984, S. 123 ff
  4. Quelle: R. B. Stothers et al. 1990, S. 13, Abb. 4; K. McCartney 1990, S. 133, Abb. 3
  5. Quelle: K. O. Emery et al. 1984, S. 177, 219; P.A. Rona 1980, Kt. S. 39
  6. Quelle: P.A. Rona 1980, Kt. S. 31; K.O. Emery et al. 1984, Kt. 11
  7. Siehe: A. und E. Tollmann, S. 150. Dort heißt es u. a., unter Berufung auf B. A. Bolt, 1984, S. 60: "Beim Sagami-Beben südlich von Tokio z.B. traten am 1. September 1923 Hebungen des Ozeanbodens bis zu 250 m auf, während andere, nahe gelegene Teile des Meeresbodens um 466 m absanken. Noch gewaltiger waren die Bewegungen des Ozeanbodens beim Agadir-Beben vor der Küste von Marokko am 29. Februar 1960, wo küstennahe, ursprünglich 360 m Tiefe bis 14 m unter den Meeresspiegel angehoben wurden; gleichzeitig senkte sich eine Zone 14 km vor der Küste von 360 m auf 1350 m."

Bild-Quellen:

1) Moorland Boarding School and Private Day School (Clitheroe, Lancashire), unter: http://www.moorlandschool.co.uk/earth/earthmap.htm (Bild dort nicht mehr online)
2) Humboldt State University, unter: http://www.humboldt.edu/~artadvis/amour/geo/picts/date.jpeg (Bild dort nicht mehr online)
3) A. und E. Tollmann, Und die Sintflut gab es doch, Droemer Knaur, 1993
4) Im Reich der Meerfrau, unter: http://www.geocities.com/meerfrau30/Geologie.html (Seite nicht mehr online)