Kartographiegeschichte im Umbruch

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Das Rätsel der alten Weltkarten ist zurück auf der wissenschaftlichen Agenda

von Bernhard Beier und Dr. Dominique Görlitz

Abb. 1 Dominique Görlitz (links) und Manfred F. Buchroithner auf dem Podium der International Conference on Digital Cultural Heritage (DCH 2015), 28.-30. Oktober 2015 in der Staatsbibliothek Berlin

Bereits zur Mitte des 20. Jahrhunderts sorgte eine Reihe von Ausnahmewissenschaftlern, wie die Argentinier Enrique de Gandía, Paul Gallez und Dick Edgar Ibarra Grasso sowie der US-amerikanische Historiker Charles Hutchins Hapgood mit den spektakulären Ergebnissen ihrer Untersuchungen alter Weltkarten für einigen Aufruhr in fachwissenschaftlichen Kreisen. Kurz gesagt, gelangten sie zum Schluss, dass auf alten Karten aus dem 'Zeitalter der Entdeckungen' geographische und topographische Einzelheiten zu sehen sind, die zu jener Zeit - den Lehrmeinungen der Geschichtswissenschaften zufolge - im Europa der Frühen Neuzeit noch gar nicht bekannt waren.

Insbesondere postulierten die oben genannten Kartographen und Historiker, dass auf einigen alten Karten und Globen bereits Teile der Neuen Welt abgebildet wurden, die angeblich zum Zeitpunkt der Erstellung dieser Werke überhaupt noch nicht entdeckt oder erkundet, geschweige denn vermessen waren. Die Schlussfolgerung, die sie daraus zogen, war eindeutig: Offensichtlich gab es schon lange vor Christoph Kolumbus´ Wiederentdeckung Amerikas von 1492 ein ganz konkretes, später in Vergessenheit geratenes Wissen über den amerikanischen Doppelkontinent und die Antarktis. [1]

Zu dieser Schlussfolgerung kommen auch die Untersuchungsergebnisse von Görlitz über die prähistorischen Ausbreitungsmechanismen von domestizierten Kulturpflanzen über den Atlantik. In seiner Dissertation führte er den transdisziplinären Nachweis, dass disjunkte Ausbreitungsarale solcher Pflanzen (interkontinental) nur durch eine überseeische Aktivität der neolithischen Agrarkulturen zustande gekommen sein konnten. [2]

Charles Hapgood hatte schon 1966, vor allem auf Grundlage der durch seine Forschungen bekannt gewordenen Piri Reis Karte, den Schluss gezogen, unbekannte prähistorische Explorer und Kartographen hätten, zu welchem Zeitpunkt auch immer, die Küstenlinien Antarktikas weitgehend korrekt dargestellt, die seit vielen Jahrtausenden zum Großteil unter einem gewaltigen Eispanzer verborgen liegen. [3] Diese protokartographischen Schlussfolgerungen widersprachen allerdings so weitgehend den gängigen Ansichten der Historiker, dass sie alsbald als "unsinnig" verworfen wurden. Im universitären Bezirk galten derartige Auslegungen alter Karten und Globen bald als "Phantasterei" und es blieb in den folgenden Jahrzehnten einigen wenigen AußenseiterInnen überlassen, derartige kartographische Untersuchungen fortzuführen. [4]

Abb. 2 Der photographische Vergleich zweier früher Globen, die vermutlich aus der Hand des Kartographen Johannes Schöner stammen. Links der Globus von 1520 (Germanisches National Museum Nürnberg) und rechts der Marmorglobus von Gotha aus der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha. Beide Globen überliefern geographische Kenntnisse von Kontinenten im Westen und im Süden, die es zu diesem Zeitpunkt eigentlich noch nicht gegeben haben konnte.

Jetzt aber meldet sich die anomalistische Protokartographie gewissermaßen mit einem 'Paukenschlag' wieder im wissenschaftlichen Diskurs zurück: Auf der International Conference on Digital Cultural Heritage (DCH2015), 28.-30. Oktober 2015 in Berlin, referierten der Experimental-Archäologe Dr. Dominique Görlitz (ABORA-Projekt sowie freier Mitarbeiter am Institut für Kartographie der TU Dresden) und Prof. Dr. Manfred F. Buchroithner, der Leiter des Dresdner Instituts, über ihre aktuellen Erkenntnisse zu den alten Rätselkarten und -globen. Die bemerkenswerten Ergebnisse ihrer Forschungen, in die auch Mitarbeiter der Messbildstelle Dresden involviert sind, präsentierten sie in Berlin vor einem Auditorium von Experten der unterschiedlichsten Disziplinen einen erstaunlichen Vortrag mit dem Titel "Who made the first world map? Ancient Cartography in the Light of Modern Research". [5]

Neue photogrammetrische Methoden erlauben den Blick zurück

Abb. 3 Moderne Photogrammetrie enthüllt: Die antarktische Ross-Insel (links auf einer modernen Karte eingezeichnet) wurde bereits auf einem Globus aus dem Jahr 1535 abgebildet (rechts).

Wie Prof. Buchroithner und Dr. Görlitz ihren erstaunten ZuhörerInnen vortrugen, zeigen von ihnen photogrammetrisch untersuchte, fast 500 Jahre alte Karten und Globen nicht nur tatsächlich in Teilen die Grundform Antarktikas, sondern weisen sogar Details der antarktischen Küstengebiete aus, wie z.B die Bucht des Rossmeers, einschließlich verschiedener dort existierender Inseln, vor allem der Ross-Insel (Abb. 3). Dazu ist festzuhalten, dass die Ross-Insel und ihr antarktisches Hinterland (Süd-Victorialand) erst 1841 (!) von dem britischen Seefahrer Sir James Clark Ross entdeckt wurden. Auf jüngeren Karten und Globen des 17. und 18. Jahrhunderts, wie etwa der Karte des Südmeers von Hendrik Hondius (ca. 1650), wird man derart detailgetreue Angaben vergeblich suchen. Während dieser Zeit gingen die europäischen Gelehrten entweder von der Existenz eines gewaltigen Südmeers aus, oder spekulierten lediglich über einen "Südkontinent" (die Terra Australis), der auf Phantasiekarten fast ohne Realitätsbezug abgebildet wurde. [6]

Abb. 4 Ein Ausschnitt der Finaeus-Karte von 1531. Viele der auf ihr dargestellten Einbuchtungen und Fjorde, insbesondere in der Weddell-See, sind erst seit wenigen Jahren bekannt.

Noch weitaus erstaunlicher sind die von beiden Wissenschaftlern präsentierten Ergebnisse zur Vermessungsgeschichte der Antarktis, deren exakte Küstenverläufe insbesondere durch ein neue Forschungskooperation zwischen dem Alfred-Wegener-Institut und dem Institut für Kartographie der TU Dresden erst im vergangenen Jahr abgeschlossen wurde. Die gegenwärtig in Nutzung und im Umlauf befindlichen Antarktiskarten stammen aus älteren Satellitenaufnahmen, die noch nicht die Auflösung und Durchdringung modernerer Fernerkundungssatelliten (satellite imagery) haben. Kurz um, die insbesondere auf der Finaeus-Karte von 1531 (Abb. 4) dargestellten Einbuchtungen und Fjorde, insbesondere in der Weddell-See, sind erst seit wenigen Jahren bekannt. Also: Woher bezog ein Kartograph wie Orontius Finaeus in der Frühen Neuzeit dieses Spezialwissen über die detaillierte Küstengestalt der Westantartktis?

Dieses alte, verloren gegangene und noch vor wenigen Jahrzehnten energisch bestrittene Wissen kann heute mittels modernster kartographischer Techniken wiederentdeckt werden. So lassen sich beispielsweise höchst akkurate, rigide 3D-Modelle der alten Karten, drapiert mit Bild-Texturen erstellen, die auf hyper-stereoskopischer Fotographie beruhen. Die auf diese Weise produzierten Geo-Daten, die mit aktuellen Satellitenbildern abgeglichen werden, sind derart genau, dass Zufälle bei der Erstellung von Einzelheiten der alten Karten und Globen aus dem frühen 16. Jahrhundert gänzlich ausgeschlossen werden können!

Zudem lassen sich diese so erzeugten Kartenimage mit neuzeitlichen Daten referenzieren und durch Ähnlichkeitsberechnungen aufs Genaueste vergleichen. Die Überlagerung verschiedenere Küstenbereiche und der anschließende Ähnlichkeitsvergleich mittels Residualvektoren offenbaren die erstaunlichen Gemeinsamkeiten, aber auch frappierende Unterschiede in den frühen Werken. So können Rückschlüsse auf die möglichen Quellen gezogen werden, unter anderem auch, wer im frühen 16. Jahrhundert von wem und von welchem Kartenausschnitt abgezeichnet hat. Eine derartige Analyse wurde noch nie vorgenommen.

Abb. 5 Diese Aufnahme belegt die Abnahme der geographischen Qualität in den Weltkarten des 16. Jahrhunderts. Links eine der genauesten Südamerikadarstellungen auf dem Marmorglobus von Gotha (ca. 1533). Rechts ein vergrößerter Ausschnitt der Van Sype-Karte (1581). Sie entstand nach der zweiten Weltumseglung durch Sir Francis Drake und zeigt in viel geringer Ähnlichkeit und Exaktheit die Form und die Küstenverläufe von Südamerika.

Dies alles führt letztlich zurück zu eben jenen Fragen, die seinerzeit bereits Charles Hapgood und sein Team bewegten: Wer erkundete einst die Kontinente an den - aus europäischem Blickwinkel - äußersten Enden der Welt? Wann und warum geschah dies, und welche Mittel kamen dabei zum Einsatz? Das Team des Institut für Kartographie der TU Dresden, die Privatforscher des ABORA-Projekts und die Mitarbeiter der Messbildstelle Dresden werden nun weiter daran arbeiten, diese bedeutsamen - und wie sich jetzt zwingend erweist: wissenschaftlich berechtigten - Fragen unserer Kultur- und Zivilisationsgeschichte zu beantworten.

Ausblick in die Proto- und Frühkartographie

Obwohl heute nach den Heyerdahl- und ABORA-Expeditionen kaum noch jemand sporadische Ozeanüberquerungen in der Vorzeit in Frage stellt, wird deren Bedeutung für die Erkundung der Welt immer noch heruntergespielt: „Die Fischerboot-Hypothese (also die Annahme, dass durch Wind und Meeresströmungen verschlagene kleine Boote mit ihren Insassen ausreichen, um auf anderen Kontinenten Kulturänderungen herbeizuführen) hat nach Ansicht vieler Fachleute wenig Wahrscheinlichkeit. Einflussnahmen [und damit verbundene geographische Erkundungen] wären nur dort denkbar, wo Transozeanfahrer in großer Zahl und mit zivilisatorisch aktiven Insassen an Bord auftraten. Ob dies im Laufe der Weltgeschichte in präkolumbischen Epochen jemals der Fall war, ist völlig ungeklärt. […] Vom Standpunkt der historischen Geographie und der Entdeckergeschichte wird das Problem vergessener Transozeanfahrten häufiger und mit weniger Widerstreben erörtert als von ethnologischer und archäologischer Seite aus." [7]

Das Ziel des auf der DCH 2015 in Berlin vorgestellten transdisziplinären Visualisierungsprojektes der TU Dresden ist eine Rekonstruktion des kartographischen Wissens vergangener Epochen von der Antike bis in die Frühe Neuzeit. Diese Ergebnisse werden sowohl Geographen als auch Historikern, welche mit der Frühkartographie arbeiten, helfen, um die devianten Theorien über die kulturellen Wechselwirkungen vor Kolumbus auf eine naturwissenschaftliche Basis zu stellen.


Anmerkungen und Quellen

Fußnoten:

  1. Siehe: Dominique Görlitz, "Ungelöste Rätsel der Entdeckergeschichte - Kam Kolumbus 15.000 Jahre zu spät?", D M Z Verlag Gotha, 2013, 2. Auflage
  2. Siehe: Dominique Görlitz, "Prähistorische Ausbreitungsmechanismen transatlantisch verbreiteter Kulturpflanzen", Gotha, 2012, Hardcover (Format: 29,7 x 21,0 cm), 116 Seiten, reichhaltig illustratriert; ISBN 978-3-93918-246-7
  3. Siehe: Charles H. Hapgood, "Maps of the Ancient Sea Kings: Evidence of Advanced Civilization in the Ice Age", 1966 (Reprint 1996); siehe dazu bei Atlantisforschung.de auch: "Charles H. Hapgood: Maps of the Ancient Sea Kings (Rezension)" von Dr. Horst Friedrich
  4. Siehe z.B. die Arbeiten der Wiener Ethnologin Dr. Christine Pellech; z.B. online bei Atlantisforschung.de: "Die Kenntnis Amerikas, der Arktis, der Antarktis und Australiens auf alten Karten"
  5. Übersetzung: "Wer erstellte die erste Weltkarte? Altertümliche Kartographie im Licht moderner Forschung"
  6. Anmerkung: Siehe z.B. die Karte der Terra Australis von Cornelius Wytfliet aus dem Jahr 1597. Bemerkenswert ist an dieser Karte immerhin, so Dr. Görlitz, "die authentische Darstellung der Drakestraße sowie die ungefähr richtige Darstellung des südlichen Wendekreises durch S-Amerika im rechten Kartenteil. Ansonsten ist der Rest ziemlich fiktiv im Gegensatz zu den früheren Karten/Globen..."
  7. Quelle: H. Biedermann, (1983): "Grundsätzliche Bemerkungen zum Diffusionismus- Isolationismus-Problem in der Kulturgeschichte des alten Amerika". Publ. in: Almogaren XI-XII/1980-81, Hallein 1983, 28-36.

Bild-Quellen:

1-3) Bild-Archiv Dr. Dominique Görlitz 2015
4) Bild-Archiv Atlantisforschung.de
5) Bild-Archiv Dr. Dominique Görlitz 2015