Niedergang des klassischen Diffusionismus

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Eine kleine Geschichte des Diffusionismus, Teil IV


Abb. 1 Franz Boas, der führende US-Anthropologe seiner Zeit, erklärte das diffusionistische Modell 1925 für "erledigt".

(bb) Bereits der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zeigte der frühe, aus der Kontroverse zum Evolutionismus hervorgegangene Diffusionismus erste Verfallserscheinungen. Zunächst wurde die extreme 'Britische Schule' (Heliozentrischer Diffusionismus bzw. 'Hyperdiffusionismus'), die in etwa zur Zeit des Ersten Weltkriegs innerhalb der britischen scientific community ein beachtliches Prestige genossen hatte, schon in den folgenden Jahren durch die aufstrebende strukturfunktionalistische Schule von Bronislaw Malinowski und Alfred Reginald Radcliffe-Brown deklassiert. [1] Malinowski ging so weit, diese Spielart des Diffusionismus als "kindische Analyse ... von erstklassiger Stumpfsinnigkeit" zu bezeichnen. [2] In Frankreich sowie in den meisten Ländern Lateinamerikas hatte er zumeist ohnehin nur den Charakter einer Modeerscheinung aufgewiesen. [3]

In den USA wurde die 'Amerikanische Schule' der Diffusionisten ebenfalls bald durch neu entstehende Betrachtungsweisen und Methoden - vor allem durch den Kulturrelativismus - herausgefordert und spätestens während der frühen 1930er Jahre überflügelt. Franz Boas (Abb. 1) (1858-1942), später auch als 'Vater der nordamerikanischen Anthropologie' bezeichnet [4], der entscheidend an der Entwicklung des Kulturrelativismus beteiligt war, trug auch dazu bei, die Unsinnigkeit der damals vorherrschenden Auffassung zu erkennen, dass die westliche Zivilisation weniger komplexen Gesellschaften kulturell überlegen sei. [5] Auch geriet Boas in einen immer stärkeren Gegensatz zu diffusionistischen Auffassungen, und gelangte schließlich zu der Ansicht, kultureller Wandel sei als Ergebnis einzigartiger und natürlicher Reaktionen auf Umweltbedingungen zu erklären. Als er 1925 konstatierte, "Die Diffusion ist erledigt", war dies der 'Startschuss' zu einem entsprechenden Paradigmenwechsel in der US-Anthropologie. [6]

Abb. 2 Der sowjetische Geologe I.A. Jefremow (1908-1972) vertrat als Privatforscher im Bereich der Anthropologie explizit diffusionistische Ideen, doch im offiziellen Diskurs der Anthropologen und Ethnographen in der Sowjetunion war der Diffusionismus als Schule ab ca. 1930 tabu.

Anders verlief die Entwicklung in der Ethnographie und Archäologie der damaligen Sowjetunion. Im vorrevolutionären Russland hatte sich der Diffusionismus in der ethnologischen Auseinandersetzung mit dem Evolutionismus längerfristig als Minderheitenposition etabliert, freilich ohne ihn ablösen zu können. [7] Auch unter Historikern [8] und in der Archäologie der frühen UdSSR waren mit A. Spitzyn (Leningrad), V. Gorodzow (Moskau), und S. A. Teplouchov (1888-1934), einem Experten für die Archäologie Sibiriens, sogar Persönlichkeiten etabliert, "die noch stark vom frühen Diffusionismus geprägt waren und von der neuen marxistischen Ideologie weitgehend unbeeinflusst blieben. Diese Tatsache musste früher oder später zum Problem werden" [9] In der Tat wurden 1929 "fast alle ArchäologInnen als Reaktionäre angeklagt, weil sie >den Aufbau des Sozialismus vermeiden, indem sie in die Vergangenheit flüchten und die Hinterlassenschaften der Vergangenheit untersuchen, ohne sie in Beziehung zu setzen zu den Gesellschaften, die sie hervorbrachten<." [10] Sogar der Begriff 'Archäologie' wurde kurzzeitig verboten und der Diffusionismus dauerhaft aus der sowjetischen Forschung verbannt. Alle Ähnlichkeiten zwischen Kulturen mussten dort nun als Resultat paralleler Entwicklungen erklärt werden. [11]

Abb.3 Pater Wilhelm Schmidt (1868-1954). Die von ihm begründete 'Wiener Schule' war nach 1945 quasi nur noch ein wissenschaftsgeschichtliches Fossil.

Im deutschsprachigen Raum, wo sich ethnologische Migrations- und Diffusionsmodelle in Form der 'Frankfurter Schule' [12] (Kulturmorphologie) und der 'Wiener Schule' (Kulturkreislehre) spätestens in den 1920er Jahren als theoretischer Leitgedanke etablieren konnten, blieb der Diffusionismus - ungeachtet der Entwicklung im angelsächsischen Raum - über etwa zwei Jahrzehnte hinweg eine wesentliche Richtung der Ethnologie. Ein erster Einbruch erfolgte hier während der NS-Diktatur, als prominente Anhänger der Wiener Schule - wie Wilhelm Koppers und Wilhelm Schmidt (Abb. 3) - aus politischen Gründen (vor allem aufgrund ihres Katholizismus) ihre Ämter verloren bzw. ins Exil gingen und durch Protagonisten eines systemkonformen 'säkularen Diffusionismus' [13] - z.B. Hermann Baumann, Walter Krickeberg und Hans Plischke - sowie durch Verfechter der aufstrebenden, konkurrierenden Schule des Funktionalismus verdrängt wurden.

Nach dem Ende des 'Zweiten Weltkriegs' konnte keine der großen, unter dem Sammelbegriff 'Diffusionismus' fassbaren, Schulen der Ethnologie ihre vormalige Bedeutung wiedererlangen. Eine konsequente, an neueren Erkenntnissen orientierte Weiterentwicklung der starren Theoriengebäude des klassischen Diffusionismus blieb aus, und weitergeführte Projekte wie das Frobenius-Institut in Frankfurt am Main waren allenfalls nur noch sehr bedingt als diffusionistisch zu bezeichnen.

Bereits vor 1945 war der zeitgenössische Diffusionismus zunehmend Gegenstand massiver fachlicher Kritik, "die sich (neben einer Reihe von z.T. komplizierten theoretischen Detailproblemen [14] vor allem gegen die schematische Vorgehensweise und die zunehmend als unzeitgemäß empfundene Fixierung auf pseudohistorische [sic!; bb] Rekonstruktionen wandte." [15] Zur Diskreditierung des nun als "unproduktiv" [16] betrachteten Diffusionismus in der bundesrepublikanischen Ethnologie, die nach dem Krieg zunehmend von der britischen und US-amerikanischen social bzw. cultural anthropology beeinflusst wurde [17], trug auch die dogmatische, religiöse und eurozentristische Positionierung der, in kolonialistischen Denkmustern verwurzelten, Wiener Schule bei. Bisweilen wurden auch die Postulate des, an der Rassenideologie der Nationalsozialisten orientierten, 'säkularen Diffusionismus' als allgemeine Charakteristika des Diffusionismus fehlinterpretiert. Baumann hatte z.B. als Ursache für die Ausbreitung von Kultur-Elementen behauptet "dass in den Zentren eine höhere, 'gescheitere' 'Rasse' besteht. Die anderen 'Rassen' empfangen passiv die Impulse [,] die von den >Rassen< im Zentrum ausgehen." [18]

Im Bereich der DDR-Ethnographie galt Diffusionismus nun ohnehin als Bestandteil "der bürgerlichen Ethnologie, Kultur- und Sozialanthropologie im Stadium des Imperialismus, unter den Bedingungen der verschärften kolonialen Ausbeutung...", also der zu bekämpfenden "imperialistischen und revisionistischen >Gesellschaftstheorien< und ihren Widerspiegelungen in einzelnen Wissenschaftsdisziplinen...". [19]


Fortsetzung:


Anmerkungen und Quellen

Fußnoten:

  1. Siehe: Diffusionism (Anthropology), bei: what-when-how - In Depth Tutorials and Information (abgerufen: 11.06.2013)
  2. Quelle: Karl-Heinz Kohl, "Ethnologie - die Wissenschaft vom kulturell Fremden: Eine Einführung", C.H.Beck, 2012 (Google eBook ohne Seitenangabe; abgerufen: 05.02.2014)
  3. Quelle: Travis B., Andre Gingrich WS 03/04 - Einführung in die Geschichte der Kultur- u. Sozialanthropologie, S. 8 (PDF-Datei, 579,88 KB; abgerufen: 12.06.2013)
  4. Siehe: M. Holloway, "The Paradoxical Legacy of Franz Boas — father of American anthropology", in: Natural History, November 1997; sowie: George W. Stocking. Jr., "Franz Boas and the Founding of the American Anthropological Association", in: American Anthropologist, 62, 1960, S. 1–17
  5. o.A., "Franz Boas", Columbia University, Department of Anthropology (abgerufen: 23.06.2013)
  6. Quelle: Michael Arbuthnot, "Geschichte des Niedergangs der Diffusions- und Migrations-Theorien", Atlantisforschung.de, 2003
  7. Siehe: Aleksandar Bošković (Hrsg.), Other People's Anthropologies - Ethnographic Practice on the Margins", Berghahn Books, 2008, S. 34
  8. Siehe etwa: V. Y. Bryusov, "Uchiteli uchıteleı" ("Teachers of Teachers"), in: Letopıs, Nos. 9-12, 157, 1917
  9. Quelle: Gero von Merhart, „Daljóko: Bilder aus sibirischen Arbeitstagen“, Böhlau Verlag Wien, 2008, S. 30 (Link abgerufen: 24.06.2013)
  10. Bernhard Brosius (Mannheim, 2007), "Zum Fünfzigsten Todestag: Vere Gordon Childe, Archäologe - Marxist - Revolutionär", in: Inprekorr, 434/435, 29 - 32, 2008 (Omline-Version abgerufen: 16.06.2013)
  11. Quelle: ebd. --- Anmerkung: Trotzdem verschwanden diffusionistische Vorstellungen und Ansätze nie völlig aus der sowjetischen Forschung, sondern es wurde lediglich die Bezeichnung 'Diffusionismus' vermieden. So konstatierte beispielsweise der Ethnologe P. P. Yefimenko 1938 in einer Abhandlung über 'primitive' Gesellschaften, dass kulturelle Stagnation ein Ergebnis von Isolation darstelle (siehe: P. P. Yefimenko, "Pervobytnoye obshchestvo", Leningrad, 1938, 2. Aufl., S. 301). Der Geologe und Paläontologe Iwan Antonowitsch Jefremow stellte 1956 Überlegungen zu einer von ihm vermuteten 'Urkultur' an und ging von gemeinsamen kulturellen Wurzeln der entwickelten Frühkulturen Amerikas und Europas aus (siehe: I.A. Jefremows Beiträge in "Did Atlantis exist?", in: Teknika molodezhı, Nummern 9, 10, 11 und 12, 1956), und 1968 konnte der Chemiker und Atlantisforscher Nikolai Zhirov sogar wieder ganz unverblümt feststellen: "Es muss festgehalten werden, dass Völker, die sich über Jahrtausende hinweg in Isolation (in Abwesenheit von Migration und Diffusion) und ohne Kontakt zu anderen, kultivierteren Völkern entwickelt haben, sehr lange Zeit in einem sehr niedrigen Niveau sozialer und kultureller Entwicklung verharrten". (N. Zhirov, "Atlantis - Atlantology: Basic Problems", Moskau (Progress Publishers), 1968/1970, S. 17; zit. nach dem Reprint, Hawaii 2001)
  12. Anmerkung: Nicht zu verwechseln mit der allgemein bekannteren "Frankfurter Schule" einer Gruppe von Philosophen und Wissenschaftlern des Frankfurter Instituts für Sozialforschung (Max Horkheimer, Theodor W. Adorno et al.)
  13. Quelle: Mitchell G. Ash, Wolfram Niess und Ramon Pils: "Geisteswissenschaften im Nationalsozialismus: Das Beispiel der Universität Wien", V&R unipress GmbH, 2010, S. 180
  14. Siehe: Klaus E. Müller‚ "Grundzüge des ethnologischen Historismus’", in: W. Schmied-Kowarzik und J. Stagl (Hrsg.), Grundfragen der Ethnologie (S. 193-231), Berlin, 1981, S. 208ff
  15. Quelle: Martin Rössler, Die deutschsprachige Ethnologie bis ca. 1960 - Ein historischer Abriss, Kölner Arbeitspapiere zur Ethnologie, 2007, online bei: Kölner UniversitätsPublikationsServer (Volltext als PDF-Datei, 424,00 KB; abgerufen: 15.06.2013)
  16. Quelle: o.A., Kolonialismus, Rassismus, Ethnizität (Doc-Datei), bei: KSA-Mitschriften (Andre Gingrich), 18. Februar 2008 (abgerufen: 15.06.2013)
  17. Quelle: Martin Rössler, op. cit. (2007), S.24 und S. 25
  18. Quelle: o.A., Kolonialismus, Rassismus, Ethnizität (Doc-Datei), bei: KSA-Mitschriften (Gingrich), 18. Februar 2008 (abgerufen: 15.06.2013)
  19. Quelle: Ministerrat der Deutschen Demokratischen Republik, Ministerium für Hoch- und Fachschulwesen; "Lehrprogramm für das Lehrgebiet: Geschichte und Theorie der Ethnogaphie", 1978 (Kat. Nr. 01 8546 02 2), S. 7 und 5 (PDF-Datei, 3886,08 KB KB, bei Universität Leipzig; abgerufen: 08.02.2014)

Bild-Quellen:

1) Texas State University, "Introduction to Cultural Anthropology", unter: Franz Boas (1858-1942)
2) Tony O’Connell, Yefremov, I. A. (N), bei: Atlantipedia.ie
3) Joachim Specht bei Wikimedia Commons, unter: File:Wilhelm Schmidt S.J. 2.jpg