Eine kleine Geschichte des Diffusionismus

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Notwendige Vorbemerkungen des Verfassers

Abb. 1 Das Schilfboot RA II (teilweise rekonstruiert), mit dem Thor Heyerdahl und seine Crew 1970 den Atlantik überquerten. Heyerdahl gilt heute als Wegbereiter und Pionier des modernen Diffusionismus, der sich in vieler Hinsicht stark vom 'klassischen' Diffusionismus des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts unterscheidet. Der vorliegende Beitrag dient nicht zuletzt dem Zweck, die wissenschaftsgeschichtliche Entwicklung des Diffusionismus von damals bis heute darzustellen, die gerade im universitären Bezirk zumeist noch immer ignoriert wird.

(bb) Bereits vor einigen Jahren hat der Verfasser an anderer Stelle [1] darauf hingewiesen, dass die Beantwortung der Frage, was eigentlich unter Diffusionismus zu verstehen ist, auch im Zeitalter der Online-Enzyklopädien durchaus nicht so einfach ist, wie man zunächst annehmen möchte. Im Internet oder in der Literatur zu findende Informationen zu diesem Thema sind zumeist retrospektiv und historisierend, da sie sich lediglich damit befassen, was der Diffusionismus - vor mehr als einem halben Jahrhundert - einmal war.

Wenn bisweilen doch einmal etwas über heutige, weitgehend aus dem 'offiziellen' Wissenschaftsbetrieb verdrängte diffusionistische Forschung zu finden ist, dann klingt zumeist das angestrengte Bemühen durch, sie als vermeintlich "wissenschaftlich überholt" zu diskreditieren. Da bisher keinerlei kompetent verfasste Literatur zu ihrer historischen Fortentwicklung seit etwa Mitte des 20. Jahrhunderts existiert, ist dieser Entwicklungsprozess in einer Betrachtung durch Außenstehende praktisch nicht wahrnehmbar, was es im Ergebnis auch relativ leicht macht, heutige Verfechter und Protagonisten des Diffusionismus als Anhänger längst veralteter Vorstellungen und Modelle darzustellen. [2]

Abb. 2 Der promovierte Wissenschaftshistoriker und seinerzeitige Nestor des modernen Diffusionismus im deutschsprachigen Raum, Dr. Horst Friedrich (1931-2015), dem diese kleine Abhandlung gewidmet ist, auf einem Foto, das Ende der 1980er Jahre entstand

Leider haben sich zum einen professionelle Wissenschaftshistoriker bisher noch nicht eingehend mit diesem Thema auseinandergesetzt, während sich zum anderen universitäre, professorale Vertreter aus dem Bereich der Ethnologie und Anthropologie - also jenen Fächern, in denen der Diffusionismus lange Zeit quasi beheimatet war - als völlig unwillig oder auch, mit Verlaub gesagt, gänzlich unfähig zu einer umfassenden, wissenschaftsgeschichtlich adäquaten Aufarbeitung und Darstellung seiner Entwicklung (von den frühesten Anfängen bis in die Gegenwart hinein) gezeigt haben. [3]

Aber auch diejenigen Experten, die heute im Bereich zumeist außenseiterischer diffusionistisch ausgerichteter Vergangenheitsforschung tätig sind, scheinen - offenbar vollauf beschäftigt mit ihren jeweiligen Projekten und entsprechenden Publikationen - wenig Neigung zu zeigen, wertvolle Arbeitszeit in entsprechende Studien und Reflexionen zu investieren. Dabei sollte doch die Darstellung der Entwicklung des Diffusionismus in seinem zeit- und vor allem wissenschaftsgeschichtlichen Kontext gerade aus Sicht seiner Verfechter von besonderer Bedeutung sein, denn zweifellos gilt auch für den Diffusionismus der Satz: "Wissenschaft besteht nicht nur aus Theorien, sondern ist auch ein historisches Phänomen: Ohne Kenntnis ihrer Geschichte bleibt unverständlich, weshalb die Wissenschaft so arbeitet, wie sie es heutzutage tut..." [4] Der eklatante Mangel an Informationen zur Wissenschaftsgeschichte des Diffusionismus ist also auch durchaus selbstverschuldet, was die sich zu ihm bekennende 'Forschergemeinde' betrifft.

Für den Verfasser, der als langjähriger Schüler des promovierten Wissenschaftshistorikers und Nestors des Diffusionismus im deutschsprachigen Raum, Dr. Horst Friedrich (Abb. 2), sowohl einen engen Bezug zur Thematik als auch eine wissenschaftsgeschichtliche Betrachtungsweise außenseiterischer Forschung entwickelt hat, war es somit naheliegend, diesem Misstand nun zumindest ansatzweise, also in Form eines längeren enzyklopädischen Beitrags zu diesem Thema, abzuhelfen. Dazu plante er ursprünglich eine umfassende Ausarbeitung des Lemmas 'Diffusionismus' bei der deutschsprachigen Wikipedia [5], ein Vorhaben, das er inzwischen aufgegeben hat. Stattdessen präsentiert er seine Ausarbeitung, die freilich einen provisorischen Charakter hat und künftig nach und nach weiter verbessert und ergänzt werden soll, hier bei Atlantisforschung.de [6], wo ohnehin die derzeit umfangreichste deutschsprachige Materialsammlung zum modernen Diffusionismus zu finden ist.

Die nachfolgende Kleine Geschichte des Diffusionismus stellt letztlich den Grundstock für eine angedachte, umfassendere Veröffentlichung in Buchform dar, bis zu deren Erscheinen Interessierten nun zumindest eine einführende Informationsquelle zur Verfügung steht. In Vorbereitung ist zudem ein ergänzender Beitrag zum Verhältnis von Diffusionismus und Atlantisforschung, einem Themenkomplex, der in der Kleinen Geschichte des Diffusionismus aus verschiedenen Gründen [7] noch nicht angesprochen wird.

Konstruktive Kritik sowie Vorschläge zur vorgesehenen Verbesserung und weiteren Ausarbeitung dieser kleinen Abhandlung, die er in Dankbarkeit seinem Lehrer und wissenschaftlichen Mentor, Dr. Horst Friedrich, widmet, werden von Verfasser gerne entgegengenommen.

Krefeld, im März 2014


Abb. 3 Transozeanische Seefahrt vor Kolumbus - ein zentrales Thema des modernen Diffusionismus (Für eine vergrößerte Ansicht bitte das Bild anklicken!).


Eine kleine Geschichte des Diffusionismus (Übersicht)


Addenda


Danksagungen

Der Verfasser möchte nicht versäumen, sich an dieser Stelle zunächst noch einmal bei Dr. Horst Friedrich zu bedanken, dem er nicht nur seinen wissenschaftsgeschichtlichen Betrachtungsansatz universitärer und privater bzw. außenseiterischer Forschung verdankt, sondern auch die Einsicht, dass jeder Versuch, zu einem besseren, wirklich tiefgreifenden Verständnis menschlicher Zivilisationsgeschichte zu gelangen, ohne die Einbeziehung kulturdiffusinistischer Ideen, Herangehensweisen, Modelle und Konzepte von vorneherein zum Scheitern verurteilt sein muss.

Des weiteren gilt sein besonderer Dank der Grand Old Lady des Diffusionismus im deutschsprachigen Raum, der Ethnologin Dr. Josefine Huppertz, die als aktive Zeitzeugin den Wandel des Diffusionismus in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts 'hautnah' miterlebt hat. Seine telefonischen Gespräche mit ihr haben viel dazu beigetragen, ihm ein tieferes Verständnis der wissenschaftssoziologischen Hintergründe für die Ausgrenzung diffusionistischer Forschung aus dem universitären Bezirk zu vermitteln.

Außerdem möchte der Verfasser sich herzlich bei der Wiener Ethnologin und Philosophin Dr. Christine Pellech bedanken, die mit ihrem englischsprachigen Magazin Migration & Diffusion wie keine Zweite dazu beigetragen hat, Praxis und Positionen moderner DiffusionistInnen transparent und allgemein wahrnehmbar zu machen.


Anmerkungen und Quellen

Fußnoten:

  1. Siehe: Bernhard Beier, "Der Diffusionismus - Zur Diskussion eines umstrittenen Konzepts", Atlantisforschung.de, 2009
  2. Anmerkung: Es darf nicht vergessen werden, dass sich die Verfechter schulwissenschaftlicher Lehrmeinungen und Paradigmata faktisch in direkter Konkurrenz zu den Repräsentanten alternativer, devianter Vorstellungen befinden, durch welche sie sowohl ihr Monopol auf Wissensvermittlung als auch die "Autorität und Leit-Ideologie moderner Wissenschaft" (O´Hehir, 2005) bedroht sehen. Diese Befindlichkeit der professoralen Akteure und ihres Anhangs (Jungakademiker, Wissenschaftsjournalisten etc.) führt dann letztlich zu einer alles andere als objektiven Rezeption und Bewertung ihrer Opponenten und deren Arbeit.
  3. Anmerkung: Siehe dazu als prägnante Beispiele: Christian Giordano, Ethno: Der antropologische Kulturbegriff, (unter: 2.2 Diffusionistischer Kulturbegriff), 22.10.03; online als PDF-Datei bei: semestra; sowie: Karl-Heinz Kohl, "Ethnologie- die Wissenschaft vom kulturell Fremden: Eine Einführung", unter: 3. Das Problem der Einheit der Kultur, Der Diffusionismus oder die Suche nach der Urkultur, C.H.Beck, 2012 (Links abgerufen: 07.02.2014)
  4. Quelle: Leopoldiana - Nationale Akademie der Wissenschaften, unter Wissenschaftsgeschichte (abgerufen: 07.02.2014)
  5. Siehe: Wikipedia - Die freie Enzyklopädie, Diskussion:Diffusionismus, unter: 5. Überarbeitung notwendig ff. (abgerufen: 07.02.2014) Anmerkung: Da die 'Kleine Geschichte des Diffusionismus' auf einem, wenn auch nur kurzen Wikipedia-Artikel basiert, möchte der Verfasser darauf hinweisen, dass es somit in gewisser Weise auch 'Ko-Autoren' gibt. Siehe zu diesen die Versionsgeschichte des dortigen Lemmas. Zum Vergleich hier auch noch die Links zur Version des Lemmmas vom 18. September 2006, 21:07 Uhr (vor der ersten Bearbeitung durch den Verfasser (bb) sowie zum Stand vom 25. Januar 2013, 16:31 Uhr, d.h. vor seiner bisherigen Hauptbearbeitung im April und Jumi 2013.
  6. Anmerkung: Dazu sei noch einmal betont, dass der Verfasser den modernen Diffusionismus neben dem Neo-Katastrophismus und dem heutigen Euhemerismus als drittes methodisch-konzeptionelles 'Standbein' nonkonformistischer Atlantisforschung betrachtet.
  7. Anmerkung: Entscheidend dafür, dass dieser Aspekt bei der Konzeptionierung und Umsetzung der Kleinen Geschichte des Diffusionismus keine Berücksichtigzng fand, ist die bereits angesprochene Tatsache, dass sie ursprünglich als Beitrag für die deutschsprachige Wikipedia geplant war, wo jede umfassende Einbeziehung des Atlantis-Komplexes mit Sicherheit der Zensur zum Opfer gefallen wäre.

Bild-Quellen:

1) Bildarchiv Atlantisforschung.de
2) China Crisis (Urheber) bei Wikimedia Commons, unter: File:RaII.InMuseum.jpg (Lizenz: Creative-Commons, „Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen 2.5 generisch“, US-amerikanisch)
3) Martin Marheinecke, „GÖTTER" AUF TÖNERNEN FÜSSEN, 1996/2004