Der Diffusionismus - Zur Diskussion eines umstrittenen Konzepts - Teil I

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Abb. 1: Moderne Diffusionisten sind davon überzeugt, dass Menschen bereits vor vielen Jahrtausenden die Ozeane befuhren und dass Zivilisation grundsätzlich ein Produkt kultureller Interaktion darstellt. Foto: Ein 'Lakatoi' aus Neuguinea. Dieser Schiffs-Typ findet dort traditionell Verwendung im Küstenhandel. (Bildquelle: Hiri Moale Website)

(bb) Was ist eigentlich 'Diffusionismus'? Die Beantwortung dieser Frage ist durchaus nicht so einfach, wie man sich dies im Zeitalter der Online-Enzyklopädien vielleicht denken mag, denn was wir bei unserer Suche im Internet dazu gefunden haben, vernebelt häufig eher die Tatsachen. Wer sich von Berufs wegen wissenschaftlich mit diesem "großen Theoriestrang der Sozial- und Kulturanthropologie" [1] beschäftigt, scheint häufig lediglich historisierend und höchst tendentiös mit ihm umzugehen. Diejenigen, die den Diffusionismus heute in der alternativen Forscherszene praktizieren, stellen dagegen in aller Regel keine wissenschafts-theoretischen oder -historischen Überlegungen dazu an.

Daher wollen wir hier eine etwas ausführlichere Betrachtung und Diskussion des Begriffs anhand mehrerer beispielhafter Texte vornehmen, um genauer in Erfahrung zu bringen, was denn eigentlich unter Diffusionismus zu verstehen ist und welch unterschiediche Bilder von ihm gezeichnet werden. Anschließend werden wir den Versuch einer aktuellen Definition des Begriffs unternehmen, die nicht an Historizismen, sondern am 'real existierenden' Diffusionismus des späten 20. Jahrhunderts und der Gegenwart orientiert ist.

Beginnen wollen wir mit einer aus Deutschland stammenden Erklärung des Begriffs, die wir bei WIKIPEDIA gefunden haben: "Der Diffusionismus ist ein theoretischer Versuch, die Ähnlichkeit weit voneinander entfernter Kulturen zu erklären. Von 1900 bis in die 1940er Jahre galt er als Hauptrichtung der Ethnologie. Aus ihm stammen die Konzepte der Kulturkreislehre, der Kulturhistorischen Schule, der Museumsethnologie und der Historischen Völkerkunde.

Da kulturelle Innovationen Seltenheitswert besitzen, geht man im Diffusionismus von der Konstanz kultureller Phänomene aus. Allerdings wird der Einfluss von Umwelteinflüssen in kulturellen Praktiken vernachlässigt. Daher ist der diffusionistische ein mechanistischer Kulturbegriff. Die Übertragung kultureller Phänomene geschah durch Handels- und Reisekontakte oder durch die Eroberung durch ein fremdes Volk.

Ein diffusionistischer Vergleich einzelner Kulturphänomene brachte zum Beispiel heraus, dass Sanskrit das Fundament der indogermanischen Sprachfamilie ist. Smith und Perry [vergl: Historische Forscher-Persönlichkeiten des Diffusionismus von Gail King und Meghan Wright] vertraten einen heliozentrischen Diffusionismus, der das alte Ägypten als Wiege der menschlichen Kultur identifizierte." [2]

Abb. 2: Beschäftigt sich der Diffusionismus tatsächlich nur mit materiellen Kultur-Produkten? Hier ein Vergleich zwischen Werkzeugen indigener Völker aus Polynesien und dem Nordwesten der USA.

Wie wir sehen, ist dies - auch wenn die Gegenwarts-Form verwendet wird - eine retrospektive Definition des Diffusionismus, welche die gegenwärtige diffusionistischen Praxis ignoriert und die sich lediglich an seiner historischen Entwicklung und Anwendung orientiert. Zudem ist sie im Detail (z.B. Diffusionismus als "mechanistischer Kulturbegriff") diskussionsbedürftig. Davon abgesehen ist "der" Diffusionismus kein monolithisches Ideen-Gebäude, wie die WIKIPEDIA-Definition nahelegt, sondern historisch ein höchst heterogenes Konglomerat ähnlicher, im Detail jedoch stark divergierender, bisweilen sogar inkompatibler Betrachtungsweisen.

Man sollte keinesfalls außer Acht lassen, dass der Diffusionismus-Begriff über mehr als anderthalb Jahrhunderte hinweg von Forschern bemüht wurde bzw. auf sie anwendbar ist [3], die mit den unterschiedlichsten fachlichen und methodischen Hintergründen sowie mit sehr uneinheitlichen Vorgaben und Herangehensweisen kulturellen Entwicklungsprozessen auf der Spur waren - und sind. Im modernen, grenzwissenschaftlich / alternativ-historischen Diffusionismus mit seiner Affinität zum Katastrophismus wird jedenfalls keineswegs "der Einfluss von Umwelteinflüssen in kulturellen Praktiken vernachlässigt", sondern die Auswirkungen solcher Einflüsse auf Kultur-Charakteristika und -Praktiken, aber auch auf die Rahmenbedingungen kultureller Diffusions- und Entwicklungs-Prozesse spielen eine signifikante Rolle (vergl. dazu z.B.: Fünf Thesen zur Vorgeschichte von Dr. Horst Friedrich)

Immerhin können wir dem Autor bei WIKIPEDIA attestieren, seine Definition des Diffusionismus-Begriffs sine ira et studio [4] vorgenommen zu haben und ihn zumindest in wesentlichen Teilaspekten sachlich richtig und kritisch - aber nicht wertend - darzustellen. Der D. wird dort in seinen wissenschafts-historischen Kontext eingebunden ("Von 1900 bis in die 1940er Jahre galt er als Hauptrichtung der Ethnologie") und anhand eines konkreten Beispiels ("Sanskrit") wird seine grundsätzliche Legitimität aufgezeigt. Das ist insgesamt schon mehr, als man erwarten darf, denn trotz der Verifizierbarkeit bedeutender kultureller Diffusionen gilt der D. im Elfenbeinturm universitärer Forschung heute allgemein als veraltet, widerlegt oder verpönt: Dort wird allgemein ein ihm diametral entgegengesetztes Modell, der von seinen Kritikern so genannte Isolationismus [5] propagiert.


Das Menschenbild im Diffusionismus: 'homo creatio' oder 'homo imitatio'?

Diese Feststellung ist wesentlich für das Verständnis der folgenden Zitate aus einem - offenbar universitären - Online-Beitrag aus dem deutschsprachigen Raum, in welchem "der Diffusionismus" ebenfalls rückwärtsgewandt und zudem reichlich 'betriebsblind' abgehandelt wird: "Ethno: Der antropologische Kulturbegriff (Giordano)" So heißt es dort z.B.: "Im Diffusionismus ist der Blick fast auschliesslich auf materielle Kultur gerichtet (Untersuchungen anhand von Sach-Objekten)" [6], womit letztlich eine Uralt-Kritik des damaligen Ex-Diffusionisten [7] Franz Boas (1858-1942) [zu Boas vergl.: Historische Forscher-Persönlichkeiten des Diffusionismus; d. Red.] neu aufgewärmt wird. Dabei wird geflissentlich die zwischenzeitliche Einbeziehung mythologischer, linguistischer (s.o.), epigraphischer [8] und sogar genetischer [9] Untersuchungs-Gegenstände in die diffusionistische Forschung ignoriert.

Noch abstruser (bestenfalls: anachronistischer) wird es, wenn es in dieser Quelle heißt: "Der Diffusionismus ist fast ausschliesslich morphologisch orientiert (die äussere Gestalt betreffend): eine Art Form-Analyse. Frage: Wie hat sich ein bestimmtes Kulturelement ausgebreitet? Der Diffusionismus untersucht jedoch keine Fragen nach dem Sinn oder der Funktion bestimmter Kulturelemente." [10] Hier wird die Bedeutung von Transferenz-Problemen [11] für den Diffusionismus ebenso unter den Teppich gekehrt, wie wie die diffusionistische Grundsatz-Frage nach den Ursachen kultureller und zivilisatorischer Entwicklungs-Prozesse; stattdessen wird eine Art simplistischer 'Vulgär-Diffusionismus' suggeriert.

Abb. 3: Genetische und linguistische Untersuchungen indigener Völker gehören heute zum Standard-Repertoir diffusionistischer Forschung. Bild (von links n. rechts): Ein Maori-Häuptling, ein Kwakuitl vom Quatsino Sund, ein junger Maori sowie ein Angehöriger der Nitinat aus Britisch Columbien.

Offensichtlich sollen diffusionistische Ideen und Konzepte dort nicht sachlich beschrieben oder dekonstruiert, sondern 'abgekanzelt' werden! Anders lässt sich die folgende Aussage aus der selben Quelle jedenfalls kaum nachvollziehen: "Beim Diffusionismus handelt es sich um eine automatische Ausbreitung. Der Mensch wird nicht als Wesen betrachtet, das Kultur produziert oder den Dingen einen Sinn gibt. Das diffusionistische Verständnis des Menschen ist kein schaffender Akteur (homo creatio), sondern ein zur Nachahmung verdammtes Wesen (homo imitatio)." [12] Es dürfte ihrem Erfinder bereits schwerfallen, solch abenteuerliche Behauptungen anhand der eingestaubten Folianten aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert zu belegen, auf die sich der ethnologische 'homo irritatio', den wir hier zitiert haben, anscheinend bezieht; mit dem 'real existierenden Diffusionismus' der Gegenwart und den Menschenbildern moderner Diffusionisten hat obiges Zitat jedenfalls n i c h t s zu tun.

Halten wir dazu fest: 1) Nach diffusionistischem Verständnis ereignet sich kulturelle Fortentwicklung eben nicht "automatisch" (wie z.B. die EVOLUTIONISTEN meinen, die Kultur-Wandel als linearen Prozess in Folge eines imaginären "Entwicklungs-Gesetzes" betrachten; s. unten), sondern als kausale Folge menschlicher Kreativität, Mobilität und Migrationen. Kulturelle Fortentwicklung ist aus diffusionistischer Sicht immer das Ergebnis bestimmter, für diesen Prozess notwendiger, Voraussetzungen und Rahmenbedingungen. Sind die entsprechenden Voraussetzungen und Bedingungen nicht gegeben, findet keine (vertikale) kulturelle Entwicklung statt.

Und 2) zum "homo imitatio": Woher soll menschliche Kultur denn - wie und vor welchem Hintergrund auch immer man sie definieren mag - gekommen sein, wenn ihre Träger lediglich zur Nachahmung befähigt sein sollen? Ein solches Modell zur Kultur-Entwicklung braucht zwangsläufig entweder 'nichtmenschliche Kulturbringer' aus dem Weltraum (wie in der Prä-Astronautik vorausgesetzt), oder, im Bereich des Okkultismus und der Esoterik, Kulturbringer aus 'höheren Sphären' (im schlimmsten Fall der "Übermensch" unseligen Angedenkens). Diffusionisten setzen jedoch, um es noch einmal zu betonen, ausdrücklich die Fähigkeit des Menschen zur eigenständigen Entwicklung von Hochkulturen voraus. [13]

Warum arbeitet ein "wissenschaftlich" argumentierender Autor mit derartigen Fehl-Interpretationen bzw. Falsch-Aussagen? Weshalb verwendet er für seine (allenfalls) retrospektive Diffusionismus-Reflektion die Gegenwartsform ("Im Diffusionismus ist..."; "Der Diffusionismus ist..."; "Der Diffusionismus untersucht..."; "Das diffusionistische Verständnis des Menschen ist..."), statt der für eine quasi-wissenschaftshistorische Betrachtung adäquaten Vergangenheitsform? Müssen wir - im Gegensatz zur WIKIPEDIA-Definition - annehmen, dass der falsche Tempus dort als manipulative rhetorische Figur benutzt wird? Soll beim Leser - oder im Auditorium - der sachlich unrichtige Eindruck erweckt werden, "der" Diffusionismus weise grundsätzlich bzw. heutzutage die angeblichen Kriterien auf, oder seine AnhängerInnen verträten die behaupteten Positionen?


Sine ira et studio: eine sachliche Definition - aus den USA!

Wer die wissenschafts-geschichtlichen Vorgänge im Zusammenhang mit dem Verschwinden des Diffusionismus aus Forschung und Lehre im universitären Bezirk kennt, und um die besondere Intensitat des praktizierten Anti-Diffusionismus in den USA weiß, wo jahrzehntelang Isolationismus rigidester Natur propagiert wurde [14], der dürfte erstaunt sein: der sachlichste universitäre Versuch einer Definition des Diffusionismus, den wir im Internet finden konnten, stammt aus dem Süden der USA, von der University of Alabama! Allerdings haben dort keine hochdotierten Professoren, sondern zwei Studentinnen, Gail King und Meghan Wright, den Versuch unternommen, den Diffusionismus als Ideen-Gebäude auf der Basis historischer Fachliteratur vorzustellen.

Abb. 4: Das alte Ägypten als Ursprung jeglicher Menscheitskultur? Dieses und andere heliozentrische Diffusionismus-Konzepte wurden im 19. und frühen 20. Jahrhundert vertreten. Bereits wenige Jahrzehnte später galten sie auch unter den meisten Diffusionisten als widerlegt. Heute sind sie nur noch von wissenschaftshistorischem Interesse.

Damit präsentieren auch sie ihn lediglich in der Rückschau, allerdings mit 'offenem Visier' und in der Vergangenheitsform formuliert: "Diffusionismus war, als eine anthropologische Denk-Schule, der Versuch die Natur der Kultur, was den Ursprung kultureller Charakteristika und ihre Ausbreitung von einer Gesellschaft zu einer anderen angeht, zu verstehen. Versionen diffusionistischer Ideen beinhalteten die Überzeugung, dass alle Kulturen einem kulturellen Zentrum entstammen (heliozentrische Diffusion); die vernünftigere Ansicht besagt, dass Kulturen einer begrenzten Anzahl von Kultur-Zentren (Kultur-Kreise) entspringen; und schließlich die Vorstellung, dass alle Gesellschaften von anderen beeinflusst werden, der Diffusions-Prozess jedoch sowohl willkürlich als auch zufällig [sic!; bb] ist (Winthrop 1991:83-84)." [15]

Es wird hier sehr richtig zwischen zwei Grund-Modellen unterschieden, mit denen im 'klassischen' Diffusionismus operiert wurde. Während die eine Denkrichtung, (z.B. Donnelly, Smith und Perry) von einer autochthonen und einzigartigen "Urkultur" der Menschheit (Atlantis, Ägypten, etc.) ausging, postulierte die andere (z.B. Kroeber, Schmidt, Frobenius), dass es mehrerere initiale "Kulturkreise", gegeben habe, die in unterschiedlicher Weise miteinander interagiert hätten. Bei "Ethno..." ist analog dazu die Rede von zwei "Formen des klassischen Diffusionismus: extremer Diffusionismus (= monogenetisch) Es gibt nur 1 Zentrum / Ursprung von dem aus sich die menschliche Kultur ausgebreitet hat. Gemäss der Bibel: Adam und Eva (traditionell) gemässigter Diffusionismus (= poligenetisch) Es gibt nebeneinander mehrere Kulturkreise, deren Kulturen sich parallel zueinander ausgebreitet haben (pluralistisch)." [16]

Auch hier erweist sich die universitär-anthropologische bzw. -ethnologische Betrachtung in beiden Fällen als retrospektiv. Obwohl es z.B. im Bereich der Atlantologie in den vergangenen Jahrzehnten noch vereinzelte Versuche gegeben hat, Atlantis als "die" Ur-Kultur zu etablieren (vergl. etwa Prof. H. Tributschs These eines atlanto-megalithischen Europa als initialer Hochkultur der Menschheit; siehe: Atlantis in der Bretagne - Betracht- ungen zur Theorie des Helmut Tributsch), ist der "heliozentrische" oder "monogenetische" Ansatz in alternativ-prähistorischen Kreisen (bei Diffusionisten innerhalb und außerhalb der Universitäten) schon lange 'mausetot'.

King und Wright warten jedoch zumindenst mit zwei recht zeitlosen und neutralen Definitionen kultureller Diffusion als Prozess auf, die wir noch zur Kenntnis nehmen sollten. Sie gehören zu den wenigen grundsätzlichen Aussagen in den bisher zitierten (nicht-diffusionistischen) Quellen, die auch im modernen Diffusionismus noch Aktualität haben und weitgehend konsensfähig sein dürften: "Man könnte Diffusion schlicht als die Verbreitung eines kulturellen Gegenstands von seinem Entstehungsort auf andere Plätze definieren (Titiev 1959:446). Eine erweiterte Definition beschreibt Diffusion als den Prozess, durch welche beliebige Kultur-Charakteristika durch Migration oder andere Kontakte von einer Gesellschaft zu einer anderen transferiert werden (Winthrop 1991: 82)." [17]


"Extremer" Diffusionismus und "Hyper-Diffusionismus"

Abb. 5: Ägyptische Hieroglyphen in Tasmanien? Phönizische Glyphen in Südaustralien? Annahmen, die alten Ägypter und Phönizier könnten Seereisen in den Pazifik-Raum unternommen haben, werden von Isolationisten ebenso als "Hyper-Diffusionismus" abklassifiziert wie paläolithische Migrationen von Europa nach Amerika.

Wenn wir zur Kenntnis nehmen, dass derartige Diffusionsprozesse mit ihren nachweislichen Auswirkungen auf Sprache, Religion, Architektur, Technologie usw. zweifellos und völlig unwiderlegbar Bestandteil kultureller Entwicklung sind (kein ernsthafter Anthropologe oder Ethnologe wird dies abzustreiten wagen), so mag es den Laien verwundern, warum der Diffusionismus als Ideen-Gebäude heute in der "offiziellen" Menschheits- und Zivilisations-Geschichtsforschung keine nennenswerte Rolle mehr spielt, ja sogar massiv angefeindet und bisweilen regelrecht verleumdet wird.

Dabei bleibt es nicht bei Verdrehungen, Historizismen und Fehl-Interpretationen, wie wir sie oben in Bezug auf diffusionistische Menschheits-Geschichtsforschung bereits kennen gelernt haben, sondern im Extremfall scheuen fach- und populärwissenschaftliche Autoren wie z.B. James M. Blaut oder Keith Muscutt auch nicht vor pauschalisierenden Rassismus-Vorwürfen zurück [18]. Blaut warnte 1993 in "The Colonizer's Model of the World: Geographical Diffusionism and Eurocentric History" vor dem "rassistischen" Charakter des "extremen" Diffusionismus: "Er kritisierte extremen Diffusionismus weil er glaubte, dass er zu der vorherrschenden Meinung beitrug, >Gesellschaften europäischen Stils< seien innovativer gewesen als nicht-europäische Gesellschaften und dass die Fortschrittlichkeit [einer fremden Kultur] im Verhältnis dazu stehe, ob kulturelle Charakteristika aus europäischen Gesellschaften diffundiert waren, oder ob nicht. (Hugill 1996: 344)." [19]

Fragen wir uns zunächst, was eigentlich "extremer" Diffusionismus sein soll, ein Begriiff, den wir im Zusammenhang mit der wissenschaftlichen Bewertung des heliozentrischen Diffusionismus-Konzepts kennen gelernt haben. Da die Heliozentrik im Diffusionismus jedoch, wie bereits festgestellt wurde, in den vergangenen Jahrzehnten praktisch keine Rolle mehr gespielt hat, ist hier offenbar etwas anderes gemeint. Leider finden wir in den uns zugänglichen Quellen keine einzige exakte, wissenschaftlich fundierte Definition dazu (vermutlich gibt es sie auch nicht!), kommen aber bei der Durchsicht des uns bekannten Materials zu dem Schluss: wenn von "extremem" oder "Hyperdiffusionismus" die Rede ist, sind stets Ansichten und Konzepte gemeint, die von schulwissenschaftlichen Mainstram-Positionen abweichen, oder den paradigmatischen Status quo des Wissenschaftsbetriebs in Frage stellen.

Letztlich ist die Formulierung "extremer Diffusionismus" also lediglich eine pejorative Konnotation [20] des Diffusionismus-Begriffs, mit dem simplen Ziel, ihn und seine Vertreter an den Universitäten sowie in der Öffentlichkeit 'unmöglich' zu machen; das gilt natürlich auch für die 'Verbal-Keule' des so genannten "Hyperdiffusionismus". Da Diffusionisten in Forschung und Lehre sowie in den Redaktionen (populär-) wissenschaftlicher Medien seit mehr als einem halben Jahrhundert rare Ausnahmen sind, müssen diejenigen, die mit solchen 'halbseidenen' Begriffen operieren, kaum eine fundierte Kritik befürchten.

(Teil II)


Anmerkungen und Quellen:

Fußnoten:

  1. Quelle: Tamara Neubauer, "Welche Rolle spielen kulturelle Differenzen in der Sozial- & Kulturanthropologie", Arbeit zur Vorlesung interkulturelle Philosophie: Einführung: Ao. Univ.-Prof. Dr. Franz Martin Wimmer, WS 2003/04; online unter http://homepage.univie.ac.at/Franz.Martin.Wimmer/stud-arbeiten/vo0304arbneubauer.pdf
  2. Quelle: "Diffusionismus", aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie, online unter http://de.wikipedia.org/wiki/Diffusionismus
  3. Anmerkung: Gerade im Bereich der nonkonformistischen und außer-universitären Prähistorik (also fern des ethnologischen oder anthropologischen Fachs) gab und gibt es traditionell zahleiche Forscherinnen, die de facto diffusionistische Konzepte und Positionen vertreten, den Begriff selbst jedoch nicht benutzen. Vielen sogenannten "Laien-Forschern" mag er unbekannt (gewesen) sein, manch universitärer Forscher - vor allem in den USA (z.B. Prof. Charles Hapgood) - mag ihn bewusst vermieden haben, um keine zusätzlichen "Nebenkriegs-Schauplätze" zu eröffnen.
  4. Anmerkung: sina ira et studio = "Ohne Hass und Vorliebe, d.h. objektiv und sachlich" (Quelle: DUDEN, Das Fremdwörterbuch, 1982, S. 705)
  5. Anmerkung: ISOLATIONISMUS = Ein antropologisches und archäologisches Paradigma oder Theorem, dessen Anhänger - im Gegensatz zu den 'Diffusionisten' - voraussetzen, "dass die alten Hochkulturen sich jeweils isoliert, ohne Kontakt und Wechselwirkung miteinander, entwickelt hätten. Insbesondere wird die Möglichkeit transozeanischer und interkontinentaler >Transfusionen< geleugnet." (Dr. Horst Friedrich) Der Isolationismus stellt in den USA bereits seit ca. 80 Jahren das vorherrschende ethnologische bzw. anthropologische Paradigma dar; (nach Atlantisforschung.de, 2007)
  6. Quelle: "Ethno: Der anthropologische Kulturbegriff" (Giordano), online unter http://66.249.93.104/search?q=cache:rFd0B2_IP4UJ:www.lernrausch.ch/upl/ethnologie/Sat-18-September-2004_Giordano---Kulturbegriff,-Teil-I.doc+Diffusionismus%2BRassismus&hl=de)
  7. Anmerkung: Franz Boas war ein deutschstämmiger Anthropologe in der Schule Friedrich Ratzels (1844-1904), der zunächst entscheidend zur Etablierung den Diffusionismus in den USA beigetragen hatte, später jedoch zum Isolationismus 'konvertierte'. 1925 erklärte der - höchst einflussreiche - Forscher den Diffusionismus für "erledigt" und besiegelte damit eine der folgenschwersten Fehlentwicklungen in der modernen Anthropologie und Ethnologie (zu Boas siehe auch: "Geschichte des Niedergangs der Diffusions- und Migrations-Theorien" und "Historische Forscher-Persönlichkeiten des Diffusionismus").
  8. Anmerkung: EPIGRAPHIK = "Inschriftenkunde als Teil der Altertumswissenschaft."(Quelle: DUDEN, Das Fremdwörterbuch, 1982, S. 222)
  9. Anmerkung: Vergl. dazu z.B. Die grenzwissenschatlichen Webseiten des Diffusionisten Peter Marsh: Polynesian Pathways, auf denen er ein multidisziplinären Argumenten untermauertes Szenario zur frühen, transkontinentalen Besiedlung des Pazifikraumes sowie ein Konzept der 'paleo-ethnical diversity' für den amerikanischen Doppel-Kontinent vorstellt. Eine Einführung in deutscher Sprache finden Sie bei Atlantisforschung.de unter: Peter Marsh´s Szenario zur Besiedlung des Pazifikraums
  10. Quelle: "Ethno: Der antropologische Kulturbegriff" (Giordano), online unter http://66.249.93.104/search?q=cache:rFd0B2_IP4UJ:www.lernrausch.ch/upl/ethnologie/Sat-18-September-2004_Giordano---Kulturbegriff,-Teil-I.doc+Diffusionismus%2BRassismus&hl=de)
  11. Anmerkung: TRANSFERENZ = "Übertragbarkeit von Charakteristika bzw. von Elementen aus einem kulturellen Komplex auf einen anderen. Fragen: Unter welchen Umständen ist die Transferenz eines Kultur-Elements von einer Kultur in eine andere gegeben? Welche Aspekte kultureller Charakteristika oder Elemente sind ausschlaggebend für ihre Transferenz? Warum erweist sich ein Element der Kultur A transferent bezüglich Kultur B, aber intransferent bezüglich Kultur C?" (Def. nach B. Beier; Atlantisforschung.de - 2005)
  12. Quelle: "Ethno: Der antropologische Kulturbegriff" (Giordano), online unter http://66.249.93.104/search?q=cache:rFd0B2_IP4UJ:www.lernrausch.ch/upl/ethnologie/Sat-18-September-2004_Giordano---Kulturbegriff,-Teil-I.doc+Diffusionismus%2BRassismus&hl=de)
  13. Anmerkung: Ausnahmen mögen auch hier die Regel bestätigen; allerdings ist dem Verfasser kein einziges konkretes Beispiel dafür bekannt!
  14. Anmerkung: Aufschlussreich hierzu ist ein Statement des US-amerikanischen Paläoanthropologen Earnest A. Hooton (1887-1954), der das isolationistische Paradigma folgendermaßen erklärte: "Wir haben für das aboriginale Amerika eine Art ex post facto Monroe-Doktrin aufgestellt und sind geneigt, Andeutungen fremder Einflüsse als Akt der Aggression zu betrachten." Quelle: Karl E. Meyer, "Was there a pre-Columbian melting-pot? TERRA-COTTA FACES ACROSS THE SEA", in: LIFE, 16. Okt. 1970 (Übersetzung ins Deutsche durch Atlantisforschung.de)
  15. Quelle: Gail King und Meghan Wright, "Diffusionism and Acculturation; Basic Premises", bei Dr. M.D. Murphy, "ANTHROPOLOGICAL THEORIES: A GUIDE PREPARED BY STUDENTS FOR STUDENTS" (Department of Anthropology College of Arts and Sciences The University of Alabama), online unter http://www.as.ua.edu/ant/Faculty/murphy/diffusion.htm
  16. Quelle: "Ethno: Der antropologische Kulturbegriff" (Giordano), online unter http://66.249.93.104/search?q=cache:rFd0B2_IP4UJ:www.lernrausch.ch/upl/ethnologie/Sat-18-September-2004_Giordano---Kulturbegriff,-Teil-I.doc+Diffusionismus%2BRassismus&hl=de)
  17. Quelle: Gail King und Meghan Wright, "Diffusionism and Acculturation; Basic Premises", bei Dr. M.D. Murphy, "ANTHROPOLOGICAL THEORIES: A GUIDE PREPARED BY STUDENTS FOR STUDENTS" (Department of Anthropology College of Arts and Sciences The University of Alabama), online unter http://www.as.ua.edu/ant/Faculty/murphy/diffusion.htm
  18. Vergl. dazu: "Rote, gelbe, schwarze und weiße Präkolumbier - über den Nonsens des "rassistischen Diffusionismus"
  19. Quelle: ebd.
  20. Anmerkung: PEJORATIVE KONNOTATION = "Pejoration (fem, -, -en), von engl. pejorative word (term of abuse) und frz. mot péjoratif (vgl. dt. pejorativ); Lehnwort aus dem Lat. pēior „schlechter“, peiorare „schlechter machen“, pejorativ - abwertend, verschlechternd. Pejorisierung - Pejoration, pejorativ (auch deteriorativ) / Idiomatisierung einer abwertenden Konnotation. Bezeichnung für die Bedeutungsverschlechterung eines Wortes, für das Annehmen eines negativen Sinnes. Ein sprachlicher Ausdruck wird pejorativ genannt, wenn er den mit ihm bezeichneten Gegenstand oder Sachverhalt implizit abwertet. Dies kann geschehen durch abwertende Prädikation oder durch lexikalische Spezifizierung." (Quelle: Anna Szuwald, online unter: http://glossar.schneider-ret.de/artikel/pejoration.htm)

Bild-Quellen:

1) Peter Marsh, "Lapita Pottery & Polynesians" (bei: Polynesian Pathways)
2) Peter Marsh, "Canadian Connection" (bei: Polynesian Pathways)
3) ebd.
4) egyptenrejser.dk, unter: http://www.egyptenrejser.dk/image/2275.jpg (Bild nicht mehr online)
5) Peter Marsh, "Pathways into Polynesia" (bei: Polynesian Pathways)