Über die Bedeutung: "Atlantis" (Teil I)

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von Leo Frobenius (1911)

Abb. 1 Das Titelblatt von Leo Frobenius´ Buch aus dem Jahr 1911, dessen erstes Kapitel er dem Atlantis-Problem widmete.

Es ist noch nicht allzu lange her - wir brauchen nicht weiter zurückzugehen als bis zur Jugend unserer Väter - daß auch die tiefer denkende, klassisch gebildete Menschheit Troja und den Sang der Ilias als eine Frucht künstlerischer Fantasie erachtete. Ein schönes Märchenland und ein farbenreiches Gedicht! Dann kam Schliemann, und wir Jüngeren lernten auf der Schule und Hochschule schon die geschichtliche Bedeutung, das Auf- und Abwellen der Troas als Basis historischer Weiterforschung kennen. Das wolle man im Auge behalten.

Als ich seinerzeit den afrikanischen Kulturbesitz seiner Abstammung und Zugehörigkeit nach zu zergliedern begann (vergl. "Der Ursprung der afrikanischen Kultur" und die vorhergegangenen Arbeiten in "Petermanns geographischen Mittelungen"), bemerkte ich schon eine ganze Reihe von Eigenarten, die mit den altbekannten Beziehungen und den von Osten und Nordosten eingedrungenen Kulturströmen nicht in Zusammenhang stehen konnten. Als dann später die durch uns von der Kongoreise heimgebrachten Kulturgüter auf ihre Verwandtschaft hin untersucht wurden, ergab sich ein anschwellen dieser ihrer Abstammung nach zunächst unerklärlichen Eigenarten, und so ward ich gezwungen, wie schon in den Berichten von 1906 (vergl. "Zeitschrift für Ethnologie") angdeutet wurde, dem nördlichen Afrika mehr und mehr meine Aufmerksamkeit und theoretisches wie praktisches Studium zu widmen. Die Fragmnte eines zerschellten, verwitterten und verwehten Kulturbesitzes tauchten deutlicher und immer deutlicher auf, so daß zuletzt eine festere Formung und Festlegung dess Gewonnenen notwendig ward, und daß ich dann im Jahre 1907 die im vorliegenden Werke geschilderte Reise antrat, die zu einer weiteren Verdeutlichung der aus dem Nebel der Vergangenheit auftauchenden Umrisse einer untergegangenen Hochkultur führte.

Diese Hochkultur habe ich denn nach griechischem Vorbilde die "Atlantische" genannt. Damit knüpfe ich an das sagenhafte, oftmals mißhandelte und mißbrauchte, aber hoffentlich nunmehr bald gerettete "Atlantis" des alten Plato an. Was mich dazu geführt hat, wie ich das meine, und in welcher Weise ich unsere Hoffnung rechtfertige, das soll in diesem ersten Kapitel berichtet werden. Meine Darlegungen müssen und sollen nach wissenschaftlicher Arbeitsweise kritisch erwogen werden, jedoch darf der Leser das Beispiel der Beurteilung der Ilias, das ich oben erwähnte, nicht vergessen. Einige Leute, die Schliemanns Behauptung, Troja habe existiert, mit Hohnlachen begegneten, haben sich bekanntlich unsterblich blamiert.

Abb. 2 Der Privatgelehrte Heinrich Schliemann (1822-1890). Leo Frobenius wa einer der Ersten, die Schliemann und dessen fruchtbare Suche nach Troja gegen die schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts weit verbreitete 'Atlantis-Skepsis' ins Feld führten.

Den Bericht über das alte Atlantis und die Atlanten, der von jeher als der wichtigste galt, den Bericht Solons hat Plato in seinem "Kritias" verwendet. [...] [1] Dieser Bericht oder vielmehr das von ihm erhaltene Fragment ist nicht der einzige, der über das alte Atlantis uns hinterlieben ist. Sowohl Herodot als besonders der Sizilianer Diodor haben sich über die Atlanten oder Atalanten oder Ataranten, die Nachkommen des Atlas, ausgesprochen, und beide Darstellungen stimmen in dem einen Punkte überein, daß diese Menschen auf dem Festlande der Libyer, also in Nordafrika säßen. Aber in einer anderen Hinsicht widersprechen sich beide. Herodot, der sie die einzigeen "Namenlosen" unter den Menschen nennt (siehe auch Heinrich Barths Sprachwerk, Eingangsworte zum Kapitel Haussa), schildert sie als verhältnismäßig recht niedere Geschöpfe, über die etwas wesentliches nicht zu sagen ist, wogegen Diodor die Atlantäer ausdrücklich als die kulturreichsten unter allen Menschen darstellt.

Diese scheinbar unüberbrückbaren Gegensätze - hier Inselbewohner, dort afrikanische Festlandinsassen - hier Kulturarmut, dort äußerste Kulturhöhe - sind leicht zu erklären. Wir brauchen uns nur zu vergegenwärtigen, daß Herodot seine Kunde auf dem Landwege, durch die Wüste, erhielt, daß er ausdrücklich von den wüstenbewohnenden südöstlichen Ataranten berichtet, während Solon und Diodor von den küstenbewohnenden, den dem Atlantischen Ozean zunächst benachbarten Stämmen sprechen. Die Atlanten waren vor allem ein schiffahrendes Volk, und dadurch erklärt sich der Irrtum in der Solonischen Überlieferung. Wohl war eine ihrer Hochburgen "draußen" vor den Säulen des Herakles, nur erreichbar auf Schiffsplanken nach der Fahrt durch die Enge von Gibraltar, aber die Insel, "die größer war als Asien und Afrika (Libyen) zusammen", war nichts anderes als Nordwestafrika, dessen Zughörigkeit zu diesem Erdteil nur noch nicht erkannt wurde.

Mit dieser Tatsache kann man verschiedene andere Angaben und Fehlerquellen erklären und richtigstellen. Solon will seine Angaben von altägyptischen Priestern erhalten haben. Das ist wenig wahrscheinlich. Man darf nicht ergessen, daß es damals schon sehr Mode war, die von ägyptischer Weisheit abstammenden Angaben als besonders "alt" und "wichtig" zu erachten. Somit mag man Traditionen dadurch als wertvoller hingestellt haben, daß man sie als ägyptisch ausgab, so wie bei uns vor noch nicht langer Zeit ein Rotwein erst dann höher eingeschätzt wurde, wenn er die Aufschrift "Bordeaux" trug. Diejenigen, die in den älteren Zeiten Nachrichten aus dem westlichen Teile des Mittelmeeres nach Osten mitbrachten, waren nicht die Ägypter und auch nicht die Griechen, sondern die Phönizier, die ihrerseits jede Kunde als Geschäftsgeheimnis mit Vorbedacht vor den nachrückenden Griechen verheimlichten. Und ein Geschäftsgeheimnis verband die Kultur des alten Atlantis mit der des westlichen Mittelmeeres. Solon verrät es da, wo er von den Produkten des alten Atlantis spricht und sagt: "besonders eine Art Messing, jetzt nur noch dem Namen nach bekannt, damals aber mehr wie dies, das man an vielen Stellen der Insel (will sagen: des Landes) förderte, und das die damaligen Menschen nächst dem Golde am höchsten schätzten."

Abb. 3 Transkription der Original-Bildunterschrift: Die Bronzekunst der alten Atlantis und ihre Verwandtschaft; gebogene Schwertgriffe aus der europäischen Bronzezeit (1-3) und vom Benue in Innerafrika (4-6), sowie ein letzter Ausläufer vom Kongo Kwango (7). Nach Sammlungsmaterial.

Es ist nicht meine Absicht, in diesem Kapitel all die vielen und eigenartigen Einzelheiten, die diese Berichte der Alten bergen, zu besprechen. Die vorliegende Angabe ist aber einer der Angelpunkte, an denen die Tür des Verständnisses für diese Dinge und Verhältnisse hängt. Messing und Bronze, die Erzeugnisse des Gelbgusses, wurden in jenen älteren Zeiten so hoch bewertet, sie spielten in ihren Kulturschätzen eine so hervorragende Rolle, daß sie unserer Kenntnis und Kritik der ganzen Zeit den Namen aufdrängten, den wir sprechen vonn der damaligen als von der "Bronzeperiode".

Wir wissen, daß zu den Ländern, in denen die für den Bronzeguß benötigten Erze gewonnen wurden, ganze Völkerwanderungen unternommen wurden. In Ostafrika drangen die alten Erythräer bis nach Katanga vor (siehe Petermanns geographische Mitteilungen, Heft 166), und hier in Nordwestafrika, im Inlande der Spanien gegenüber gelegenen Länder, hat der Kupferhandel noch bis in die arabische Zeit hineingereicht. Bronze repräsentiert als Schmuck den Reichtum und als Waffe die Kraft jener älteren Kulturen von Nordeuropa bis zur Sahara hinab. Nach der Bronze trachteten die alten Phönizier, als sie die Säulen des Herakles durchfuhren; und als ihnen in jener alten Stadt des Poseidon die rotgelben Metallwände im Sonnenschein entgegenblinkten, da mag ihr Kaufmannsherz vor Freude gezittert haben.


Fortsetzung:


Anmerkungen und Quellen

Dieser Beitrag ist eine Transkription des 1. Kapitels ("Über die Bedeutung: >Atlantis<", S. 1-14) aus dem Buch "Auf dem Wege nach Atlantis - Bericht über den Verlauf der zweiten Reise-Periode der D.i.a.f.e. in den Jahren 1908 bis 1910" von Leo Frobenius; erschienen 1911 in Berlin (Vita Deutsches Verlagshaus); nach der digitalisierten Fassung bei Archive.org

Fußnote:

  1. Red. Anmerkung: Hier folgt im Originaltext (S. 3-9) eine auszugsweise Wiedergabe der Übersetzung der die Atlantis betreffenden Passagen aus dem Dialog Kritias von Otto Rieser (Verlag von Eugen Diederichs, Jena 1909). Diesen Abschnitt des Kapitels haben wir aus nachvollziehbaren Gründen ausgelassen.

Bild-Quellen:

1) Leo Frobenius, op. cit. (1911), o. S.
2) Marcus Cyron bei Wikimedia Commons, unter: File:Heinrich Schliemann - Imagines philologorum.jpg
3) Leo Frobenius, op. cit. (1911), S. 14