Das Holozän – Ein unruhiger Abschnitt der Erdgeschichte

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von Ferdinand Speidel

Abb. 1 J.B. Delair (links) sammelte Indizien und Evidenzen aus der wissenschaftlichen Literatur, die für katastrophische Umwälzungen während des Holozäns sprechen.

Im Jahr 1997 veröffentlichte der britische Geologe und Anthropologe J. Bernard Delair von der Universität Southampton in der Zeitschrift SIS (Society of Interdisciplinary Studies), später umbenannt in "Chronology and Catastrophism Review", unter dem Titel „Planet in Crisis“ einen Artikel [1], in dem er geologische sowie topographische Veränderungen auf der Erde von unvorstellbarem Ausmaß beschrieb.

Er stützte sich dabei auf die Erkenntnisse, die von rund 75 Wissenschaftlern in den davor vergangenen Jahrzehnten rund um die Welt gesammelt worden waren. Es ist sein Verdienst, diese Informationen systematisch zusammengetragen und damit den Nachweis erbracht zu haben, dass das Holozän nicht nur mit einer globalen Katastrophe begann, sondern in der Folge weitere regionale und überregionale Katastrophen erlebte, die nicht nur die Erde, sondern auch ihre Lebewesen tiefgreifend veränderten. Bereits 1995 hatte Delair zusammen mit D. S. Allan das Epoche machende Buch „Cataclysm! Compelling Evidence of a Cosmic Catastrophe in 9500 BC“ herausgegeben.

Delair weist in „Planet in Crisis“ einleitend auf die Kürze des Holozän-Zeitalters mit seinen 11500 Jahren hin, dessen Datierung durch Erkenntnisse verschiedenster Disziplinen bestätigt ist. In dieser kurzen Periode geschah jedoch eine Reihe von Umwelt- und Klimaveränderungen in schneller Folge.

Abb. 2 Die Nordsee entstand in ihrem heutigen Umfang erst vor wenigen Jahrtausenden. Zuvor erstreckte sich dort noch das so genannte Doggerland.

Hervorstechend aus diesen Veränderungen waren global ansteigende Meeresspiegel, oszillierende Wasserflächen, fluktuierende Gletscher und Schneelinien, wiederkehrende vulkanische und seismische Aktivitäten und Zyklen der Wüstenbildung. Sie alle waren das Ergebnis akuter klimatischer Veränderungen – einschließlich Monsun-Verlagerungen – mit starken Auswirkungen auf Pflanzen- und Tierleben und auch auf menschliche Aktivitäten. Vielen dieser Veränderungen wurde ein hohes Alter zugeschrieben, aber moderne Nachforschungen belegen eher das Gegenteil: Mit wenigen Ausnahmen bewiesen sich diese Auswirkungen als bemerkenswert jung und alles andere als permanent.

Besonders herausragende Beispiele sind die Nordsee (Abb. 2), die Sahara und die arabische Wüste, der Grund des Persischen Golfes, das indonesische Archipel, die Großen Seen Nordamerikas und der Amazonas-Dschungel. In ihrer derzeitigen Erscheinung ist keines dieser „permanenten“ geografischen Merkmale älter als das Holozän.

Die Nordsee resultiert aus einem progressiven Absinken ihres Gebietes und erreichte ihre jetzige Konfiguration erst um 6.500 v.Chr. Davor konnte sich der Mensch trockenen Fußes von Britannien nach Deutschland bewegen, die Insel Man war mit Britannien verbunden.

Ein Netzwerk von Flussläufen auf dem Meeresboden zwischen Sumatra, Java, Borneo und anderen indonesischen Inseln, von denen viele die versunkenen Verlängerungen auch heute noch aktiver Flüsse dieser Inseln sind, bezeugen durch versunkene Torfmoore und Baumstümpfe die geologisch extrem junge Absenkung der Küstenzone und die Überflutung riesiger Gebiete Südostasiens um etwa 8.000 v.Chr.

Abb. 3 Dort, wo sich heute das indonesische Archipel befindet, ertreckte sich während der jüngsten Eiszeit noch ein gewaltiger, als Sundaland bezeichneter, Subkontinent Südostasiens. Die heutige Insel Sri Lanka war damals noch Teil des indischen Festlands.

Zeitgleiche analoge Effekte trennten Australien von Neuguinea, während das etwas frühere Absinken des jetzt versunkenen Gebietes zwischen dem östlichen Neuguinea und Melanesien (Bismarck-Archipel und die Salomonen) und weiter nordwärts zum benachbarten Mikronesien (hauptsächlich durch die Karolinen dargestellt) Teil derselben Geschichte ist.

Deutliche Veränderungen des Meeresspiegels begleiteten diese Entwicklungen in Französisch-Polynesien und im Osten bis zu den Gesellschafts- und Tuamotu-Inseln. Das Verschwinden von so großen zusammenhängenden Landgebieten – zusammengenommen fast die Größe Australiens – stellt einen Landverlust von kontinentaler Größe dar.

Ähnliche Veränderungen erlebte Sri Lanka (Ceylon) durch die Trennung von Indien vor etwa 9.000 Jahren und, möglicherweise etwas früher, das Versinken von Land, das jetzt vom Persischen Golf bedeckt ist, und auch die Atlantikküste der maritimen Provinzen Kanadas.

Im geologischen Sinne sind die Begriffe „Holozän“ und „Postglazial“ austauschbar. Es ist wichtig zu erkennen, dass mehr oder weniger zeitgleich mit den zuvor genannten Absenkungen „postglaziale“ Anhebungen der Lithosphäre in Nordamerika, Skandinavien – einschließlich des Bottnischen Meerbusens – und dem nördlichen Estland, um nur diese Beispiele zu nennen, geschahen.

Abb. 4 Ein Trümmerfeld aus megalithischen, geschnittenen und sauber bearbeiteten Blöcken, das Mitte des 20. Jahrhunderts unterhalb seines heutigen Ostufers im Titicacasee entdeckt wurde.

Von diesen war die skandinavische Anhebung besonders ruckweise und offenbar sehr abrupt, denn riesige Gebiete der Erdkruste mit großen Seen wurden, besonders in Norwegen und Schweden en bloc angehoben. Die Seen wurden, ansonsten unbehelligt, mit unterschiedlich geneigten Küstenlinien in ihre heutige Position gebracht. Die genaue Position der früheren Küstenlinien ist an den anliegenden Hügeln deutlich sichtbar. Einige Jahrtausende später wurden auch viele der großen Alpenseen geneigt.

Noch weiter im Süden, im Hochland von Peru und Bolivien, sind geneigte Strandlinien von außerordentlich jungem Alter an den Flanken der Anden von einem früher viel größeren und tieferen Titicacasee zurückgeblieben. Der Wasserspiegel des Titicacasees fluktuierte während der letzten 7.500 Jahre mehrfach ganz erheblich, und auch heute noch bedeckt er die eindrucksvollen Ruinen von zyklopischen Steinstrukturen (Abb. 4), die von einer alten, jetzt vergessenen Zivilisation errichtet wurden.

Bei den tektonischen Bewegungen dieser Stärke ist es kaum überraschend, dass der einzige Auslauf des Michigansees bis vor etwa 10.000 Jahren der Mississippi war. Nach dem vorübergehenden Zusammenfluss des Wassers der Großen Seen vor etwa 8.000 Jahren, als sie den Supersee Algonquin (Abb. 5) bildeten, war der Ausfluss des Michigansees der heute nicht mehr bestehende Kanal, der als „Ottawa-Outlet“ bekannt ist. Es dauerte noch 4.000 Jahre bis die Großen Seen begannen, ihre heutige Form anzunehmen, und das Wasser des Michigansees erreichte das Meer auf seinem heutigen Weg über Huronensee, Eriesee, Ottawa, Niagarafälle und den St. Lorenz. Die Niagarafälle sind – nebenbei bemerkt – wenig mehr als 5.000 Jahre alt.

Diese tektonischen Veränderungen beeinflussten die lokalen Hydrographien. Die Neigung der Alpen leiteten die ursprünglichen Läufe der tirolischen Flüsse um, formten die Wasserfälle von Jajce in Bosnien und veränderten Wasserflächen an vielen Orten.

Abb. 5 Eine Darstellung des postglazialen nordamerikanischn 'Algonkin-Supersees' aus dem Jahr 1915

Betroffen war auch das Tal des Kafue in Sambia und auch die nicht mehr existenten Wasserwege englischer Moore, und nicht zuletzt Veränderungen des Laufs des mächtigen Gelben Flusses in China, der mancherorts um fast 100 Meilen von seinem früheren Bett abweicht.

Diese hydrologischen Veränderungen hatten beträchtliche Auswirkungen. In vielen Fällen verschwanden ganze, oft ausgedehnte Seen- und Flusssysteme, wie im Binnenland von Australien, im afrikanischen Namibia, der Kalahari, Syrien, Arabien und fast in der gesamten Sahara.

Die immense Größe einiger dieser Netzwerke wurde 1981 durch den Boden durchdringende Radaraufnahmen von der Raumfähre Columbia entdeckt, mehrere davon begraben unter den vertrockneten Oberflächen im südlichen Libyen und im westlichen Ägypten. Ähnliche vergangene Systeme wurden schon früher in der westlichen Sahara gefunden, im zentralen Teil der Wüste geschah das schon in den 1920ern.

Andernorts, wie bei noch existenten Flüssen wie dem Nil, schrumpften die Zuflüsse, veränderten ihre Fließrichtung oder hörten auf, frühere Hauptflüsse zu speisen. Seen, groß wie der riesige Süßwassersee im Fayum in Ägypten, verschwanden erst zum Ende des Neolithikums. Unfossilierte Reste von modernen Tieren und Pflanzen, die sich in den Betten dieser ausgelöschten Seen und Flüssen ansammelten, legen auch das organische Leben dieser verlorenen hydraulischen Systeme offen. Sie zeigen, dass vor einer geologisch kurzen Zeit in unserer Epoche, dem Holozän, weite Gebiete dieser heutigen Wüstenregionen eine blühende Fauna und Flora beherbergten. Noch bis zu 4.000 v.Chr. gab es in jetzt dehydrierten Gebieten des Sudans blühende Wälder; der nubische Teil erlebte seit 3500 v.Chr. keinen anhaltenden Regenfall mehr.

Abb. 6 Der altertümliche Mauerrest oberhalb eines tief eingeschnittenen, seit Jahrtausenden staubtrockenen Wadis am Rande von Dura Europos am mittleren Euphrat. Als diese Anlage errichtet und genutzt wurde, war diese Gegend offenbar noch keine Wüste.

Zu neolithischer Zeit, im mittleren Holozän, waren die Hügel am Roten Meer stark bewaldet und von Flüssen durchzogen, die heute fast alle vertrocknet sind. Einige prädynastische, ägyptische Kulturen machten sich diese Bedingungen zunutze. Wie wir heute wissen, datieren die Wüstenbedingungen der Sahara auf erstaunlich junge 5.000 Jahre. Der Prozess der Wüstenbildung entwickelte sich verschieden, denn wenige Eichen und Zedern, die vormals viele Gebiete der Sahara beherrschten, konnten in kleinen, isolierten Gebieten überleben, z.B. im Süden vonEl Daba in der Qattara-Senke von Ägypten bis etwa 500 v.Chr.

Das gleiche Bild ergibt sich weiter östlich in Arabien, wo Mitte des Holozäns verschwundene, zivilisierte Völker die einst aktiven Fluss- und Seennetzwerke des heute „Leeres Viertel“ genannten Teils der Halbinsel nutzten.

Diese Entwicklungen waren fraglos mit einer nördlichen Verlagerung des früheren Monsungürtels um 5000 v.Chr. nach Asien verbunden, bevor er um 3500 v.Chr. zu seiner heutigen Breite zurückkehrte. Die Sensitivität des Monsunsystems hinsichtlich Orbitveränderungen ist von besonderem Interesse; die Geschwindigkeit der Erdrotation ist variabel und der Orbit ist exzentrisch, diese Faktoren sind untrennbar verbunden.

Abb. 7 Der tropische Regenwald Amazoniens (hier eine Satelliten-Aufnahme) existert in seinem heutigen enormen Umfang auch erst seit wenigen Jahrtausenden.

Während die umfangreiche Wüstenbildung des frühen Holozäns die Vegetation der Alten Welt erheblich beeinflusste, geschahen in der Neuen Welt ganz verschiedene Entwicklungen.

Der größte Regenwald der Erde (Abb. 7) füllt das südamerikanische Amazonas-Becken. Moderne Studien von fossilen Pollen belegen dort, dass große Gebiete des Waldes bis in sehr junger Zeit von typischer Savannenflora bedeckt waren. [2] Die Ähnlichkeit der Pflanzen in immer noch existenten, aber weit auseinander liegenden Savannengebieten lassen den Schluss zu, dass sie früher zusammenhängend waren. Diese Schlussfolgerung wird auch von anderen Fachrichtungen bestätigt: Ornithologen, die die Vogelpopulation untersuchten, Herpetologen, bei der Evolution von Echsen, ebenso durch archäo-ethnologische Studien in der Region.

Diese Veränderungen schienen in verschiedenen Stadien eingetreten zu sein. Radiokarbondatierungen von großen Mengen subfossiler Hölzer aus Schichten unter dem heutigen Regenwald, die in weit auseinanderliegenden Örtlichkeiten untersucht wurden, zeigen, dass drei verschiedene, plötzliche Veränderungen mit gewaltigen zerstörerischen Flutungen [3] geschahen, völlig anders als die heutigen saisonalen Flutungen. Die Zeitpunkte lagen bei 8000 v.Cjr., 5200 v.Chr. und 3600 v.Chr. Vor diesen Zeiten existierte der brasilianische Regenwald, der sich bis ins Tiefland Venezuelas, Kolumbiens, Perus und Bolivien ausdehnt, nicht.

Diese Momentaufnahme des Holozäns zeigt die bemerkenswerte geologische Modernität vieler der bekanntesten natürlichen Merkmale der heutigen Welt.

Der Bericht Delairs ist ein gutes Beispiel dafür, wie viele Erkenntnisse bereits seit langer Zeit vorliegen, die unser Geschichtsbild verändern könnten. In den meisten Fällen werden sie jedoch nicht, so wie Delair es hier vorbildlich getan, zu einem Gesamtbild zusammengeführt, was im Endeffekt dazu beiträgt, dass das alte Paradigma immer noch Bestand hat.


Anmerkungen und Quellen

Dieser Beitrag von Ferdinand Speidel (©) wurde von ihm im September 2015 für Atlantisforschung.de verfasst.

Fußnoten:

  1. Siehe dazu bei Atlantisforschung.de auch: Ferdinand Speidel, "Die Neigung der Erdachse: ein Ergebnis des Kataklysmus vor 11.500 Jahren?
  2. Siehe dazu bei Atlantisforschung.de auch: "Das Rätsel der alten Erdwerke Amazoniens - Neue Studie zeigt: Altertümliche Strukturen existierten bereits, bevor der Regenwald entstand" (red)
  3. Siehe dazu bei Atlantisforschung.de auch: Dr. Horst Friedrich, "Tepumerene und Pedra Pintada" (1996)

Bild-Quellen:

1) Links: Inner Traditions - Bear & Company, unter: J. B. Delair; rechts: Bogomolov.PL ) bei Wikimedia Commons, unter: File:John Martin - Sodom and Gomorrah.jpg (Bild-Bearbeitung durch Atlantisforschung.de)
2) Max Naylor (Urheber) bei Wikimedia Commons, unter: File:Doggerland.svg (Lizenz: GFDL)
3) Gordon, "The Inevitable Atlantis One: Whisky Rant (Part 8)", 13. März 2012, bei Rune Soup
4) Federico Kirbus, "Enigmas, Misterios y Secretos De America: Tiahuanaco, las líneas de Nazca, Vilcabamba, el mapa de Piri Reis", Argentinien 1978; nach: David Hatcher Childress, "Lost cities & ancient mysteries of South America", Stelle/Illinois (Adventures Unlimited Press) 1986, S. 209
5) Frank Leverett (Urheber) / Chris Light bei Wikimedia Commons, unter: File:Plate 21 - Glacial Lake Algonquin and its Correlatives (USGS 1915).JPG
6) Heretiq bei Wikimedia Commons, unter: File:DuraEuropos-WadiSouth.jpg
7) NASA / Rex, bei Wikimedia Commons, unter: File:Amazon 57.53278W 2.71207S.jpg