Der versunkene Kontinent Atlantis

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von Garrett P. Serviss (1913)

Abb. 1 Der US-amerikanische Astronom, Science Fiction-Autor und Wissenschafts-Journalist Garrett Putnam Serviss (1851–1929) publizierte diesen Artikel am 5. Nov. 1913 in seiner Kolumne im San Francisco Call.

Männer der Wissenschaft diskutieren wieder die Frage, ob Platos Erzählung von seinem Verschwinden ein Traum war, oder die verblassende Erinnerung an eine unerhörte Tatsache.

Der verschollene Kontinent Atlantis, dessen außerordentliche Geschichte, so wie sie von dem griechischen Philosophen Plato erzählt wurde, zugleich einen faszinierenden Roman und das größte der geographischen Mysterien darstellt, ist wieder zum Gegenstand gelehrsamer Diskussionen geworden. Gab es inmitten des Atlantischen Ozeans vormals einen Kontinent, oder nicht? Wenn er plötzlich unter die Wellen sank, mit all seinen prächtigen Städten, wie die von Plato gesammelten Überlieferungen besagen, können heute irgendwelche Spuren von ihm auf dem Meeresgrund gefunden werden? Ist es im Lichte moderner Wissenschaft möglich einzuräumen, dass sich eine Katastrophe von solch beispiellosem Ausmaß wie das Verschlingen eines ganzen Kontinents ereignen konnte?

Dies sind einige der Fragen, welche durch die Untersuchungen zu diesem Gegenstand wiedererweckt wurden, die Herr L. Germain unlängst in den Annales de Géographie veröffentlicht hat. Der Weg zur Lösung des Rätsels, den Herr Germain verfolgt, ist jener, der sich aus der Existenz der Inselgruppen der Kanaren, Madeiras, Kapverden und der Azoren ergibt. Diese Inseln (Abb. 2) liegen im Tiefwasser nahe dem Ort, wo Atlantis laut Plato existierte. Obwohl sie weitgehend voneinander getrennt sind, besitzen sie Pflanzen und Tiere derselben Spezies, und diese Spezies sind jenen ähnlich, die im südwestlichen Europa und in Nordafrika gefunden werden, aber völlig unterschiedlich zu jenen in Zentralafrika.

Das Sprungbrett zwischen Alter und Neuer Welt

Abb. 2 Die makaronesischen Inseln (Azoren, Madeiras, Kapverden und Kanaren)

Dieses Faktum wird als Hinweis darauf betrachtet, dass die betreffenden Inseln einst Teile eines zusammenhängenden Kontinents bildeten, der entweder mit dem südlichen Europa oder Nordafrika durch eine Landbrücke verbunden war, oder so nahe bei ihnen lag, dass Tiere und Pflanzen leicht den dazwischen liegenden schmalen Meeresstreifen überwinden konnten.

Zudem leben auf diesen Inseln Spezies von Pflanzen und Tieren, die einst, aber nicht mehr heute, in Europa existierten, wo ihre Überreste in den Ablagerungen des Tertiärs zu finden sind. Die Erklärung scheint zu sein, dass diese Pflanzen und Tiere während des Tertiärs gleichzeitig in Europa und auf dem Kontinent Atlantis lebten, seither aber in Europa ausstarben, wenngleich sie weiterhin auf den Inseln existierten, welche die einzigen sichtbaren Überreste von Atlantis sind.

Es gibt aber noch ein anderes kurioses Faktum, das Berücksichtigung finden muss. Die lebenden Spezies, welche diese mysteriösen Inseln bewohnen, ähneln nicht nur jenen des südlichen Europa und nördlichen Afrika, sondern auch jenen der Westindischen Inseln und Mittelamerikas. Dies legt nahe, dass sich der Kontinent Atlantis vollständig über den Ozean erstreckte und im Westen mit Amerika verbunden war.

Abb. 3 Jules Vernes fiktives U-Boot Nautilus nahm u.a. auch die moderne Unterwasser-Archäologie vorweg und entdeckte - zumindest in Vernes Roman - die Überreste von Atlantis.

Atlantis war somit ebenso eng mit der Neuen Welt wie mit der Alten verbunden und bildete ein Mittel zur Kommunikation zwischen ihnen. Dies ist vielleicht die Erklärung für die bemerkenswerten Gemeinsamkeiten in Kunst und Ideengut der verschwundenen Völker, welche die zerstörten Städte Mittelamerikas erbauten, mit jenen der altertümlichen Bewohner der Küsten des Mittelmeers und des Landes am Nil. Atlantis war eine Art gemeinsamer Boden oder Treffpunkt für die Vorgänger dieser diversen Völker. Die Wissenschaft der Geologie verbietet es uns nicht zu denken, dass ein Kontinent versinken kann.

Eine beispiellose Katastrophe setzte allem Leben ein Ende

Im Verlauf der geologischen Zeitalter hat es viele Auf- und Abwärtsbewegungen der Erdkruste gegeben, und eine der größten Autoritäten der Gegenwart, der deutsche [1] Professor Suess, hat im Vorfeld erklärt, dass er keinen Grund dafür sieht, warum Teile des Ozeans, oder auch des trockenen Landes nicht schon morgen absinken sollten, um neue Tiefen zu bilden. Suess meint sogar, dass Grönland einer der Überreste eines alten Kontinents sein könne, welcher einst einen großen Teil des atlantischen Beckens einnahm, und welcher nichts anderes gewesen sein könne als das sagenhafte Land Atlantis, von dem Echos seiner entschwundenen Glorie noch zu Platos Zeiten in der menschlichen Überlieferung nachklangen.

Diese Dinge tragen den phantasiebegabten Geist hinab in die Tiefen der See und rufen Bilder der Wunderdinge wach, die zu entdecken wären, könnte man den Ozean austrocknen, oder wenn ein Mittel gefunden würde, seine Tiefen mit Unterseebooten zu erkunden, die genauso perfekt sind wie jenes, das Jules Vernes Kapitän Nemo konstruierte. (Abb. 3) Sie beschwören auch eine schreckliche Vision der beispiellosen Katastrophe herauf, die dem Leben auf einem ganzen Kontinent ein Ende setzte.

Nicht nur prunkvolle Stadte, riesige kultivierte Ländereien, Wälder, Straßen, Felder, Gärten, Dörfer, sondern ganze Hügel, Täler und Bergketten wurden bei dem universellen Einbruch des alles überschüttenden Wassers verschlungen. Umso großartiger Platos Bericht über die Zivilisation der Bewohner von Atlantis, desto schrecklicher erscheint jener Dies irae, "Tag des Zorns", als sie den festen Boden unter ihren Füßen sich auflösen fühlten, und als die ganze Erde zu versinken schien! Hinab in eine bodenlose Grube, bis der schäumende und tosende Ozean sich über allem schloss.

Es könnte der ursprüngliche Bericht über die Sintflut sein

Möglicherweise ist hier das Original jener wieder und wieder bei allen Völkern und zu allen Zeiten aufgekommenen Überlieferung von einer kataklysmischen Sintflut zu finden, welche die Söhne und Männer en gros vernichtete, die blindlings den Herrscher des Universums beleidigt hatten. Und wie könnten wir in diesem Fall jene Inseln, die man heute für die herausragenden Stellen des unter Wasser liegenden Atlantis hält, anders betrachten als die Ararats jenes verdammten Landes?


Anmerkungen und Quellen

Dieser Artikel von Garrett P. Serviss wurde in der englischsprachigen Originalfassung mit dem Titel "Sunken Continent Atlantis" am 5. Nov. 1913 in der Zeitung The San Francisco Call veröffentlicht. Bei Atlantisforschung.de erscheint er in eigener Übersetzung ins Deutsche nach CHRONICLING AMERICA - Historic American Newspapers, unter The San Francisco call., November 05, 1913, Image 10 als atlantologie-historische Dokumentation.

Fußnote:

  1. Red. Anmerkung: Eduard Suess (1831-1914) war Österreicher.

Bild-Quellen:

1) Ineuw bei Wikimedia Commons, unter: File:Garrett Putnam Serviss.png (Bild-Bearbeitung durch Atlantisforschung.de)
2) ArnoldPlaton (own work), bei Wikimedia Commons, unter: File:Macaronesia location.svg
3) Amandajm bei Wikimedia Commons, unter: File:Nautilus Neuville.JPG